25.01.1988

Waldheim - „die Schlinge zieht sich zu“

Österreich geht schweren Wochen entgegen: Im Februar wird eine Historiker-Kommission ihren Bericht über die Kriegsvergangenheit des Bundespräsidenten Kurt Waldheim vorlegen. Im März steht der 50. Jahrestag des Anschlusses an Hitler-Deutschland bevor. Österreichs und Waldheims Lebenslügen bescheren der Alpenrepublik ein traumatisches Doppelereignis: Die Nazi-Vergangenheit läßt sich nicht mehr verdrängen.
Hat es denn so was schon irgendwo und irgendwann einmal gegeben? Seriöse Fernsehstationen in England und den USA machen dem gewählten Staatsoberhaupt eines demokratischen Landes den Schauprozeß vor einem Millionenpublikum. Erklärtes Ziel des für Juni geplanten vierstündigen TV-Tribunals, in dem prominente Juristen beider Staaten Ankläger und Verteidiger spielen werden: herauszufinden, ob der Präsident Kriegsverbrechen begangen hat.
Aber die Fernsehszene wird von der politischen Realität längst eingeholt. Eine internationale Historiker-Kommission wühlt, von der Regierung des betroffenen Landes beauftragt und besoldet, seit Monaten in der Vergangenheit dieses Staatsoberhaupts. Ihr Bericht, im Februar erwartet, wird, soviel scheint schon festzustehen, den Präsidenten zumindest als verstockten Lügner überführen.
Mit dem stets peinlich aufs Dekorum bedachten Staatsmann treibt man längst makabre Scherze. Einer Dorfgemeinde im niederösterreichischen Weinviertel wird der Besuch des Präsidenten angekündigt. Der Ort putzt sich heraus, doch was kommt, ist nur ein von Illustrierten-Journalisten kostümierter Doppelgänger.
Wenn ein Kabarettist anruft und sich als Ministerpräsident des benachbarten Freistaats ausgibt, wird der falsche Franz Josef Strauß prompt verbunden und muß sich tatsächlich die Leidensgeschichte des Staatsoberhaupts anhören, das sich von einer "Campäin" verfolgt fühlt.
Von einem öffentlichen Telegraphenamt aus meldet ein Witzbold per Telex die Gründung eines Komitees zur Wiederwahl des Verfemten - für den sich in Wahrheit längst kein Komitee mehr stark macht. Aber: Er selber hat, scheinbar unberührt gegenüber dem Abgrund rundum, schon laut darüber nachgedacht, ob er nicht ein weiteres Mal Präsident werden sollte.
Österreich trägt ein schweres Kreuz mit seinem zum nationalen Trauma gewordenen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, 69. Sein penetrantes "Ich bin unschuldig" wurde von Zeitungen in aller Welt zum Spruch des Jahres 1987 gekürt.
Die Österreicher müssen sich aber gerade in diesen Wochen, da es von allen Seiten knüppeldick auf ihr Staatsoberhaupt niederprasselt, auch noch mit ihrer so lange erfolgreich verdrängten Vergangenheit auseinandersetzen - der Jahrestag des Anschlusses ans Hitler-Reich jährt sich am 13. März zum 50. Mal.
In den Augen der Welt personifiziert sich Österreichs Lebenslüge vom unschuldigen ersten Opfer Hitlers längst in jener seines Staatsoberhaupts. Der will als Ordonnanzoffizier der Wehrmacht auf dem Balkan nichts gehört, nichts gesehen und schon gar nichts getan haben, kann sich vor allem aber an auch gar nichts mehr erinnern.
So kann denn der Jahrestag, dem sich die Alpenrepublik laut Beobachtung der "New York Times" "ängstlich und nervös" nähert, zu nichts anderem geraten als zu peinlichem Krampf.
Wochenlang rangelten Minister und Abgeordnete der großen rot-schwarzen Koalition in Wien mühselig darum, wie sie denn mit diesem vermaledeiten Datum auf höchster Staatsebene fertig werden sollen. Die Frage, ob überhaupt, wann, wie und wo Waldheim an Gedenkveranstaltungen teilnehmen soll, hat Politiker und Parteien tief gespalten.
