29.02.1988

„Was haben wir uns nur angetan?“

Aids - die Entstehungsgeschichte einer Katastrophe (I) / Von Randy Shilts _(1988 by Goldmann Verlag, München. ) *
San Francisco, 29. Juni 1980
Wenn Gaetan Dugas eine Schwulenbar betrat, sah er sich unter den Leuten um, wandte sich seinen Freunden zu und rief: "Ich bin der Schönste." Gewöhnlich mußten seine Freunde ihm recht geben; er war es wirklich.
Jeder fühlte sich zu Gaetan hingezogen. Er verkörperte das Ideal Gleichgesinnter zu dieser Zeit und an diesem Ort. Das sandfarbene Haar fiel ihm knabenhaft in die Stirn. Sein Mund lächelte einladend, und mit seinem Lachen brachte er Farbe in jeden düsteren Raum. Die Amerikaner flogen auf seinen weichen Quebecer Akzent und seine magnetische Sinnlichkeit. Aber nirgends suchte sich der 28jährige Air-Canada-Steward seine Partner lieber aus als in San Francisco.
Der Nebel wehte über die Berge zum Castro-Bezirk herüber und hüllte die Menschen ein, die sich an diesem Wochenende zum Massentreffen der Schwulen und Lesbierinnen versammelt hatten. Gaetan drängte sich mit seinem besten Freund, einem Steward aus Toronto, durch das Gewühl schwitzender Leiber. Sie waren gemeinsam 1978 zur Homosexuellenparade nach San Francisco geflogen, und seitdem war das letzte
Wochenende in jedem Juni für eine Nonstop-Party im Mekka der Homophilen reserviert.
In den Bars und Saunen konnte Gaetan seine unersättliche Begierde mit den schönen kalifornischen Männern ausleben, die er so sehr liebte. Von jedem Streifzug durch die Castro Street kehrte er mit einer Tasche voll Streichholzbriefchen und Papierservietten zurück, auf denen er Adressen und Telephonnummern notiert hatte.
Die Namen seiner leidenschaftlichsten Bewunderer trug er in seinem Notizbuch ein. Aber diese Liebhaber waren für ihn nur flüchtige Abenteuer. Wenige Tage lang waren sie wunderbar und sexy, aber die Erinnerung an sie verblaßte bald. Manchmal blätterte Gaetan in seinem Notizbuch und versuchte sich daran zu erinnern, wer dieser oder jener gewesen war.
Heute war der Tag der Parade. Der Aufmarsch der Homosexuellen hatte in den letzten Jahren gewaltige Ausmaße angenommen. Die "San Francisco Gay Freedom Day Marching Band" intonierte "California Here I Come". Mehr als 30 000 Teilnehmer, aufgeteilt in 240 verschiedene Gruppen, marschierten an etwa 200 000 Zuschauern vorbei. Es war die größte Show, die die Stadt je gesehen hatte.
Homosexuelle Katholiken und Episkopale, Mormonen und Atheisten, die sich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Organisationen zusammengefunden hatten, folgten stolz ihren Bannern. Zu den in Berufsgruppen zusammengeschlossenen Homosexuellen gehörten Rechtsanwälte und Gewerkschaftsfunktionäre, Zahnärzte und Ärzte, Buchhalter und Angestellte der Telephongesellschaft. Andere Kontingente bestanden aus Schwarzen, Lations und Indianern.
Lesbierinnen, die sich als Nonnen verkleidet hatten und sich "Schwestern der ewigen Wollust" nannten, zeigten sich an diesem Tag zum erstenmal der Öffentlichkeit. Schwule Landstreicher aus Phoenix und Denver marschierten hinter homosexuellen Cowboys vom "Reno Gay Rodeo", die auf ihren Pferden die Market Street hinunterritten, die Flaggen von Nevada und Kalifornien schwenkten, aber auch die Regenbogenflagge, das Symbol der Schwulen in Kalifornien.
Radikalen Verfechtern der Liberalisierung der Homosexualität behagte die karnevalistische Umtriebigkeit dieses Aufmarsches nicht. Schließlich sollte nach ihrer Meinung mit dieser Veranstaltung der Unruhen von 1969 gedacht werden, als die New Yorker Polizei Razzia im Homosexuellenlokal "Stonewall Inn" gemacht und die Gäste schikaniert hatte; _(Am 29. Juni 1980 in San Francisco. )
damals entstand die Befreiungsbewegung der Homosexuellen (Gay Liberation Movement), die sich ein besonderes Vergnügen daraus machte, das gutbürgerliche Amerika der siebziger Jahre außer Fassung zu bringen.
Damals zog es die Homosexuellen besonders nach San Francisco. Die Stadt erlebte den stärksten Zustrom seit den Zeiten des Goldrausches. In den Jahren 1969 bis 1973 ließen sich mindestens 9000 homosexuelle Männer in San Francisco nieder, und von 1974 bis 1978 folgten ihnen weitere 20 000. Dann kamen 5000 im Jahr, so daß sich in San Francisco schließlich zwei von fünf erwachsenen Männern offen zur Homosexualität bekannten.
Noch vor wenigen Jahren hatten es die Bewohner der Castro Street nicht durchsetzen können, daß ihre Kanalisation gereinigt wurde. Jetzt aber, 1980, waren die Homosexuellen die wichtigste Wählergruppe in der Stadt. Sie stellten ein Viertel aller Wahlberechtigten. Bill Kraus war jetzt Präsident der mächtigsten Basisorganisation in San Francisco, des "Harvey Milk Gay Democratic Club", benannt nach dem 1978 ermordeten Kreisverwaltungschef Harvey Milk.
