18.04.1988

„Die Schwelle, die alle in Gefahr bringt“

Der amerikanische Arzt Robert Gale zieht die Bilanz seiner Tschernobyl-Mission in Moskau *
Das russische Theaterstück "Der Sarkophag" ist voller Symbolik. Es spielt in einer Spezialklinik für Strahlengeschädigte. Ein Patient heißt "Krolik", Kaninchen, und der russische Zuschauer denkt dabei, wie der deutsche, an "Versuchskaninchen". Drei Praktikantinnen heißen Wera (Glaube), Ljubow (Liebe), Nadeschda (Hoffnung) - und die ist auch vonnöten angesichts der schwerkranken Menschen, die nun eingeliefert werden: Opfer einer "Havarie" im Kernkraftwerk.
Was der Autor, der "Prawda"-Journalist Wladimir Gubarew, einer der ersten vor Ort, im Zeichen von Glasnost dramatisch aufbereitet hat, ist nichts anderes als die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es ist eine einzige Anklage gegen den schlampigen Umgang mit Kernkraft. Eine der Figuren sagt es so: "Ein System hat das Notsystem abgeschaltet: das System der Verantwortungslosigkeit."
Gespielt wurde das Stück, nach dem Urteil der "FAZ" die "bisher umfassendste Berichterstattung über den Reaktorunfall", allerdings nur viermal in Moskau, sonst lediglich in der russischen Provinz. Während es in etlichen Ländern Europas und in Japan auf die Bühne kam, verschwand es in der Sowjet-Union wieder in der Versenkung - Glasnost nicht für alles und jedes.
Das Stück, das nicht Kritik an der Kernkraft, sondern nur die Mängel im Umgang mit ihr thematisiert, hat eine Heldin: die Ärztin Ptizyna, Radiobiologin, Professorin und Leiterin der Strahlenklinik. Sie behandelt die Opfer der Katastrophe und stößt sich daran, daß ein amerikanischer Spezialist für Knochen marktransplantationen namens Kale in ihrem Krankenhaus auftaucht. Die USA, meint sie, könnten medizinisch eher von den Russen lernen.
Die Frau gibt es wirklich. Sie heißt Angelina Guskowa und ist Chefin der hämatologischen Abteilung des für Strahlenschäden zuständigen Krankenhauses "Nummer sechs" in Moskau. Und der unwillkommene Helfer ist auch eine Gestalt aus dem wirklichen Leben: Professor Robert Peter Gale, 43, Leukämie- und Knochenmarkexperte, _(Uraufführung am Lunatscharski-Theater im ) _(zentralrussischen Tambow. )
Arzt und Dozent an der Universität von Kalifornien in Los Angeles.
Die Tschernobyl-Katastrophe hat die beiden Mediziner an den Kranken- und Sterbebetten der Opfer zusammengeführt. Ihm wie ihr sind im Krankenhaus Nummer sechs die Grenzen der Medizin nach einer Nuklearkatastrophe bewußt geworden. Und zumindest der Amerikaner begreift in dieser Situation das enorme, kaum abschätzbare Risiko der Kernkraft - nachzulesen in einem Buch, das Gale, zusammen mit dem Schriftsteller Thomas Hauser, verfaßt hat; es erscheint jetzt, zum zweiten Tschernobyl-Jahrestag, in den USA und auszugsweise als Serie im SPIEGEL (siehe Seite 146). _(Robert Peter Gale/Thomas Hauser: "Final ) _(Warning: The Legacy of Chernobyl". ) _(Warner Books, New York; 240 Seiten; ) _(18,95 Dollar. )
"Final Warning" heißtdas Buch, "letzte Warnung". Es warnt vor der Illusion, daß die in Atomreaktoren entfachte Kernkraft völlig beherrschbar sei - ganz zu schweigen vom unausweichlichen nuklearen Inferno eines Atomkriegs. Gale: "Wenn wir schon Schwierigkeiten haben, 300 Opfern (nach Tschernobyl) zu helfen, dann ist klar, daß jede Reaktion auf einen internationalen Einsatz von Kernwaffen unzureichend sein wird. Wer glaubt, daß im Fall eines Atomkrieges wirkungsvolle Hilfe möglich ist, der irrt."
Gale selbst brachte das medizinische Joint-venture in Moskau zuwege, nachdem die UdSSR ein offizielles Hilfsangebot der US-Regierung abgelehnt hatte. Als Makler wirkte wie in vielen heiklen Ost-West-Geschäften seit dem Ersten Weltkrieg Dr. Armand Hammer, in New York geborener Sohn russischer Einwanderer, gelernte Arzt, gewiefter Händler, Kunstsammler, Multimillionär und mittlerweile 89. Dessen legendäre Sowjet-Kontakte wurzeln, Generationen her, in einer vergleichbaren Situation: 1921, vier Jahre nach der Oktoberrevolution, half er den Bolschewiki bei der Bekämpfung einer Typhusepidemie und lernte Lenin kennen.