Eine Sitzung der Bundesversammlung war im offiziellen Arbeitsplan des Parlamentskalenders für den 11. März 1988 vorgesehen. Diese höchste Instanz der Volksvertretung - National- und Bundesrat in gemeinsamer Sitzung - ist in der österreichischen Verfassung nur für so bedeutsame Anlässe wie die Vereidigung des Präsidenten oder eine Kriegserklärung vorgesehen. Traditionell spricht vor diesem Gremium das Staatsoberhaupt.
Bei dem Gedanken aber befiel jählings der "Morbus Waldheimer" (so das österreichische Magazin "Profil") die Verantwortlichen: Es gibt Demokraten in allen Parteien, denen es vor nichts mehr graust, als daß ausgerechnet der vergangenheitsbeschädigte Waldheim aus just diesem Anlaß die österreichische Vergangenheit bewältigen solle. Etliche Abgeordnete hatten bereits kundgetan, daß sie einem solchen Spektakel demonstrativ fernbleiben würden.
Also verwarf Parlamentspräsident Leopold Gratz vergangenen Freitag die geplante Gemeinschaftssitzung wieder - nun wird es eine einfache "Gedenkzeremonie" in der Empfangshalle des Parlaments geben, an der Waldheim lediglich als stummer Gast teilnehmen soll. Dafür darf er auf einem Staatsempfang reden.
Weltweiter Aufmerksamkeit jedenfalls wird jedes Ereignis aus diesem Anlaß sicher sein - mit vorhersagbarem negativen Ergebnis für Österreich.
Denn die Welt hat Waldheim satt. Es wäre den meisten Kommentatoren und Karikaturisten, die "Nazi-Kurt", wie US-Blätter ihn zu nennen pflegen, in den Demokratien seit fast zwei Jahren unbarmherzig verfolgen, wahrscheinlich mehr oder weniger egal, wer Präsident in Wien ist. Doch dieser Kurt Waldheim war vorher zehn Jahre lang Generalsekretär der Vereinten Nationen gewesen. Aber erst bei der Wahl in Wien wurde offenbar, daß der Österreicher mit einem zurechtfrisierten Lebenslauf an die Uno-Spitze gelangt war - und damit die ganze Welt getäuscht hatte.
Das ist auch der Grund, warum vergangene Woche Englands "Times" etwas tat, was sie, außer wenn ein Krieg ausbricht oder ein Mann vom Kaliber Churchills stirbt, kaum tut: Sie widmete zwei Tage hintereinander je eine volle Seite dem "Urteil über Waldheim" und "allen Geheimnissen des Präsidenten" mit der Schlußfolgerung: "Waldheim ist angeklagt, ein Glied der Kommandokette zu sein, die griechische Juden nach Auschwitz und italienische Gefangene zur Sklavenarbeit nach Deutschland schickte."
Für die "Times", die sich von einem Auftritt Waldheims zum 50. Jahrestag des Anschlusses einen "Gipfelpunkt beispielloser Ironie" erwartet, steht fest: "Die Schlinge um den Präsidenten zieht sich zu."
Aus dem gleichen Grund tat die "International Herald Tribune" vor wenigen Wochen etwas, was auch sie kaum tut: Sie druckte eine Public-Relations-Beilage über Österreich mit Repräsentations-Anzeigen aus dem Alpenland. In aller Regel wird der redaktionelle Raum zwischen solchen Inseraten mit wohlwollenden Textbeiträgen über die Vorzüge des betreffenden Landes gefüllt. Diesmal aber sah das alles ganz anders aus.
Schon auf der ersten Seite der Sonderbeilage "Austria" wurde die "Waldheim-Affäre" in vier Beiträgen angeschnitten. Österreichs Antisemitismus war ebenso Thema wie eine "nationale Neurose" seiner Bewohner, die als Alpendeppen, zu "Millionen in Lederhosen, Dirndlkleidern und Gamsbärten gekleidet", hingestellt wurden.
Österreich, das sei "mehr als Mozart und Gemütlichkeit", zitierte die weltweit verbreitete Zeitung einen Interviewpartner und ließ sich die vierseitige Österreich-Beschimpfung, die mit einem Artikel über die Pleite der österreichischen Staatsindustrie ausklang, von derselben bezahlen.
Dieses "Austria-bashing", das beinahe hemmungslose Einprügeln auf Österreich von oft wenig dazu berufenen Zeitgenossen, ist seit Waldheim zum Volkssport besonders in der angelsächsischen Welt geworden. Und, wie so oft, schlägt blinde Liebe in besonders bitteren Haß um.
