28.03.1988

TERRORISMUSAparte Behandlung

Wurde der als Startbahn-Attentäter verhaftete Frank Hoffmann von Genossen verpfiffen? *
Der junge Deutsche, der nachts durch die Beursstraat in der Amsterdamer Altstadt bummelte, wurde plötzlich attackiert. Eine Frau riß ihm die Brille herunter und forderte: "25 Gulden, sofort." Das Opfer rannte weg, kam allerdings nicht weit: Uniformierte Polizisten, die ebenso überraschend aufgetaucht waren wie die Angreiferin, spurteten hinterher und hielten den Deutschen fest.
Es war, am Freitag vorletzter Woche, das Ende einer langen Flucht: Der überfallene Bundesbürger, der keine Papiere bei sich hatte und sich zunächst als Nikolaus Lutz ausgab, war Frank Hoffmann aus Mörfelden-Walldorf, gesucht wegen Mordverdachts.
Die Bundesanwaltschaft beschuldigt den ehemaligen Musikstudenten, am 2. November letzten Jahres an der Tötung von zwei Polizisten beteiligt gewesen zu sein. Die Beamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm waren bei einer Demonstration an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens durch Bauchschüsse niedergestreckt worden und kurz darauf verstorben.
Die Festnahme Hoffmanns, versichert die Amsterdamer Polizei, sei "purer Zufall" gewesen. Bei einer Routineüberprüfung des Überfallopfers auf der Polizeiwache Warmoesstraat sei einem Beamten die Ähnlichkeit zwischen Hoffmann und einem deutschen Fahndungsphoto aufgefallen, das er wenige Tage zuvor gesehen habe.
Die deutschen Fahnder hatten nicht so gut aufgepaßt. Im November, der Haftbefehl war bereits erlassen, fuhr Hoffmann in seinem Heimatort noch unbehelligt mit dem Rad spazieren, machte Besuche bei seiner Mutter. Als es im Januar Hinweise gab, der Verdächtige habe in einem besetzten Haus in Frankfurt Zuflucht gefunden, verzögerte sich die angeordnete Durchsuchung um zehn Tage und verlief dann erfolglos. Die Bundesanwaltschaft warf den Beamten des hessischen Landeskriminalamts vor, sie hätten sich nicht rechtzeitig in das Haus "reingetraut".
Auch nach Hoffmanns Verhaftung muß sich die deutsche Justiz noch gedulden. Zwar hat die Bundesanwaltschaft die Auslieferung des Ex-Studenten beantragt.
Doch Hoffmann kann, wenn das Amsterdamer Gericht dem deutschen Ersuchen stattgeben sollte, Berufung bis zum Hoge Raad in Den Haag, dem obersten holländischen Gerichtshof, einlegen - eine Prozedur, die das Auslieferungsverfahren über ein Jahr verzögern kann.
Wer an der Startbahn West geschossen hat, wird womöglich nie aufgeklärt. Zwar wurde die Waffe, eine Neun-Millimeter-Pistole vom Typ "Sig-Sauer", schon wenige Stunden nach der Tat auf der Dachgaube eines Hauses in Frankfurt-Niederrad gefunden, versteckt in einem Rucksack. Auch präsentierte die Polizei gleich einen mutmaßlichen Täter: den Frankfurter Werbegraphiker Andreas Eichler, 33, der den Rucksack besaß und ein Paar Handschuhe, an denen Pulverrückstände festgestellt wurden.
Doch Eichler, nach Einschätzung von Ermittlern ein militanter Autonomer, der "in der revolutionären Szene sehr stark eingebunden" (Bundesanwaltschaft) war, bestritt bei Vernehmungen, die Tat begangen zu haben: "Ich habe nicht geschossen." Statt dessen hat Eichler einen Kampfgefährten, den jetzt in Amsterdam einsitzenden Frank Hoffmann, massiv belastet - eine Rarität in der Geschichte der westdeutschen Links-Guerilla.
Bei den großen RAF-Prozessen in Stammheim etwa, bei denen es fast immer um lebenslange Freiheitsstrafen ging, haben die Angeklagten in der Regel nicht zur Sache ausgesagt und keine Genossen beschuldigt. Versuche von Ermittlern, mit Zusagen auf Strafmilderung die Aussagebereitschaft zu fördern, wurden höhnisch abgelehnt. Befürworter einer Kronzeugen-Regelung werden deshalb häufig mit Hinweis auf die RAF-Erfahrungen zu widerlegen versucht.
