29.02.1988

UNGARNUnter Brüdern

Zu Tausenden fliehen rumänische Bürger ins Nachbarland Ungarn, um der Not und den Drangsalierungen zu Hause zu entkommen. *
Matyas Szürös, ZK-Sekretär und Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im ungarischen Parlament, zeigte patriotische Anteilnahme für eine bedrängte Minderheit. Es sei nur zu gut verständlich, seufzte der Politiker in einer telephonischen Fragestunde des ungarischen Rundfunks, daß immer mehr Landsleute aus dem rumänischen Siebenbürgen nach Ungarn strömten, um ein neues Leben zu beginnen: "An wen sollten sich Menschen, denen als Ungarn Unrecht zugefügt wird, denn sonst wenden, wenn nicht an die Ungarische Volksrepublik?"
Die Fürsorge gilt Tausenden von Ungarn aus Siebenbürgen und dem Banat, die in den letzten Monaten aus Rumänien gekommen sind. Im vorigen Jahr wurden nach offiziellen Angaben 6499 Flüchtlinge registriert, die Dunkelziffer ist vermutlich doppelt so hoch.
Und das ist wohl nur der Anfang. Die meisten kommen legal ins Land, mit gültigen Touristenpässen. Aber immer mehr riskieren auch den gefährlichen Weg über die scharf bewachte "grüne Grenze" zwischen den sozialistischen Bruderländern. Drei Grenzgänger wurden voriges Jahr von der rumänischen Miliz erschossen.
Daß sich Bürger eines sozialistischen Landes massenhaft in ein anderes sozialistisches Land absetzen und dort um Asyl bitten, ist für den Ostblock ein peinliches Novum. Die Republikflucht zeigt, wie katastrophal die wirtschaftliche und politische Situation in Ceausescus Reich inzwischen geworden ist.
Früher mußten Übersiedlungsanträge der rumänischen Ungarn stets mit dem Wunsch auf "Familienzusammenführung" begründet werden. Jetzt geben viele vor der Ausländerbehörde unverblümt "die Knute Ceausescus und den Hunger" als Gründe für die Flucht an. _(Beim Warschauer-Pakt-Gipfeltreffen im ) _(Juni 1986 in Budapest. )
Die Ungarn, die jahrelang zur Drangsalierung ihrer Landsleute in Rumänien geschwiegen hatten, wollen sich den Hilfeersuchen nicht länger verschließen. Getrieben von Schriftsteller-Protesten und einer Welle nationaler Solidarität, scheint Budapest jetzt sogar zum offenen Konflikt mit dem Nachbarn bereit.
Vorletzte Woche demonstrierten mehr als 500 Ungarn - die meisten Flüchtlinge aus Siebenbürgen - vor der rumänischen Botschaft in Budapest gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute. Die Polizei schritt nicht ein. "Die außerhalb unserer Landesgrenzen lebenden ungarischen Nationalitäten sind Teil des Ungartums", warnte ZK-Sekretär Szürös den Nachbarn in Bukarest. "Sie dürfen deshalb mit Recht erwarten, daß Ungarn unter allen Umständen auch für sie Verantwortung empfindet."
Damit verstößt die ungarische Führung nicht nur gegen die unter den sozialistischen Bruderländern herrschenden Sitten, sondern auch gegen blockinterne Abkommen, die jede Einmischung in innere Angelegenheiten verbieten.
Vor allem aber könnte ein allzu freundlicher Empfang der Flüchtlinge am Ende eine kleine Völkerwanderung in Gang setzen, die Ungarn nur schwer verkraften würde: Die Zahl der in Rumänien lebenden Ungarn wird von rumänischen Stellen mit rund 1,7 Millionen angegeben; in Ungarn spricht man von 2,5 bis 3 Millionen.
In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die rumänischen Ungarn noch eine mit Wohlwollen geduldete Minderheit. Das änderte sich unter dem Conducator ("Führer") Ceausescu, einem auch nach Ostblock-Maßstäben bizarren Tyrannen, der um sich und seine Frau Elena einen byzantinischen Personenkult aufgebaut hat und von einem rumänischen Herrenvolk träumt.
Städte und Dörfer mit ungarischen Namen wurden umgetauft. Die Zahl der ungarischen Schulen und Klassen wird von den rumänischen Behörden systematisch reduziert, so daß viele für ihre Kinder keine Schulen mit Ungarisch als Unterrichtssprache finden. Das ungarischsprachige Rundfunkprogramm wurde in den letzten Jahren von sieben Stunden auf eine Stunde täglich gekürzt, das Fernsehprogramm ganz gestrichen.
