18.04.1988

„Träume im Kopf, Sturm auf den Straßen“

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über Jugendrevolution und Protestbewegung der sechziger Jahre (III)
Von wummernden Diesel-Loks gezogen, kriecht ein ungewöhnlicher Reisezug aus dem Tunnel unter dem Hudson-Strom und schlängelt sich durch den Industriedschungel südwestlich von New York City: 21 aufpolierte Pullman-Salonwagen der Penn-Central Railroad, geschmückt mit Efeu-Girlanden und Trauerkokarden. 1146 Passagiere hinter dunkel getönten Scheiben sind an Bord, Hinterbliebene und Trauergäste mit den prominentesten Namen aus Politik und akademischer Welt. Auch Coretta King fährt mit, die Witwe des schwarzen Bürgerrechtskämpfers Martin Luther King, der zwei Monate zuvor von einem weißen Rassisten ermordet worden ist.
Nun hat an einem sonnigen Frühsommertag Robert F. Kennedy seine letzte Reise begonnen. Er liegt in seinem Sarg im letzten Wagen des Sonderzugs, der ihn an diesem 8. Juni 1968, drei Tage nach dem tödlichen Anschlag auf sein Leben, zur Beerdigung nach Washington bringt.
Auf der geschmückten Aussichtsplattform am Ende des letzten Wagens steht Edward, der letzte überlebende Kennedy-Bruder, und winkt und grüßt mit ernster Miene, meist unterstützt von einem oder mehreren der vielen Kennedy-Kinder; denn fast auf der ganzen 380 Kilometer langen Strecke rollt der Zug durch ein Spalier einfacher Frauen und Männer aus den Hinterhöfen der Städte. Sie heben hilflos die Arme, sie wischen sich die Augen. Manche knien nieder, wenn der letzte Wagen kommt, und vergraben ihr Gesicht in den Händen.
Als der Zug mit vier Stunden Verspätung, es wird schon Abend, Baltimore erreicht, erwartet ihn eine vieltausendköpfige Menge überwiegend schwarzer Menschen. Während der Wagenwurm sich im Schrittempo zwischen ihnen hindurchschiebt, singen sie "We Shall Overcome" und die "Battle Hymn of the Republic" ("Glory, Glory Hallelujah!") aus dem sklavenbefreienden amerikanischen Bürgerkrieg ein Jahrhundert zuvor.
Erst nach Mitternacht versinkt der Sarg mit Robert Kennedy in einer von Scheinwerfern geisterhaft erhellten Szene auf dem Soldatenfriedhof Arlington in der Erde. Das Grab liegt unter einem Magnolienbaum, keine 20 Meter von der Stelle entfernt, wo im November 1963 nach dem Mord von Dallas der ältere Bruder und Präsident John F. Kennedy beigesetzt worden ist.
Das Amerika des sozialen Fortschritts, das Amerika, das seine Menschenrechtsideale ernst zu nehmen versucht, verabschiedet sich von seiner letzten Hoffnung. Denn von den drei Männern, die eine Chance hatten, die Präsidentschaftswahl 1968 zu gewinnen, war nur Bobby Kennedy glaubwürdig entschlossen, den Frevel in Vietnam rasch zu beenden. Nur Bobby und sein Charisma konnten die Verbesserungen sichern, die Bürgerrechtskampf und soziale Hilfsprogramme den vielen Millionen Underdogs des reichen Landes bescherten.
Die Kugel aber, die der junge Jordanier Sirhan Sirhan in Bobby Kennedys Kopf schoß, um sich für die amerikanische Unterstützung Israels zu rächen - diese Kugel war in der Tat ein Vergeltungsschlag von historischen Ausmaßen; denn sie ließ als sichere Bewerber um die Nachfolge Lyndon Johnsons im Weißen Haus nur noch den Republikaner Richard Nixon und Johnsons Vizepräsidenten Hubert Humphrey bei den Demokraten übrig.
Eine niederschmetternde Aussicht für die rebellierenden Studenten, für die amerikanische Protestbewegung. "Wir konnten in keinem Politiker mehr einen Funken Hoffnung sehen", erinnert sich Todd Gitlin, damals ein führender Feuerkopf im amerikanischen SDS ("Students for a Democratic Society"). "Mit dem Tod von King und Kennedy war die Chance für eine Erneuerung der amerikanischen Politik dahin."
Tom Hayden, Vordenker des SDS und ein irischstämmiger Katholik wie die Kennedys, ging in die New Yorker St. Patrick's Cathedral, wo Robert Kennedy aufgebahrt war, und stand mit seiner Castro-Feldmütze in der Hand weinend vor dem Toten. Seine Genossen sahen es mit Staunen. Hayden hielt ihnen entgegen, trotz aller Zweifel habe "eine innere Stimme" ihm gesagt, daß Bobby "ein Mann des Schicksals war und zum Präsidenten gewählt worden wäre". Denn bei all ihren starken Sprüchen haben die Radikalen in ihrem Herzen darauf vertraut, daß sie mit Hilfe Kennedys wenigstens ihre wichtigste Forderung - Frieden in Vietnam - durchsetzen können.
Auch in Europa schwindet den Protestbewegungen die Zuversicht. Auch sie müssen innig gehegte Hoffnungen begraben und stecken in den ersten Junitagen schon tief in der Krise.
Der Deutsche Bundestag hat am 30. Mai die Notstandsgesetze mit verfassungsändernder Zweidrittelmehrheit beschlossen. Die Mehrheit der Sozialdemokraten stimmt dafür. Es hat alles nichts genützt: nicht der Sternmarsch der außerparlamentarischen Opposition nach Bonn, nicht die ungezählten Kundgebungen, Aufrufe, Mahnwachen. Ebensowenig hat die Apo-Kampagne gegen die Springer-Presse bewirkt. Der Konzern schlägt zurück und läßt Anführer der Apo wegen der Schäden verklagen, die bei den Osterunruhen entstanden.
Die Desillusion liegt wie Blei in den Knochen. Zu einem Pfingstkongreß der Studenten und Schüler Anfang Juni in Frankfurt kommen statt der erwarteten mehreren tausend Leute nur noch ein paar hundert. Und ihnen spendet der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas wenig Trost mit seinem säurehaltigen Referat über die "Scheinrevolution" und ihre Kinder.
