25.01.1988

NIEDERLANDEGrausame Art

40 Jahre nach dem Verlust der letzten großen Kolonie in Ostindien werden die Holländer von ihrer Vergangenheit eingeholt. *
Der Historiker Lou de Jong, 73, galt jahrzehntelang als unparteiischer und unantastbarer Chronist der Nation. Seit 1955 arbeitet er im Auftrag der Regierung an einem monumentalen, zwölfbändigen Standardwerk über "Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg".
Doch jetzt hat er, mit einem kleinen Abschnitt aus dem letzten, noch unveröffentlichten Band, bösen Streit ausgelöst. Zur Debatte steht ein Kapitel der neueren Geschichte, das historisch, juristisch und politisch längst bewältigt schien - Schandtaten niederländischer Militärs in ihren ostindischen Kolonien während des indonesischen Unabhängigkeitskrieges 1947/49.
Kriegsverbrechen, schreibt de Jong, seien damals in Indonesien "in weit höherem Ausmaß begangen worden als bisher öffentlich bekannt". Zumindest ein Teil der niederländischen Soldaten habe "Morde und Massenmorde" verübt. Er hält ihnen "systematischen Terror" vor, "Folterung, Vergewaltigung, Internierung von Bürgern unter unmenschlichen Umständen, Plünderungen und Zerstörungen", dazu Hinrichtungen, "die grausam vollzogen wurden".
Während die holländische Justiz deutsche und japanische Kriegsverbrechen _(1950 bei der Ermordung von Zivilisten in ) _(Bandung. )
äußerst streng ahndete - nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 203 Deutschen und in Indonesien 1033 Japanern der Prozeß gemacht -, zeigten sich die Gerichte ihren eigenen Militärs gegenüber sehr nachsichtig: Nur 42 Soldaten wurden wegen Mordtaten verurteilt, obwohl nachweislich mindestens 6000 Indonesier Opfer brutaler Ausschreitungen wurden. De Jong: "Unsere Frau Justitia hat mit zweierlei Maß gemessen."
Die 44 Seiten über die Exzesse in Indonesien entfesselten eine erbitterte Diskussion in der Presse und im Fernsehen. Selbst de Jongs schonungslose Beschreibung der Kollaboration während der deutschen Besatzung, die mit der liebgewordenen Vorstellung aufräumte, ganz Holland habe aktiven Widerstand gegen die Nazis geleistet, war dagegen vergleichsweise milde aufgenommen worden.
Der Sturm begann, als der Historiker im November 1987 Kriegsveteranen und Militärwissenschaftlern seine Indonesien-Abhandlung vorab zuschickte und um Korrekturvorschläge bat.
Die Veteranen des Ostindien-Feldzuges fühlten sich diffamiert und machten ihrem Zorn über die angebliche Geschichtsklitterung öffentlich Luft. Mit seinen "losen Behauptungen", erklärte etwa der Militärhistoriker H.L. Zwitzer, bewirke Lou de Jong, "daß plötzlich jeder, der damals als Militär in Indonesien Dienst tat, mit einem Schandfleck behaftet ist".
Und das sind nicht wenige. Gegen die Nationalisten, deren Anführer Sukarno 1945 nach Japans Kapitulation den unabhängigen Staat Indonesien ausgerufen hatte, mobilisierte das kleine Holland das größte Expeditionsheer seiner Geschichte. Insgesamt 180 000 Mann, zumeist junge Wehrpflichtige, wurden in das Inselreich verschickt, um die holländische Vorherrschaft wiederherzustellen.
Der ehemalige "Indieganger" und Oberst außer Dienst H. Heshusius sieht in de Jongs Darstellung den Ausdruck tiefsitzender Ressentiments gegen das Militär. Der Regierungshistoriker habe nur auf "eine Gelegenheit gewartet, um unsere Armee zu beschuldigen". Heshusius rief den Erziehungsminister auf, die Veröffentlichung des brisanten Stoffs zu verhindern.
Der einstige Kommandant des militärischen Nachrichtendienstes in Jakarta, Hans Düster, reichte bei der Amsterdamer Staatsanwaltschaft gar Klage wegen Rufschädigung und Ehrverletzung ein. Die damaligen Gewalttätigkeiten müsse man im Zusammenhang mit der "Gemütsverfassung" der Soldaten verstehen. "Die meisten von uns waren junge Kerle von 19 oder 20 Jahren", so Düster. Sie hätten von den Befreiungskämpfern niedergemetzelte Männer, Frauen und Kinder vorgefunden, Brunnen voller Leichen, schrecklich zerstückelte Tote.
