13.06.1988

„Gott hat uns sein Antlitz zugewandt“

Rußlands christliche Kirche feiert mit Gepränge ihr 1000jähriges Bestehen, die atheistische Staatspartei feiert mit. Kommunisten raten zur Bibel-Lektüre, erklären Gläubige zu guten Patrioten, der Patriarch betet für Gorbatschows Perestroika. Läßt die KPdSU nach 70 Jahren Kirchenverfolgung nun eine religiöse Renaissance zu? *
Alle Götzenbilder wurden verbrannt, die Menschenopfer verboten, das Volk wandte sich den Lehren und Gebräuchen des übrigen Europa zu - vor 1000 Jahren.
Die heidnischen Einwohner von Kiew, heute Hauptstadt der Ukraine, wateten auf Befehl ihres Herrschers bis zum Hals in den Dnjepr-Fluß und kamen als Christen wieder heraus. "Nur der Teufel stöhnte", berichtet die Nestor-Chronik: "Weh mir, daß ich von hier verjagt worden bin ... Ich erfreute mich der Verehrung, die mir die Menschen darbrachten."
Dieser Freude wurde er viel später wieder teilhaftig, als die gottlosen Kommunisten kamen - so sehen es die Gläubigen der Sowjet-Union, die vorigen Sonntag das "Millennium der Taufe Rußlands" feierten. Dazu begab sich ein Wunder: Mit ihnen feierte der Teufel, die atheistische Staatspartei.
Das Datum der Massentaufe im Jahre 988 ist nicht gesichert, wahrscheinlich fand sie zu Pfingsten statt. Nicht Rußland, das es damals noch gar nicht gab, hatte sich zum Christentum bekehrt, sondern ein Verband ostslawischer Stämme namens "Rus" im Gebiet der heutigen Ukraine, auf Geheiß seines normannischen Großfürsten Wladimir; eine Ortschaft Moskau existierte noch nicht.
Die Kommunisten beteiligen sich an dem Jubelfest, ihr Staatsfernsehen überträgt seit Neujahr erstmals Gottesdienste - aus der Moskauer Patriarchatskirche und dem Danilow-Kloster, dazu einen Festakt im Moskauer Bolschoi-Theater. Wie aus schlechtem Gewissen hat die Partei, deren Mitglieder laut Statut gottlos sein müssen und im Fall einer kirchlichen Trauung ausgeschlossen werden, allerlei Geburtstagsgeschenke überreicht:
18 Kirchen werden dieses Jahr wieder geöffnet, drei Klöster zurückgegeben, dazu Reliquien aus dem Kreml-Museum: die rechte Hand des Heiligen Andreas und ein angeblicher Splitter vom Kreuz Christi. Es gab die Druckgenehmigung für 100 000 Bibeln und die Importlizenz für weitere 150 000 (Schwarzmarktpreis einer Bibel: ein halber Monatslohn).
Patriarch Pimen, Oberhaupt der orthodoxen ("rechtgläubigen") Kirche Rußlands, empfing - wie die Autofabrik Togliatti - den Orden "Rotes Banner der Arbeit". Die Partei kapituliert vor dem Gütesiegel "Tausend Jahre" - und der Überlebenskraft einer Institution, deren Ausrottung sie sich vor 70 Jahren geschworen hatte.
Von den 48 000 Kirchen, die sie bei ihrem Machtantritt vorfand, ließ sie 85 Prozent zu Speichern, Garagen oder gar zu einem "Museum des Atheismus" umfunktionieren - wie die prächtige Kasan-Kathedrale in Leningrad, in der ein Panoptikum einen Folterkeller der Inquisition vorführt und ein Schaukasten den früheren Berliner Bischof Dibelius als "Atomprediger" definiert.
Viele der über 1000 Klöster wurden zu "Konzentrationslagern" (Lenin) umgewandelt; unter Stalin waren noch 104 Klöster in Betrieb, heute sind es 20.
Rund 50 000 Priester, Mönche, Nonnen wurden von den Bolschewiki umgebracht.
Noch gilt ein Gesetz von 1929, das der Kirche jede karitative Tätigkeit und jede Art von Religionsunterricht verbietet (während die antireligiöse Propaganda von der Verfassung geschützt wird). Im Strafgesetzbuch steht das Delikt Religiöse Gruppenbildung zwischen den Tatbeständen des Unterhalts von Spelunken und der Verbreitung von Pornographie. "Durch die drakonische Kultgesetzgebung seit 1929 sind uns Hände und Füße gebunden", schrieb 1987 ein Priester - immerhin in der sibirischen Parteizeitung "Prawda wostoka".