Habermas hält der linken Studenten-Avantgarde vom "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) vor, sie redeten und träumten von Revolution, obwohl sie doch klar erkennen müßten, daß weder in der saturierten Bundesrepublik noch bei den westlichen Nachbarn eine revolutionäre Situation bestehe: Kein Proletariat muß sich für Hungerlöhne schinden, kein Bürgertum ächzt unter feudaler Autokratie, kein Volk zittert unter Tyrannenwillkür.
Auch mißverstehe der SDS die von der US-Bürgerrechtsbewegung übernommenen Protestmethoden des Go-in und Sit-in, der Besetzungen und Blockaden. Dies seien keine Umsturzversuche, sondern symbolische Akte des Ungehorsams und Widerstands, die das öffentliche Interesse auf einen Übelstand lenken und an das Gewissen der Nation appellieren sollten. Habermas wörtlich zum aufgebrachten Auditorium:
Die neuen Demonstrationstechniken, die nur symbolische Handlungen einschließen können, verwandeln sich in den Köpfen altgedienter SDSler zu Mitteln des unmittelbar revolutionären Kampfes. Eine rote Fahne ... kann eine Tabuschranke durchbrechen ... Etwas anderes ist es aber, wenn ein solches Symbol diejenigen, die es setzen, darüber betrügt, daß es heute um einen Sturm auf die Bastille nicht gehen kann.
Wie die Vorgänge in den Räumen der Frankfurter Universität ... zeigen, verwechseln einige führende Akteure den Vorgang einer Universitätsbesetzung mit einer faktischen Machtergreifung. Eine so gravierende Verwechslung von Symbol und Wirklichkeit erfüllt im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung.
Habermas ist ein junger Professor nicht ohne Sympathien für die SDSler. Doch er glaubt, daß sie sich verrennen. In Frankfurt zum Beispiel haben radikale Studenten, inspiriert vom Aufruhr in Paris und der Besetzung der Sorbonne, in der letzten Maiwoche das Rektorat der Goethe-Universität okkupiert. Sie zieren die Alma mater mit roten Fahnen, taufen sie in "Karl-Marx-Universität" um und bekunden die Absicht, mitten in der Zitadelle des westdeutschen Kapitals eine revolutionäre Hochschule aufzuziehen.
Der Traum dauert zwei Tage. Dann erobern einige Hundertschaften Bereitschaftspolizei die Uni ohne große Mühe zurück. Von neuem und schmerzhafter als zuvor müssen die Rebellen ihre Machtlosigkeit erkennen. "Ich hatte ein körperliches Gefühl der Niederlage, ein bis in die Fußspitzen gehendes Gefühl von Niederlage", erinnert sich der Soziologe Detlev Claussen. "Mit den Mitteln, die wir bis dahin benutzt hatten, war es klar, daß wir eine Niederlage nach der anderen erleben würden."
Aber wenn Jürgen Habermas recht damit hat, daß die jungdeutschen Radikalen sich von Selbsttäuschungen leiten lassen, die im Zusammenprall mit den realen Machtverhältnissen zerstieben müssen, dann ist sogar der große, mitreißende französische Mai eine "Scheinrevolution"; denn auch da werden die herrschenden Mächte in Staat und Gesellschaft nicht ernsthaft angefochten.
Zwar geschehen Dinge jenseits des Rheins, die in Deutschland unvorstellbar wären - ein spontaner Generalstreik, der das Land zum Stillstand bringt, Fabrikbesetzungen, Hunderttausende Arbeiter, Studenten, Schüler auf den Straßen der Hauptstadt, Rückzug der Polizei aus dem ganzen Pariser Universitätsviertel. Und doch wagt niemand auf der Linken den Versuch, das königsgleiche Staatsoberhaupt Charles de Gaulle oder gar das kapitalistische System umzustürzen.
Ergo kann der Mai-Aufruhr, so imposant er wirkt, nur eine symbolische Auflehnung sein; ein Revolutionsspiel, das die herrschende Klasse gleichwohl gründlich erschreckt; ein ödipales Psychodrama des Protests gegen den Übervater de Gaulle.
Der linksliberale Kulturkritiker Jacques Ellul spricht gar von einer pseudorevolutionären "Fastnacht": die Auflehnung als aufrührerischer Karneval, als anarchischer Ausbruch aus der Werktagswirklichkeit, als dionysischer Schrei nach einer Lebensfülle, die in der Boomgesellschaft möglich erscheint und sich den Menschen dennoch entzieht wie ein betörendes Trugbild.
30 gepanzerte Fahrzeuge brechen in der Morgendämmerung des 7. Juni mit röhrenden Motoren durch die verrammelten Tore des Renault-Werks Flins westlich von Paris. CRS-Bereitschaftspolizei stürmt die Autofabrik, um mit 260 jungen Streikposten aufzuräumen, die das Werk noch immer besetzt halten, obwohl sich ein großer Teil ihrer 11 000 Kollegen wieder arbeitswillig zeigt.
Das CRS-Kommando vertreibt die ohnmächtigen und verbitterten Männer mit vorgehaltenen Schußwaffen aus der Fabrik. Der große französische Aufruhr, scheinrevolutionär oder nicht, liegt in Agonie.
Von der Regierung mit Lohnzugeständnissen versehen, kehren die Franzosen ernüchtert in die Alltäglichkeit zurück. Und als wollten sie Abbitte dafür leisten, daß sie sich zur Aufsässigkeit haben verführen lassen, geben sie den Gaullisten bei den rasch anberaumten Parlamentswahlen Ende Juni die absolute Mehrheit der Sitze.
Wir brauchten eine Luftveränderung. Es war mitten im Prager Frühling. Also sind wir mit dem zehn Wochen alten Hosea nach Prag gefahren. Die Stimmung war ekstatisch. Massen von Menschen liefen singend durch die Straßen, alle redeten miteinander. Es war sehr schön. Als (Staatspräsident) Svoboda gewählt wurde, standen wir auf dem großen Platz vor den Regierungsgebäuden, Hosea auf Rudis Schultern. Dubcek kam heraus, um das Ergebnis der Wahl mitzuteilen, und wurde von der jubelnden Menge hochgehoben und über die Köpfe der Leute von Hand zu Hand weitergereicht - Gretchen Dutschke-Klotz über ihren Besuch in Prag im März 1968.