In Ungarn gedruckte Bücher sind in Rumänien nur unterderhand zu bekommen, und selbst das Budapester Parteiorgan "Nepszabadsag" wurde von der Zensur verboten. Olympiasieger und andere Volkshelden, wie das ehemalige Turnwunder Nadia Comaneci, die in Wirklichkeit Anna Kemenes heißt, mußten ihre ungarische Abstammung verleugnen.
Ein früherer Mitstreiter Ceausescus, der später in Ungnade gefallene Kandidat des Politbüros der rumänischen KP, Karoly Kiraly, selbst Angehöriger der ungarischen Minderheit, nannte in
einem offenen Brief die gewaltsame Assimilation seiner Landsleute eine Schande: Die Unterdrückung sei geeignet, "Rumänien in den Augen der Welt zu diskreditieren und Ärger für jetzt und für die Zukunft zu säen".
Wie hoffnungslos vor allem Intellektuelle ihre Lage einschätzen, belegen Hilferufe, die gelegentlich ins Ausland gelangen. Der ehemalige Chefredakteur der offiziellen ungarischsprachigen Wochenzeitung "A Het", Istvan Huszar, mußte nach einem "Verhör" durch Ceausescus Geheimdienst "Securitate" ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Man habe alle seine Manuskripte beschlagnahmt, klagte Huszar in einem in den Westen geschmuggelten Brief: "Ich muß einsehen: Meine unverzeihliche Sünde ist es, Ungar zu sein. Wir sind alle gezwungen auszuwandern."
Dieser Ausweg scheint auch für Ceausescu inzwischen eine Möglichkeit zur Lösung des Minderheiten-Problems zu sein. Noch nie, so berichten Flüchtlinge in Budapest, sei es so einfach gewesen, eine Ausreisegenehmigung nach Ungarn zu bekommen. Selbst auf "Kopfgeld", wie bei den auswanderungswilligen Deutschen üblich (derzeitiger Preis: 8000 Mark), verzichtet der Staat.
"Die Nationalitätenfrage wird endgültig durch den Sozialismus gelöst", hatte Ungarns Parteichef Janos Kadar beim letzten Gipfeltreffen mit seinem "Bruder Ceausescu" im Juni 1977 noch zuversichtlich gelobt. Die nationalen Minderheiten könnten sogar "eine Brücke zwischen den beiden Nationen" bauen.
Diese Hoffnung ist endgültig dahin. Zwingherr Ceausescu gerät auch im Ostblock zunehmend in isolation.
Höchstens "suspekte Elemente" unter den illegalen Einwanderern würden heute noch zurückgewiesen, sagt Attila Ara-Kovacs, Herausgeber der im Samisdat erscheinenden "Ungarischen Presse Transsylvaniens", die von den Budapester Behörden, sehr zum Ärger Ceausescus, stillschweigend geduldet wird.
Weil es (noch) keine staatlichen Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge in Ungarn gibt, hat Flüchtling Ara-Kovacs mit Gleichgesinnten ein "Netzwerk" gegründet, das Geld, Nahrungsmittel und Kleidung sammelt und provisorische Quartiere besorgt. Viele Flüchtlinge schlagen sich mit Schwarzarbeit durch, andere sind arbeitslos und liegen ihrer Verwandtschaft auf der Tasche.
Wichtigen Rückhalt, aber auch materielle Unterstützung findet der Heidegger-Übersetzer Ara-Kovacs, der selber in Rumänien als Dissident verfolgt worden war, bei den Kirchen des Landes, einschließlich der jüdischen Gemeinden.
Aber auch KP-Funktionäre beweisen gern nationale Gesinnung: "Im südungarischen Städtchen Gyula", berichtete der Dissident, "konnten wir sogar beim lokalen Parteisekretär und beim Polizeichef Flüchtlinge unterbringen."
[Grafiktext]
Siedlungsgebiete der Auslands-Ungarn Ungarns Grenze 1940 bis 1944 derzeitige Grenzen CSSR UNGARN Debrecen NORD-SIEBENBÜRGEN Cluj (Klausenburg) Arad Sibiu (Hermannstadt) BANAT BUKAREST RUMÄNIEN JUGOSLAWIEN BULGARIEN Donau Schwarzes Meer SOWJET-UNION
[GrafiktextEnde]
Beim Warschauer-Pakt-Gipfeltreffen im Juni 1986 in Budapest.

DER SPIEGEL 9/1988
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