25.04.1988

Der Robespierre von Bockenheim

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den SDS-Chefideologen Hans-Jürgen Krahl
Listig bemüht sich der Angeklagte, den Belastungszeugen in eine Art Kreuzverhör zu verstricken. Unerläßlich sei es, beharrt der junge Mann, der vor einem Frankfurter Schöffengericht des fortgesetzten Hausfriedensbruchs beschuldigt wird, über die "grundsätzlichen Fragen" zu diskutieren. Allem voran über die "Phänomenologie der Okkupation" und wie der "revolutionäre Kampf" generell auszusehen habe.
Der Angeklagte ist der 26jährige Soziologiestudent Hans-Jürgen Krahl und gilt als Chefideologe des SDS - im Zeugenstand steht der Professor Theodor W. Adorno, eine Lichtgestalt der sogenannten Kritischen Theorie, des Tatverdächtigen renommierter Doktorvater.
Auf den Zuschauerbänken knistert es erwartungsvoll. Immerhin ist es der Hochschullehrer selber gewesen, der nach einer Besetzung seines "Instituts für Sozialforschung" durch rebellierende Studenten die verhaßten "Bullen" rief. Also möchte Krahl, der sich als Rädelsführer zu verantworten hat, den Professor nun stellen - seine vormals politische Leitfigur in eine Auseinandersetzung über die Dialektik von Theorie und Praxis zwingen.
Aber der Zeuge windet sich. Einsilbig gibt Adorno, der Mitbegründer der in Kreisen der Neuen Linken hoch geachteten "Frankfurter Schule", nur Enttäuschendes zu Protokoll. Aus seinen "Denkmodellen", sagt er lapidar, seien die falschen, nämlich "aktionistische Schlüsse" gezogen worden.
Fast schon beiläufig verläppert sich so im Juli 1969 eine Kontroverse, die den SDS-Funktionär mit versteinerten Gesichtszügen zurückläßt. Nicht daß er wieder mal verurteilt wird - im vorliegenden Fall zu drei Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung -, hält er in Anbetracht der "herrschenden Klassenjustiz" für der Rede wert. Was ihm zu schaffen macht, ist, daß sich "Teddy", sein heimliches Alter ego, derart davongestohlen hat.
Doch was soll's: Einer vom Typus Krahls, der sich verbissen "Indianermentalität" bestätigt, kennt keinen Schmerz. Der würgt das runter, indem er sich in seiner Stammkneipe, beim "Nutten-Louis", wasserglasweise Schnaps einflößt und den "Vorgang" rationalisiert: Entschlossen wird "das Frustrationsmoment" in "gesellschaftliche Erfahrung" umgesetzt.
Als Adorno elf Tage nach jener Hauptverhandlung plötzlich stirbt, wirft ihm sein anerkannt talentiertester Schüler in einem schneidenden Nachruf praktisch Versagen vor. Bei allem Erkenntnisvermögen, schreibt der Doktorand, sei sein Lehrherr am Ende unwiderstehlich "in der Ruine" des bürgerlichen Individuums "gebannt" geblieben.
Der frappierende Schnelldenker Hans-Jürgen Krahl in seiner Paraderolle. Nichts mag er mehr, als den schonungslosen Analytiker herauszukehren, der mit Strenge über die Grundsätze "vorrevolutionärer" Verhaltensweisen wacht. Und so wie ihn selbst der Tod seines geistigen Übervaters daran nicht hindern kann, ist er von Anfang an der Mann, der um der geheiligten Theorie willen keine Kompromisse duldet.
Natürlich ist der Berliner Massenmagnet Rudi Dutschke das Herz der Apo, ihr Kopf aber Krahl. Keiner aus der Kerntruppe des SDS beherrscht seinen Hegel, seinen Lukacs oder Marcuse wie er im Schlaf. Keiner erweckt auf Demos oder Teach-ins in jedem einzelnen Teilnehmer derart stark den Eindruck, einer Avantgarde anzugehören, die sich auch und vor allem von der Wissenschaft her voll gerechtfertigt weiß.
Darüber hinaus ist der Sohn kleiner Leute aus "den finstersten Teilen Niedersachsens" (Krahl) das gefürchtete Enfant terrible, das nur selten vor direkter (Klassen-)Feindberührung zurückschreckt. Verängstigten Frankfurter Bürgern gilt der fahle Intellektuelle mit dem erblindeten rechten Auge als das häßliche Gesicht eines sich ausbreitenden Chaotentums.
"Robespierre" schimpfen die ihn, doch das macht ihm nichts. Je stärker die Ablehnung, desto behaglicher fühlt er sich. Offenkundig bedarf es sogar in einer erklärtermaßen antiautoritären Bewegung des Drucks von außen, um davon im Innenverhältnis profitieren zu können. Wo alles die Zerstörung von Hierarchien predigt, gibt sich dieser Kämpfer erst gar nicht die Mühe, über seinen Führungsanspruch hinwegzutäuschen.
"Der Krahl hat gesagt" oder "der Krahl hat das so reflektiert ...": Wo immer er sich in Szene setzt, ist er unter den Seinen die unbedingte Respektsperson; fast ein Guru, der nichts dabei findet, daß er insonderheit von den jüngeren Kommilitonen regelrecht angehimmelt wird.