Am Grunde der Moldau rollen die Steine, und Prag ist in diesem Frühjahr 1968 für Rebellen aus dem Westen der wiedereröffnete Garten Eden. Hier finden sie alles, wonach sie sich sehnen und was sie im übrigen Europa, West wie Ost, hart entbehren müssen.
Hier gibt es eine sozialistische Gesellschaft, die sich aus den eisernen Fesseln des Stalinismus zu lösen versucht und nach einem "menschlichen Antlitz" strebt. Hier bekennt sich eine kommunistische Monopolpartei zur Presse- und Meinungsfreiheit, zur Freizügigkeit der Bürger; ja, sie wagt sich unter dem freundlichen Slowaken Alexander Dubcek an Reformen in Wirtschaft und Bürokratie, die einer Umwälzung gleichkommen.
Doch am allerschönsten für die daheim geschmähten und bedrohten Studenten aus dem Westen ist es, zu erleben, wie die übergroße Mehrheit der Bevölkerung den Wandel begeistert begrüßt und mitträgt und wie das Volk die jungen Verfechter dieses Wandels nicht anpöbelt, sondern gerührt an seinen breiten Busen drückt. Ist sie das nicht, die erträumte brüderlich-fröhliche Revolution, die ohne Blutvergießen auskommt, weil eine erdrückende Überzahl der Menschen sie wünscht und sich niemand mehr getraut, die Hand gegen sie zu erheben?
Unsere Entschlossenheit, eine humane und demokratische sozialistische Gesellschaft zu schaffen - dem Sozialismus sein menschliches Antlitz zurückzugeben -, wurde nicht verstanden. Sie konnte nicht verstanden werden. Sie mußte mißverstanden werden aus Furcht, daß die Völker der sozialistischen Staaten im tschechoslowakischen Beispiel einen nachahmenswerten Kurs erblicken könnten - Das kommunistische Zentralorgan der CSSR, "Rude pravo", am 22. August 1968.
Ihr kamt in der Nacht. Ihr warft Euch auf ein Land, das im Schlaf lag, und auf eine Armee, die mit dem Rücken zu Euch an der westlichen Grenze dem Feind gegenüberstand ... Ob es Euch gefällt oder nicht, Eure Rolle in unserem Land ist die eines Aggressors! ... Geht wieder heim! - Offener Brief der Offiziere der Garnison Prag an die Okkupationstruppen.
Fünf Monate nach dem Besuch der Familie Dutschke wird der Garten Eden plattgewalzt, und am Wenzelsplatz (doch nicht nur dort) gibt es Tote.
21. August: Die Sowjetpanzer sind kettenrasselnd nach Prag hineingerollt und drängen sich wie eine nervöse Nashornherde um den langen Platz mit dem Reiterstandbild des böhmischen Schutzpatrons. Ein elfjähriger Junge versucht, von den Stufen der Wenzelstatue aus, eine tschechoslowakische Fahne ins Kanonenrohr eines Panzers zu schieben. Ein Soldat schießt ihn tot.
22. August: Aus einem der hochgelegenen Fenster über dem Wenzelsplatz tötet ein Heckenschütze einen russischen Panzerkommandanten. Beinah ein Dutzend Maschinengewehre rattern los, zertrümmern Fensterscheiben dort, wo der Schuß herzukommen schien, hacken einen prasselnden Regen von Putzbrocken und Steinsplittern aus den Fassaden.
In Prag zerbricht eine Hoffnung, an der für die Neue Linke in Europa und sogar in Amerika noch mehr gehangen hat als am irrlichternden Pariser Mai. Zum ersten und einzigen Mal stimmt die junge Opposition mit der westlichen Öffentlichkeit überein. Auch sie verdammt die Ostblock-Intervention, und sie tut es aus einem tieferen Zorn heraus als die schadenfrohen Medien-Kommentatoren, die schon immer gewußt haben, daß die Sowjetmacht eine freiere Entwicklung bei ihren Satelliten niemals zulassen kann.
Schon wenige Tage nach dem sowjetischen Einmarsch in die CSSR aber stehen sich in Chicago am Michigan-See struppige Rebellen und schwerbewaffnete Soldaten so unversöhnlich gegenüber wie Tschechen und Okkupationsarmee. Denn über den Panzern und den Opfern in Prag hat die amerikanische Protestbewegung nicht vergessen, welche Ungeheuerlichkeiten in Vietnam im Namen der Freiheit geschehen.
Das Töten begann ohne Warnung. Ein Angehöriger von (Leutnant) Calleys Zug stach einen Mann mit seinem Bajonett und tötete ihn mit einem weiteren Stoß. Dann packte er einen Mann mittleren Alters und warf ihn in einen Brunnenschacht. Soldaten fingen an, Frauen und Kinder zu erschießen, die weinend und betend um einen Tempel herum knieten. Einige Frauen schrien: "No VC!" ("Keine Vietcong!") Andere: "No, no, no."
Dorfbewohner wurden in ihren Hütten getötet. Hubschrauber schossen Flüchtende nieder. Menschen wurden in Unterstände getrieben und mit Handgranaten und M-79-Granatwerfern getötet.
(Kompaniechef) Medina gab an Calley durch: "Das langt für heute." Aber Calley organisierte noch die Ermordung von 25 bis 30 Menschen in dem Dränagegraben. Frauen warfen sich über Kinder. Calley erschoß eine Menge Kinder, auch einen zweijährigen Jungen, der wie durch ein Wunder aus dem Graben krabbelte und weinte - Aus Berichten des amerikanischen Reporters Seymour Hersh über das Massaker in dem südvietnamesischen Dorf My Lai am 16. März 1968.
Die ganze Wahrheit über My Lai kommt erst 1969 heraus. Aber jeder Mensch im Westen weiß längst, daß amerikanische und südvietnamesische Soldaten täglich Frauen und Kinder töten; daß sie bei ihren "Such-und-Zerstör-Missionen" Dörfer in Brand stecken und ihre Bewohner ausrotten unter dem Verdacht, sie unterstützten den Vietcong.