Seit den Frankfurter Todesschüssen wird neu nachgedacht. Laut Eichlers Aussage hat Hoffmann ihm den Rucksack mit den verräterischen Handschuhen und der Sig-Sauer-Pistole in die Hände gedrückt, nachdem die tödlichen Schüsse gefallen waren. Sinn der Übergabe-Aktion: Eichler habe die Waffe schnellstens "verschwinden" lassen sollen. Hoffmann, der nach der Bluttat noch eine Woche bei seiner Mutter gewohnt hatte, tauchte nach Eichlers Erzählung unter.
Unabhängig von den Schüssen an der Startbahn, bei denen zwei weitere Polizisten verletzt wurden, werden Eichler und Hoffmann auch beschuldigt, Mitglieder einer terroristischen Vereinigung gewesen zu sein. Zusammen mit Gesinnungsgenossen sollen sie Strommasten umgesägt und Firmen in Brand gesteckt haben, ein Hintergrund, der Eichlers Gesprächigkeit für die ehemaligen Mitkämpfer noch gefährlicher macht. Ende letzten Jahres waren im Rhein-Main-Gebiet gegen elf Terror-Verdächtige Haftbefehle erlassen worden.
Gegenüber Ex-Genossen rechtfertigte sich Eichler aus der Haft heraus mit dem Hinweis, daß "ein toter Polizist politisch der Bewegung nur schadet" und die Schüsse an der Startbahn "nie meine Billigung gefunden" hätten. Auch sei er gerade Vater geworden und könne "aus Verantwortung für meine Verlobte und unser Kind" eine Einlassung zu dem gegen ihn erhobenen Mordvorwurf "nicht aus Kameradschaft umgehen".
Doch die ermittelten Fakten belasten Eichler vorerst schwer. Ausweglos eingekeilt zwischen persönlichen Nöten und der Solidarität zu den Genossen, schnitt sich Eichler Ende Januar in seiner Zelle mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf, wurde jedoch von Justizbeamten vor dem Verbluten gerettet. Dem saloppen Fazit der Bundesanwaltschaft, Eichler habe vielleicht seine Lage "realistisch" (Sprecher Alexander Prechtel) eingeschätzt, ließen Frankfurter Autonome eine Solidaritätsadresse mit offenen Drohungen folgen. "Wir haben niemanden den Bullen ausgeliefert, und wir verlangen das auch von dir", forderten sie bei einer Aktion vor der Untersuchungshaftanstalt Frankfurt-Preungesheim. Per Lautsprecher ließen sie den Inhaftierten wissen, daß "die Schritte, die du jetzt gegangen bist", in die "falsche Richtung" geführt hätten.
Der von Eichler beschuldigte Hoffmann hat unterdessen jegliche Tatbeteiligung bestritten ("Habe nicht das geringste damit zu tun"), zuletzt am Montag vergangener Woche vor dem Untersuchungsrichter in Amsterdam.
Dies bewahrte ihn freilich nicht vor "aparter Behandlung" (der Amsterdamer Polizeisprecher Klaas Wiltig) durch die holländische Polizei. Nach seiner Festnahme wurde Hoffmann laut Wiltig in eine "Isolationszelle" gesperrt, in der es zwar 24 Stunden elektrisches Licht, aber keine Toilette gab.
Ob Hoffmanns Verhaftung tatsächlich bloß ein Zufall war, wie die Holländer behaupten, oder ob der Überfall in der Amsterdamer Altstadt womöglich in Zusammenarbeit mit deutschen Fahndern inszeniert war, ist noch unklar. Holländische Beamte räumten jedenfalls ein, daß es Hinweise auf Hoffmanns Anwesenheit gegeben habe. Und in der zutiefst verunsicherten Frankfurter Autonomen-Szene wird nicht ausgeschlossen, daß der Startbahn-Fighter schlicht verpfiffen wurde.
Für die Ergreifung der Frankfurter Täter hatte die Bundesanwaltschaft 100 000 Mark Belohnung ausgesetzt.

DER SPIEGEL 13/1988
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