Und gewiß hängt das auch mit seiner Vita zusammen. Denn als Krahl 1965 nach Frankfurt kommt, ist er gleichsam schon ein gestandener Mann, der die "Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse" hinter sich hat. Anhänger des rechtsradikalen "Ludendorff-Bundes" ist er da bereits gewesen und später - als Schüler in Alfeld/Leine - ein eiferndes Gründungsmitglied der Jungen Union.
In Frankfurt (als Angeklagter im sogenannten Senghor-Prozeß) beschreibt er diese Vergangenheit als leider unumgängliche "Umwege ... in einem unterentwickelten Land". Wenig anderes sei ihm da zunächst ermöglicht worden, als "daß ich begriffliches Denken ... aus der Mystik Meister Eckarts und Roswithas von Gandersheim erfahren habe".
Aber dann, wie in einem Zeitraffer fiebrig voranstürmend, nimmt er binnen kurzem die jeweiligen Erkenntnisstufen. Bloch und Marx und Marcuse, schließlich Che Guevara und Ho Tschi-minh sorgen für eine Metamorphose, wie sie selbst unter den Apo-Stars in solchem Tempo ungewöhnlich ist. Schon 1967, auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS, stellt Krahl in einem mit Dutschke erarbeiteten Referat die "Guerilla-Frage".
Gebündelt werden nun alle Energien, und mit Leidenschaft verfolgt er das Ziel, die "gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen zu zerschlagen". Ein Revolutionsasket ist er dabei freilich nicht, sondern ein Mensch, der sich fast genußvoll aufzehrt, indem er einen ruinösen Lebensstil pflegt.
Ein Dasein, so erinnert sich sein wohl engster Mitstreiter, der Soziologe Detlev Claussen, in einem "permanenten Ausnahmezustand". Krahl denkt und diskutiert und schreibt, während er unentwegt scharfe Spirituosen in sich hineinschüttet. Dennoch bleibt er bis tief in die Nacht eindrucksvoll wach; ständig auf dem Sprung, wenn es denn sein muß, "Äktschn" zu organisieren.
Der Meister in einer seiner Pinten im Frankfurter Universitäts-Stadtteil Bockenheim über das Problem räsonierend, wie sich aus einem "historisch-gesellschaftlichen Selbstbewußtsein" das so sehnlich gewünschte "neue Subjekt" herausbilden läßt: Ruhe und Konzentration sind da geboten, während er doch gleichzeitig darauf besteht, daß die Musikbox hinter ihm in einem fort seinen Lieblingssong dudelt. Der heißt "Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen" und ist von Heintje, den er sehr mag.
In den turbulenten Jahren haust er einem Clochard ähnlich in Studentenheimen oder bei Freunden - Matratze genügt. So nur selten über eine feste Adresse zu verfügen hat den Vorteil, daß er den Ermittlungsbehörden die Suche nach ihm erschwert.
In einer riesigen, blaugrün karierten Stofftasche schleppt er dabei die ganze Habe mit sich herum. Neben den Standardwerken etwa Hegels und Horkheimers sind das vor allem ein altmodischer Pepitaanzug nebst Krawatte sowie in Massen Notizblöcke, in denen er festhält, was ihn täglich bewegt.
Kernstück der Krahlschen Gedankenarbeit ist "die Organisationsfrage" - die Suche nach einem Konzept, wie man revolutionäre Gemeinschaft stiftet. Wie Marx beschäftigt ihn das "künftige Jerusalem" eines "herrschaftsfreien menschlichen Verkehrs" und Miteinanders, obschon er selber zur Vereinzelung neigt. Zuweilen wirkt er mitten im Gespräch wie abgereist; wochenlang taucht er unter, ohne je einen Grund dafür anzugeben.
Und auch politisch bleibt der Studentensprecher, der in der Hochphase des SDS wie kaum ein zweiter Aggressionen auf sich zieht, zumindest janusköpfig. So entschieden er einerseits für "alles Individuelle" anzutreten scheint, ist ihm jedwede Strömung hinreichend verhaßt. "Notfalls mit den Fäusten" droht er Genossen, die bald darauf die Gründung von K-Gruppen ins Auge fassen, Widerstand an.
Hans-Jürgen Krahl - ein Vertreter des "Linksfaschismus"? Nichts hat ihn so getroffen wie jene Definition des Professors Jürgen Habermas, dem er seinerseits vorwirft, ihn nie verstanden zu haben.
Vertraute halten denn auch dagegen, der Ideologe und Agitator sei im Ernstfall eher ein Beschwichtiger gewesen. Schon "Mollies" hätten ihn verstört; ganz zu schweigen von der "Rote Armee Fraktion", deren Vorläufer er konsequent der "politischen Entartung" bezichtigt.
Aber als die RAF richtig losschlägt, lebt er ja nicht mehr. Krahl stirbt im Februar 1970, als ein Auto, in dem er neben dem Fahrer sitzt, in einen Verkehrsunfall verwickelt wird.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 17/1988
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