Österreich hatte naiven Amis als das Land von Strauß-Walzern, Lipizzanern, Sachertorte und Handkuß gegolten, von Debütantinnenbällen und Skilehrern, unter dem weltläufigen Staatsmann Bruno Kreisky auch als politische Insel der Seligen, auf der sich Mr. President gern mit den bösen Russen traf.
In primitive Nazi-Brutalo-Serien amerikanischer TV-Stationen schrieben die Drehbuchautoren gern einen Buffo hinein, der nicht ganz so barbarisch war wie die teutonischen SS-Typen und auch unter dem Hakenkreuz Gemütlichkeit verbreitete - den jeweils österreichischen Wehrmachtsoffizier vom Dienst.
Das schlug seit Waldheim ins Gegenteil um. "Der ehemalige Oberleutnant der Wehrmacht", so brachte es die "Neue Zürcher Zeitung" auf den Punkt, "ist in einem alle Maßstäbe der Vernunft sprengenden Ausmaß zum Symbol für eine verabscheuungswürdige Epoche geworden, von der er nach wie vor bestreitet, daß er sich je mit ihr identifiziert habe."
Jetzt gerät Karikaturisten und Schreibern der jeweilige Österreicher in der Nazi-Meute zum brutalen Bösewicht. In amerikanischen Karikaturen watet Waldheim, der selbst nie Nazi war, unter den Nazis nur seine "Pflicht erfüllte", fast bis zum Kragen durch die Schädel
von NS-Opfern, wundert sich ein mit seinen NS-Kumpanen in der Hölle schmorender Hitler: "Ich hätte nie gedacht, daß an Kurt soviel dran ist!"
Die "New York Post" nennt Waldheim in fetten Schlagzeilen - was er nun wirklich nie auch nur im entferntesten gewesen ist - einen "SS-Schlächter", behauptete in Aufmachern einmal: "Nazi Waldheim raubte griechische Juden aus", dann wieder: "Waldheim soll ein roter Spion gewesen sein."
Und weil "zivilisierte Menschen die Wahl Kurt Waldheims nicht stillschweigend akzeptieren", so die "New York Times", wurde nicht nur Waldheim zum Paria der internationalen Presse, sondern gleich ganz Österreich zur "Paria-Nation". Aus dem Duo Chile und Südafrika sei "neuerdings ein Trio infernal geworden", wehklagte die Wiener "Presse".
Und das müssen tagtäglich die Österreicher kollektiv ausbaden - vom Bundeskanzler bis zu den Pauschalreisenden sind sie vor Anpöbeleien kaum noch irgendwo sicher, sobald sie nur ihren Paß herzeigen.
Wo immer der Wiener Bundeskanzler Franz Vranitzky hinfährt - und er muß viel reisen, da das von Washington auf die "watch list" gesetzte und daher praktisch mit Einreiseverbot in die USA belegte Staatsoberhaupt international weitgehend isoliert ist -, wird ihm eine häßliche Waldheim-Fratze entgegengehalten.
Bei seinem US-Besuch im vorigen Jahr fragten amerikanische Journalisten den Kanzler Vranitzky fast nur nach Waldheim. Als er im Sommer nach Stockholm kam, strahlte das schwedische Staatsfernsehen eine Dokumentation "Walzer des Vergessenwollens" aus, eine wörtlich als solche angekündigte "Korrektur des verlogenen Österreich-Bildes".
In der Werbebroschüre des aus amerikanischen Steuermitteln finanzierten "U. S. Holocaust Memorial Council" (Leiter: Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel) für die Errichtung eines "Holocaust-Museums" - ein Lieblingsprojekt auch des Präsidenten Ronald Reagan - ist zu lesen: "Zuzulassen, daß von Staats wegen geförderter Massenmord zu einer routinierten Fußnote der Geschichte wird, wie dies Österreich schon betreibt, setzt die Zukunft der Menschheit aufs Spiel." Botschafter Wolfgang Schallenberg, der die Sektion Auslandskultur im Wiener Außenministerium leitet, beklagt, daß Österreich überall "befetzt" werde, überspitzt könnte man die Vorurteile so zusammenfassen: "Die Österreicher sind grausliche Nazis, aber sie tanzen halt gut."