Noch heute empfindet es Düster "als ganz normale Sache", daß seine Suchtrupps Gegenterror ausübten - indem sie auf Bäume geflüchtete Nationalisten herunterschossen oder Gefangene einfach exekutierten, um Befreiungsversuche sinnlos zu machen. "Wir haben nicht gegen die Bevölkerung gekämpft, sondern gegen die Guerillakämpfer im Dschungel. Das waren keine Soldaten, die man wie Kriegsgefangene behandeln mußte."
Der ersten holländischen Vergeltungsaktion gegen Sukarnos Kämpfer stimmte im Juli 1947 das gesamte Parlament mit Ausnahme der Kommunisten und des linken Flügels der sozialistischen Arbeiterpartei zu. Betrieben wurde die Strafexpedtion vor allem vom niederländisch-indonesischen Unternehmerrat der Ruhe und Ordnung in der Kronkolonie wünschte, damit die vor den Japanern geflohenen Plantagenbesitzer wieder auf ihre Güter zurückkehren konnten.
Trotz Einspruchs des UN-Sicherheitsrats starteten die Niederländer im Dezember 1948 eine zweite Militäraktion. Doch der Versuch, die Kolonie zu halten, mußte scheitern: Die Amerikaner setzten Den Haag unter Druck, weil sie fürchteten, in einem lang anhaltenden Befreiugskampf würden sich am Ende die Kommunisten in Indonesien durchsetzen. Als Washington mit dem Entzug der Marshallplan-Hilfe drohte, traten die Holländer 1949 endgültig den Rückzug aus Niederländisch-Indien an.
Lange schwiegen Militärs und Historiker über dieses unfriedliche Kapitel ihrer sonst vergleichsweise fleckenlosen Geschichte. 1969 brach erstmals der ehemalige Wehrpflichtige J. E. Huiting das Tabu, ein Psychologe, der zweieinhalb Jahre in Indonesien gedient hatte. Er schilderte in einem Zeitungsinterview seine schrecklichen Kriegserlebnisse.
Mit einer offiziellen Denkschrift über die Ausschreitungen versuchte die Regierung damals, die Emotionen kleinzuhalten. Sowohl für de Jong wie auch für Huiting verschwieg diese Denkschrift aber einen Teil der Wahrheit.
In einer Fernsehdiskussion Ende vorigen Jahres erinnerte der Psychologe wieder daran, wie Gefangene bei Verhören gequält wurden: Die Soldaten folterten sie mit dem Batteriestrom der Feldtelephone, schlugen sie zusammen, hängten sie an den Füßen auf und schleuderten sie mit dem Kopf gegen den Boden.
Einer der schlimmsten Schergen war Hauptmann Raymond Westerling, der mit seiner Sondertruppe auf Westjava und Südcelebes für die "Pazifizierung" der Einheimischen sorgen sollte. Auf einer seiner Razzien ließ er im Morgengrauen die Einwohner eines Dorfes zusammentreiben; wer ihm als Terrorist verdächtig schien, wurde standrechtlich erschossen.
"Ein Kopfschuß von hinten", pries Westerling in seinen Memoiren die eigenhändig vorgenommenen und von seinem Vorgesetzten gedeckten Exekutionen, "war die schnellste und beste Methode." Als der Offizier nach der zweiten "Polizeiaktion" und 1500 Todesopfern um Entlassung aus dem Militärdienst bat, lobte ihn sein General "für seine besonderen Leistungen". Ein Gerichtsverfahren gegen ihn wurde nie eröffnet.
Wie sein Kriegskamerad Düster wollte auch Westerling gegen de Jongs Indonesien-Kapitel klagen. Doch zuvor ereilte ihn ein Herzschlag.
Die Aufregung hätte sich der Mann sparen können. Denn de Jongs Geschichtswerk, spottete die Tageszeitung "de Volkskrant", hätte ja "auch Entlastendes" über ihn gebracht: "Westerling war ein Kriegsverbrecher, aber er war in Indien nicht unser einziger."
[Grafiktext]
-VIETNAM PHILIPPINEN PAZIFISCHER OZEAN MALAYSIA Singapur CELEBES PAPUANEUGULNEA INDONESIEN SUMATRA BORNEO Jakarta JAVA Niederländische Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg AUSTRALIEN 1000 km
[GrafiktextEnde]
1950 bei der Ermordung von Zivilisten in Bandung.

DER SPIEGEL 4/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NIEDERLANDE:
Grausame Art

  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit