15.02.1988

„Die Freunde ringsum sterben“

Rosa von Praunheim über Aids in New York Rosa von Praunheim, der in den siebziger Jahren die deutsche „Schwulenbewegung“ anführte und die Gefahren von Aids frühzeitig erkannte, lebt als Filmemacher abwechselnd in Berlin und New York. Sein neuester Film „Anita“ wird diese Woche bei den Berliner Filmfestspielen aufgeführt. *
Jede Woche eine Beerdigung. Oft ist es ein naher Freund. Tausende von New Yorkern sind schon gestorben, Zehntausende sind im letzten Krankheitsstadium. 500 000 Aids-Infizierte leben in der Stadt. Latinos, Junkies, Homosexuelle. Für sterbende Underdogs bleiben nur schlechte, schmutzige Krankenhäuser oder der Tod auf der Straße.
Die meisten haben Angst davor, mit Aids konfrontiert zu werden. Aber man sieht Aids überall. Vielen ist die Krankheit ins Gesicht geschrieben. Überall in der Stadt laufen Aktionen gegen die Seuche. In New York läßt sich Aids nicht mehr verdrängen. Jeder hat im Familien- oder Bekanntenkreis mindestens einen Kranken, einen Positiven, einen Todgeweihten.
Trotzdem geht das Leben weiter. New York ist wie immer voller Energie, voller Wahnsinn - ein Leben in der Mitte des Todes. Ich liebe den "Christopher Street Book Shop". Im Hinterzimmer werden schwule Pornofilme gezeigt. Meist schaut man sie sich zu zweit an und holt sich dabei einen runter. Durch Aids bin ich zum Voyeur geworden, spähe durch die Türritzen der Kabinen oder gehe in den Keller, wo sich kräftige junge Männer gegenseitig befriedigen.
Safer Sex, was ist das? Im vorletzten Jahr traf ich einen sehr hübschen jungen Mann, der mir sagte, daß er positiv sei. Die Liebe war stärker als alle Angst. Wir benutzten Kondome. Keine tiefen Küsse, kein Oralverkehr. Einmal riß das Kondom und damit unsere Liebe. Ich bekam Angst, traute mich nicht, einen Test zu machen. Würde ich es psychisch verkraften, positiv zu sein? Würde nicht meine Panik die Krankheit herausfordern?
Der Aids-Test als Damoklesschwert. Als ich vor einigen Monaten in Genua den Griechen Adonios kennenlernte, wir uns am Meer romantisch in die Augen schauten und ich ihn nach New York einlud, verlangte er einen Test von mir. Adonios ist 25, hat gerade sein Studium abgeschlossen, will leben. Ich bin 45 und habe das meiste hinter mir. In New York machte ich einen Test, litt in der Woche vor dem Ergebnis Höllenqualen. Ich war "negativ". Adonios kam, und wir waren für drei Wochen sehr glücklich, machten trotzdem Safer Sex.
Ich nahm ihn mit zu meinen todkranken Freunden. Zu Max, der sich seit fünf Jahren mit strenger makrobiotischer Diät am Leben erhält. Zu Chris, dessen Freundin gerade gestorben ist (beide hatten gemeinsame Nadeln benutzt). Zu dem Filmemacher Arthur Bressan (der den ersten Spielfilm über Aids gedreht hat: "Buddies").
Arthur wollte unter allen Umständen einen neuen Film machen (über den Sohn eines amerikanischen Präsidenten, der Aids hat, deshalb von der CIA gejagt wird und umgebracht werden soll, bevor das bekannt wird). Er sprach begeistert von seinen Ideen, sein Geist so wach, sein Körper so schwach. Inzwischen ist auch er gestorben.
Oktober 1987 - der große Aids-Marsch in Washington. Ich marschiere mit 200 000 (Zahlen der Presse) bis 600 000 (Schätzungen der Schwulenorganisationen), um gegen die Aids-Politik von Reagan zu demonstrieren. Vorbei an einem großen Flickenteppich, zusammengesetzt und liebevoll bestickt zur Erinnerung an Tausende von Aids-Toten. Ein junger Mann am Arm einer Freundin, sein Gesicht ist mit Kaposi-Flecken übersät, steht stumm davor. Mir stürzen die Tränen raus, ich greife die Hand von Brandon, der den Namen seines Liebhabers Nathan Fein sucht.
Gerüchte gehen um, daß einige Aids-Kranke auf der Bühne öffentlich Selbstmord machen wollen, um die US-Regierung wachzurütteln, mehr Geld für Forschung und Aufklärung auszugeben. Besonders das langsame und bürokratische Testen von neuen Drogen erbost die vielen amerikanischen Aids-Kranken. Erst seit sich die Seuche auch unter Heterosexuellen ausbreitet, nimmt die Regierung die Krankheit ernster.