In zwei Wochen würde Bill Kraus als Delegierter zum Demokratischen Nationalkonvent nach New York gehen, wo noch 70 weitere homosexuelle Delegierte aus 20 Staaten zu erwarten waren. In San Francisco hatten die Homosexuellen jetzt einen politischen Einfluß, der weit über das hinausging, was sie mit ihren etwa 70 000 Stimmen in einer Stadt mit 650 000 Einwohnern erwarten durften.
Gouverneur Edmund G. Brown jr. hatte in einer öffentlichen Erklärung die Bedeutung der "Freiheitswoche der Homosexuellen" im ganzen Staat anerkannt, und Abgeordnete in der Legislative von Kalifornien ergriffen ebenso wie städtische Beamte auf der Massenversammlung der Homosexuellen das Wort. Den Homosexuellen selbst kam es darauf an, zu zeigen, daß sie öffentliche Anerkennung verdienten.
Bei der Blutbank wußte man zum Beispiel, daß es sich lohnte, mobile Einheiten zum Sammeln von Blutspenden dorthin zu schicken, wo viele Homosexuelle zusammenkamen. Diese Leute waren sich ihrer Bürgerpflichten offenbar durchaus bewußt. 1980 spendeten sie in San Francisco fünf bis sieben Prozent des für Konserven bestimmten Blutes.
Wie viele schwule Aktivisten hatte auch Cleve Jones Vorbehalte gegen den Rummel anläßlich der Schwulenparade. Ihm war klar, daß die Revolution der Homosexuellen bestenfalls die Hälfte ihrer Ziele erreicht hatte. Gewiß, für einen Schwulen, der aus Des Moines geflohen war, bot San Francisco schier unvorstellbare Freiheit. Er wußte aber auch, daß die Möglichkeit, eine Bar für Schwule zu besuchen, noch keine echte Freiheit war. Befand man sich auf dem richtigen Weg?
Während Strategen wie Bill Kraus die Zukunft der Homosexuellen im politischen Engagement zu finden glaubten und Straßenaktivisten wie Cleve Jones begeisterte Reden darüber hielten, widmeten sich die homosexuellen Ärzte anderen
Zukunftsperspektiven. Sie hatten sich am Wochenende der parade zu einer Konferenz zusammengefunden. Wie viele seiner Kollegen machte sich Dr. David Ostrow aus Chicago große Sorgen.
Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten erwies sich als Sisyphusarbeit. Ostrow war Direktor der "Howard Brown Memorial Clinic", die für homosexuelle Männer eine Art Zuflucht war, wenn sie die spöttischen Bemerkungen der Ärzte in anderen Krankenhäusern Chicagos vermeiden wollten.
Erhebungen in Ostrows Klinik hatten gezeigt, daß jeweils einer von zehn Patienten an infektiöser Leberentzündung (Hepatitis B) erkrankt war. Mindestens die Hälfte der in der Klinik untersuchten homosexuellen Männer hatten Laborbefunde, die darauf schließen ließen, daß sie schon einmal mit Hepatitis B infiziert waren.
In San Francisco hatten zwei Drittel der homosexuellen Männer diese an den Körperkräften zehrende Krankheit durchgemacht. Für einen Homosexuellen, der in einer typischen großstädtischen Schwulengegend lebte, war eine Hepatitis-Infektion im Verlauf von fünf Jahren praktisch gar nicht vermeidbar.
Ein weiteres Problem waren Darmkrankheiten wie Amöbiasis und Lambliasis. In New York, wo Dr. Dan William als medizinischer Direktor des "Gay Men''s Health Project" tätig war, litten 30 Prozent der Patienten unter solchen Parasitenplagen. In San Francisco war das "Homosexuellen-Darmsyndrom", wie es in medizinischen Fachzeitschriften genannt wurde, nach 1973 gehäuft aufgetreten - Zunahme: 8000 Prozent.
Die Infektion mit diesen Parasiten war wahrscheinlich die Folge des Analverkehrs, bei dem der Mann mit den Fäkalien seines partners in Berührung kommt. Die Ansteckung ließ sich angesichts der damals üblichen Praxis des "Rimming" nicht vermeiden. In den medizinischen Fachzeitschriften wurde das "Rimming" dezent als eine "Kombination von Oral- und Analverkehr" bezeichnet.
Das Besorgniserregende an dieser Entwicklung war der Umstand, daß sich kaum ein Homosexueller durch diese Infektionswelle beunruhigt fühlte. Seit Dan William bei der Gesundheitsbehörde arbeitete, las er seinen patienten die Leviten wegen der Gefahren nicht behandelter Geschlechtskrankheiten und vor allem wegen so riskanter Praktiken wie "Rimming". Aber es gab "Stammkunden", die sich immer wieder infizierten und nur zu Dan William kamen, um sich durch ein paar Injektionen wieder fit machen zu lassen.
Die Promiskuität gehörte wie selbstverständlich zur Homosexuellenbewegung, und seine guten Ratschläge kamen, wie der Texaner sich auszudrücken beliebte, dem Versuch gleich, gegen den Wind zu pissen. Er riet seinen Patienten, sich doch wenigstens Elizabeth Taylor zum Vorbild zu nehmen und sich in "serieller Monogamie" mit jeweils nur einem Sexpartner zu begnügen. Solche Affären müßten ja nicht ewig dauern, man
wisse aber, in welchem Bett man morgens aufwacht.
