20.06.1988

FANSZorn und Scham

Wie erwartet, haben die Hooligans zugeschlagen. Doch Ausgangspunkt war die Provokation durch deutsche Krawallmacher. *
In der Seitenhalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs dämmert eine Hundertschaft, eingewickelt in blaue Schlafsäcke oder den Union Jack, dem großen Spiel entgegen. Aus Düsseldorf ist soeben ein Sonderzug mit weiteren Fans von der Insel eingetroffen. Hilflos stehen die unwillkommenen Gäste vor den Schließfächern oder starren auf Stadtpläne, die sie nicht lesen können.
Vor dem Europameisterschaftsspiel England gegen Irland, am vorletzten Sonntag, gleicht McDonald's auf der Königstraße einem irischen Pub. Müde Gestalten in grünen Trikots und mit weißen Schals hocken mundfaul an den Tischen und trinken Bier. Und auf der Grünanlage am Schloßplatz spielen englische und irische Fans Fußball miteinander, argwöhnisch gemustert von schwäbischen Spaziergängern und demonstrativ bewacht von Dutzenden Polizisten.
"Was erwartet ihr von uns?" fragt ein Engländer, "sollen wir uns die Köpfe einschlagen?"
Zwei Tage später, in Düsseldorf, werden die Erwartungen erfüllt. In der Bahnhofshalle treffen 300 bis dahin friedliche Engländer auf rund 150 Deutsche, darunter Schlägertrupps der "Gelsenszene" und der "Borussenfront". Nach wenigen Minuten gleicht das Terrain einem Schlachtfeld.
Eine Panne der Polizei hatte den Krieg der Fans ermöglicht. Die Beamten observierten einen Schnellzug aus dem Ruhrgebiet; den folgenden Sonderzug, der deutsche Fans vom Spiel in Gelsenkirchen in die Landeshauptstadt brachte, hatten sie nicht auf ihrer Liste.
Auf dem Weg in die Altstadt schlagen Deutsche und Engländer dann, einmal in Fahrt, auf alles, was ihnen begegnet. Auf der Karlstraße schmeißen sie als erstes das Schaufenster einer griechischen Bank ein, in der Grupellostraße ist es eine Nachtbar, zwischendurch demolieren sie rund 30 Autos. Drei Stunden braucht die Polizei, um die Situation in den Griff zu bekommen. Dann ist sicher: Die "Invasion of Germany 1988", auf T-Shirts angekündigt, hat stattgefunden.
Aber: Nahezu überall, wo es in der ersten Woche der Europameisterschaft Randale gab, waren deutsche Fans als Provokateure beteiligt. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor wies nicht britischen oder holländischen Hooligans die Schuld zu, sondern "eindeutig deutschen Krawallgruppen", die vor allem aus den Großstädten des Ruhrgebiets stammen.
Die Reaktion ist wie immer, sie schwankt zwischen Empörung und Ohnmacht. Franz Beckenbauer appelliert an die Fans ("Schlagt uns die EM nicht kaputt!"), DFB-Präsident Hermann Neuberger, eine Woche zuvor noch Verfechter des schnellen Knüppelgebrauchs, warnt vor Polizeispielen. Nicht so Achim Rhode, FDP-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag. Er fordert eine Abkehr von der "Softy-Linie".
Derweil veröffentlicht die Düsseldorfer Polizei bedrückende Rekordzahlen: 2300 Beamte beschützten die Stadt, in zwei Tagen wurden mehr als 500 Randalierer vorläufig festgenommen. Die Ratlosigkeit geht durch alle Fraktionen - wieviel Polizei, wieviel Knüppel, wieviel Fanbetreuung braucht eine EM?
Die Strategie der Polizei ist simpel. Sie versucht, die Fans verschiedener Nationen zu trennen. Beispiel Stuttgart: Nach dem Spiel England gegen Irland verlassen die Fangruppen das Neckarstadion in verschiedenen Richtungen. Auf sämtlichen Autobahn-Rastplätzen stehen Polizeiwagen. In Hockenheim etwa wird ein englischer Bus durchgewinkt - Iren haben auf diesem Rasthof Heimrecht.
Die Taktik, so ein Polizeisprecher, "eng bei den Leuten zu bleiben" und "durch Präsenz abzuschrecken", stößt aber an Grenzen, wenn sich die Fans an den spielfreien Tagen in alle Richtungen zerstreuen. So beklagte die Frankfurter Polizei die ersten Wirtshauskeilereien im Vergnügungsviertel Sachsenhausen bereits zwei Tage vor dem letzten Spiel der Engländer gegen die UdSSR.
Nicht immer - wie bei jenem irischen Fan, der in den Main gestürzt und ertrunken ist - sind die Behörden gänzlich unbeteiligt. Nur in zwei der acht EM-Städte wurden offizielle Fan-Campingplätze eingerichtet. "In unserer Rolle als Gastgeberland haben wir versagt", klagt Dieter Bott, Leiter eines privaten Fanprojekts in Frankfurt.
So sah die Frankfurter Polizei "keinen Handlungsbedarf", ein Fan-Zeltlager einzurichten. Erst nachdem die Stuttgarter Kollegen ihr "Euro-Camp" auf den Cannstatter Wasen als "vollen Erfolg" bezeichneten, richteten die Frankfurter Behörden rasch fünf Turnhallen als Fan-Herbergen ein.
Derartige Einrichtungen werden englische Fans, nicht nur aufgrund des vorzeitigen Ausscheidens ihres Teams, in absehbarer Zeit nicht mehr benötigen. Der englische Fußballverband hat seinen Antrag bei der Uefa zurückgenommen, die Vereinsmannschaften wieder zu den Europapokalwettbewerben zuzulassen.
Auf einer Krisensitzung der britischen Regierung unter Vorsitz der Premierministerin Margaret Thatcher wurde vorigen Donnerstag ein Fünf-Punkte-Plan diskutiert. Die eiserne Lady, voll "Zorn und Scham", kündigte dabei nicht nur Reisebeschränkungen für Rowdys, einen kontrollierten Verkauf der Eintrittskarten und ein Alkoholverbot an. Geprüft werde auch, so Innenminister Douglas Hurd, ob die Nationalmannschaft an künftigen internationalen Wettbewerben teilnehmen sollte.

DER SPIEGEL 25/1988
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