01.08.1988

Schwarze Callas auf hoher See

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über die Sängerin Jessye Norman *
Wenn sie da ist, stimmt auf einmal nichts mehr.
Dann stimmt nicht mehr, daß Damen bei ihren Liederabenden gleichsam auf Flügeln des Gesanges einschweben; daß sie ihr Publikum nur mit Ohrwürmern um den kleinen Finger wickeln können; daß, wer Schubert gestalten kann, keinen Blues hinkriegt; daß eine klassische Interpretin nicht auf politische Barrikaden steigt; daß ein Sopran ein Sopran und nur ein Sopran und daß, überhaupt, die Gesangskultur heute total auf dem Hund ist.
Kann man alles vergessen, wenn Jessye Norman, 42, Sängerin aus Augusta im US-Staat Georgia, auftritt.
Was heißt: auftritt? Sie tritt in Erscheinung, rauscht herein in einer Brandung aus Samt und (meist handbemalter) Seide und füllt gleich auf den ersten Anblick jeden Saal - die ganze Frau ein einziger Klangkörper von wahrhaft kolossalen Proportionen.
Selbst wenn sie es für angemessen hielte, könnte die Norman nicht mit damenhafter Grazie zum Steinway gehen und dort wie eine Meißner Porzellan-Puppe Aufstellung nehmen zum verhaltenen Dienst am innigen Lied.
Nein, diese Grande Dame watschelt über das Podium, gewaltig und gewichtig, und ihre Figur schaukelt dabei wie ein Schiff auf hoher See. Und doch hat dieser Wellengang Anmut und die Lady, deren Hüften er in schwerem Rhythmus voranrollt, Stil: Der Kopf mit den prägnanten Backenknochen und dem mal plustrig aufgelösten, mal pfiffig gebündelten Kraushaar ist herrscherlich aufgerichtet, die Augen strahlen voll Charme und Stolz.
So, zugleich imposant und mütterlich wie ein Riesen-Cello aus Fleisch und Blut, inthronisiert sie sich selbst: Jessye Norman, 1,78 Meter, Königin der Nacht. Fünf Minuten lang beklatschten und bejubelten die Londoner im Mai 1984 den Einzug ihrer Majestät, noch bevor diese überhaupt den Mund aufgemacht hatte.
Da steht sie dann, die "schwarze Callas" ("Le Figaro"), die "die Sterne auf die Erde holen kann" ("Frankfurter Rundschau"), "ein Wunder namens Jessye" ("Die Presse"), "eine der größten Sängerinnen aller Zeiten" mit "einer Art Mega-Organ" voll "Tönen, die es eigentlich gar nicht geben kann" ("Die Welt"), und schert sich einen Dreck um alle die Schmankerl und Knallbonbons des Repertoires und um die Kundschaft, die am liebsten nur Ave Marias konsumiert.
Lieder von Ernest Chausson und Henri Duparc, von Alban Berg und Arnold Schönberg mutet sie ihrem Publikum zu, die Nonsens-Minis eines Erik Satie, das Oratorium "Ein Kind unserer Zeit" von Michael Tippett oder Jean Cocteaus "La voix humaine", vertont von Francis Poulenc.
An diesem Samstag wird sie unter der Leitung von Claudio Abbado in der Berliner Waldbühne, also mit open flair, in Gustav Mahlers dritter Symphonie singen, zwei Tage später in der Berliner Philharmonie Schönbergs "Gurre-Lieder", beides nicht gerade bunte Smarties aus der spätromantischen Zuckertüte.
Selbst bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, wo ihr Konterfei auf vielen Taxis klebt und wo sie, wenn auch gewiß ohne Arg und Vorsatz, Karajan schon die Show und die Galas stiehlt, bietet sie, am Klavier von James Levine begleitet, Schubert und Brahms nicht ohne Debussy, als Zugabe vielleicht ein Spiritual, vielleicht aber auch einen Schocker von Pierre Boulez.
Noch immer macht die Norman weitgehend einen Bogen um jene Opernfiguren, die Sänger erst zu Stars und, wenn''s ganz gut geht, zu Primadonnen adeln: die Carmen, die Aida, Puccinis Tosca oder die Wagner-Heroinen Isolde und Brünnhilde.