Künstler, Wissenschaftler, Literaten meiden Veranstaltungen in Österreich, vor allem, wenn sie damit rechnen müssen, auf Waldheim zu treffen. Der amerikanische Popstar Terence Trent d''Arby sagte am 10. November 1987 ein schon seit Wochen ausverkauftes Wien-Konzert ab. Begründung: Er könne es nicht verantworten, daß Steuergelder aus seinem Konzert in die Kasse der Regierung eines Landes flössen, das Waldheim an die Spitze der Nation gewählt habe.
Die Goldene Rose des Filmfestivals von Montreux wurde im Mai 1987 einem schwedischen Kabarettsketch mit dem Titel "Der Preis" verliehen, in dem Kurt Waldheim als Preisträger von "Amnesia International" verhöhnt wird.
Das israelische Fernsehen wählte Waldheim zum "Minusmann" des Jahres 1987, Israel hat seinen Botschafter aus Wien abberufen und nicht wieder ersetzt. "Egal wie oft ein Wurm sich windet, er bleibt ein Wurm", kommentierte der Chefredakteur von "U.S. News & World Report" das Verhalten Waldheims.
Im New Yorker Uno-Hauptquartier wurde das Porträt des ehemaligen Generalsekretärs mit einem Hakenkreuz beschmiert. Daraufhin entfernte dei Verwaltung die Porträts aller Generalsekretäre aus der Einhangshalle und will sie samt dem restaurierten Waldheim künftig in einem der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglichen Raum aufhängen.
Hakenkreuze müssen diplomatische Vertretungen Österreichs - in deren internem Sprachgebrauch die leidige Waldheim-Affäre vornehm mit "causa prima" umschrieben wird - immer öfter von ihren Wänden waschen.
"I love Austria" stand auf einem Aufkleber, den der Leiter des Österreichischen Informationsdienstes in New York, Wolfgang Petritsch, auf sein Auto gepappt hatte. Prompt wurde "Austria" durchgestrichen und "Hitler" darübergeschrieben. Petritsch, ehemaliger Pressesekretär von Bruno Kreisky, erhält Briefe mit vollem Absendernamen, in denen er zusammen mit allen österreichischen Waldheim-Wählern als "scum", Abschaum, geschmäht wird.
Es trifft nicht nur Offizielle. Johannes Mario Simmel, der vieles sein mag, aber bestimmt kein NS-Sympathisant, flog vorletztes Wochenende von New York nach Wien ab, um an der Premiere seines - antinazistischen - Theaterstücks "Der Schulfreund" teilzunehmen. Als er am New Yorker Kennedy-Flughafen seinen Paß zückte, meinte ein mitreisender amerikanischer Anwalt: "Aha, Österreicher, ein Nazi!" Simmel: "Den Mann vom Gegenteil zu überzeugen war absolut unmöglich."
Ein Wiener Pensionärsehepaar, das vom Flughafen Heathrow nach London fahren wollte, wurde vom Taxifahrer samt Koffern mitten auf der Autobahn ausgeladen, sobald es sich als Österreicher zu erkennen gegeben hatte. Ein SPIEGEL-Redakteur mit österreichischem Paß mußte sich in Dhaka, Bangladesch, von einem Paßbeamten anhören: "Ah, Austria - Waldheim, do you work for him?" Auf der abgelegenen Karibikinsel Montserrat begrüßte ein schwarzer Busfahrer Österreicher: "Ich weiß, das ist die Heimat von Waldheim und Hitler."
Viele Landsleute der internationalen Unperson Waldheim reagieren betroffen auf das Bild des "häßlichen Österreichers" ("The Washington Post"), das ihnen plötzlich in der weiten Welt vorgehalten wird. Sozialdemokratische Politiker wie der gestandene Antifaschist Josef Hindels ("Waldheim ist ein hinterhältiger Lügner"), aber auch der ehemalige Außenminister Erwin Lanc oder Innenminister Karl Blecha verlangen den Rücktritt des Präsidenten im Interesse der Republik. Aber auch die rechtsliberalen "Salzburger Nachrichten" fanden es peinlich, daß Waldheim in einer Rede über den Anschluß, die er bei einem Diplomatenempfang hielt, "die Mitverantwortung" an der österreichischen Tragödie vor 50 Jahren "der internationalen Staatengemeinschaft" betonte, weil diese Wien "gegen die Aggression einer übermächtigen Diktatur nicht beigestanden ist". Ihr Chefredakteur entwarf eine Rücktrittsrede, mit der sich Waldheim in Würde verabschieden könnte.
