18.04.1988

LATEINLieber tot als blond

Discipulis multarum aetatum maximo labore libri Caesaris de bello Gallico tractandi erant. Hoc nunc facilius fieri potest: illud opus gravissimum ea specie editum est, quae appellatur „Comic“. *
Zornig und verzweifelt schlägt der Konsul mit geballter Faust auf seine goldene Privatschatulle. "Vaap!" hallt es durch das säulenumringte, mit Fackeln erleuchtete Dienstzimmer. Die Kasse ist leer, der Konsul pleite, das Ende seiner Amtszeit droht auch das Ende seiner politischen Karriere zu werden.
Doch der Würdenträger hat einen zündenden Einfall: Warum nicht die erprobte Taktik anwenden, fremde benachbarte Völker zu unterwerfen und ihnen Tribut abzufordern? Begeistert von dem Gedanken an Krieg, schlägt der 41jährige Konsul die linke Faust in die rechte Handfläche und bellt: "Custodes! afferte tabulam totius Galliae."
Zwei behelmte Wächter tun wie geheißen. Sie bringen, begleitet von einem keltischen Priester in langem Gewand und mit wallender Haarpracht, die Landkarte Galliens herbei, entfalten sie, und der Druide, versehen mit einem spitzen Zeigestock, beginnt zu erklären: "Gallia est omnis divisa in partes tres ..."
Dieser wohl bekannteste Anfangssatz eines lateinischen Buches steht in der Sprechblase eines neuen Comics, der Schülern die Lektüre eines Standardwerkes erleichtern soll, durch das Generationen von Latein-Eleven sich haben quälen müssen: Gaius Julius Caesars Bericht über seinen Feldzug gegen die Völker jenseits der Nordgrenzen des römischen Imperiums.
"Frustriert, manchmal bis auf die Knochen", sei er oft aus den Lateinstunden gekommen, in denen "Schüler nach dreijährigem Grammatikpauken ihr Wissen erstmals an einem Prosatext beweisen sollten, an Caesars ''Gallischem Krieg'' eben", sagt der Bielefelder Altphilologe Karl-Heinz Graf von Rothenburg, 54.
Um Lehrern wie Schülern beim Umgang mit dem "schwierigen Schriftsteller Caesar" zu helfen, hat Rothenburg gemeinsam mit dem Graphiker Walter Schmid Caesars Krieg gegen das Volk der Helvetier, die ersten 29 Kapitel der Originalausgabe, neu herausgegeben, textgetreu und mit lustigen Bildern _(C.J. Caesar et Rubricastellanus ) _((Karl-Heinz Graf von Rothenburg) et ) _(Faber (Walter Schmid): "Caesaris ) _(commentarii belli Gallici: Bellum ) _(Helveticum". Spectra-Lehrmittel-Verlag, ) _(Dorsten; 60 Seiten; 19,80 Mark. ) .
Die Idee zum "ersten Comic im lateinischen O-Ton" war Rothenburg bei seiner Übersetzungsarbeit des "anderen gallischen Kriegs" gekommen: Seit nunmehr neun Jahren überträgt er die Version der "Asterix"-Comics aus dem französischen Originaltext ins Lateinische. 18 der bisher 28 erschienenen Asterix-Bände hat Rothenburg in Neu-Latein übersetzt. Das Interesse an dem alternativen Schulbuch ist groß; durchschnittliche Auflage der Latein-Asterixe: 20 000 Exemplare pro Band.
Während die Römer im Comic der gallischen Haudegen "meist durch den Kakao gezogen werden", rückt Rothenburg im Comic-Caesar "die römische Geschichte wieder zurecht".
Anhand von Texten und Rekonstruktionen, etwa aus dem Römisch-Germanischen Museum in Köln, die Rothenburg dem lateinunkundigen Zeichner erklärte, zeichnete Schmid römische Kutschen und keltische Erntemaschinen sowie Schwerter, Schilde, Zaumzeug und Wappen originalgetreu nach.
Weil aber "Caesars Sätze meist zu lang sind, um in den Sprechblasen üblicher Größe Platz zu finden" und Caesar zudem "häufig in der Comic-fremden indirekten Rede schreibt", mußte der Comic-Texter eingreifen.
Der Originaltext Caesars erscheint im Buch in Steilschrift, Rothenburgs kommentierende Zusammenfassung in kursiv. Die klare Trennung ermöglichte dem Altphilologen geschichtskritische Ergänzungen, die im Originaltext fehlen. Mit der Bildersequenz, in welcher der Bürgermeister von Genf dem römischen Imperator einen blonden keltischen Knaben zum Geschenk macht, will Rothenburg beispielsweise auf "Caesars wohl unersättliche Bisexualität" hinweisen.
Die Kursiv-Technik nutzte der Caesar-Bearbeiter überdies "zur Einstreuung von Gags mit aktuellem Bezug". Als Caesar etwa die Hauptstadt verläßt, weiß ganz Rom, wer in dem Einspänner über das Pflaster der Via Flaminia gen Gallien rumpelt: Am Heck prangt der Legionsadler und darunter der Schriftzug "Aviatica Prima" - Air Force One.
Den neuen Rekruten, die sich Caesars Heer anschließen, verspricht eine Werbetafel "im Bundeswehrjargon" (Rothenburg): Du wirst in der neuesten Waffentechnik unterwiesen ("Novissimis armis instrueris"). Andere Propaganda-Schilder zeigen Caesar als Vorläufer von Uncle Sam, der mit ausgestrecktem Zeigefinger fordert: "Caesar vult et te" ("Uncle Sam wants you"). Und auf einer dritten Tafel heißt es "Mortuum esse quam flavum praestat" - lieber tot als blond.
Die Mixtur aus Geschichte und Originaltext, ergänzt durch Schmids witzigen Strich, scheint anzukommen. "Viel lockerer und leichter" sei nun der Lateinunterricht, lobten etwa Schüler eines Gütersloher Gymnasiums, die sich mit ihrem Lehrer für die Lektüre des Comic-Caesars, der im Anhang auch den kompletten Originaltext führt, entschieden hatten.
Überschwenglich, daß er "eigentlich rot werden" müsse (Rothenburg), würdigte auch die Lateinerzunft das bunte Werk. "Geradezu phantastisch" habe "Rubricastellanus mit diesem Buch die Bedürfnisse von Kindern erfüllt, die vornehmlich auf Scherze aus sind, als auch die der Gelehrten, die exakte Wissenschaftlichkeit fordern", befand die Fachzeitschrift "Vita Latina". Nur ein Umstand "bedrückt" den Altphilologen Rothenburg: Er kann mit dem Comic-Caesar (verkaufte Auflage: 11 000) den eigenen Unterricht nicht gestalten. Am Bielefelder Oberstufenkolleg wurde Latein als Wahlfach unlängst gestrichen. Nun gibt er Theologie und hat um seine Versetzung gebeten - an ein altsprachliches Gymnasium.
C.J. Caesar et Rubricastellanus (Karl-Heinz Graf von Rothenburg) et Faber (Walter Schmid): "Caesaris commentarii belli Gallici: Bellum Helveticum". Spectra-Lehrmittel-Verlag, Dorsten; 60 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 16/1988
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