Noch heute darf kein Christ als Lehrer tätig sein; Berufe, die nur ein Parteimitglied ausüben kann, sind den Gläubigen ohnehin verschlossen; auf eine Universität gelangen sie nur mit Schwierigkeiten. Gymnasiasten, die sich taufen lassen, werden von der Schule gewiesen.
Weiterhin unterbinden Lokalbehörden Gottesdienste, die sich, etwa an Ostern, zu Massendemonstrationen ausweiten könnten - auch wenn nicht mehr Jungkommunisten den Gottesdienst mit Transistorgeräten stören oder jugendliche Besucher verprügeln.
Sterbenden in Krankenhäusern und Altersheimen darf kein Priester beistehen. Voriges Jahr betonte die "Komsomolskaja prawda" den "grundsätzlich reaktionären Charakter" der Religionen; sie warnte vor dem "Schüren religiöser Gefühle" im Gefolge der Jahrtausendfeier, das sei "besonders gefährlich".
Nun aber, mitten in den ernstesten Anfechtungen der zur "Perestroika" verdammten Partei, scheint ihr Generalsekretär die Hand zur Versöhnung auszustrecken. Wie viele Gläubige die Kirche zählt, ist ungewiß, da seit 1918 niemand Gläubige registrieren darf (woran sich allerdings die Partei nicht hält). Laut Moskauer Atheisten-Organ "Wissenschaft und Religion" gab es 1986 kaum halb so viel orthodoxe Gemeinden wie 1961 unter Chruschtschow, der sich den Parteikonservativen als Christenverfolger empfohlen hatte: Knapp 7000 Gemeinden sind jetzt zugelassen, und wohl ebenso viele Kirchen.
Allerdings: Die Zahl der Täuflinge im Schulalter hat sich vervierfacht, die Erwachsenentaufen sind in den letzten 15 Jahren mit 51 684 Bekehrten um mehr als das Doppelte gestiegen. Der Grund: Gemäß Anschlag an den Kirchentüren werden nicht mehr Namen und Adresse der Täuflinge festgehalten. So zählt denn die Agentur "Nowosti" für die letzten 17 Jahre immerhin 30 Millionen Taufen.
Und 1,1 Millionen Sowjet-Bürger ließen sich 1986 christlich beerdigen, das waren 40 Prozent aller Verstorbenen der UdSSR.
Priestermönch Innokenti schätzte in der Moskauer Fachzeitschrift "Soziologische Untersuchungen", die ihn mit Brustkreuz konterfeite, die Zahl der Russisch-Orthodoxen auf 20 Prozent aller Einwohner, das wären 56 Millionen. Konstantin Chartschew, Vorsitzender der Aufsichtsbehörde "Rat für religiöse Angelegenheiten", nennt insgesamt 70 Millionen Gläubige in der UdSSR - ein Mehrfaches jener 19 Millionen, die der herrschenden KPdSU zugehören. Und das nach 70 Jahren Verfolgung.
Innokenti berichtete, was Augenzeugen bestätigen: Die Gemeinden werden kleiner und aktiver, die Gläubigen sind jünger und besser ausgebildet als früher. Sie praktizieren ein Christentum, das, anders als im Westen, ein echter Volksglaube ist: das Bewußtsein der Erniedrigten und Beleidigten im Sowjetland, auch ihr Opium im Marxschen Sinn - der "Seufzer der bedrängten Kreatur".
Die Partei kann nicht bieten, was sich in den Kirchen finden läßt: die Geborgenheit einer Gemeinde etwa, die sich der Ärmsten annimmt. Vor dem Gotteshaus darf man betteln, um Kopeken und gegen die Zusage, für einen fremden Hilfsbedürftigen zu beten: "Für den kleinen Sascha, der krank ist."
In einer gefühllosen Welt mit zerfallenden Ehen und der Einsamkeit trister Wohnquartiere predigt die Kirche verlorengegangene Werte wie Barmherzigkeit, Opfer, Vertrauen. Selbst das Parteiorgan "Prawda" ortete jüngst ("Der Atheismus und die Seelenkultur des Sozialismus") ungestillte metaphysische Bedürfnisse.