Doch die meisten Zeitgenossen geben sich gleichgültig bis resigniert angesichts der Leidensbilder, die ihnen das Fernsehen zuhauf in ihre Wohnstuben speit. Und gerade diese achselzuckende Passivität gegenüber dem Horror ist das, was die kritischen jungen Leute an der Elterngeneration besonders empörend und verachtenswert finden - auch in Deutschland. Denn im Fall Vietnam können die Kinder ihre Alten live dabei beobachten, wie sie die Augen verschließen, unangenehmes Wissen verdrängen und sich in ihr Nichtsdagegentunkönnen zurückziehen - ganz wie sie es schon im Hitlerreich und bei der Vergangenheitsbewältigung gemacht haben.
Auch in der Bundesrepublik versuchen Protestler immer wieder, diese Apathie zu durchbrechen. Die "Kommune I" in Berlin fordert in einem Flugblatt sarkastisch dazu auf, Warenhäuser anzuzünden ("burn, ware-house, burn"), um die Erinnerung an Krieg und Zerstörung aufzufrischen. Gudrun Ensslin und Andreas Baader zünden im April 1968 in Frankfurt tatsächlich nachts ein menschenleeres Kaufhaus an - so groß ihr Zorn über die Indolenz der Umwelt - und geraten in die Falle der Kriminalisierung.
Im Juli hat die "Internationale der Studentischen Kriegsdienstgegner" in München eine bessere Idee und kündigt die öffentliche Verbrennung eines Hundes an. Die Friedensfreunde wollen beweisen, daß ein Vietnamkrieg, der gegen Hunde geführt würde anstatt gegen Menschen, schon nach kürzester Zeit durch den millionenfachen Aufschrei der Tierliebhaber gestoppt würde.
Der Entrüstungssturm, den schon diese Absichtserklärung entfesselt, ist in der Tat gewaltig und bekräftigt mit abgründiger Ironie, was die Kriegsgegner demonstrieren wollten. Um dem Hund den Feuertod zu ersparen, den so viele Vietnamesen durch Napalm erleiden müssen, macht eine Frau sogar das Angebot, man möge lieber sie verbrennen als die arme Kreatur.
Doch Gram und Ingrimm über die Schmach, die Amerika sich in Indochina bereitet, bewegen niemand heftiger als die amerikanische Protestbewegung - das "Movement", das es ohne Vietnam so nicht gäbe. "Dieser Krieg hat mein amerikanisches Herz gebrochen", bekennt Carl Oglesby, ein Anführer des transatlantischen SDS. Aber was kann die Bewegung noch dagegen tun, nachdem der Mord an Robert Kennedy den einzigen aussichtsreichen Friedenskandidaten beseitigt hat?
Was können die Kriegsgegner noch auf die Beine stellen gegen Präsident Johnson und seinen Wunschnachfolger Hubert Humphrey, die von Frieden reden, aber zum Schutz des desolaten Saigoner Regimes Bedingungen fordern, die ein Ende des Gemetzels in weite Ferne rücken? Der Radikale Frank Bardacke sieht nur einen Weg: Die Rebellen müßten die Regierenden "wirklich davon überzeugen, daß wir in diesem Land Chaos stiften können, solange der Krieg weitergeht".
Bardacke und seine Mitstreiter wissen keinen anderen Rat mehr als den Versuch, geradewegs auf den Parteikonvent der Demokraten in Chicago loszustürmen, der den Präsidentschaftskandidaten nominiert und über das Wahlprogramm der Partei entscheidet.
Die Studenten meinen, sie könnten den Konvent mit seinen fast 3000 Delegierten durch Appelle und Protestaktionen dazu bringen, mit Mehrheit für die sofortige Waffenruhe in Vietnam zu votieren. Gelinge das nicht, werde man den Konvent so gründlich stören, daß er, so Haydens Maximalziel, "vorzeitig geschlossen oder die Tagesordnung verkürzt" werden müsse.
Der verzweifelte Wunsch, den für sie unerträglichen Krieg zu stoppen, schlägt bei den Vorreitern des SDS in irreale Vorstellungen und Selbstüberschätzung um. Schon den deutschen Studentenführern ist es ähnlich ergangen, als sie im Zorn über das Attentat auf Rudi Dutschke glaubten, sie könnten, der Staatsmacht zum Trotz, den Springer-Konzern lahmlegen und die Enteignung des Pressecäsaren erzwingen. Nun überrennt die Vorhut des amerikanischen Protests die Grenzen ihrer Möglichkeiten und erreicht in Chicago ihren Zerreißpunkt.
12 000 Polizisten, wegen ihrer Härte gefürchtet, warten dort auf sie, dazu 6000 Mann Nationalgarde und 7000 Mann reguläres Militär mit Maschinengewehren, Bazookas und Flammenwerfern. Der Tagungsort des Konvents, das "Amphitheater", ist dicht mit Stacheldraht umflochten.
Böses ahnend, ist der friedlich-unheroische Massenanhang des "Movements" zu Hause geblieben. Nur die Tapfersten und Überzeugtesten trauen sich in die sommerschwüle Stadt der Schlachthöfe - und die Verrücktesten; denn die politisch radikalen Studenten werden überspielt von den verwegenen Haufen der "Yippies", die zwischen dem Ufer des Michigan-Sees und der Prügel-Walstatt Michigan Avenue ihren großen Auftritt haben.
Ich mache meine eigene Revolution ... Ich hab' bisher etwa 20 LSD-Trips eingeschmissen und ungefähr 856mal gevögelt. Ich hab' es geschafft, erst zehnmal von den Bullen geschnappt zu werden ... Sie nennen uns Hippies, Yippies, Dropouts, Ausreißer. Das lange Haar macht uns zu den neuen Negern. Alles, was wir tun, symbolisiert unsere Ablehnung der alten Ordnung mit allem was dazugehört: Militär, Berufskarrieren, Universitäts-Bockmist, überholte Moralvorschriften ...
