21.03.1988

SPIEGEL Gespräch„Ein ganzes Volk wird kulturell erledigt“

Der spanische Künstler Cesar Manrique über Massentourismus und die Folgen auf Lanzarote *
SPIEGEL: Cesar, gibt es Dinge in dieser Welt, für die es noch zu kämpfen lohnt?
MANRIQUE: Aber ja. Das Leben ist ein Wunder, das wir genießen sollten. Doch der Mensch ist kein perfektes Wesen, er tut barbarische Dinge, er baut Atombomben, zerstört seine Umwelt, läßt Millionen von Menschen verhungern. Wir müssen versuchen, solche verhängnisvollen Entwicklungen zu korrigieren, deshalb müssen wir kämpfen. Inbesondere Künstler, Menschen von hoher Sensibilität, haben die moralische Verpflichtung, sich immer wieder einzumischen, um das Dasein unserer eigenen Spezies zu verbessern.
SPIEGEL: Sie selbst haben 20 Jahre gekämpft, um die Harmonie und die Schönheit Lanzarotes zu erhalten. Warum drohen Sie jetzt, die Insel zu verlassen?
MANRIQUE: Ich hatte in meinem Optimismus immer geglaubt, die Regierenden, die Politiker auf Lanzarote und in Madrid, besäßen genug Intelligenz, um die Einmaligkeit dieser Vulkaninsel zu erkennen und zu bewahren. Da habe ich mich geirrt. Raffgierige Spekulanten und kurzsichtige Politiker sind dabei, die Insel zu zerstören. Sie haben nichts begriffen, nichts dazugelernt. Sie vernichten ein Kleinod, das der ganzen Menschheit gehört.
SPIEGEL: Werden Sie denn wirklich gehen?
MANRIQUE: Wenn Lanzarote weiter in dem Tempo zerstört wird wie in den letzten drei, vier Jahren, dann verschwinde ich, und mit mir viele Menschen. Wenn die Insel kaputtgeht, gehen auch wir selbst kaputt, unsere Identität, unser Leben, unsere Kultur werden von einer Handvoll geldgieriger Leute vernichtet. Die wollen ganz schnell Millionäre auf unsere Kosten werden. Sie betrügen uns um unsere Arbeit, sie profitieren von unserem Prestige. Es macht mich so wütend! Es könnte wirklich der Tag kommen, an dem ich gehe.
SPIEGEL: Sie haben in einem Manifest bereits beklagt, daß Lanzarote stirbt, daß eine Utopie in Gefahr gerät. Was passiert denn nun tatsächlich?
MANRIQUE: Ja, Lanzarote stirbt, wenn die Entwicklung so weitergeht wie _(Mit Redakteur Peter Bölke, ) _(SPIEGEL-Mitarbeiterin Gudrun Greunke vor ) _(Manriques Haus auf Lanzarote. )
in den vergangenen zwei, drei Jahren. Ich hatte eine Vision, ich habe hier eine Utopie verwirklichen wollen. Die natürliche Schönheit dieser Vulkaninsel sollte eine perfekte Symbiose eingehen mit den Schöpfungen der Menschen, mit der Kunst, mit der Architektur. Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen, sie haben nur das Ziel, ganz schnell reich zu werden. Sie bauen uns hier billige Massenbungalows hin, miese Hotels und Appartementhäuser, deren Wände zum Teil aus Pappe und Draht bestehen. Sie verschandeln die Landschaft, zerstören die Dörfer. Das ist ein Verbrechen, so als ob eine internationale Mafia die Niagarafälle einbetoniert oder das Prado-Museum in Madrid ausplündert.
SPIEGEL: Wer sind denn die Verbrecher, die Geier, die sich auf die Insel stürzen?
MANRIQUE: Das ist eine außergewöhnlich bunte Sammlung von Spitzbuben, Spekulanten aus Spanien, von den Kanarischen Inseln, aus dem Ausland. Doch die Schlimmsten, die letztlich verantwortlich sind für die barbarischen Tourismus-Projekte der jüngsten Zeit, sind einige Lokalpolitiker, Leute in der Regionalregierung von Las Palmas und die Zentralregierung in Madrid.
SPIEGEL: Und die Baugesellschaften, die internationalen Reiseveranstalter, Charterflieger, Hotelbetriebe?