Weithin noch vom Leben auf dem Land bestimmt, wünschen sich die Sowjet-Menschen tradierte Regeln und Bräuche. Radio Moskau berichtete am vorigen Jahresende über Weihnachtsvorbereitungen in der DDR - ein Fest, welches die Familie festige, "etwas, was wir jetzt bitter nötig haben".
Spontan legen Neuvermählte nach der Registrierung im Standesamt, zu der eine Schallplatte gespielt wird (etwa "Marsch der Luftwaffe"), ihren Hochzeitsstrauß am nächsten Kriegerdenkmal
nieder; die Taxe dorthin trägt am Kühler Teddybär oder Puppe als Symbol des Wunschkinds - aber was ist das schon gegen eine kirchliche Trauung mit Chor und Hochzeitskrone, Preis 30 Rubel?
In einer nationalen Katastrophe wie dem Afghanistan-Krieg oder Tschernobyl schweigt die Partei, aber der Pope tröstet. In der unheimlichen, unsichtbaren Atomgefahr gedachten die Gläubigen einer dunklen Stelle aus der Offenbarung des Johannes, wonach das Wermutgras (ukrainisch: Tschernobyl) die Endzeit ankündigt. Da konvertierte auch die "Prawda": "Gott ist in dem, der den Reaktor löschte", stand im Parteiorgan.
Seit der Massentaufe im Dnjepr hat sich allerlei Aberglaube erhalten - Ikonen werden als personifizierte Heilige verehrt, mit denen man spricht und zankt und die man anbetet. An einem Tag im Januar segnen Priester heimlich die Flüsse. Geweihtes Wasser gilt als Medizin, selbst das Auto läßt sich damit unheilvorbeugend besprenkeln.
Der altslawische Kult der Mutter Erde, Wohnung der Toten, währt weiter selbst in der Sowjetideologie. An den Heldengedenkstätten legen Besucher Münzen nieder, wohl zur Wegzehrung im Jenseits. Zu Ostern hält die ganze Familie auf dem Friedhof Zwiesprache mit verstorbenen Verwandten, ißt und trinkt mit ihnen: ein Ei, ein Gläschen Wodka aufs Grab.
Nach einer vermuteten Marienerscheinung am Tschernobyl-Jahrestag 1987 pilgerten Zehntausende Ukrainer ins Dorf Hruschiw. Diese finstere, aber nicht besiegbare Glaubenstiefe war es, welche die Kommunisten bislang für hinderlich hielten beim Aufbau einer modernen Gesellschaft.
Die Kirche, die sie drangsalierten, war gewiß ein Hort der Rückständigkeit (auch wenn sich deren traditionelle Staatshörigkeit später für die eigenen Zwecke nutzen ließ). Noch 1986 wandte sich auf einer ökumenischen Konferenz ein Kirchendelegierter aus der UdSSR mit Abscheu von einer evangelischen DDR-Pastorin, die sichtbar schwanger war: Sie habe den Leib Christi geschändet.
Wie rückwärts auch immer gewendet, die Kirche lebt als Alternative zum kommunistischen System wohl gerade wegen der erlittenen Verfolgung und der Versäumnisse der Regierenden.
Selbst Jungkommunisten vom Staatsverband Komsomol hängen sich demonstrativ Kreuzchen um den Hals; häusliche Beton-Einöde oder die Langeweile politischer Schulungen treibt sie in die Märchenwelt der Zwiebelturmkirchen.
Die stundenlange, im Stehen anzuhörende Liturgie der Priester in ihren wechselnden, prächtigen Gewändern erzeugt mit Chorgesang und Weihrauchduft, Kerzenlicht und geküßten Heiligenbildern, Kniefall und Bekreuzigen eine Stimmung, in der sich die Seele, die russische zumal, erhebt. "Alles strahlt Kraft aus und gibt Kraft", frohlockt Tatjana Goritschewa, ehemals Leningrader Dozentin für Marxismus-Leninismus. "In einer Welt, in der man sonst nichts hat, ist der Kirchenraum mit geistlichen Energien angefüllt. Sie sind physisch spürbar."
Diese Erhabenheit war es, die schon dem Großfürsten Wladimir so gut gefallen hatte. Als seine Emissäre (die bei den Nachbarvölkern die Religionen erkunden sollten) in die Hagia Sophia zu Byzanz kamen, berichteten sie: "Wir wußten nicht, ob wir uns im Himmel befanden oder auf Erden ... wir werden diese Schönheit nie vergessen. Ihr Gottesdienst steht über dem aller anderen Völker."
