08.08.1988

Blühende Gärten im Heiligen Land

Wie die Israelis erfolgreich Teile der Negev-Wüste urbar gemacht haben *
Fisch aus der Wüste? Der wohlschmeckende St.-Peters-Fisch (eine Tilapia) aus den salzigen Tümpeln des Negev ist eine Kreation der Israelis. Mögen die Araber ringsum sich stolz als Wüstensöhne fühlen, die einzigen Nutznießer der Wüste sind ihre Feinde, die Israelis.
Lew Fischelson, Zoologe der Universität Tel Aviv, kreuzte so lange die auch in Afrika geschätzte Nil-Tilapia mit dem Pendant aus dem See Genezaret, bis ein resistenter Fisch entstand, der Salzwasser und Hitze verträgt. Dann entwickelte er eine Methode, das Brackwasser so zu klären, daß Massenfischzucht möglich wurde. Zwölf Tonnen Tilapia fischen die Bewohner der Wüstensiedlung Ein Jahaw seither pro Jahr und Dunum (zirka 900 Quadratmeter) aus den Teichen in der Wüste.
Weil die Tümpel bei 360 Sonnentagen im Jahr große Mengen eiweißreicher Algen produzieren, setzte Fischelson zudem Enten aufs Wasser, mit gutem Erfolg.
So wie Fischelson experimentieren viele Israelis in bäuerlicher Einfachheit oder mit High-Tech in der Trockenzone. Im Negev, der mehr als die Hälfte des Staates ausmacht, leben 350 000 Menschen. 68 Kibbuzim und 82 Gemeinschaftssiedlungen ringen der Wüste fruchtbares Land ab.
Wenn das Wasser über Tröpfchenbewässerung, die "dripdrop irrigation", computergesteuert durch lange Plastikschläuche samt Dünger an die Wurzeln rinnt, gedeihen im Negev Gurken und Tomaten, Paprika und Melonen, meist für den Export.
Gewaltige Mengen Brackwasser gebe es in vielen Wüsten der Welt, sagt Joel Schechter, Leiter des israelischen Wüstenforschungsinstituts in Beerscheba. Man muß es nur zu nutzen wissen - und bis zu 500 Meter tief bohren.
Seit 15 Jahren wenden Israels Landwirte die Tröpfchenbewässerung an, mit süßem wie mit brackigem Wasser. Die teuren, aber wassersparenden Anlagen der Firma "Netafim" wurden schon von zwei Dutzend Ländern übernommen, von Jamaika bis nach Sri Lanka. Awi Nachmias, der Leiter einer Versuchsstation bei Gilat, flog in die dürregeschädigten USA, um dort Kollegen in die israelischen Bewässerungskünste einzuführen. Sogar bei der Verwandlung des jordanischen Jarmuk-Tals in einen blühenden Garten sollen israelische Berater geholfen haben.
Manchmal greifen die Israelis auch auf uralte Methoden zurück. So hat Professor Michael Ewenari mit einem Verfahren, das schon 300 vor Christus die Nabatäer anwandten, ein Stück Negev in einen Garten Eden verwandelt. Auf 1500 Hektar gedeihen Pistazien, Zwiebeln, Obstbäume und Sonnenblumen, auf Weideflächen grasen Schafe und Ziegen.
Die Felder liegen in Mulden, so daß der spärliche Niederschlag (80 Millimeter im Jahr) von den umliegenden Hügeln wie in einen Trichter läuft und im Lößboden langsam versickert. Auch den Steinen gewinnt Ewenari noch Wasser ab: Die Äcker sind mit kleinen Kieseln eingefaßt, sie fangen den Tau ein, der durch die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht entsteht.
Wenn der Regen allzu lange ausbleibt, helfen die Israelis nach: 10 bis 15 Kilometer vor der Mittelmeerküste sprühen Flugzeuge eine Mischung von Silberjodid und Aceton in die grauen Wolkenmassen, um sie über der Wüste ausregnen zu lassen. Oder Regenmacher stellen Petroleum-Öfen in die Wüste, die mit ihrer Warmluft die Wolken aufsteigen lassen, so daß die Niederschläge um bis zu 25 Prozent zunehmen.
Aber solche Tricks sind für die armen Saharastaaten unbrauchbar, da die nötige Infrastruktur fehlt.
Wichtigstes Mittel im Kampf gegen die Verwüstung ist auch in Israel die Aufforstung, "das Eindrucksvollste, was ich in diesem Land erlebt habe", lobte der damalige Außenminister Walter Scheel im Kibbuz Hasorea.
Das alte Palästina war bewaldet, die Stämme wurden als Stützsäulen, Deckenbalken und für den Schiffbau bis nach Babylon und Ägypten exportiert. Doch um die Zeitenwende war das Land kahl und karg, weil auch die Römer Holz für den Schiffbau brauchten und im Umkreis von 90 Stadien um Jerusalem keinen Baum stehenließen. Als die Kreuzfahrer Palästina eroberten, fanden sie nur noch spärliche Grünflächen vor.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts pflanzten jüdische Siedler und Mitglieder der deutschen Templer-Gesellschaft die ersten Pinien und Eukalypten im Heiligen Land. Lange bevor in der westlichen Welt das Thema Umweltschutz aufkam, propagierten zionistische Siedler die Aufforstung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begünstigte die britische Mandatsverwaltung Baumschulen und Bewaldung. Seitdem wurden im israelischen Kernstaat 280 Wälder mit nahezu 200 Millionen Bäumen angelegt - verständlich also, daß die Israelis kein Kampfmittel der aufständischen Palästinenser so sehr fürchten wie das Inbrandsetzen von Wäldern.

DER SPIEGEL 32/1988
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