Mein Freund Larry Kramer kommt mit seiner militanten Gruppe "Act up". Am nächsten Tag läßt er sich mit seinen Freunden vor dem Weißen Haus festnehmen. Mit seinem Theaterstück "The Normal Heart" erregte er weltweites
Aufsehen (es wird jetzt von Barbra Streisand verfilmt).
Larry Kramer war einer der ersten in New York, der Anfang der achtziger Jahre die Krankheit ernst nahm, der fast hysterisch seine schwulen Freunde aufforderte, sofort mit dem wahllosen Rumficken aufzuhören, die Orgien-Bars und Saunas zu schließen. Man beschimpfte ihn als "schwulenfeindlich", nahm ihn lange nicht ernst. Erst jetzt, wo man ihm recht geben muß, wo sich zeigt, daß sexuelle Freiheit in so vielen Fällen tödlich endet, ist er der Held der Bewegung.
Er greift Reagan und Ed Koch, den Bürgermeister von New York, an, weil sie es jahrelang versäumt haben, genug Geld für den Kampf gegen Aids auszugeben. Er klagt sie des Mordes an, vergleicht die Zahlen der Aids-Toten mit denen des Vietnam-Krieges und mit dem Holocaust an den Juden in Deutschland. Aber auch an seinen eigenen Leuten läßt Larry Kramer kein gutes Haar. Wütend sagt er: "Ihr habt die Krankheit verdient, wenn ihr euch so passiv und masochistisch verhaltet."
Die Gruppe "Act up" hat in New York mittlerweile 800 militante Mitglieder. Sie führen symbolisch Sterbeszenen vor dem Rathaus auf, machen Aktionen vor Krankenhäusern und vor den Büros von Fluggesellschaften, die sich weigern, Aids-Patienten zu befördern.
Aids ist überall. Die Krankheit ruiniert die Theater, die Oper. die Modeindustrie. Deren kreativste Männer sind infiziert oder schon tot. Gestorben ist Antonio Lopez, 44, der die "Hot pants" entwarf. An Aids starben im letzten Jahr die besten und talentiertesten Designer und Photographen - Willi Smith, 39; Bill King, 48; Peter Hujar, 52. "Aids tötet die wichtigen Leute", schrieb das "Wall Street Journal", "die US-Modebranche wird dezimiert." Angst und Hoffnungslosigkeit gehen um. Wer will, wer kann frohe, verrückte Mode machen, wenn die Freunde ringsum sterben müssen?
Weihnachten traf ich im Central Park auf Mike aus Oregon. Er ist Professor, 40 Jahre alt, hat Frau und zwei Kinder. Erst vor einem Jahr hat er den Mut gefunden, sein Schwulsein auszuleben. Coming out in den Zeiten von Aids. Mike hat sich in Tom verliebt. Tom, streng katholisch erzogen, war lange verheiratet. In den letzten fünf Jahren hat er alles nachgeholt. Zwei seiner Liebhaber sind inzwischen an Aids gestorben. Einen Test lehnt er ab.
In seiner Freizeit schreibt Tom ein Buch. Er arbeitet sehr intensiv. Wer weiß, wieviel Zeit er noch hat? Die große Mehrheit der aktiven Schwulen ist infiziert. Auf den Partys redet man nicht darüber. Viele glauben, daß das Streß sei - und Streß, so wird argumentiert, beschleunigt die Krankheit, bringt sie überhaupt erst zum Ausbruch.
Ich bin "negativ". Aber ich weiß, daß ich mich nie hundertprozentig schützen kann. Ich weiß, daß ich immer wieder in Situationen komme, in denen die Grenzen überschritten werden. Wenn du wahnsinnig liebst, willst du auch mit dem und für den anderen sterben.
Die Selbstmordrate von Positiven und Aids-Kranken ist sehr gering. Das Argument, daß Getestete sich bei positivem Ergebnis das Leben nehmen, stimmt nicht. Im Gegenteil: Die Positiven entwickeln Stärke und Lebenswillen. Überleben ist alles. Für mich persönlich ist das eine deprimierende Perspektive. Wenn ich mich anstecken sollte, werde auch ich große Leiden erdulden müssen. Freitod, das sagt sich so leicht.
Also besser nicht zum Test? Damit man möglichst spät Bescheid weiß? Das Verhältnis der amerikanischen Schwulen zum Test ist zwiespältig, gebrochen. Viele argumentieren, daß er nicht akkurat funktioniert. Es wird gemunkelt, daß HIV gar nicht der Erreger von Aids sei. Gerüchte kursieren über das Schweinevirus. Es wird, heißt es, vom Staat nicht erforscht, weil der Fleischabsatz keinen Schaden nehmen soll. Die Ärzte, auch unsere schwulen Doktoren, widersprechen allen diesen Mutmaßungen.