Die Befreiungsbewegung der Homosexuellen hatte es mit sich gebracht, daß Dampfbäder und Sexklubs wie Pilze aus der Erde schossen. Vom rein medizinischen Standpunkt waren das gefährliche Brutstätten für alle möglichen Infektionskrankheiten.
Eine Untersuchung in Denver ergab, daß ein Saunabesucher durchschnittlich 2,7 Sexualkontakte in der Nacht hatte und daß jeder dritte damit rechnen mußte, sich mit Tripper oder Syphilis zu infizieren. In Seattle wurde ermittelt, daß 69 Prozent der an Shigellose, einer ruhrähnlichen Infektion, erkrankten Männer ihre Partner in Badehäusern kennengelernt hatten.
Dan William in einem Interview mit dem New Yorker Homosexuellen-Magazin "Christopher Street": "Vor 20 Jahren haben es pro Nacht vielleicht 1000 Männer in den New Yorker Saunen oder Parks sexuell miteinander getrieben. Heute sind es 10 000 oder 20 000 - in den Dampfbädern, den Hinterzimmern der Bars, in den Pornokinos, den Vorortzügen und wo sonst noch. Das Übermaß an Gelegenheiten erzeugt Gefahren für die öffentliche Gesundheit, die mit jedem neuen Dampfbad zunehmen."
Solche Kommentare waren in der Schwulenszene natürlich politisch unerwünscht, und William mußte es sich gefallen lassen, als "Monogamist" angeprangert zu werden. Selbstkritik gehörte nicht zu den Stärken einer gesellschaftlichen Gruppe, die nach Jahrhunderten der Unterdrückung begann, ein neues Selbstbewußtsein zu entwickeln. Was würde geschehen, wenn irgendeine neue ansteckende Krankheit einige Männer dieser promiskuitiven Gemeinschaft befiel?
Leute wie Bill Kraus und Cleve Jones, Dan William und David Ostrow hatten mit der homosexuellen Befreiungsbewegung Triumphe erlebt, wie sie sie niemals zu erhoffen gewagt hatten. Doch die Zukunft würde sie vor Herausforderungen stellen, die jenseits all dessen lagen, was sie jemals gefürchtet hatten. Für sie und für Millionen anderer - und zu ihnen gehörten viele, die glaubten, sie hätten mit dieser Art Leben in San Francisco nichts zu tun - war dies ein Jahr der letzten ungetrübten Erinnerungen.
Die Seuche sollte das Leben vieler Menschen in zwei Abschnitte zerreißen, ähnlich wie ein großer Krieg oder eine Depression einen allgemein anerkannten Bezugspunkt darstellt, an dem sich eine ganze Gesellschaft orientiert: vorher und danach. Vorher, das bedeutete Unschuld und Exzeß, Idealismus und Hybris. Doch vor allem war es eine Zeit, in der man noch nicht an den Tod denken mußte. Aber der Tod drängte sich bereits durch die Menge wie ein rücksichtsloser Tourist, der einen günstigen Platz ergattern will.
In der kühlen Abendbrise lichtete sich die Menschenmenge im Stadtzentrum, aber nun zog es Tausende von Homosexuellen zu den großen Diskoparties, die den Höhepunkt der Feier bildeten. Da gab es die "Heatwave" im Japantown Center, Eintritt 25 Dollar, die "Muscle Beach Party", die tolle "Dreamland Disco" und "Alive", ein fetziges Tanzlokal nur einige Häuserblocks davon entfernt. Am heißesten würde es wohl, das ahnte Gaetan Dugas, bei den 4000 Männern zugehen, die sich im schicken "Galleria Design Center" versammelten. Dort hatte die Party gerade begonnen, als der Steward und sein Freund durch die Tür kamen, alles vibrierte schon im Disko-Rhythmus. Wie auf allen solchen Parties gab es reichlich Kokain und andere Aufputschmittel, "Poppers" genannt.
Hier auf der Tanzfläche fühlte sich Gaetan Dugas ganz in seinem Element. Er zog sein T-Shirt aus und holte mit schnellem, sicherem Griff aus der Tasche seiner Blue jeans ein Fläschchen Nitritlösung zum Inhalieren. Sein gut proportionierter Oberkörper war mit feinen blonden Härchen bedeckt. Er fühlte sich stark und vital.
Er hatte durchaus nicht das Empfinden, an Krebs erkrankt zu sein.
Das hatte ihm vor ein paar Wochen der Arzt eröffnet, der ihm diese Warze aus dem Gesicht geschnitten hatte. Gaetan wollte diesen kleinen purpurfarbenen Knoten nur aus Eitelkeit entfernen lassen, aber der Arzt ließ das Gewebe untersuchen. Der Befund besagte, es handele sich um ein Kaposi-Sarkom, einen ausgefallenen Hautkrebs, der sehr selten vorkomme. Damit war vielleicht auch zu erklären, weshalb seine Lymphknoten schon seit einem Jahr geschwollen waren. Zuerst war Gaetan entsetzt, aber dann tröstete er sich mit der Zuversicht, daß der Krebs zu besiegen sei.
Gaetan spürte die Wirkung der Inhalation im ganzen Körper, ein Hochgefühl, das nicht nur für diese Party reichte. Aber es gab ja noch die Saunabäder. Er kannte sie alle. Die "Club Baths" waren mit Sicherheit gut besucht. Dort trafen sich diese angelsächsischen Männer, die so gut gebaut, so kräftig und so amerikanisch waren. Die "Fantasy Rooms" im "Hothouse" waren faszinierend, aber auch in den "Bulldog Baths" konnte man mit einer aufregenden Party rechnen.