Statt dessen kapriziert sie sich auf Exotika, auf Joseph Haydns Armida oder Carl Maria von Webers Euryanthe, auf die Jokaste von Igor Strawinski oder die doppelte Dido, von Henry Purcell ("Dido und Aeneas") und von Hector Berlioz ("Die Trojaner") - lauter Stücke, die meist auf Eis liegen, lauter Rollen, auf die keiner setzt und keiner steht.
Was die Herren Kollegen, die Matadore vom Schlage der Domingos und Pavarottis, mit dem Hals voll hohem C betreiben, das schafft die Norman mit einer einzigen ersterbenden Kantilene.
Bei ihr erleben die Zuhörer die schönsten Schauder, wenn ihre Stimme auf der Kippe steht zwischen letztem hörbaren Atemzug und Stille. "Ein Pianissimo ist ein Pianissimo ist ein Pianissimo", sagt sich diese Virtuosin des Leisen und fügt, um sich auch vom letzten Glamour einer Strahlefrau freizusprechen, hinzu: "Ich bin nun mal keine Trompete."
Aber, wenn nötig, hat sie auch das drauf. Mit todsicherer Attacke schafft sie immer noch, ohne schrill zu werden, die brillanten Spitzentöne, hell und stechend wie eine Fanfare unter Hochdruck. Bei Liedern von Mahler oder Richard Strauss, in diesen gleißenden Grauzonen ausgereizter Chromatik zwischen Dur und Moll, malt sie die Texte mit der satten Fülle einer Bratsche und der flexiblen Eleganz einer Klarinette aus. Die Norman, dieses singende Tutti, ist sozusagen ein ganzes Orchester in Person.
47 Minuten lang applaudierten 1985 die Tokioter Stimm-Freaks am Ende ihres Japan-Debüts. Im August 1986, nach einem Liederabend bei den Salzburger Festspielen, wo es die Feinen sonst immer hastig zum Tafeln in den Goldenen Hirschen zieht, standen die Herrschaften sogar 55 Minuten Beifall durch.
Und letzten November, nach einer Soiree in der Hamburger Musikhalle, _(Beim Mandela-Konzert in London. )
"raste, tobte, schrie" das sonst hanseatisch temperierte Publikum derart zügellos, daß dem "Hamburger Abendblatt" angst und bange wurde, es "brächen alle Dämme der Konvention".
Solche Turbulenzen sind nach Norman-Auftritten die Regel und auch nicht weiter verwunderlich. Denn fast im Alleingang hat die polyglotte Diva, live und auf Platten, die alte hohe Schule eines Belcanto wiederbelebt, der diesen Namen verdient.
Perfekt in der Textaussprache und -deutung, denkt sie - Ausnahmefall im Gewerbe - bei jedem Ton mit. In mustergültiger Atemtechnik formt sie scheinbar endlose Legatobögen, bei denen nicht ihr, sondern den Zuhörern die Luft wegbleibt. Sie hat das Zeug zur Furie und zur mondänen Tragödin, sie ist aber auch eine Komödiantin von Format, und ihre Stimme beherrscht alle Register der Erotik.
Ihre Sieglinde in Wagners "Walküre", erst unter Marek Janowski und jetzt unter Levine eingespielt, ist stimmlich die vollkommenste Rollengestaltung seit der legendären Lotte Lehmann. In den "Vier letzten Liedern" von Strauss ist die Norman der Elisabeth Schwarzkopf, bislang der letzten Instanz, wenigstens ebenbürtig. Glanzstücke wie Ravels "Scheherazade" oder "Penelope" von Gabriel Faure versöhnen sogar mit ihren wenigen Entgleisungen ins Geschmacklose, etwa dem Lametta-Werk "Christmestide", wo sich die Norman an einen Schmuse-Chor bettet, als wäre das Jesus-Kind in Las Vegas geboren.
Für den Ausnahmerang ihrer künstlerischen Arbeit liefert die Sängerin selbst einen kokett untertreibenden Befund: "Was ich anzubieten habe, ist eine singende, eine musizierende Stimme."