MANRIQUE: Ja, natürlich, die sind mitschuldig. Aber die Übelsten sind eben all jene, die ihnen freie Hand geben. Eine Baugesellschaft kann ihre Bruchbuden oder ihre monströsen Betonklötze eben erst dann an den Strand setzen, wenn irgendein Bürgermeister die Genehmigung erteilt und vielleicht sogar das Land verkauft hat. Die Baulizenz kriegt jeder, der genug Geld mitbringt. Verstehen Sie - die Leute werden gekauft. Die Schönheit und das Kostbare der Insel interessiert da keinen mehr.
SPIEGEL: Gibt es keine Pläne für die geordnete touristische Erschließung der Insel?
MANRIQUE: Pläne, Pläne! Natürlich gibt es Pläne. Aber jeder Ort macht sich seine eigenen, und keiner hält sich an irgendwas.
SPIEGEL: Sanktionen braucht niemand zu fürchten?
MANRIQUE: Nein, Sanktionen gibt es nicht. Für den Süden der Insel zum Beispiel sieht ein Entwicklungsplan vor, daß Häuser zwei, allenfalls drei Stockwerke hoch sein dürften. Inzwischen gibt es schon vier Stockwerke, alles in einer pseudo-modernen Architektur und in lausiger Qualität.
SPIEGEL: Solche scheußlichen Bauten sind sicher nicht nur im Süden zu finden ...
MANRIQUE: ... nein, die finden Sie überall. Sehen Sie sich nur mal an, was inzwischen neben dem Hotel "Los Fariones" in Puerto del Carmen errichtet
wurde. Da steht ein riesiger Betonklotz direkt auf dem Strand. Der sieht nach einem Faschistenbunker aus, wie ihn nicht einmal Hitler erlaubt hätte. Das ist ein richtiges Attentat, und die Attentäter sind skrupellose Geschäftemacher unter unseren Landsleuten.
SPIEGEL: Sie selbst haben beim Bau eines großen Hotels auf Lanzarote mitgewirkt. Das Hotel "Las Salinas" in der Nähe von Arrecife sollte den Küstenstreifen Costa Teguise aufwerten. Haben Sie denn nicht dadurch dazu beigetragen, daß immer mehr Touristen auf die Insel strömen?
MANRIQUE: Daß Sie mich nicht mißverstehen: Ich bin nicht gegen Tourismus. Aber wir müssen überlegen, was wir verkraften können, und darauf achten, wie gebaut wird. Das Hotel "Salinas" ist eine aufgelockerte Anlage mit viel Licht und Grün, mit Wasser und Pflanzen außen wie innen, die sich harmonisch in unsere Landschaft einfügt. Aber Sie werden erschrecken, wenn Sie sich jetzt die Gegend einmal ansehen: Das Hotel "Las Salinas" ist bereits umzingelt von billigen Massenunterkünften. Die Küste ist verdorben. Auch hier sahen die Pläne ursprünglich ganz anders aus.
SPIEGEL: Wie denn?
MANRIQUE: Ein befreundeter Architekt, Fernando Higueras, wollte hier in Zusammenarbeit mit mir eine Modellsiedlung errichten. Das Schmuckstück in der Urbanisation sollte "Las Salinas" sein, umgeben von einem großen Park, an den dann kleine Ferienhäuser in der Art eines Fischerdorfes anschließen sollten. Doch die Firma Explosivos Rio Tinto, die hinter dem ganzen Projekt steht, merkte plötzlich, daß dieses Hotel ungeheuer werbewirksam war und daß aus diesem Küstenstreifen mehr herauszuholen ist. Nun machen die Leute von Rio Tinto - mit Erlaubnis des zuständigen Bürgermeisters - dort mit der Landschaft, was sie wollen. In diesem Gebiet allein, an der Costa Teguise, sollen 60 000 Betten für Touristen geschaffen werden.
SPIEGEL: Lanzarote bietet bis jetzt insgesamt 40 000 Betten. Wieviel hält denn die Insel überhaupt aus?
MANRIQUE: Nicht ein einziges Bett mehr. Lanzarote ist eine kleine Insel, sie bietet weder genug Raum noch die Infrastruktur für solche Expansion. Wir haben nicht genug Wasser, die Telephonverbindungen sind katastrophal, der Flughafen ist zu klein, die Menschen sind von ihrer Ausbildung her gar nicht auf solchen Massenservice vorbereitet. Der Verkehr ist ein Desaster - ein Auto auf zwei Einwohner. Es gibt hier allein 7000 Leihwagen, die in alarmierender Weise die Zahl der tödlichen Unfälle erhöhen. Ausflüge an den Strand werden oft zu einem Abenteuer. Nein, wir wollen nicht ein Ferienbett mehr.