Der Sommer hatte eben begonnen. Das Strandleben auf Fire Island vor New York und die Parties in Los Angeles lagen noch vor ihm.
Später, als die Forscher Gaetan Dugas als den "Patienten Null" bezeichneten, rekonstruierten sie die Reiseroute des Stewards während jenes Sommers und blätterten sein Notizbuch durch, um die bizarren Umstände und die einmalige Rolle zu ergründen, die der gutaussehende junge Mann bei der Verbreitung der Seuche gespielt hatte.
Fire Island, New York, August 1980
Larry Kramer dachte darüber nach, wie seltsam die Stimmung in diesem Sommer war. Die Leute sprachen offenbar nur noch von den Darmparasiten, die ihnen zu schaffen machten. Das Tischgespräch drehte sich immer wieder um die verschiedenen Behandlungsmethoden, mit denen man diese hartnäckigen kleinen Organismen loswerden könnte. Es war so, als belauschte man ein paar ältere Damen,
die sich auf einer schattigen Parkbank in Miami über ihre Arthritis unterhielten.
Am späten Abend besuchte Larry den Eispalast, wo das nie endende Fire-Island-Sommerfest in vollem Gange war. Als er sich zaghaft durch den Eingang drängte, sah er, wie der "Marlboro Man" lässig durch die Disko schlenderte. Der Anblick von Paul Popham, der so gut aussah und so selbstsicher wirkte, beeindruckte Larry so stark, daß ihm der Atem stockte wie jemandem, der zum erstenmal einem leibhaftigen Filmstar begegnet. Überall, wo Paul erschien, gehörte er automatisch zu den am meisten beachteten Leuten. Hier auf der Insel bewohnte er das gleiche Haus wie Enno, Nick und einige andere auffallend schöne Männer.
Larry paßte in diesem Sommer eigentlich nicht hierher. Der schwule Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts hatte ihm einen bösen Blick zugeworfen, als er sich Orangensaft kaufte. "Du versuchst, den Leuten die Insel zu verekeln", sagte er mürrisch. "Warum bist du überhaupt hierher gekommen?" Larry Kramer hatte diese Antipathie einem Buch zu verdanken, das er über das Leben der Homosexuellen in New York und auf dieser Insel geschrieben hatte.
Alles daran, vom Titel "Faggots" (Schwule) bis zu den anschaulichen Schilderungen des Hedonismus längs der Achse Greenwich Village/Cherry Grove, hatte die Empörung der schwulen Kritiker und eben jener Leute ausgelöst, deren Milieu Larry hatte darstellen wollen. Die einzige auf Schwulenliteratur spezialisierte Buchhandlung in Manhattan hatte den Roman aus ihren Regalen verbannt.
In "Faggots" wurde jeder dunkle Winkel der Subkultur ausgeleuchtet, die sich im hitzigen Befreiungsrausch der Homosexuellen entfaltet hatte. Beschrieben wurden die von Drogen aufgepeitschte Euphorie in den Diskos, die nächtlichen Orgien in den piekfeinen Lokalen der Upper East Side und der Faustfick im "Toilet Bowl", einer der vielen Sexbars in Manhattan, wo jede exotische Spielart der Sexualität mit Hingabe praktiziert wurde.
"Warum müssen Schwule so verdammt viel ficken?" hatte Larry geschrieben. "Als hätten wir nichts anderes zu tun ... In unserem Getto tun wir nichts anderes als tanzen, Drogen nehmen und ficken ..." Am Schluß sagt Larrys Romanheld seinem ungetreuen Partner, alles müsse sich ändern, "bevor du dich zu Tode fickst". Das Buch war eine Sensation, aber mit seinem Erscheinen war Larry auf der Insel zur Persona non grata geworden, und so kam er nur noch selten.
Es war schon nach ein Uhr morgens, als er sah, wie Paul Popham einen hübschen Freund auf die Tanzfläche führte. Es war die Zeit, da die Schönen den Eispalast aufsuchten. Das Leben auf dieser langen Sanddüne im Atlantik wurde, wie Larry wußte, von Lüstlingen und Schlemmern des gleichen Schlages beherrscht.
Die Nachmittage verbrachte man am Strand. Es folgte ein leichtes Abendessen und dann vielleicht ein Nickerchen, und bevor man die jeweils beliebteste Disko der Saison aufsuchte, nahm man an irgendeiner ausschweifenden Party teil. Vor zwei Uhr morgens erschien niemand, der etwas auf sich hielt, im Eispalast. Deshalb brauchte man, um wach zu bleiben, irgendeine Droge. War man erst richtig aufgeputscht, hatte man Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Deshalb ging man anschließend zum "Meat Rack", einem Wäldchen, und kam erst nach Hause, wenn die Sonne über den Dünen aufging.
Gelegentlich verglich der Schriftsteller Larry Kramer das Leben der Schwulen in New York mit dem in San Francisco. Die Homosexuellen in New York hatten es nie erreicht, einen solchen Einfluß zu gewinnen und so respektiert zu werden wie die Kalifornier. Es ging ihnen mehr darum, eine bessere Disko einzurichten als eine bessere Gesellschaftsordnung aufzubauen. In New York erschöpfte sich die Homosexualität in der Frage, was man am Wochenende unternahm.