Den Ausschlag gab in Wirklichkeit wohl, daß die Übernahme dieser Weltanschauung samt Dekor die Möglichkeit bot, sich mit einer fortgeschrittenen Großmacht zu verbünden, mit Byzanz, und Zugang zu finden zur Weltkultur: Perestroika vor 1000 Jahren.
Nur so, mit dem Eintritt "in das System der christlichen Staaten Europas", konnte die Kiewer Rus mit den entwickelten Ländern gleichziehen, mit der Übernahme des byzantinischen Wissens "Weltstandard" erreichen - erläuterte jüngst der Physiker und Lenin-Preisträger Boris Rauschenbach.
Für die Kirche, die sich nach Kiews Niedergang und Konstantinopels Eroberung 1453 durch die Türken verselbständigte und nunmehr Moskau als das "dritte Rom" ansah, ernannte Zar Iwan der Schreckliche einen Patriarchen; Zar Peter I. schaffte das Amt ab und unterstellte die Kirche einer Aufsichtsbehörde, dem Oberprokurator - vergleichbar dem Rat für religiöse Angelegenheiten von heute.
Wegen einiger ritueller Banalitäten spalteten sich die "Altgläubigen" von der Amtskirche ab; ihre Gemeinden gibt es heute noch (zu ihnen bekennen sich die Eltern des strengen ZK-Sekretärs Jegor Ligatschow).
Die Orthodoxie, vom Volk getragen, beförderte in der russischen Geschichte die nationale Zusammengehörigkeit. So beschreibt es jetzt der Literaturhistoriker Dmitrij Lichatschow in "Ogonjok": das Christentum als positive Kraft russischer Vergangenheit und Gegenwart, "keine Ideologie", sondern ein moralisches Weltbild. Andere Sowjet-Historiker identifizieren bereits "russisch" mit "orthodox".
Parteitreu widersprach der Geschichtsforscher Platonow, die "Prawda" schob nach: "In unserer Zeit spekulieren die religiösen Organisationen auf die ästhetischen Bedürfnisse und Gefühle der Menschen und versuchen, sie zu überzeugen, daß es ohne Glauben auch keine Moral gibt. Die Kirche idealisiert ihre Rolle im historischen Prozeß und versucht, sich als einzige Bewahrerin der kulturellen Werte darzustellen."
In diesem Historikerstreit zur Tausendjahrfeier ergriff auch Alexander Jakowlew Partei, Gorbatschows engster Verbündeter im Politbüro. Seine Karriere hatte einst wegen seiner mutigen Kritik am russischen Chauvinismus einen Knick erlitten.
Nun erklärte Jakowlew: "Wir müssen jeden Versuch zurückweisen, das Christentum als die ''Mutter'' der russischen Kultur darzustellen." _(Im Moskauer Simonow-Kloster. )
Diesen Versuch hat es schon einmal gegeben, in Stalins schlimmstem Terrorjahr 1937 - der Tyrann suchte Verbündete unter den Russen, er hatte zuvor schon die nationale Geschichtsschreibung rehabilitiert. Damals verkündete ein S. Bachruschin im Fachblatt "Der marxistische Historiker", Großfürst Wladimirs Übertritt zum Christentum sei ein Schritt vorwärts gewesen, "progressiv zu seiner Zeit", der seinem Volk gestattet habe, an der Kultur des mittelalterlichen Europa teilzunehmen und sie sogar zu übertreffen.
Der neue Nationalismus bewährte sich im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen die Deutschen 1941. Die Invasoren öffneten in den eroberten Gebieten die Kirchen, in der West-Ukraine kollaborierte mit ihnen die katholische Kirche (und wurde deshalb 1946 von Stalin aufgelöst). Der orthodoxe Metropolit in Moskau aber trat schon am Tag des deutschen Überfalls auf die Seite des Vaterlandes: Noch ehe sich Stalin zu Hitlers Angriff äußerte, erbat der Kirchenfürst Gottes Segen im Kampf gegen die Faschisten.
Millionen gläubiger Bauernsoldaten fochten und starben gegen die Nazis, Kollekten finanzierten Flugzeugstaffeln und eine Panzerdivision. Nach zwei Jahren Krieg endlich empfing Stalin die Metropoliten, ließ Bischöfe aus den Straflagern holen und sie wieder einen Patriarchen wählen.