Abbie Hoffman gibt Auskunft: ein Yippie-Häuptling mit krausem Wollkopf, ein Gaudibursch und PR-Artist, dem es um die pure Provokation geht; um das Medienspektakel; um eine "Gegenkultur", die alle bürgerlichen Lebens- und Anstandsregeln anarchisch in ihre Kehrseite verdreht. Seine "Kulturrevolution" beginnt mit einer Lieblingsthese der Yippies: "Wir glauben, daß die Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort - auch auf den Straßen - bumsen sollten, mit wem immer sie wünschen." Politik betreiben die Yippies nur als Travestie. Am Beginn der Konventwoche wählen sie ein lebendes Schwein ("Pig") zum Präsidentschaftskandidaten und parodieren im Chor ihre Machtphantasien: "Pigs, eure Tage sind gezählt! Wir sind die zweite amerikanische Revolution! Wir werden siegen!"
Tom Hayden und die politisch Militanten sehen die Wirklichkeitsverkennung, die sie selber plagt, bei den Yippies bizarr auf die Spitze getrieben. Das ernüchtert sie. Doch sie können nicht zurück; denn nur durch Straßentheater ist der Parteikonvent vielleicht noch zu beeinflussen: Wenn die erdrückende Übermacht von Polizei und Militär die verlorenen Scharen der Bewegung zusammenschlägt, könnte der Anblick das Gewissen mancher Delegierten mobilisieren.
Uneins in sich, zusammengehalten nur durch den gemeinsamen Gegner, treffen sich am zweiten Abend der Konventwoche die harten Kerne der Protestbewegung friedlich im Lincoln Park zu Chicago. Keine 8000 Leute kommen da zusammen, von denen die meisten die warme Nacht im Park verbringen wollen - bis Reizgas-Patronen durch die Bäume herab in die Menge prasseln.
Die Polizei und die Freizeit-Krieger der Nationalgarde, in blutigen Getto-Krawallen abgebrüht, haben ihr Kesseltreiben gegen die Friedenskämpfer begonnen. Über drei Tage und Nächte liefert es Gewaltszenen und Menschenjagden, die sich dem fernsehenden Publikum stärker einprägen als die meisten früheren Straßenunruhen. Eine berühmt gewordene Sequenz, von TV-Kameras 17 Minuten lang festgehalten, spielt direkt vor dem düsteren alten Hilton-Hotel, in dem die meisten Delegierten des Parteikonvents wohnen. Der Tatzeuge Todd Gitlin:
An der Ecke des Hilton kesselten zwei Phalanxen Polizei die Überreste von Dave Dellingers geplantem Demonstrationsmarsch ein. Nach einer Reihe von Rempeleien packten sie die Menge von beiden Seiten, prügelten auf Köpfe, Arme und zwischen die Beine, brüllten "Kill, kill, kill", besprühten Zuschauer und Demonstranten mit chemischer Keule und schoben die gefangenen Menschen so heftig, daß das Fenster der Haymarket-Bar zerbrach und die Leute hindurch gedrängt wurden, wobei sich viele an den Splittern verletzten. Doch auch ins Innere der Bar wurden sie verfolgt und zwischen kreischenden Serviermaiden weiter von Polizisten geprügelt, die "Raus hier, ihr Schwanzlutscher" brüllten*.
Im Rückblick wird Chicago zu einer Art mythischer Nibelungenschlacht der Jugendrebellion. Hier sind die Tapfersten und Verrücktesten, die außerdem noch recht hatten, vom gewollten Amoklauf der Ordnungskräfte überwältigt und niedergemacht worden. Hier sind sie untergegangen - und haben doch einen enormen Eindruck hinterlassen.
Denn was sich der Erinnerung eingebrannt hat wie ein Trauma, das ist die schiere, rasende Feindseligkeit zwischen den beiden Seiten, die aus den Dokumenten dieser grellen Augustwoche in Chicago herausschreit. Auch die militanten Studenten schütteln die letzten Fetzen anerzogener Höflichkeit ab. Heulend vor Tränengas, Ohnmacht und Wut, hustend und spuckend, ließen zumal die Yippies keine Verwünschung und keine obszöne Geste aus, um den behelmten Widersachern ihren Abscheu zu bezeugen: "Pigs eat shit!"
Chicago dramatisiert die Zerrissenheit der Amerikaner über Vietnam stärker als jedes andere Medienereignis. Es führt mit dazu, daß die schon von den Getto-Aufständen und Mordanschlägen verstörten Wähler bei dem Law-and-order-Kandidaten der Republikaner, Richard Nixon, Zuflucht suchen - womit die Rebellen das Gegenteil von dem erreichen, was sie in Chicago wollten.
Aber die Erinnerung an diese Zerrissenheit schreckt noch 20 Jahre danach, schreckt fast mehr als der Gedanke an den Horror in Indochina. "Ohne die weiterwirkenden Szenen vom verzweifelten Widerstand gegen den Vietnamkrieg, ohne Chicago und die vier erschossenen Studenten der Kent State University (im Mai 1970) hätte sich unsere Regierung wahrscheinlich längst in ein neues Vietnam in Mittelamerika gestürzt", erklärt der Politologe Richard J. Barnet. "Was Ronald Reagan sieben Jahre lang davon abgehalten hat zu tun, was er da unten am liebsten täte, ist die Furcht, die Szenen von damals auf unseren Straßen und an unseren Unis könnten sich wiederholen."
Der große Sturmlauf der Protestbewegung ist freilich im Sommer 1968 auch schon wieder zu Ende - in Europa wie in Amerika. Die ursprünglichen Avantgarden zerbrechen, die Bewegung zerfällt und verwandelt sich.
"Es gibt zwei Sorten Groupies", bemerkt ein alter Kämpe, Gitarrist Jimmy Page. "Solche, die wie Freunde sind, und solche, die eine Religion daraus machen, wie viele Popstars sie ficken können. Groupies bumsen im großen und ganzen besser: Sie haben mehr Erfahrung und sind willens, mehr Sachen zu probieren."
Anna sagt: "Ein Girl ist nur dann ein Groupie, wenn sie mehrere Beziehungen in einer Gruppe hat, was oft passiert, wenn ein Groupie sagen wir drei Leute aufreißt und in einer Nacht mit drei Leuten von derselben Gruppe schläft."
