01.08.1988

Alles ruck, zuck

Ein Warnstreik verhinderte die „Tagesschau“. Der Bayerische Rundfunk bewährte sich als Streikbrecher. *
Volker Bräutigam, 47, Personalrat der Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU) beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), wollte die Forderung seiner Gewerkschaft nach kürzerer Arbeitszeit und mehr Planstellen mal mit ein paar Streiks untermauern.
Mit seinen Plänen ging das Hauptvorstandsmitglied der RFFU allerdings "nicht auf dem Markt herum", um ein "gewisses Überraschungsmoment" sicherzustellen: "Wir sagten nicht wann, wir sagten nicht wo."
Am Montag letzter Woche war's dann soweit. Fast unbemerkt schlich der freigestellte "Tagesschau"-Redakteur durchs Funkhaus an der Hamburger Rothenbaumchaussee. Um 14.30 Uhr brachte er die Botenmeisterei zum Stehen, um 15 Uhr verließen die Cutterinnen ihre Schneidetische, um 17.15 Uhr drosselten die Versorgungstechniker die Stromzufuhr und die Klimaanlage.
Richtig bedrohlich wurde es freilich erst am späteren Abend. Zwölf Minuten vor acht legten die Tagesschau-Graphiker den Pinsel aus der Hand, sechs Minuten später verließ die ganze Mannschaft das Studio. Bräutigam: "Es ging alles ruck, zuck." Erstmals seit 35 Jahren Blackout bei der Tagesschau - wenn auch nur 41 Sekunden lang.
Denn nach einer halben Schreckminute und elf Sekunden Umschaltpause saß statt Jan Hofer der schnauzbärtige Moderator Michael Winter vom Bayerischen Rundfunk auf dem Ansagerstuhl. "Freundlich sommerhell gekleidet und nur ganz leicht lispelnd" ("Frankfurter Allgemeine") servierte der Münchner der Republik einen Verschnitt der hauseigenen weißblauen "Rundschau", deren erste Ausgabe täglich um 18.45 Uhr über das Dritte Programm ausgestrahlt wird. Obschon kosmopolitisch ein wenig aufgepeppt, blieb der Freistaat mit seinen Provinzen optisch präsent: Schlußverkauf in Würzburg, "Puma"-Firmenbericht aus dem fränkischen Herzogenaurach, Sturm- und Gewitterschäden am Wochenende in Oberbayern - kein Wort vom Streik.
"Der vielgeschmähte und angeblich so verzopfte Bayerische Rundfunk hat den progressiven Landesanstalten vorgemacht, was flexibler Journalismus ist", lobte die CSU ihren Sender. Die TV-Anstalt in München-Freimann habe binnen 30 Minuten eine Tagesschau "hingezaubert", erläuterte Parteisprecher Godel Rosenberg, die dem Tagewerk von 140 Hamburger Mitarbeitern "qualitativ in nichts nachstand".
Ebenso stolz wie der Hamburger Streikführer Bräutigam ("Die haben nicht geglaubt, daß wir im Fernsehen zulangen") war auch der bayrische Fernsehdirektor Wolf Feller, dessen Haus bisher mehr durch Ausblenden, wie bei der Satiresendung "Scheibenwischer", aufgefallen war: "Hamburg hat nur gesagt: Macht uns 'ne Sendung. Und wir haben gemacht."
Anstaltssprecher Ulrich Paasche rekapitulierte den dramatischen Schlachtverlauf: "Um 19.10 Uhr bekamen wir den ersten Hinweis auf Schwierigkeiten, um 19.30 Uhr wurde es für uns heiß, um 19.40 Uhr wurden die Techniker aus der Kantine geholt, um 19.58 Uhr waren wir sendebereit, um 20 Uhr 30 Sekunden fiel die Entscheidung."
Doch ganz so schnell schießen auch die Bayern nicht. Immerhin war Tagesschau-Chefredakteur Henning Röhl, der den Streik erst zehn Minuten vor Sendebeginn bemerkt haben will, am Freitag vor dem schwarzen Montag zu einem Geheimtreffen mit dem Kollegen Feller in München. "Das hat damit überhaupt nichts zu tun gehabt", beteuert Röhl, und der drohende Streik sei "nur nebenbei auf dem Flur" besprochen worden.
Bei so viel Flüchtigkeit ist dem hanseatischen Besucher natürlich auch entgangen, daß die Bayern schon am Mittwoch zuvor probeweise eine komplette Ersatz-Tagesschau auf Band gelegt hatten. Röhl: "Das ist mir neu."
Die vorübergehende Schirmherrschaft der Bayern ermunterte Staatskanzlei-Chef Edmund Stoiber (CSU) zu dem Vorschlag, die Tagesschau häufiger aus München zu senden. Und der Geschäftsführer
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Friedrich Bohl verlangte, die Nachrichten "im Wechsel reihum" von allen Anstalten senden zu lassen.
Gewerkschafter Bräutigam indes will Bayerns Rolle als Streikbrecher nicht hinnehmen. Wenn sich herausstelle, "daß unsere Streiks von langer Hand unterlaufen werden", will er im RFFU-Vorstand einen länderübergreifenden Solidaritätsbeschluß herbeiführen. Denn: "Wenn die Wunderlampe mal ausgeht, ist das noch lange keine Katastrophe."

DER SPIEGEL 31/1988
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