SPIEGEL: Die Behörden hatten aber doch den Plan, bis zum Jahre 2000 auf Lanzarote rund 250 000 Betten mehr zu schaffen. Ist dieser Plan verworfen?
MANRIQUE: Nein, er ist noch immer gültig, auch wenn jetzt nur von einem Zuwachs von 80 000 Betten gesprochen wird.
SPIEGEL: Selbst das wäre ja eine Verdreifachung des bisherigen Angebots.
MANRIQUE: Ein Wahnsinn, ein Verbrechen, eine Katastrophe.
SPIEGEL: Sie haben, wie Sie selbst einmal sagten, schon 40 Hilferufe ausgestoßen. Hört Sie denn keiner?
MANRIQUE: Das ist eine ganz traurige Sache. Ich habe viele Freunde, auch der Ministerpräsident Spaniens und einige seiner Minister zählen dazu. Aber sie tun alle nichts, sie haben kein Interesse, sie glauben nicht an die Kastastrophe von Lanzarote. Die spanische Regierung beteiligt sich sogar an der Ausbeutung der Insel. Nehmen Sie ein Beispiel: Der Flughafen von Arrecife, den ich entworfen habe, war der schönste und zugleich der billigste in Spanien. Dann wurde er erweitert, man hat beim Bau des Gebäudes versucht, mich zu kopieren. Das ist völlig mißlungen, nur inzwischen wurden andere Flughäfen nach meinen ursprünglichen Ideen errichtet. Für Lanzarote tut die Regierung nichts, aber sie stiehlt mir mein geistiges Eigentum. Ich schäme mich für meine eigene Regierung, die einfach blind ist. Von anderen Ländern, insbesondere auch der Bundesrepublik, sowie von internationalen Organisationen wird mir ein Preis nach dem anderen für meine Arbeit auf der Insel verliehen. Von Spanien kommt nichts. Hier gelte ich wohl für viele Politiker als Spinner, als verrückter Künstler, als Extremist oder was weiß ich.
SPIEGEL: Wenn Sie so allein stehen, ist Ihr Kampf dann nicht längst verloren?
MANRIQUE: Die Lage ist sehr ernst, aber der Kampf ist keineswegs verloren. Ich stehe auch nicht mehr allein. Es gibt inzwischen eine Bürgerbewegung zur Verteidigung der kulturellen Werte auf Lanzarote, "El Guincho", die den Spekulanten und den Politikern ein bißchen Angst machen wird.
SPIEGEL: Es sieht so aus, als hätten die Spanier wenig aus den bösen Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Der Tourismus hat ja bereits viele Landschaften verwüstet, etwa die gesamte spanische Mittelmeerküste oder die Balearen. Nun geschieht doch offenbar das gleiche auf Lanzarote?
MANRIQUE: Es war in der Tat überall dasselbe, in Frankreich an der Cote d''Azur, an der italienischen Riviera und ebenso an der Costa del Sol, der Costa Brava oder auf Mallorca. Überall waren die Leute hinter dem schnellen Geld her,
haben Bauspekulanten und Reiseveranstalter mit Millionen von Touristen die Ferienorte überschwemmt und so das ganze Ambiente ruiniert.
SPIEGEL: Und nicht nur das Ambiente - die Einwohner verändern ihre Lebensweise, der Tourismus bringt schließlich viel Geld ins Land.
MANRIQUE: Ja, da entsteht etwas sehr Künstliches. Alle arbeiten nur noch für die Touristen, die Landwirtschaft verkümmert, eine vernünftige Industrie wird nicht entwickelt. So wird ein ganzes Volk kulturell erledigt.
SPIEGEL: Der Massentourismus ist nicht mehr aufzuhalten. Insbesondere die Menschen aus nördlichen Ländern haben immer mehr Zeit und Geld zum Reisen. Wollen Sie ihnen das Recht bestreiten, ihren Urlaub in südlicher Sonne zu verbringen?