"Groupies sind etwas Wunderschönes", sagt Country Joe McDonald. "Sie kommen, um dich spielen zu hören, sie werfen Blumen und Höschen, sie geben dir Küsse und Liebe, sie kommen mit dir ins Bett. Sie sind wundervoll."
Frank Zappa könnte am Ende zum Geschichtsschreiber der Groupies werden, die er als Freiheitskämpferinnen in der Vorhut der sexuellen Revolution ansieht ... "Verblüffend, was dir auf Tournee alles über den Weg läuft", sagt Zappa. "Diese Hühner (chicks) sind für alles zu haben. Sie blasen, ohne sich was dabei zu denken, wo es auch sei: hinter der Bühne, in der Garderobe, draußen auf der Straße, wo auch immer und zu jeder Zeit. Ich glaube, die Popmusik hat mehr für den Oralverkehr getan als alles, was sonst noch läuft - und umgekehrt" - Aus einer Titelgeschichte über Groupies in "Rolling Stone", Februar 1969.
Die Groupies machen noch eine ganze Weile mit. Die Empfängnisverhütungspille, die den Eisprung hemmt, entzügelt ihre Lust. Mit dem arglosen Heißhunger von Kindern in einem unbewachten Bonbonladen nutzen sie die frischgewonnene, beispiellose Geschlechtsfreiheit.
Aber die Frauen in den antiautoritären Gruppen, die Gefährtinnen der Rebellen rebellieren unversehens gegen lang erduldete Kränkungen. Sie wollen gerade nicht mehr so behandelt werden, als seien sie die Groupies der Bewegung. Sie lehnen sich auf gegen eine sexuelle Revolution, wie die Frank Zappas dieser Erde sie verstehen und praktizieren: als Macho-Traum von der freien Verfügung über das allzeit willige Lustobjekt Frau.
In erstaunlicher Parallele braut sich der Aufstand der Frauen vor allem in den Vereinigten Staaten und in der Bundesrepublik zusammen. "Weiberräte" bilden sich im Laufe von 1968 im deutschen SDS, dessen 2000 Mitglieder zu einem Viertel (geschätzt) Frauen sind. Aber noch immer gilt als reine Lehre: Die Frauenfrage ist ein "Nebenwiderspruch" der Gesellschaft. Die wahre Emanzipation der Frau wird beim Sturz des Patriarchats in der kommenden Revolution in einem Aufwasch miterledigt.
Doch so lange wollen die politisch engagierten Studentinnen nicht mehr warten. Ihr aufgestauter Verdruß bricht hervor und schlägt sich mit besonderem Freimut auf einem Flugblatt des Frankfurter Weiberrats nieder - geschrieben von höheren Töchtern, die von der wütenden Offenheit der Protestzeit ergriffen sind und in ein, zwei Jahren mehr Erfahrungen gemacht haben als ihre Mütter im halben Leben:
Wir machen das maul nicht auf! wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus! wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem gefummel, sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaftlichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich, GELABER!
wenn's uns mal hochkommt, folgt: sozialistisches schulterklopfen, väterliche betulichkeit; dann ... dürfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch; dann tippen wir, verteilen flugblätter, malen wandzeitungen, lecken briefmarken ...
Eine Zeichnung ziert das Pamphlet: Magere nackte Frau liegt auf Matratze und hält ein Fleischerbeil in der Hand. An der Wand über ihr hängen wie Jagdtrophäen sechs abgehackte, aber erigierte Penisse, deren frühere Besitzer - lauter führende Genossen - namentlich aufgezählt werden. Dazu die zündende Devise: "Befreit die sozialistischen Eminenzen/ Von ihren bürgerlichen Schwänzen!"
Der Frauenaufstand trifft die studentische Avantgarde, als sie gerade ihren unvermeidlichen Erschöpfungskollaps erleidet. Die Filmstudentin Helke Sander hat sogar Verständnis für die "unerträglichen Aggressionen" unter den SDSlern im Herbst 1968 und erklärt ihnen: "Warum sagt ihr nicht endlich, daß ihr kaputt seid vom letzten Jahr, daß ihr nicht wißt, wie ihr den Streß länger ertragen könnt, euch in politischen Aktionen körperlich und geistig zu verausgaben, ohne damit einen Lustgewinn zu verbinden?"
Sie haben sich mit ihren schwachen Kräften zuviel zugemutet: eine Weltmacht zum Frieden zwingen; die antikommunistische Volksgemeinschaft der Deutschen und ihre Große Koalition in Bonn aus den Angeln heben. Sie haben zu viele Enttäuschungen hinnehmen müssen, die dadurch nicht weniger bitter werden, daß sie ihnen den schauerlichen Namen "Frustration" geben.
Im gleichen Atemzug wollten sie ihr eigenes Leben revolutionieren, wollten sich am eigenen Schopf aus dem "bürgerlichen Sumpf" ihrer Herkunft ziehen, ein neuer Mensch werden, die Geschlechtsbeziehungen umkrempeln. Verwegene Ziele - aber zu viel auf einmal. "Das eigene Leben war bei uns allen in einem tollen Durcheinander", erinnert sich Bernd Rabehl, der wie Rudi Dutschke aus der DDR kam, mit ihm befreundet war und heute Soziologieprofessor in Brasilien ist. "Beziehungen, die jahrelang stabil waren, gingen in die Brüche. Ein Chaos der Ansichten und Verhaltensweisen machte sich breit."
Die Genossen wissen nicht mehr ein noch aus. Der Aktionismus, der sie zusammenhielt, ist ausgebrannt. Ihnen ist auch klar, daß es selbstmörderisch wäre, den Kampf gewalttätig zu eskalieren, solange sie die "Arbeiterklasse" nicht für sich gewonnen haben. Aber wie diesen Wunschtraum wahr machen?
Schon im September 1968 ber einer Delegiertenkonferenz in Frankfurt zerbricht der SDS in streitende Fraktionen und Egos, die sich auf kein Konzept mehr einigen können: Maoisten, Marxisten, Leninisten stellen sich dogmatisch gegen die Antiautoritären - und gegeneinander.