Aber Gerüchte können Balsam sein. Dafür besteht Bedarf. Die Angst vor dem Test wird gelindert. Doch am Test führt kein Weg vorbei: Man muß sich testen lassen, um zu wissen, ob man sich dem anderen zumuten darf. Oder ist es erlaubt, Adonios den Tod zu bringen? Dreimal in drei Wochen sind die Kondome geplatzt.
Junge Leute glauben, sie seien unsterblich. Es ist schwer für sie, die Gefahren von Aids ernst zu nehmen. Wir müssen ihnen dabei helfen. In New York City geschieht das, in Deutschland noch nicht.
In den Vereinigten Staaten hat man seine Gewohnheiten geändert - eigenartigerweise erst, als Saunas und Orgien-Bars geschlossen wurden. Man hat sich keine neuen Orte
für anonymen Sex gesucht, sondern die Partnerzahl reduziert.
Jetzt pfeift man sich nicht mehr jedes Wochenende ein paar Drogen rein und hat nicht mehr wahllos Sex mit jedermann. Pornofilme sind beliebt, Onanie, Telephonsex. Ein Fremder ruft mich ab und zu an: "I want your cock." Neulich habe ich ihm mein Alter gesagt. Seither hat er nicht mehr angerufen.
Auf der Weihnachtsparty der "Gay Men''s Health Crisis" (GMHC), der hiesigen Aids-Selbsthilfeorganisation, sah ich Hunderte von begehrenswerten Männern. Ich traf Peter wieder, einen Schweizer, den ich schon tot geglaubt hatte. Er strahlte, eine neue Droge macht ihm Hoffnung. Wie lange?
In New York fühle ich mich sicherer als in Deutschland. Hier geht man offener mit Aids um. Hier spüre ich Wärme und bin beeindruckt von der Vielfalt praktischer Ideen und privater Initiativen. Hier ist man es gewohnt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. bei uns wird noch immer nach dem Führer, nach dem Staat gerufen - Frau Süssmuth soll es richten oder Herr Gauweiler.
Die Deutschen glauben, daß sie den Amerikanern intellektuell überlegen seien. Amis, so lautet das Vorurteil, seien oberflächlich und naiv. Wahr ist: Amerikaner leben mehr aus dem Bauch, sie sind praktischer als wir. Bei uns besteht immer die Tendenz, alles totzudiskutieren. Bei uns bekämpfen sich immer noch die Polit-Tunten, die Disko-Tunten, die Lederleute und die Alten und die Jungen. Noch haben alle nur eines gemeinsam: die Angst vor der eigenen Mutter.
Die Zeit drängt. Noch könnten wir in Deutschland unseren Vorsprung nutzen. Aufklärung und Kondome reichen nicht aus. Ich fordere mehr Aktionen in der Subkultur, Safer-Sex-Shows, Diskussionen, Aids-Partys in Kneipen, Saunen und Parks. Viele Schwule können ihre alten, oft süchtigen Sexgewohnheiten nicht ohne Hilfe aufgeben. Wir brauchen Psychologen, Rollenspiele, neue Kommunikations- und Vergnügungszentren.
In Berlin und anderen deutschen Großstädten sind die Saunas immer noch voll. Dort ist es schwer, die Grenzen zwischen sicherem und unsicherem Sex zu ziehen. Die deutschen Aids-Hilfen treiben vor allem Nachsorge. Aktive Vorsorge ist rar. Verteilen von Handzetteln ist nicht alles, direkte Kontakte und Gespräche vor Ort sind wichtiger. Aber viele stecken noch immer den Kopf in den Sand.
Solche Verdrängung ist menschlich. Die Kranken isolieren sich, ziehen heim zu Muttern, lassen sich kirchlich beerdigen. Wir sind wieder dort, wo die Schwulenbewegung 1971 begann. In Amerika ist das anders. Viele stellen sich der Krankheit, machen ihr Schwulsein öffentlich - und damit politisch.
Aids macht mir keine Angst mehr. Ich lese alle Neuigkeiten über Aids. Ich gehe zu Aids-"Benefiz"-Veranstaltungen. Ich liebe und schätze die Nähe von Aids-Kranken. Ich kann viel dabei lernen.
Aids macht uns bewußt, daß wir nicht unsterblich sind. Aids entlarvt den Jugendkult, der nur gesunde, produktive und kräftige Menschen zuließ, als Absurdität. Das Leben ist kostbarer geworden, zielgerichteter, positiver - weil niemand weiß, wieviel Zeit ihm noch bleibt. _(Im Oktober 1987. )
Im Oktober 1987.
Von Rosa v. Praunheim

DER SPIEGEL 7/1988
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