Paul Popham hatte Larry Kramer im Eispalast gesehen und kurz daran gedacht, sich "Faggots" noch einmal vorzunehmen. Er hatte bisher nur 20 oder 30 Seiten gelesen, das Buch aber dann gelangweilt beiseite gelegt. Paul ließ seine Blicke über die Tanzfläche schweifen und sah sich die Creme der New Yorker Schwulengesellschaft an, die gutgebauten, schnurrbärtigen Männer, die so schön waren, daß man fürchten mußte, sie könnten sich in Nebel auflösen, wenn man sie zu intensiv anstarrte.
Paul bedauerte jetzt, daß er seinen Anteil an dem verwahrlosten alten Haus am Ocean Walk nicht besser genutzt hatte. Enno hatte die Wohnung seit Jahren gemietet; Paul war dieses Jahr eingezogen und hatte das Zimmer von Rick Wellikoff, seinem besten Freund, übernommen.
Rick hatte im September erwähnt, daß er hinterm Ohr eine seltsame Schwellung habe. Er hatte damit nicht zum Arzt gehen wollen, aber Paul überredete ihn, den Dermatologen an der Universität aufzusuchen, der ihn selbst wegen einer hartnäckigen Schuppenflechte behandelte. Nun waren Paul und Rick wie vor den Kopf geschlagen, als es hieß, Rick habe Krebs.
Als Rick Wellikoff wegen der Blutuntersuchungen zu Dr. Linda Laubenstein überwiesen wurde, stellte die Ärztin einen unspezifischen Hautausschlag, der auf keine Behandlung ansprach, und vergrößerte Lymphknoten am ganzen Körper fest. Sie vermutete, daß der Patient an Lymphknotenkrebs erkrankt sei. Aber später sagte ihr der Dermatologe, es handele sich um einen Hautkrebs mit der Bezeichnung Kaposi-Sarkom.
"Was zum Teufel ist das?" fragte die Ärztin. Sie brauchte nicht lange, um sich darüber zu informieren, denn die medizinische Fachliteratur zu diesem Thema war nicht sehr umfangreich. Die Krebsart wurde 1871 bei männlichen Bewohnern der Balkan- und Mittelmeerländer entdeckt. In medizinischen Fachbüchern des vergangenen Jahrhunderts sind 500 bis 800 Fälle dokumentiert.
Gewöhnlich waren es Italiener und Juden im fortgeschrittenen Lebensalter, die an diesem Krebs erkrankten. 1914 wurde
das Kaposi-Sarkom, abgekürzt KS, zum erstenmal in Afrika festgestellt. Dort ergaben Untersuchungen, daß es bei den Bantus der am häufigsten auftretende Tumor war. Die Krankheit ließ sich jedoch nur innerhalb bestimmter geographischer Grenzen in der Savanne Zentralafrikas feststellen; die KS-Patienten machten dort zehn Prozent aller Krebsfälle aus. Im Normalfall entwickelte der Erkrankte schmerzlose purpurfarbene Läsionen und starb sehr viel später, und zwar meist an irgend etwas anderem.
Angesichts der Tatsache, daß diese Krebsart so selten vorkam und nun ein junger Mann, der zudem nicht aus einem Mittelmeerland stammte, daran erkrankt war, hielt Dr. Laubenstein es für ratsam, Rick auch weiterhin genau zu beobachten; sie weihte auch andere Ärzte in den Fall ein.
Zwei Wochen später wurde sie von einem Kollegen am New Yorker "Veteran''s Administration Hospital" angerufen. "Sie werden es nicht glauben, aber wir haben hier einen zweiten Fall", sagte der Arzt. Linda Laubenstein fuhr sofort hin. Der Fall dieses Kaposi-Patienten schien ähnlich zu liegen wie der von Rick. Der Patient war 37 Jahre alt, homosexuell, und wie es der Zufall wollte, hatten er und Rick gemeinsame Freunde. Das war unheimlich.
Beide erwähnten den Angestellten einer kanadischen Luftfahrtgesellschaft, der einen ungewöhnlichen Namen hatte; Linda Laubenstein behielt ihn im Gedächtnis. "Gaetan. Sie sollten mit Gaetan sprechen", hatten die ersten beiden homosexuellen Männer in New York, bei denen ein Kaposi-Sarkom festgestellt worden war, der Ärztin gesagt. "Sie sollten mit Gaetan sprechen, er hat auch diesen Ausschlag."
Kopenhagen, September 1980
Keuchend und nach Atem ringend kämpfte der 36jährige Patient in seinem kleinen, sauberen Zimmer im "Rigshospitalet" gegen das Ersticken an. Seine Handflächen hatten sich aus Mangel an Sauerstoff bläulich verfärbt. Auf dem Krankenblatt, das am Fußende seines Bettes hing, wurde seine Krankheit als unspezifisch bezeichnet. Die Mediziner hatten keine befriedigende Diagnose stellen können. Der behandelnde Arzt, Jan Gerstoft, konnte nicht viel mehr tun als zusehen, wie sein Patient starb.
Gerstoft wußte, warum der Mann so verzweifelt um Sauerstoff rang. Mikroskopisch kleine Protozoen hatten sich in den Lungenbläschen des Mannes angesiedelt. Das feuchtwarme, tropische Klima der Lungen bot den "Pneumocystis carinii" offenbar ideale Lebensbedingungen.