MANRIQUE: Aber überhaupt nicht! Der Massentourismus ist phantastisch, natürlich muß jeder sich für seine Ferien den Ort aussuchen dürfen, der ihm gefällt. Aber wenn der Tourismus dazu führt, daß die Umwelt und eine ganze Kultur zerstört wird, dann ist etwas falsch, dann müssen wir umdenken.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor, wie wollen Sie den Widerspruch zwischen einer gigantischen Tourismus-Maschinerie und der gefährdeten Umwelt lösen? Müssen die Gesetze geändert werden?
MANRIQUE: Das Land wird ruiniert, wenn die Gesetze so bleiben, wie sie sind. Wir verschenken unser Vermögen. Wenn ich eine Goldmine hinter meinem Haus habe, dann muß ich sie doch nicht dem erstbesten schenken, der Geld braucht. Das muß ja auch in einer Demokratie nicht so sein.
SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie gesagt haben, eine Diktatur in Spanien könnte die Tourismus-Probleme besser lösen?
MANRIQUE: Ich bin ein entschiedener Gegner von Diktaturen, ein Mensch, der die absolute Freiheit liebt. Aber was sich jetzt in Lanzarote abspielt, hat weder mit Demokratie noch mit Diktatur etwas zu tun - es ist das reine Chaos. Was ich verlange, ist ein intelligentes Konzept, eine Diktatur der Kultur.
SPIEGEL: Wäre denn Massentourismus damit vereinbar?
MANRIQUE: Nicht in der heutigen Form - ohne Planung, ohne Konzept, ohne Rücksichtnahmen. Die häßlichen Massensiedlungen bieten den Touristen in Wahrheit wenig Vergnügen und wenig Erholung. Früher oder später werden deshalb die Menschen solche Feriengebiete meiden. Wir brauchen nicht mehr Touristen, sondern mehr Qualität.
SPIEGEL: Das führt zu höheren Preisen und mit Sicherheit dazu, daß sich nicht alle mehr einen derartigen Urlaub leisten können.
MANRIQUE: Das geht wohl nicht anders. Es wäre sicher ungerecht und unmoralisch, wenn ganz Spanien oder
Frankreich beispielsweise nur noch Tourismus der höchsten Qualität bieten würden. Aber auf einer kleinen Insel wie Lanzarote ist es wie beim Theater: Wenn alle Plätze besetzt sind, gibt es eben keine Karten mehr. Und die Karten sind ohnehin teuer: Ein Ballett mit Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn sehen eben auch nicht alle. Und wer reinkommt, zahlt viel Geld.
SPIEGEL: Die spanische Regierung scheint auch hier ganz anderer Ansicht zu sein als Sie. Madrid will mehr als drei Milliarden Pesetas für Werbekampagnen ausgeben, um noch mehr Touristen ins Land zu holen. Gut 30 Millionen kamen im vergangenen Jahr.
MANRIQUE: Die spanische Regierung - was sind das für Leute, daß sie nicht merken, was sie dem Land antun? Fehlt es ihnen an Intelligenz, an Kultur? Sie haben die Barbarei an der ganzen Mittelmeerküste, auf Mallorca, auf Ibiza erlaubt, und jetzt überlassen sie uns einer touristischen Invasion. Vor ein paar Jahren noch war Lanzarote eine vergessene Insel vor Afrika. Jetzt soll sie zu einer Goldmine für einige wenige werden, die sich die Taschen vollstopfen.
SPIEGEL: Sie selbst haben viel auf Lanzarote und für Lanzarote gearbeitet. Sie haben nicht nur ein Museum und ein Kultur-Zentrum, sondern auch viele Kunstwerke geschaffen, die sich mit der Natur verbinden. Sind Sie reich dabei geworden?
MANRIQUE: Ich ein reicher Mann, ein Millionär? Ja - ein Multi-Millionär an Ideen. Ich habe viel geschaffen für meine Insel, aber ich habe nie auch nur einen Pfennig dafür verlangt oder bekommen. Inzwischen hat die Regierung Millionen eingenommen, weil die Menschen dafür zahlen, meine Werke zu sehen, und weil Lanzarote ein Juwel geworden ist. Aber ich selbst habe davon nicht profitiert; von den Verantwortlichen der Insel bekomme ich nicht mal Glückwünsche zu Weihnachten oder zu Ostern. No, amigos, ich habe an Lanzarote nicht verdient.
SPIEGEL: Sie haben ein prachtvolles Haus ...