Um in einer ernsten Krisensituation mit Millionen seiner Untertanen endlich Frieden zu schließen, empfing auch Michail Gorbatschow, begleitet von seinem Leibphilosophen Professor Iwan Frolow und überall vom Fernsehen gezeigt, am 29. April den Patriarchen Pimen und fünf Metropoliten.
Pimen versprach, für Gorbatschows Perestroika zu beten. Der so Gesegnete sagte zu, "Lenins Prinzipien betreffend Religion, Kirche, Gläubige" wiederherzustellen - ein schwacher Trost, denn Lenin war es, der die Befreiung des Menschen vom "geistigen Joch der Religion" proklamiert und damit angefangen hatte: Er ließ den 1917 gewählten Patriarchen verhaften, das Solowezy-Kloster auf den Inseln im Weißen Meer zum Zentralgefängnis für Priester umwandeln und Kircheneigentum bis hin zu Ornat und Altarkerze konfiszieren.
Ganz im Geist von Lenins Prinzipien rief der Generalsekretär Gorbatschow noch vor anderthalb Jahren im mittelasiatischen Taschkent zum "entschlossenen und erbarmungslosen Kampf" gegen die Religionsausübung auf; da sei das geringste "Auseinanderklaffen zwischen Worten und Taten unerträglich". Vielleicht empörte ihn vor allem der rührige Islam am Ort.
Seinen frommen Besuchern im Kreml sagte er aber auch etwas, das nicht bei Lenin steht: "Die Gläubigen sind sowjetische Bürger, Arbeiter, Patrioten, und sie haben das volle Recht, ihre Überzeugung mit Würde auszudrücken."
Wie wenig ihnen das bisher gelingt, meldet längst die von Glasnost beflügelte Presse. Die Literaturzeitschrift "Nowy mir" nannte die Unmöglichkeit, in der UdSSR eine Bibel zu bekommen, einen "riesigen weißen Flecken in unserer Bildung". Die Schulkinder müßten die amoralischen Liebesabenteuer des Zeus lernen, aber erführen "nichts von den Versuchungen Christi, von seinem Leben
und Tod ... Wie kann man ohne die Bibel überhaupt Dostojewski verstehen?"
Das führende Reform-Organ "Moskauer Nachrichten" ("Moskowskije nowosti") hat den Kampf für die Rechte der Gläubigen aufgenommen. Jahrzehnte weigerten sich die Behörden in der Stadt Kirow, eine zweite Pfarrei zu genehmigen - nach einem Artikel wurde die Erlaubnis erteilt.
In der Stadt Frunse hatte die Stadtverwaltung einen Spitzel im Klerus der Auferstehungskirche placiert, als ob dort eine "feindliche Macht" sei, rügten die "Moskauer Nachrichten": "Wieviel Leid haben all die Informanten und Geheimagenten unserem Vaterland gebracht, wieviel Blut haben sie auf ihr Gewissen geladen."
Die Zeitung enthüllte, wie die Behörden in Klaipeda (Memel) 1956 den Gläubigen erlaubt hatten, selbst eine Kirche zu bauen, doch als sie 1961 fertig war, wurde sie enteignet. Nach der Veröffentlichung bekamen die Christen von Memel ihr als Konzertsaal genutztes Gebäude zurück.
Die "Moskauer Nachrichten" forderten die Rückgabe des Solowezy-Klosters und stellten sich auf die Seite der ukrainischen Marien-Pilger, als die lokalen Behörden mit Gewalt gegen sie vorgingen. Auch das Parteiorgan "Kommunist" nahm im März den Priester Sergej Koschel, 35, gegen den Psychoterror örtlicher Funktionäre in Schutz.
Die "Literaturzeitung" verteidigte Gläubige, denen die Renovierung ihrer Dorfkirche untersagt war. Beistand fand eine Pförtnerin in Minsk ("Habe ich wirklich ein so schreckliches Verbrechen begangen?"), die mit Entlassung bedroht worden war, weil sie sich den Baptisten angeschlossen hatte. In der "Nowy mir" verglich der Schriftsteller Wladimir Solouchin den staatlichen Atheismus, der das Volk am freien Bekenntnis zum Glauben seiner Väter hindert, mit einer Fremdherrschaft.