Diese Protozoen waren nach dem brasilianischen Wissenschaftler Dr. Carini benannt, der sie 1911 bei Meerschweinchen festgestellt hatte. Drei Jahre später fanden Ärzte am Pasteur-Institut in Paris, daß diese Organismen sich auch in den Lungen ganz gewöhnlicher Ratten aufhielten. 1942 wurden sie in Menschen nachgewiesen: Protozoen gehören zu den Zehntausenden von Mikroben, die überall auf der Erde vorkommen und von einem normal funktionierenden menschlichen Immunsystem ohne weiteres in Schach gehalten werden.
Als die moderne Medizin entdeckte, wie man das Immunsystem ausschalten kann, um zu verhindern, daß der Körper transplantierte Nieren oder Herzen wieder abstößt, flammten sporadisch pneumocystis-Infektionen auf, vor allem in der Lunge. Die Krankheit verschwand jedoch prompt, sobald die Funktionsfähigkeit des Immunsystems wiederhergestellt war.
Dann versteckte sich die Mikrobe wieder irgendwo in den medizinischen Lehrbüchern und wurde dort als einer von vielen tausend bösartigen Mikroorganismen aufgeführt, die das menschliche Leben ständig bedrohen, aber so lange unschädlich im Verborgenen ruhen, bis sich ihnen die Gelegenheit bietet, zu gedeihen und sich zu vermehren.
Die Entwicklung des Menschen zu einer Spezies, die auf verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Klimazonen überleben kann, ist wesentlich seiner Fähigkeit zuzuschreiben, Immunität gegen Krankheiten zu entwickeln. Doch diese im Lauf der Entwicklungsgeschichte erworbene Fähigkeit war dem Mann verlorengegangen, der in den Herbsttagen des Jahres 1980 in Kopenhagen langsam erstickte. Irgend etwas hatte sein Immunsystem derart geschwächt, daß sich die Pneumocystis-Mikrobe in seinen Lungen angesiedelt und stark vermehrt hatte.
Was war mit dem Immunsystem des Mannes geschehen, und wie konnte man ihm helfen? Trotz zahlreicher Tests ließ sich nicht erklären, weshalb sich die Protozoen in den Lungen so stark vermehrt hatten. In seiner Krankengeschichte ließ sich nichts Auffallendes finden.
Er arbeitete als Agraringenieur in der dänischen Milchindustrie. 1979 war er in New York gewesen und hatte an einem Lehrgang über die Handhabung moderner Melkmaschinen teilgenommen. Er war homosexuell, aber in Kopenhagen, einer der Städte, in denen sich Schwule am wohlsten fühlen konnten, war das nichts Ungewöhnliches.
New York City, 31. Oktober 1980
Gespenster huschten durch die Straßen von Greenwich Village, gefolgt von klappernden Skeletten, die in der Halloween-Parade ihren unheimlichen Totentanz aufführten. Der Tag vor Allerheiligen war schon seit Generationen ein besonderer Feiertag für die Homosexuellen. Soziologen erklären das damit, daß sie bei diesen Umzügen Gelegenheit hatten, ihre Identität hinter Masken zu verbergen.
Auf den Maskenbällen und Parties wurde an diesem Abend ausgelassen gefeiert. Im "Flamingo", einem der exklusivsten privaten Klubs, amüsierte sich auch Jack Nau und versuchte, hinter den Masken seine Freunde zu entdecken. Sein Partner Paul Popham war verreist, um so größer war die Versuchung. Ein blonder Mann erwiderte seinen suchenden Blick mit einem gewinnenden Lächeln, und schon bald waren Jack Nau
und Gaetan Dugas zusammen in der Dunkelheit verschwunden.
Stadteinwärts, in der Columbus Avenue, erbrach Nick in dieser Nacht eine klare, gelbliche Flüssigkeit. Am nächsten Morgen stellte ein Neurologe am Gehirn des jungen Mannes drei massive Läsionen fest. Nick wurde auf die Seite gedreht. Auf seinen grauen Augen hatte sich ein milchigweißer Film gebildet, die rechte Gesichtshälfte schien erschlafft. Er hatte hohes Fieber. Die Ärzte sagten, Nick sterbe schon seit einem Jahr im Zeitlupentempo.
Auch Wunderheiler hatten ihm nicht helfen können. Nicks ganzes Skelett schien sich zusammenzurollen. Der Oberkörper war nach vorn gekrümmt, die Schultern waren eingezogen und zusammengerückt - als werde er gezwungen, wieder die Stellung des Embryos im Mutterleib einzunehmen.
Es war wirklich eigenartig, daß zwei so gute Freunde wie Nick und Rick gleichzeitig krank waren. Auch die rasche Verschlechterung des Zustandes von Rick Wellikoff stellte Ärzte wie Freunde vor ein Rätsel. Das Kaposi-Sarkom nahm gewöhnlich einen anderen Verlauf, aber das änderte nichts an der Tatsache, daß Rick im Sterben lag.
Seine Lungen füllten sich mit irgendeiner unbekannten Substanz. Die Ärzte wußten nicht, was es war. Sie konnten die Flüssigkeit mit einem Schlauch abzapfen, den sie in die Brust eingeführt hatten. Aber mehr konnten sie nicht tun.
Los Angeles, November 1980
Endlich ein interessanter Fall. Dr. Michael Gottlieb war nun schon seit vier Monaten Dozent an der Universität von Kalifornien in Los Angeles und hatte noch nichts wirklich Aufregendes erlebt. Unmittelbar nach dem Abschluß seines Studiums in Stanford hatte der 32jährige Immunologe das getan, was ehrgeizige junge Wissenschaftler gewöhnlich tun, wenn sie ihre erste Stelle in einem angesehenen medizinischen Forschungszentrum antreten. Er fing an, mit Mäusen zu arbeiten.