MANRIQUE: ...ja, ich will Ihnen mal erzählen, wie das mit meinem Haus war. Ich wollte mir dieses Haus in der Lava bauen und bat einen befreundeten Arzt, mir Gelände zu verkaufen. Er sagte: Junge, nimm, was du willst, es ist sowieso nichts wert. Alle haben damals über mich gelacht, als ich mein Haus in Tahiche mitten in das Lavagestein baute, aber hinterher haben sie gesagt: Cesar, du hast recht gehabt. Und das ganze umliegende Land hat inzwischen einen 40mal höheren Wert. Ich habe Lanzarote aus ganzem Herzen alles gegeben.
SPIEGEL: Die Spekulanten werden es zu würdigen wissen.
MANRIQUE: Na sicher wissen sie es zu würdigen. Sie haben ja schließlich Millionen durch das hohe Ansehen verdient, das die Insel vor ihrer Invasion erreicht hatte. Aber wir werden uns wehren, die Bürger von Lanzarote und ich. Wir haben noch nicht die Hoffnung aufgegeben, wir kämpfen noch, weil wir verhindern möchten, daß Lanzarote von der Spekulation verschlungen wird.
SPIEGEL: Und was sollte Ihrer Ansicht nach mit all den barbarischen Bauten und Siedlungen geschehen, die der Tourismus bereits geschaffen hat - mit dem Bunker in Puerto del Carmen, mit Wolkenkratzern wie in Torremolinos und Benidorm, wie an der Costa Brava, der italienischen Riviera oder der Cote d''Azur?
MANRIQUE: Wenn es nach mir geht: Dynamit, in die Luft sprengen.
SPIEGEL: Cesar Manrique, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(Costa Teguise. ) *KASTEN
Cesar Manrique *
versteht sich nicht nur als Maler und Bildhauer; sein Schaffen gilt eigenen Worten zufolge vor allem der "Symbiose zwischen Kunst und Natur". Der heute 68jährige Spanier hat auf seiner Heimatinsel Lanzarote bereits viele seiner Ideen verwirklicht: Zu seinen Schöpfungen zählen vor allem der Mirador del Rio (ein Aussichtspunkt in einer steilen Felswand über dem Meer), die Jameos del Agua (eine Höhle im Lavagestein mit einem unterirdischen Wasser, gärtnerisch gestalteten Zugängen und einem Auditorium) sowie der Kaktusgarten von Guatiza. Ein altes Castillo hat Manrique zu einem Internationalen Museum für Zeitgenössische Kunst umgebaut, in der Stadt Arrecife hat er ein kulturelles Zentrum geschaffen, an einer Wegkreuzung mitten in der Insellandschaft steht die abstrakte Großplastik "Fruchtbarkeit", die den Bauern Lanzarotes gewidmet ist. Manrique hatte sich nach seinem Studium an der Madrider Hochschule für Schöne Künste der abstrakten Malerei zugewandt. In New York schaffte er 1966 mit seinen Bildern den internationalen Durchbruch. Er hat des öfteren bereits in Deutschland ausgestellt, seit vergangener Woche sind seine Werke in Frankfurt zu sehen. Manrique hat zahlreiche Ehrungen und Preise erhalten, darunter mehrere aus der Bundesrepublik. Seit er 1968 New York verließ und nach Lanzarote zurückkehrte, hat Manrique seinen Ehrgeiz darauf gerichtet, die Vulkaninsel weitgehend in ihrer ursprünglichen Schönheit zu erhalten. Er sieht nun seine Bemühungen gefährdet: Lanzarote - gut 800 Quadratkilometer, rund 60 000 Einwohner - wird zunehmend von Touristen, vor allem deutschen und britischen, überschwemmt. Der kleine Flughafen muß erweitert werden, Strände werden zugebaut, billige Massensiedlungen verschandeln die landschaftlich schönsten Plätze. Der Künstler Cesar Manrique, der den Menschen mit der Natur versöhnen wollte, wurde zum kämpferischen Umweltschützer, der Lanzarote ("meine Geliebte") vor den "Geiern" der internationalen Spekulation retten möchte.
Mit Redakteur Peter Bölke, SPIEGEL-Mitarbeiterin Gudrun Greunke vor Manriques Haus auf Lanzarote. Costa Teguise.
Von P. Bölke und G. Greunke

DER SPIEGEL 12/1988
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