12.09.1988

UMWELTDurchbohrt und gestört

Parteien und Bürger protestieren gegen ein beispielloses Vorhaben: Mit bestem Trinkwasser aus dem Schwarzwald soll der Neckar aufgefüllt werden - zur Kühlung von Kraftwerken. *
Still liegt der Kinzig-Stausee zwischen Bergen und Bächen im Nordschwarzwald nahe Alpirsbach, ringsum Wasserfälle und Wanderwege, kaum Waldsterben, über allen Wipfeln ist Ruh'.
Die ist wohl bald hin. Bagger, Betonmischer und Tunnelbohrmaschinen, Arbeiterkolonnen und Lastwagen-Konvois fallen dann in die Ufer- und Waldlandschaft ein, die, so der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg, als "Kernbereich einer international anerkannten
Ferien-, Kur- und Naherholungslandschaft" ausgewiesen ist.
Der pensionierte Schulamtsdirektor Friedrich Kappler, 62, und eine Vielzahl von Vereinen, Kommunalpolitikern und Umweltschützern aus der Region wollen ein in der Bundesrepublik beispielloses Projekt verhindern: Erstklassiges Trinkwasser soll aus dem Stausee der Talsperre "Kleine Kinzig" zur Kühlung von Kohle- und Kernkraftwerken in den Neckar geleitet werden, der, 20 Kilometer Luftlinie entfernt, zwischen Sulz und Horb in Richtung Stuttgart fließt.
Von dort flußabwärts stehen am Neckar drei Steinkohle-Kraftwerke - Altbach, Stuttgart, Heilbronn -, ein riesiger Müllverbrennungsbetrieb bei Stuttgart-Münster und das Gemeinschaftskernkraftwerk Neckarwestheim, dessen zweiter Block von Oktober an Strom liefern soll. Lothar Späths Musterländle ist dann zu fast 70 Prozent - Bundesdurchschnitt: 40 Prozent - vom Atomstrom abhängig.
Die schwäbischen Energieanlagen verbrauchen täglich zwischen 112 000 und 140 000 Kubikmeter Neckarwasser. Das geht allerdings nur, solange der Neckar genügend Wasser führt. Bei niedrigem Wasserstand, nach einem langen Sommer etwa, kann es zu Engpässen kommen.
Die Betriebsbewilligungen enthalten deshalb Beschränkungen für den Fall, daß der Pegel im Neckarort Lauffen unter 25 Kubikmeter je Sekunde fällt: Dann ist die Wasserentnahme nur erlaubt, wenn dem Fluß an anderer Stelle "Ausgleichswasser" zugeführt wird.
Wenn Neckarwestheim II anläuft, erhöht sich für die Kraftwerksbetreiber das Risiko, daß sie ihre Anlagen aus Mangel an Kühlwasser vorübergehend drosseln oder ganz abschalten müssen.
Denn nicht nur die Entsorgung des radioaktiven Abfalls ist ungeklärt, sondern auch die Kühlung bei niedrigem Wasserstand. Weil die Stuttgarter Landesregierung mehrfach versichert hatte, ohne
hinreichende Wasserreserve werde das neue KKW nicht anlaufen, wollen SPD und Grüne die Inbetriebnahme gerichtlich verhindern lassen, wenn die Landesregierung den Probebetrieb nicht stoppt. Sogar die CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag fordert eine "Atomdebatte", ehe demnächst die endgültige Betriebserlaubnis erteilt wird.
Jahrelang waren die Energieunternehmen und die Regierung auf der Suche nach einer Auffrischung für den Neckar. Mal sollten Speicherseen angelegt werden, mal war an die Zuführung von Rheinwasser gedacht. Alle Pläne scheiterten jedoch am Widerstand von Kommunen und Naturschützern. Schließlich verfielen die Wassersucher auf die Kinzig-Talsperre im Nordschwarzwald.
Die Landesregierung erhob keine Einwände, die Bauarbeiten könnten sofort beginnen: Durch einen knapp neun Kilometer langen Stollen soll Stausee-Wasser in den Heimbach geleitet werden, der in die Glatt fließt, und die Glatt mündet zwischen Sulz und Horb in den Neckar.
Die Talsperre mit Stausee wird seit 1985 vom Zweckverband Wasserversorgung Kleine Kinzig (WKK) betrieben, in dem sich rund drei Dutzend Gemeinden - darunter die Städte Freudenstadt, Horb und Schramberg - zusammengeschlossen haben. Bis jetzt werden 150 000 Menschen aus dem künstlichen See mit "Wasser erster Güte" (WKK) versorgt.
Rund 13 Millionen Kubikmeter bestes Schwarzwald-Wasser aus sauberen Zuflüssen sind hinter der 71 Meter hohen Staumauer gespeichert. Davon verbrauchen die Mitgliedsgemeinden jährlich nur etwa fünf Millionen Kubikmeter. Allerdings
melden sich immer neue Kommunen an. Drei Millionen Kubikmeter Kinzig-Wasser sollen künftig in Trockenjahren in den Neckar übergeleitet werden.
Dafür soll das Einzugsgebiet der Talsperre erweitert werden. Geplant ist zusätzlich ein sogenannter Beileitungsstollen, der auf 3,4 Kilometer Länge Wasser aus vier Bächen erfassen und in den Stausee führen wird. Jährlich könnten dann 22 statt 19 Millionen Kubikmeter Schwarzwaldwasser einfließen.