Rußlands Literaten schätzen wieder Religiöses. In Walentin Rasputins "Abschied von Matjora", von Elem Klimow verfilmt, halten die von einem Staudammbau bedrohten Bauern ihre Ikonen fest; im jüngsten Roman des bekanntesten sowjetischen Gegenwartsschriftstellers Tschingis Aitmatow ist ein Priester die Hauptfigur. Der Anti-Stalin-Film "Die Reue" endet mit einem Gang in einen Gottesdienst.
Ein Dokumentarfilm ("Tempel"), der die Zerstörung der Kirchen vorführt, war nur für den Export gedacht; das Massenblatt "Sowjet-Rußland" forderte, ihn auch daheim zu zeigen. Das Fernsehen brachte eine Reportage aus einem Nonnenkloster, ohne Häme. Die Moskauer Frühlings-Kunstausstellung zeigt viele Bilder mit religiösen Themen.
Die Funktionäre folgen dem Trend. Jurij Aslanow, Beamter des berüchtigten Rats für religiöse Angelegenheiten, erklärte Gläubige zu "guten Patrioten", deren Gesinnung oft der von Atheisten überlegen sei. Der lettische Parteichef Boris Puja, zuvor KGB-Chef seiner Sowjet-Republik, schwärmte: "Jeder kulturell Interessierte muß die Bibel lesen, weil er sonst die europäische Geschichte nicht verstehen kann."
Gorbatschow jedenfalls kennt sie ein bißchen. Wie sein Vorläufer Nikita Chruschtschow hat er manches Bibelwort im Sprachschatz. "Bestimmt hat Gott im Himmel uns nicht die Weisheit vorenthalten, Wege (zueinander) zu finden", sagte er zu US-Journalisten, und im Mai: "Jesus Christus allein kannte Antworten auf alle Fragen und wußte, wie man 20 000 Juden mit fünf Laib Brot ernährt."
Bei der Lösung des Zentralproblems, der Perestroika, ist die Flucht in fromme Sprüche Mode geworden in der UdSSR. "Das ist der Augenblick der Wahrheit in unserer Geschichte", sagt Radomir Bogdanow, Vize-Direktor des Moskauer USA-Instituts, über die Stunde der Reform. "Wir sind jetzt glücklich - Gott selbst hat uns sein Antlitz zugewandt." Bürgerrechtler Josyp Terelja, 44, nutzte den Aufwind für sein Begehren, der Staat solle die von Stalin verbotene Ukrainisch-Katholische Kirche wieder zulassen. Vor seiner Emigration (nach 20 Jahren Haft) drang er damit zweimal bis zum ZK-Sekretär Ligatschow vor.
Terelja legte dem Mächtigen dar, diese Kirche, romtreu mit orthodoxem Ritus, sei nicht verschwunden und auch nicht, wie geplant, in der russisch-orthodoxen Kirche Moskaus aufgegangen, sondern praktiziere mit über vier Millionen Gläubigen, vier Bischöfen, 1000 nebenberuflichen Geistlichen und noch mehr Mönchen im Untergrund - in Privatwohnungen und in den Wäldern.
Altgläubigen-Sohn Ligatschow, allen Wurzeln Rußlands herzlich zugetan, soll dem Dissidenten erwidert haben: "Darum wird also im Westen so viel Geschrei gemacht! Gebt ihnen doch die Kirchen, damit sie beten können!"
Eine amtlich geduldete religiöse Renaissance beim größten christlichen Volk Europas? Die "Prawda" veröffentlichte am 21. Dezember 1987, dem 108. Geburtstag Stalins, einen Aufruf des Erzbischofs Michail von Wologda an die alte Generation, ihre Wertvorstellungen an die jungen Leute weiterzugeben.
Gorbatschows Mutter Marija Pantelejewa soll eine treue Kirchgängerin sein. Gorbatschow selbst erzählte 1984 in England, er habe als Kind eine Kirche besucht, zusammen mit seinen Großeltern, die ihre Ikonen hinter den Bildern von Lenin und Stalin versteckt hätten.
Suzanne Massie, Ostberaterin des US-Präsidenten Ronald Reagan, welche "die Schönheit des alten Rußland" (Untertitel ihres Buches) bewundert, hält den Generalsekretär der KPdSU gar für einen "versteckten Christen".
Einige Götzenbilder hat er ja schon zerschlagen.
Im Moskauer Simonow-Kloster.

DER SPIEGEL 24/1988
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