Die war daheim in Augusta, in der "black bourgeoisie" ("The New York Times") von Neger-Folklore und Gotteslob, früh aufgefallen. Dad, ein Versicherungsagent, diente der örtlichen Baptisten-Gemeinde als Kirchensänger, Mam spielte leidlich Klavier, und alle fünf Kinder taten es beiden nach.
Daß Jessye früher singen als sprechen konnte, dürfte PR-Schwindel sein. Aber bei Schulfeiern war das Goldkehlchen rasch unentbehrlich, und wurde irgendwo in Augusta größer gefeiert oder ein neuer Supermarkt eröffnet, sorgte der Teenager für den guten Ton. Dann folgte an den Hochschulen, was man eine seriöse Ausbildung und, "cum laude", einen glänzenden Abgang nennt.
1968, beim Musikwettbewerb der ARD in München, platzte die 23jährige wie ein dunkler Meteor in den mittelständischen Nachwuchs aus aller Welt. Für eine Elisabeth-Arie aus Wagners "Tannhäuser" erhielt sie den ersten Preis, überschwengliches Expertenlob und einen Dreijahresvertrag an die Deutsche Oper Berlin. Als ihre erste Recital-Platte erschien, prophezeite der Düsseldorfer Stimm-Kritiker Ulrich Schreiber, die Aufnahme werde "wie ein Naturereignis über den Musikmarkt kommen".
So kam, genau genommen, die ganze Norman über den Musikbetrieb. Doch die Emphase der Feuilletons und die Kniefälle des Publikums konnten sie schon damals nicht zu übereilten Schritten verführen, und bis heute macht sie den branchenüblichen Dauerlauf durch die Opern- und Konzerthäuser nicht mit. Altmodischerweise gönnt sie sich regelmäßige Verschnaufpausen und ihrer Stimme Ruhe- und Reifezeit. Höchstens dreimal im Jahr jettet sie - wohnhaft in London - interkontinental.
Erst 1985, längst First Lady des Gesanges, gab sie ihr Debüt an der Wiener Staatsoper, von wo aus die jungen Dinger sonst nicht schnell genug in den Abnutzungsprozeß des Musikunwesens starten. Für Bizets Carmen, eine der heißesten Nummern des Repertoires, ließ sie sich sogar bis letzten Monat Zeit: Erst jetzt sang sie die Oper unter der Leitung von Seiji Ozawa in Paris für Philips auf Platte. Sollte die Gesamtaufnahme so verführerisch klingen wie - Finesse im Detail - jene Warteschleife, die die Norman nach dem Torerolied mit einem gehörigen Schub Sex über dem Wort "l''amour" zog, dann dürften die Bizetomanen aus dem Häuschen geraten.
Längst hat die Norman, dieses Standbild zeitgenössischer Stimmkultur, auch politisches Gewicht. Schon als es in den Sechzigern hoch her ging, war sie unter den Protestlern und nahm in Alabama regelmäßig an Demonstrationen gegen die Rassendiskriminierung teil. Im Oktober 1983 trat sie in New York mit dem indischen Dirigenten Zubin Mehta in einem Anti-Atomwaffen-Konzert auf, und erst vor wenigen Wochen lieferte sie bei der Rock-Nacht für Nelson Mandela im Londoner Wembley-Stadion die Schlußnummer.
Andererseits genießt sie durchaus auch den Rang, den die große Welt ihr einräumt. Obwohl als amerikanische Wählerin mit Haut und Haaren Demokratin, sang sie 1981 zum Einstand des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan im Weißen Haus. Im Jahr 1986, als Britanniens Queen Elizabeth II. sechzig wurde, war Jessye Norman - Her Majesty the Voice - im Royal Opera House Covent Garden prominente Gratulantin. Und bei den 100-Jahr-Feiern für die New Yorker Freiheitsstatue sang sie von Paris aus via TV-Satellit die "Marseillaise" in die Neue Welt.
Solch laute Ehrungen sind die Paukenschläge in der Begleitmusik zu dieser einzigartigen Karriere. Viel angemessener indes wirken die leisen Honneurs, mit denen etwa die Franzosen aufwarten: Sie benannten nach Jessye Norman eine weiße Orchidee.
Beim Mandela-Konzert in London.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 31/1988
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