65 Jahre später, nach Tschernobyl, verschaffte er dem hilfswilligen Knochenmarkspezialisten Gale Entree bei den Sowjets und finanzierte eine millionenteure Luftbrücke, die Experten aus Kalifornien und Israel sowie technisches Gerät und Medikamente aus 20 Ländern nach Moskau beförderte.
Aller Aufwand, alle Mühe der amerikanischen und russischen Ärzte brachten nur bescheidenen Erfolg. Gale beschreibt, wie beklemmend es war, als ein Patient nach dem anderen starb. Nur 2 von 13, die der mit großen Hoffnungen befrachteten Knochenmarktransplantation unterzogen wurden, überlebten den Eingriff. Dessen Wirksamkeit bei hochgradigen Strahlenschäden wird mittlerweile von internationalen Experten, die kompetente Angelina Guskowa inbegriffen, in Frage gestellt.
Dabei geschah in Tschernobyl nicht das Schlimmste, das sich hätte ereignen können. 31 Menschen insgesamt starben nach der Explosion des Reaktors Nr. 4, die meisten von ihnen Feuerwehrleute, die den Reaktorbrand zu bekämpfen hatten. Von 237 Strahlengeschädigten wurden nach jüngsten sowjetischen Angaben 209 "geheilt", 24 von ihnen sind Invaliden.
30 Kilometer im Umkreis des Unglücksreaktors und darüber hinaus in einigen "schmutzigen Flecken" wurden fast 200 Ortschaften, darunter die Stadt Pripjat, geräumt. 135 000 Menschen wurden umgesiedelt, ganz wenige nur durften bislang zurück.
Nur spärlich läßt Moskau Informationen heraus über die Strahlenbelastung rund um das mit drei Reaktoren wieder arbeitende Kraftwerk, dessen Belegschaft in Slawutitsch, einer 40 Kilometer entfernten, aus dem Boden gestampften Ortschaft, angesiedelt werden soll.
Im Januar war beispielsweise der Zeitung "Sowjetskaja Rossija" zu entnehmen, 365 000 Quadratmeter Boden rund um den in einem "Sarkophag" einzementierten Unglücksreaktor seien zubetoniert, eine halbe Million Kubikmeter radioaktiv verseuchter Erde - das entspricht beinahe der Ladung von 15 000 Bahnwaggons - sei sicher "eingesargt" worden.
Ebenfalls im Januar bezifferte das Politbüro der KPdSU den Schaden des Reaktorunfalls - Energieausfall, Umsiedlungskosten, Entschädigungen - auf nunmehr 8 Milliarden Rubel, etwa 22 Milliarden Mark.
Aber das ist nur die amtliche Schrumpfdarstellung eines Vorgangs, dessen Schadensbilanz noch in Jahrzehnten nicht fertiggestellt sein wird. Denn Tschernobyl hat mehr Radioaktivität freigesetzt als 1945 die Bomben auf Hiroschima und Nagasaki. Der Fallout, der über weite Teile Europas von Finnland bis in die Türkei niederging, garantiert auf lange Zeit böse Folgen. Gale selbst rechnet in den nächsten 50 Jahren mit 50 000 zusätzlichen Krebstoten, etwa je zur Hälfte in der Sowjet-Union und im westlichen Europa.
Für das Jahr nach Tschernobyl rechnete er auch mit einer um 1000 erhöhten Zahl geistig zurückgebliebener Neugeborener, allesamt Kinder von Müttern, die sich am 26. April in einer für den Fötus kritischen Schwangerschaftsphase befanden. Offizielle Stellen der Sowjet-Union haben bisher keine über das normale Ausmaß hinausgehende Zahl von Mißbildungen bei Neugeborenen berichtet. Aber "die genetischen Folgen", weiß Nikolai Botschkow vom Moskauer Institut für medizinische Genetik, "sind langfristig".
Den medizinischen Auswirkungen des radioaktiven Fallouts will Moskau auf der Spur bleiben. Auf 50 Jahre ist eine Langzeitstudie an 600 000 Menschen aus dem Umkreis von Tschernobyl angelegt. Gale und Wissenschaftler seiner Universität sind daran beteiligt.
"Es steht zu befürchten", schreibt Mediziner Gale, "daß der Mensch mit der Atomspaltung die Schwelle überschritten hat, die alle in Gefahr bringt." _(Bei seinem Abflug nach Moskau in Los ) _(Angeles am 1. Mai 1986. )
Uraufführung am Lunatscharski-Theater im zentralrussischen Tambow. Robert Peter Gale/Thomas Hauser: "Final Warning: The Legacy of Chernobyl". Warner Books, New York; 240 Seiten; 18,95 Dollar. Bei seinem Abflug nach Moskau in Los Angeles am 1. Mai 1986.
Von Robert Gale

DER SPIEGEL 16/1988
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