Dazu noch die revoltierenden Frauen. Als der Vordenker Hans-Jürgen Krahl auf feministische Argumente nicht eingeht, tut eine Studentin ihm den Tort an, ihn mit Tomaten zu bewerfen wie einen reaktionären Rektor. Und als die in Frankfurt abgebrochene Konferenz im November in Hannover fortgesetzt wird, unterbrechen die Genossinnen ihre Genossen, wie die Genossen dies bei rechtsgewirkten Professoren zu machen pflegten. Einige Zwischenrufe:
Mehrere Genossinnen: "Ach, lächerlich - blöd!"
Eine Genossin: "Scheiße!"
Mehrere Frauen: "Ba-ba-ba-ba-ba-baba-ba-ba!"
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, der den Sturm und Drang der jungen Generation ausgelöst und angeführt hat, ist auf einmal am Ende: selbstzerstört durch die internen Gegensätze, in die Luft gesprengt durch die Explosionskraft der Frauenfrage. Als der SDS-Bundesvorstand im März 1970 seine Selbstauflösung beschließt, ist das nur noch eine Formalität.
Todd Gitlin, einst im amerikanischen SDS aktiv, heute Chronist der Studentenbewegung und Professor in Berkeley, ist kein männlicher Chauvinist. Aber er kommt nicht umhin zu konstatieren, daß Bernardine Dohrn "die Figur eines Revuegirls" hatte und "das Objekt der erotischen Phantasie vieler SDS-Männer" gewesen sei:
Bernardine Dohrn, Tochter eines Juden aus Ungarn und einer Amerikanerin schwedischer Abstammung, graduierte Juristin, brillant, redebegabt, willensstark, wurde zur Nemesis nicht nur der "Students for a Democratic Society". Doch sie warf keine Frauenprobleme auf. Sie forderte den "bewaffneten Kampf".
Bernardine Dohrn hatte für Martin Luther King in den Slums von Chicago gearbeitet, um schwarzen Mietern beizustehen. Der Mord an King traf sie tief.
Ein Freund von ihr berichtete Gitlin, sie habe an diesem Tag noch mit Tränen in den Augen an einem spontanen Krawall teilgenommen, bei dem ein Juweliergeschäft demoliert wurde: "Das tat ihr gut." Danach habe sie mit dem Freund lange über "Guerillakrieg in den Städten, der mit allen Mitteln geführt werden müsse", gesprochen.
Im März 1969 eröffneten Präsident Nixon und Henry Kissinger ihren kriminellen Bombenkrieg gegen das neutrale Kambodscha. Um Hanoi einzuschüchtern, damit es die amerikanischen Bedingungen akzeptiert, erweiterten die beiden ihre Verwüstungskampagne aus der Luft und schienen entschlossen, Indochina in die Steinzeit zurückzubomben.
Bernardine Dohrn konnte die Verbrechen und Scheußlichkeiten des "Schweinesystems", ob in Asien oder in den Slums im eigenen Land, nicht mehr ertragen. Sie sammelte radikalisierte SDSler um sich - unter ihnen auffallend viele junge Frauen aus betuchtem Hause, die ihre Eltern und sich selbst als mitschuldige Nutznießer dieses Systems betrachteten. Nach einer Zeile aus einem Bob-Dylan-Song nannten Dohrns gewaltwillige Anhänger sich "Weathermen" ("Du brauchst keinen Wettermann, um zu wissen, woher der Wind weht").
Im Juni 1969 bei der Delegiertenkonferenz des amerikanischen SDS war die Weathermen-Fraktion bereits so stark, daß Bernardine Dohrn den Studentenbund irreparabel spalten konnte mit ihrer These, alle friedlichen Methoden gegen Krieg und Elend hätten nichts gebracht - jetzt helfe nur noch Gewalt.
"Lang lebe der Sieg im Volkskrieg!" ruft die faszinierende junge Frau; denn aus Mitgefühl für "die Qualen, die Amerika der Dritten Welt bereitet", identifizierte sie sich nun vollkommen mit den Revolutionären der armen Länder, ergriff deren Partei, sah sich und die Weathermen als Vorhut der Dritten Welt in den US-Metropolen an, im "Bauch der Bestie", wie es Che Guevara ausgedrückt hatte. Sie will "Saigon nach New York bringen und Spießer-Amerika Angst einjagen, bis es in die Hosen scheißt".
Die älteren SDSler waren machtlos gegen die kochenden Emotionen, mit denen die Weathermen einander aufputschten. Tom Hayden, der selbst einmal die Parole "alles für Vietnam" ausgegeben und mit dem Gedanken an eine Stadtguerilla gespielt hatte, konnte nur warnen vor dem ebenso begreiflichen wie absurden Absturz in die Gewalt.
Vergebens. Die Weathermen bildeten eine Reihe von Kommandos, tauchten in den Untergrund ab und begannen eine Serie von Sprengstoffanschlägen auf Militäreinrichtungen, Kriegsforschungslabors der Universitäten, Großkonzern-Büros und Bankfilialen. Sie wiesen den Weg, dem dann die deutsche RAF und andere Terrorgruppen Europas gefolgt sind - wobei die Terroristen der Alten Welt jedoch Bernardine Dohrn und ihre Gefährten an Rücksichtslosigkeit weit übertrafen.
Denn trotz ihrer blutrünstigen Sprüche saß die Tötungshemmung offenbar fest in den Herzen der wohlerzogenen jungen Amerikaner, die so desperat gegen "das Schwein in uns selber" ankämpften und damit alle bürgerlichen Wesenszüge meinten.
Sie sprengten nachts und in verlassenen Gebäuden oder warnten die Betroffenen mit dem Erfolg, daß bei den Anschlägen, die den Weathermen zugeschrieben wurden, nicht ein einziger Mensch zu Tode kam. Nein - mit den Leutnant Calleys in Vietnam konnten es die verwirrten Sprößlinge des gehobenen Mittelstands wahrhaftig nicht aufnehmen.
Sie sprengten nur sich selber in die Luft - Anfang März 1970 in dem eleganten Stadthaus in Manhattan, das dem reichen Vater der Weatherfrau Cathy Wilkerson gehörte. Während der Hausherr Karibik-Ferien machte, bastelten die Kampfgenossen seiner Tochter im Keller Bomben. Jemand mußte einen Stromdraht falsch verbunden haben: Der Backsteinbau im georgianischen Stil zerplatzte.