Gottlieb hatte seine eigenen Mäuse aus Stanford mitgebracht und wollte nun feststellen, wie ihr Immunsystem auf radioaktive Bestrahlung reagierte, aber die verdammten Nager starben reihenweise an einer Virusinfektion, die sie sich in Los Angeles zugezogen hatten. Gottlieb war nicht gerade begeistert von dieser Routinearbeit im Labor und bat deshalb seine Kollegen, sich nach einem für ihn interessanten Fall umzusehen. Vielleicht gab es irgendeinen Patienten, dessen Zustand etwas über die Funktionen des Immunsystems verriet.
Es dauerte nicht lange, bis ihm ein Arzt die Krankengeschichte eines jungen Mannes vorlegte, der an einer so schweren Pilzinfektion im Kehlkopf litt, daß er kaum noch atmen konnte. Säuglinge, die mit einer Immunschwäche geboren werden, leiden manchmal an dieser blühenden Candidiasis; sie kommt mitunter auch bei Krebspatienten vor, die eine intensive Chemotherapie durchgemacht haben. Aber bei einem 31jährigen Patienten hatte Dr. Gottlieb so etwas noch nie gesehen.
Die Ärzte untersuchten den jungen Mann, kamen aber zu keinem Ergebnis. Zwei Tage später klagte der Patient, ein Künstler, über Atembeschwerden. Außerdem litt er unter einem leichten Hustenreiz. Um einen bestimmten Verdacht auszuräumen, ersuchte Gottlieb die Pathologen, dem Patienten etwas Lungengewebe zu entnehmen. Das Ergebnis war eine Kombination von Symptomen, wie sie dem jungen Arzt noch nie vorgekommen war. Der Mann hatte eine Pneumocystis-carinii-Infektion.
Gottlieb ging, mit einer Blutprobe im Reagenzglas, zu einem Kollegen ins Labor. Das Spezialgebiet dieses Forschers waren die sogenannten T-Zellen, die kürzlich entdeckten weißen Blutkörperchen, die im Immunsystem des Körpers eine Schlüsselrolle spielen. Gottlieb bat seinen Kollegen, die Zahl der T-Zellen im Blut seines Patienten festzustellen.
Es gibt zwei Arten von T-Lymphozyten, und zwar die T-Helferzellen, welche die spezifischen, alle Infektionen bekämpfenden Zellen aktivieren und ihnen biochemische Instruktionen für die Erzeugung von Antikörpern geben, die dann die in den menschlichen Körper eingedrungenen sorzellen, die dem Immunsystem sagen, wann die Gefahr vorüber ist.
Der Kollege untersuchte das Blut des Patienten und zählte gewissenhaft die verschiedenen Gruppen von T-Zellen. Das Ergebnis verblüffte ihn. Er konnte keine T-Helferzellen finden. Zunächst glaubte er, einen Fehler gemacht zu haben, und machte deshalb einen zweiten Bluttest - mit dem gleichen Ergebnis.
Was konnte das für eine Krankheit sein, die diese besonderen Lymphozyten aufspürte und abtötete? Gottlieb beriet sich mit seinem Kollegen und erörterte das Problem mit jedem, der Zeit dafür hatte. Niemand konnte ihm einen nützlichen Hinweis geben. Gottlieb las in der Fachliteratur alles, was er über ungeklärte Erkrankungen des Immunsystems finden konnte. Nirgends fand sich eine Erklärung.
Er prüfte auch alle Eintragungen in der Krankengeschichte des Künstlers, der bereits mehrere Geschlechtskrankheiten durchgemacht hatte. Im Gespräch hatte ihm der Patient erzählt, daß er homosexuell sei, aber für Gottlieb bedeutete das nicht mehr als der Hinweis, daß der Mann vielleicht einen Ford fuhr. Wochenlange Nachforschungen brachten Gottlieb keinen Schritt weiter.
Einige Zeit später kam ein junger Mann zu ihm und berichtete, er habe schon längere Zeit eine Pilzerkrankung an den Fingern, leide an Durchfall und Bläschenausschlag (Herpes). Außerdem habe er seit drei Monaten ständig Fieber bis zu 40 Grad Celsius und habe in dieser Zeit 30 Pfund abgenommen. In letzter Zeit sei Kurzatmigkeit hinzugekommen.
Dr. Joel Weisman hatte den Patienten zur Universitätsklinik geschickt in der Hoffnung, man werde dort feststellen können, welche Krankheit ihm so gräßlich zusetzte. Als sich Michael Gottlieb die Testergebnisse ansah, fiel ihm auf, wie sehr die Symptome denen des jungen Mannes glichen, den er kurz zuvor behandelt hatte. Zufällig war auch dieser Patient ein Homosexueller. Die Lungenbiopsie ergab, daß auch dieser Patient an Pneumocystose litt.
Michael Gottlieb spürte die Besorgnis von Joel Weisman, als sie sich mit zwei anderen Spezialisten in Gottliebs Ordinationszimmer in der Universitätsklinik zusammensetzten, um den Fall zu erörtern. Im zur Neige gehenden Jahr waren 20 Männer mit eigenartigen Veränderungen der Lymphknoten in der Praxis von Dr. Weisman erschienen, und genau damit hatten auch die Beschwerden dieser beiden schwer erkrankten Patienten begonnen.