Ihr Projekt, das mit mindestens 50 Millionen Mark veranschlagt und vom WKK-Zweckverband unterstützt wird, haben die Energieunternehmen mit drei Gutachten abgestützt: *___Professor Jürgen Giesecke vom Institut für Wasserbau ____der Universität Stuttgart hat keine Bedenken, den ____Stollenbau "aus wasserwirtschaftlicher Sicht zu ____empfehlen". *___Professor Heinz Bernhardt aus Siegburg attestiert, es ____sei "nicht zu erwarten, daß Einleitungen zur ____Erweiterung der Talsperre Mischungs- oder ____Qualitätsprobleme ergeben würden". *___Die Gesellschaft für Landeskultur in München schätzt ____die Beeinträchtigung von Waldflächen als "sehr gering" ____ein, auch komme es "zu keinen erheblichen Auswirkungen ____auf Bodenwasserhaushalt oder Tierwelt".
Der Landesnaturschutzverband, dem auch die Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland angehören, ist anderer Ansicht. Er wirft den Gutachtern "einseitige Betrachtungsweise" vor. Die Waldwirtschaft werde auf 500 Hektar Betriebsfläche erheblich beeinträchtigt. Auf insgesamt zwölf Kilometern Länge werde das Erdreich "durchbohrt und deshalb gestört" - Grundwasserabflüsse könnten sich verändern, Wasseradern abgeschnitten werden und Quellen versiegen.
Zudem, so fürchten die Naturschützer, werde die Tallandschaft während des Stollenbaus mit Lärm und Abgasen belastet. Kappler und sein Verein "Bürgerinteressengemeinschaft gegen die Überleitung von Kinzigwasser in den Neckar", die eine "Vergeudung von reinem Schwarzwaldwasser" und "Waldvernichtung im Einzugsgebiet der Talsperre" beklagen, berufen sich auf den künftigen "Regionalplan 2000".
Das Papier des Regionalverbands - Zusammenschluß von Kreisen und Gemeinden - legt fest, daß "die heutigen Gegebenheiten sowohl im Bereich der Gesamtwirtschaft als auch des Fremdenverkehrs, insbesondere aber der natürlichen Lebensgrundlagen genutzt und in ihren jeweiligen Bestandteilen gesichert, gesteigert und gegebenenfalls wiederhergestellt werden" sollen.
Mit Bürger- und Vereinsversammlungen sowie Aktionen in den Gemeinderäten begehren die Umweltschützer gegen die Baupläne auf. Aus dem "Funken des Protests", beobachtete die "Stuttgarter Zeitung", sei "längst ein Flächenbrand entstanden, der den gesamten Nordschwarzwald erfaßt hat".
WKK-Geschäftsführer Fritz Frey versichert den Kritikern, eine Überleitung von Kinzig-Wasser in den Neckar werde "nicht der Regelfall, sondern eine seltene Ausnahme" sein, das Trinkwasser habe immer "absoluten Vorrang". "Dichte Betonauskleidung" von Haupt- und Beileitungsstollen garantiere, "daß Störungen der natürlichen Gebirgswasserwege nicht auftreten". Und der baden-württembergische Umweltminister Erwin Vetter hat auf Drängen der Protest-Organisationen eine "Umweltverträglichkeitsprüfung" zugesagt.
Auch die Gemeinden, die im Wasserzweckverband zusammengeschlossen sind, wollen Kapplers Widerständler nicht unterstützen. Schließlich profitieren ihre knappen Etats von dem Projekt: 25 Jahre lang erhalten sie jährlich von den Kraftwerksbetreibern 1,5 Millionen Mark als "Speichermiete" für die "Bereitstellung" des Schwarzwald-Wassers.
Derzeit ermächtigen die Gemeinderäte ihre Bürgermeister für die auf den 5. Oktober angesetzte Abstimmung in der Mitgliederversammlung des Zweckverbands - eine Mehrheit für die Neckar-Auffrischung scheint schon jetzt erreicht. Parallel dazu diskutieren Bürgerversammlungen über Gegenmaßnahmen, für den 24. dieses Monats ist auf dem Stuttgarter Schloßplatz ein "Aktionstag" mit der Parole "Kein Trinkwasser für Atomstrom" vorgesehen - als "letzte friedliche Warnung für die Regierung", wie die Atomgegner verbreiten.
Friedrich Kappler hofft, zumindest für seine Truppe, auf Einsicht: "Wenn in den Rathäusern gegen uns abgestimmt wird, müssen wir das akzeptieren, aber dann geht wieder ein Stück schönster Schwarzwald kaputt."
[Grafiktext]
BUNDESREPUBLIK Trinkwasser-Talsperre "Kleine Kinzig" Mannheim FRANKREICH Karlsruhe Neckar-Westheim Heilbronn Stuttgart Altbach Stuttgart-Münster Kinzig NECKAR RHEIN Wärmekraftwerk Kernkraftwerk Trinkwasser-Talsperre "Kleine Kinzig" RÖTENBERGER WALD SCHÖNBERG VOGELSBERG Überleitungsstollen Länge etwa 8650 Meter Leinstetten Sulz Kleine Kinzig Kinzig Heimbach Glatt NECKAR
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 37/1988
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