Doch es gibt auch immer noch einen Block von "Jetzt-erst-recht"-Strategen im Land, die genau wie der Betroffene selbst noch immer nicht begriffen haben, worum es geht, und nach wie vor "gewisse Kreise", sprich die Juden, für die "Hetze" verantwortlich machen. Außenminister und Vizekanzler Alois Mock, _(Jehuda Wallach (Israel), Manfred ) _(Messerschmidt (Bundesrepublik), ) _(Hans-Rudolf Kurz (Schweiz), Jean ) _(Vanwelkenhuyzen (Belgien). )
der Waldheim als Präsidentschaftskandidaten mit erfunden hat und "nicht daran denkt, sich der Kampagne zu beugen", koste es Österreich, was es wolle, wünschte bis zuletzt, daß Waldheim zum Anschluß-Jahrestag als Stimme Österreichs spricht.
Die Wiener "Neue Kronen-Zeitung", die hinter der Waldheim-Affäre längst einen "teuflischen Plan" ausgemacht hat, begrüßte vergangene Woche den neuen US-Botschafter in Wien, den vor den Nazis aus Österreich geflohenen ehemaligen "Time"-Chefredakteur Henry Grunwald, mit der Aufforderung, das "infame Spiel mit der Watchlist" aus der Welt zu schaffen. Emigrant Grunwald, der gerade passend zum 50. Jahrestag des Anschlusses in seine einstige Heimat zurückkehrt, will mit Waldheim ausschließlich offizielle, keine gesellschaftlichen Kontakte unterhalten.
Eine "Aktion Vorbild Österreich" fordert "Schluß mit der Hetze gegen unser demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt", zugleich auch noch, ohne die furchtbare Ironie zu merken: "Schluß mit der nutzlosen Heraufbeschwörung unseliger Vergangenheit!" Und: 1988 dürfe "kein Jahr der Österreich-Verleugnung werden".
Der "Kurier" beschwor alle Geister, "es wäre grundfalsch, die Diskussion der geschichtlichen Ereignisse von 1938 mit der Debatte um Bundespräsident Kurt Waldheim eng zu verknüpfen".
Doch alle Beschwörung ist vergeblich, die bösen Geister, Journalisten aus vielen Ländern, fallen schon in Österreich ein, um genau das zu tun. Flora Lewis von der "New York Times", zu einem Vorbericht nach Wien gekommen, stellte ihren ersten Kommentar punktgenau darauf ab - "daß der schmerzliche Jahrestag durch die Wahl Kurt Waldheims zum Präsidenten nur noch viel schwieriger gemacht wurde".
Die Koinzidenz wird nun in der Tat schrecklich: Genau in den Wochen, da Wien mit Historiker-Symposien und immer dichter aufeinanderfolgenden Gedenk-Veranstaltungen an jenen historischen März 1938 erinnert, wird die Waldheim-Historiker-Kommission ihr Verdikt über das vorlegen, was der Präsident als Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan getrieben hat, aber auch, was er entgegen seinen bisherigen Beteuerungen wissen mußte.
Sie wird belegen können, daß Waldheim Vorgänge gesehen, berichtet, kommentiert oder mit seinem "W" abgezeichnet hat, über die er bisher stets schiere Ahnungslosigkeit geheuchelt hatte ("Ich hatte mit diesen Dingen nicht zu tun"): *___Dokumente über Juden-Deportationen aus Saloniki und von ____den griechischen Inseln im September 1944; *___Geisel-Erschießungen in Jugoslawien und Griechenland; ____er kommentierte solche "Sühnemaßnahmen" eigenhändig, ____etwa in einem "Feindlageblatt Nr. 1" vom 15. November ____1943, positiv: Sie hätten zu einer "geringeren ____Aktivität der Banden" geführt. Am 25. Mai 1944 hingegen ____hatten seiner Meinung nach "die bisher für Sabotage und ____Überfälle verhängten Sühnemaßnahmen trotz ihrer Härte ____keinen nennenswerten Erfolg"; *___den Abtransport von italienischen Gefangenen in ____deutsche Arbeitslager - einen Bericht darüber zeichnete ____Waldheim am 22. September 1943 mit seiner "W"-Initiale ____ab.
Die "Times" wertet die Dokumente als "neue Beweise" dafür, daß er über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren "von Deportationen, Folterungen und Massakern" gewußt haben muß.