Neueste Untersuchungen zeigten, daß 93 Prozent aller Homosexuellen mit dem Zytomegalievirus infiziert waren, einem Herpesvirus, das man mit Krebserkrankungen in Zusammenhang brachte - wie das Epstein-Barr-Virus, das ebenfalls unter Schwulen grassierte. Vielleicht, meinte Weisman, war das Immunsystem seiner beiden Patienten durch eine Kombination beider Virusinfektionen geschädigt worden. Der menschliche Körper ist nur imstande, eine bestimmte Zahl
von Viren abzuwehren. Wird sie überschritten, kann es zur Katastrophe kommen.
Weisman war einer der angesehensten homosexuellen Ärzte in Südkalifornien und hatte schon seit einiger Zeit darüber nachgedacht, wie schwule Patienten zu bewegen seien, sich sexuell zu mäßigen. Es war dem Arzt bewußt, daß diese Gruppe von Menschen auf strenge Ermahnungen kaum reagierte. Die eigenartige Mischung aus Tabus und neugewonnener Freiheit hatte ein soziales Klima geschaffen, das den besten Nährboden für aggressive kleine Viren bildete.
Wenn er einem jungen Patienten versicherte, man werde ihn schon wieder gesund kriegen, fragte sich Dr. Joel Weisman insgeheim: "Was haben wir uns nur angetan?"
Orange County, November 1980
So langweilig waren die kanadischen Winter, daß Gaetan Dugas überglücklich war, als er zum Thanksgiving-Wochenende nach Südkalifornien eingeladen wurde. Das neue Objekt seiner Zuneigung, ein Friseur, freute sich ebensosehr über seine neue Eroberung. Für gewöhnlich begnügte sich der Friseur mit dem "Boom-Boom-Room" in Laguna Beach. Sein Ausflug zum "8709 Club" in West Hollywood war eine Ausnahme, und da hatte er nun gleich diesen prächtigen Steward aufgegabelt, der sich seinerseits umgesehen hatte. Jetzt lag ein wunderbares Wochenende vor ihm. Die Sauna war doch keine so schlechte Einrichtung.
In Gaetans Gesicht hatten sich ein paar neue Flecken gebildet. Die Ärzte hatten gesagt, dafür gebe es keine Behandlung. Aber das machte nichts. Er fühlte sich wohl.
New York City, Dezember 1980
Dr. Donna Mildvan im "Beth Israel Medical Center" war erschöpft, als sie den Autopsiebericht des deutschen Küchenchefs las, der während der vergangenen fünf Monate ihr Patient gewesen war und dem sie einen großen Teil ihrer Zeit geopfert hatte. Er hatte einen besonders schweren Tod gehabt. Das tückische Zytomegalievirus hatte seinen ganzen Körper überschwemmt. Der 33jährige Mann hatte sich unter Qualen wie eine Kugel zusammengerollt und war schließlich gestorben. Sein Gehirn war geschrumpft wie das eines senilen Greises.
Zwei Wochen später meldete sich ein Pfleger des "Beth Israel Medical Center" in der Ambulanz mit einer Pneumocystose. Zehn Tage später war er tot - auch dieser Mann war homosexuell. Als der Pathologe der Ärztin sagte, daß der Patient sich mit dem Zytomegalievirus infiziert hatte, wurde ihr manches klarer.
Hier gab es zu viele Gemeinsamkeiten. Zwei Männer waren an Infektionen gestorben, die im Normalfall ganz harmlos hätten verlaufen müssen. Diese Viren waren sonst keine brutalen Mörder. Das Immunsystem der Patienten hatte versagt. Das erklärte auch, weshalb zehn weitere homosexuelle Patienten an einer eigenartigen Vergrößerung der Lymphknoten litten. Auch mit ihrem Immunsystem war irgend etwas nicht in Ordnung.
Dr. Mildvan wandte sich an Dr. Dan William, den bekanntesten homosexuellen Arzt der Stadt. Dan William hatte seinerseits "viele Patienten mit Lymphadenopathie" und machte sich Sorgen. Donna Mildvan war überzeugt, daß da ein ganz bestimmter Zusammenhang bestand: "Es gibt eine neue Infektionskrankheit, von der homosexuelle Männer befallen werden."
In der Nacht zum 24. Dezember starb in New York Rick Wellikoff, 37, an der Krankheit, die man später als "Acquired Immune Deficiency Syndrome" bezeichnet hat.
1980 ging zur Neige, das Jahr, in dem "Coal Miner''s Daughter" und "The Empire Strikes Back", der zweite Film über den Krieg der Sterne, die besondere Aufmerksamkeit des Kino-Publikums erregten. Das beliebteste Schallplattenalbum war "The River" mit den melancholischen Songs von Bruce Springsteen.
In diesem Jahr hatte sich ein neues Virus auf drei Kontinenten eingenistet. Später angestellte Erhebungen zeigten, daß man Ende 1980 in den Vereinigten Staaten bei 55 jungen Männern eine Infektion mit diesem Virus festgestellt hatte. Zehn weitere waren in Europa infiziert worden, während es in Afrika ungezählte Opfer dieser Krankheit gab. Langsam und fast unmerklich breitete sich diese mörderische Krankheit weiter aus.
Im nächsten Heft
Wieso erkranken Fixer und Bluter an der "Schwulenpest"? - Schnupperdrogen unter Verdacht - Seuchenforscher machen sich auf die Suche nach dem Erreger - Die Spur führt nach Orange County
Am 29. Juni 1980 in San Francisco.
Von Randy Shilts

DER SPIEGEL 9/1988
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