Cathy Wilkerson, ihre Freundin Kathy Boudin und mehrere Weathermänner stolperten halbnackt, benommen, aber unverletzt aus dem Schutt. Von Nachbarn, die an eine Gasexplosion glaubten, bekamen sie Kleider und verschwanden. Zwei Studenten und eine junge Frau jedoch waren vom Dynamit zerfetzt worden.
Wie die Überlebenden aus dem Stadthaus tauchte auch Bernardine Dohrn für mehrere Jahre unter. Vom FBI gesucht, lebte sie lange Zeit unter falschem Namen auf der Westseite von Manhattan, arbeitete als Kellnerin und wurde Mutter von zwei Kindern. Ende 1980 stellte sie sich den Behörden. Sie wurde zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.
Die Detonation in dem stillen, vornehmen Wohnviertel von Greenwich Village - Omen der Selbstzerstörung - schallte bis nach Europa herüber. Die Militanten fanden zwar, daß die Weathermen Mist gebaut hatten. Doch dann kam die ständig wiederholte, insistierende Formel: "Aber sie tun wenigstens was."
Zwei Monate später, Mai 1970, begann in Berlin mit der Befreiung Andreas Baaders aus der Gefängnishaft der Todeslauf der RAF.
Schlamm und Müll ringsumher
Die grün-blauen Toiletten flossen dauernd über
Aber die kids, meine Brüder, nahmen es wie's kam
Die Musik und der Spaß,
die rock'n'rollten so lang -
es wurde nicht mal spät.
Ihr wollt die Zukunft seh'n?
Macht unser Fest nicht klein
Nächstes Jahr um diese Zeit, Mann,
Könnten es schon zehn Millionen sein
- Aus "Up in Woodstock" von Eric Burdon.
Niemand hatte in diesem Land und diesem Jahrhundert je eine "Gesellschaft" gesehen, die freier von Unterdrückung war. Jeder schwamm nackt im See, (und) bumsen war leichter als Frühstück zu bekommen - Andrew Kopkind über das Woodstock-Festival.
Mochten die Avantgarden auf beiden Seiten des Atlantiks untergehen; mochten extreme Gruppen sich in Gewalt verrennen und Banken überfallen wie Bonnie und Clyde (in Arthur Penns Kultfilm von 1967): die Jugendbewegung kam als Massenphänomen nun erst richtig in Schwung.
400 000 junge Leute (niemand hat sie genau zählen können) pilgerten im August 1969 zum Woodstock-Festival in die grünen Catskill-Hügel, 150 Kilometer nordwestlich von New York City. Mehr als 100 000 blieben auf den verstopften Zufahrtsstraßen liegen. Es war, auf dem zertrampelten Land einer Farm, eine der sonderbarsten Menschenansammlungen der Geschichte.
Dort fanden die Zeitbeobachter keine politische, gar revolutionäre Massenbewegung - auch wenn Jimi Hendrix die US-Nationalhymne auf seiner Gitarre ins Dämonische verzerrte; auch wenn es dem Selbstbewußtsein der jungen Leute guttat, sich für potentielle Umstürzler zu halten. Was sich auf dem Festival darstellte und feierte, das nannte der Journalist Andrew Kopkind eine "Kultur in Opposition" - nicht von Che und Mao inspiriert, sondern vom dionysisch berauschten Geist der Beat-Poeten und Rocksänger.
Die "Woodstock-Nation" (Abbie Hoffman) wollte vor allem der puritanischen Moral den Todeskuß geben, um anders zu leben und zu lieben als ihre Eltern. Sie stand gegen den Krieg und gegen die wehrhaft-kurzgeschorene Ledernacken-Männlichkeit. Sie verschmähte die Hund-frißt-Hund-Regeln der Wettbewerbsgesellschaft. Und auch wenn sie durch ihre Masse das Festivalgelände erst einmal verwüstete, entwickelte die Woodstock-Nation ein neues, ökologisches Bewußtsein, das ein Ende machen will mit dem Vergewaltigen und Ausschlachten der Natur.
Dies bedenkend, hat Abbie Hoffman, der Yippie-Häuptling, beim Anblick der ungeheuren Menge junger Menschen auf dem breiten Abhang vor der Festival-Konzertbühne eine Vision: Wenn es gelänge, die Mehrheit der jungen Generation mit ihren kopfstarken Babyboom-Jahrgängen in dieser neuen Woodstock-Nation zu vereinigen; und wenn diese Nation ihre Ideale in ihrem Leben und in der Politik tatsächlich praktizierte - könnte sie dann den ersehnten Wandel der Gesellschaft nicht aus eigener Kraft durchsetzen? Wenn so viele Menschen ihr persönliches Verhalten verändern, verändert sich dann nicht auch die Wirklichkeit?
Entzückt (und nicht ganz ohne Drogeneinfluß) sah Abbie Hoffman vor sich, wie seine neue Nation-in-der-Nation durch ihre Zahl und Überzeugungskraft anschwillt, bis sie die Altnation aufgeschluckt hat. Wäre das nicht auch eine Revolution - die gründlichste und unblutigste, die sich denken läßt?
Der Traum, auch er, blieb unerfüllt - und wirkte gleichwohl weiter. Doch wenn die 68er die Gesellschaft - oder auch nur ihre Universitäten - verändern wollten, dann mußten sie sich überall auf den ernüchternden Prozeß einlassen, den Todd Gitlin so umschreibt: "Aus flammenden Hoffnungen wurden unerregende Reformen und kulturelle Klimaverschiebungen."
* Todd Gitlin: "The Sixties - Years of Hope, Days of Rage". Bantam Books, New York; 516 Seiten; 19,95 Dollar.
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 16/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Träume im Kopf, Sturm auf den Straßen“

  • 1,9 Millionen Euro pro Dosis: Teuerste Arznei der Welt zugelassen
  • Aggressionsforschung: Wie entsteht Gewalt?
  • FPÖ-regierte Stadt Wels: "Von der FPÖ bin ich nicht enttäuscht, wieso?"
  • Webvideos der Woche: Gleich geht die Welt unter...