Alle diese Aktionen fallen unter die Definition von Kriegsverbrechen, das Wissen darüber freilich nicht. Waldheim, der im Sommer 1943 zeitweilig das offizielle Kriegstagebuch der gesamten Heeresgruppe E des Generalobersten Alexander Löhr führte, war aber nunmehr unbestreitbar bestens informierter Mitwisser dabei.
Der Schweizer Journalist Hanspeter Born kommt in seinem um strikte Objektivität bemühten Waldheim-Buch - eines von vielen, die über den Wiener Kurt schon erschienen sind oder noch erscheinen werden - zu dem Ergebnis, daß der "einflußreiche Offizier" durchaus "moralische Mitverantwortung" für die Kriegsverbrechen auf dem Balkan trage _(Hanspeter Born: "Für die Richtigkeit - ) _(Kurt Waldheim". Schneekluth-Verlag, ) _(München; 310 Seiten; 38 Mark. ) .
Born empfand "Waldheims Reaktionen auf die Enthüllungen über seine Vergangenheit als penetrant selbstgerecht" und urteilt über Waldheims schlechtes Erinnerungsvermögen so: "Die Unwahrheiten sind nicht das Ergebnis von Gedächtnislücken, sondern von überlegter Wortwahl." Vor allem aber befremdet es ihn, daß "der Weltstaatsmann keine Worte des Bedauerns oder gar der Reue findet".
So befinde sich die Republik samt ihrem Staatsoberhaupt vor dem unerbittlich herannahenden Gedenktag, den Kanzler Vranitzky schon selber zum "Prüfstein" österreichischer Vergangenheitsbewältigung erklärte, in einem "gefährlichen Zustand der Selbstblockade", wie die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert:
Ein Präsident, der nicht nur innen umstritten und außen verfemt, dazu noch ganz und gar amtsunfähig ist, weil er und seine "bunker boys" - so "Time" - sich mit nichts anderem beschäftigen als weitgehend fruchtloser Selbstverteidigung. Dabei gerät er immer tiefer in den Sumpf: Ein "Weißbuch", das seine Unschuld erhärten sollte, mißriet nach Ansicht des Jüdischen Weltkongresses zu "einer lächerlichen Anhäufung von
Halbwahrheiten und unverblümten Lügen".
Und ein Volk, das über die Bedeutung jenes Tages vor einem halben Jahrhundert nach wie vor tief zerstritten ist: Für die einen gilt er als "der rabenschwärzeste Tag in der tausendjährigen Geschichte Österreichs" (so der Grüne Ali Gronner), viele andere hätten ihn als "den schönsten Tag ihres Lebens" gesehen (so der Konservative Andreas Khol).
Schlimme Wochen für Österreich, ohne Zweifel. Und doch könnte alles auch sein Gutes haben. Ohne Waldheim hätten die Österreicher das Anschlußgedenken wohl so leichthändig weggesteckt wie andere unangenehme Gedenktage früher - etwa den des Bürgerkriegs zwischen christsozialen Klerikalfaschisten und austromarxistischen Sozialdemokraten im Februar 1934; wären sie wohl weiter bei ihrer Grundhaltung geblieben, wonach "das Aufdecken der Vergangenheit schon immer ein größeres Verbrechen war als die Untaten der Hitlerei selbst" (Zeithistoriker John Bunzl).
Ihre Lebenslüge haben ihnen die bisher fast zwei Waldheim-Jahre nachhaltig zerstört - was sich für die "Psychohygiene" der Nation ("Neue Zürcher Zeitung") noch als heilsam erweisen mag. Waldheims Tage als Staatsoberhaupt aber werden wohl gezählt sein, auch wenn der Widerstrebende, der trotzt, er sei "Präsident für die Österreicher, nicht fürs Ausland", vielleicht eines Tages buchstäblich aus der Hofburg getragen werden müßte. Der Astrologe Dr. Heinz Fidelsberger sagte eine "Katastrophe" in der Wiener Wochenzeitung "Samstag" schon im letzten Mai voraus.
Er errechnete damals aus den Sternenkonstellationen des "Schütze"-Geborenen Waldheim "für Jänner 1988 eine geradezu unmenschliche Belastung".
Jehuda Wallach (Israel), Manfred Messerschmidt (Bundesrepublik), Hans-Rudolf Kurz (Schweiz), Jean Vanwelkenhuyzen (Belgien). Hanspeter Born: "Für die Richtigkeit - Kurt Waldheim". Schneekluth-Verlag, München; 310 Seiten; 38 Mark.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 4/1988
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