29.02.1988

Bißchen mächtig

Nach Streit mit dem SFB hat Drehbuchautor Jurek Becker für „Liebling - Kreuzberg“ einen neuen Regisseur durchgesetzt. Die preisgekrönte Erfolgsserie geht mit 13 neuen Folgen weiter. *
Giovanni Lara hat Geld genug, aber er denkt nicht daran, Alimente zu zahlen. Auch als der Mailänder Geschäftsmann zu einem Kongreß wieder mal nach Berlin kommt und dort die deutsche Mutter seines unehelichen Kindes trifft, bleibt er zahlungsunwillig.
Ein hoffnungsloser Fall? Nicht für den Mann mit dem Dreitagebart, den dicken Zigarren und den grellen Schlipsen. Gestärkt durch die obligate Portion Wackelpudding und beschleunigt auf seiner schweren BMW, bringt er "diesen Don Giovanni" so frech wie komisch zur Strecke.
Rechtsanwalt Robert Liebling ist wieder da. Mit der Episode "Taschenpfändung" startet die ARD an diesem Montag (20.15 Uhr) die zweite Staffel ihrer Unterhaltungsserie "Liebling - Kreuzberg", einer der erfolgreichsten des deutschen Fernsehens, Liebling sowohl des Publikums wie der Kritik.
Ihren guten Ruf verdankt die Anwaltsserie in erster Linie zwei ehemaligen DDR-Künstlern: dem in Berlin-Kreuzberg lebenden Drehbuchautor Jurek Becker, 50, und dem mit ihm seit drei Jahrzehnten befreundeten Schauspieler Manfred Krug, 51.
Für Becker, den international angesehenen Romancier ("Jakob der Lügner", "Bronsteins Kinder"), ist das Drehbuchschreiben eine ehrenwerte Nebenbeschäftigung, manchmal "wie eine Erfrischung". Erlernt hat er das Handwerk einst im DDR-Filmzentrum Babelsberg. An seinen "Liebling-Kreuzberg"-Skripts rühmten Kritiker den trockenen Dialogwitz und die nuancierte Figurenzeichnung, die "ironisch-gebrochene, dezente Gesellschaftskritik" ("Stuttgarter Zeitung") und die unsentimentale Schilderung eines "liebenswerten, zerknautschten, pfiffigen Mikrokosmos" ("Süddeutsche Zeitung").
Dem Freund Krug, mit dem das häufige Zusammensein auch "manchmal anstrengend" sei, hat er die Sympathieträger-Rolle des unrasierten Kleine-Leute-Advokaten _(Manfred Krug, Marina Krogull, Gerhard ) _(Olschewski in der Folge ) _("Taschenpfändung". )
auf den kräftigen Leib und nach der deftigen Schnauze geschrieben. "Liebling", sagt Becker, "denkt und spricht wie Krug." Krug, sagt Krug, spiele "bekanntlich immer nur sich selbst".
Die ersten sechs "Liebling"-Folgen erzielten Rekord-Einschaltquoten bis zu 47 Prozent. Die Serie verdiente sich, zusammen mit "Kir Royal", dem anderen Ausnahmefall einer intelligenten deutschen TV-Unterhaltung, den Grimme-Preis, der "ja nicht wie ein Bambi ist" (Becker). Als im März 1986 die vorerst letzte Folge lief, flehte die "Süddeutsche": "Liebling, komm bald wieder."
Doch trotz solcher Sympathiebeweise war ein Comeback zunächst fraglich: Dem Autor selber hatte einiges an der Erfolgsproduktion nicht gefallen. "Zu lieblich, zu schön" fand Becker, wie der SFB und der Regie-Routinier Heinz Schirk seinen Kreuzberger Mikrokosmos inszeniert hatten. Als der Berliner Sender Becker zwang, die sechste "Liebling"-Folge umzuschreiben, in der es um die Mißhandlung eines jungen Mannes durch Berliner Polizisten ging, kam es zum "großen Krach".
Für seine Weiterarbeit verlangte Becker den vertraglichen Ausschluß von Drehbuch-Eingriffen und die Verpflichtung eines neuen Regisseurs. "Dank der Einschaltquoten zum erstenmal ein bißchen mächtig", konnte er sich durchsetzen. So ging er mit neuer Lust ans Fortsetzungswerk, jetzt unbehelligt von "Dramaturgen, die als eine Art Fernsehpolizei unentwegt Verbesserungen anbringen zu müssen meinen", und mit einem Regisseur, "der sich als Regisseur und nicht als Vertreter der Berlin-Werbung versteht".
Dieser Mann ist der Südtiroler Werner Masten. Ins Spiel gebracht hat ihn "Liebling" Krug, der ihn als Regisseur bei der Krug-Fernfahrerserie "Auf Achse" schätzenlernte. Masten, für seine TV-Verfilmung des Romans "Das Glück beim Händewaschen" von Josef Zoderer ebenfalls mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, beherrscht laut Becker die Kunst, "für meine Dialog-Orgien tolle Bilder und Bewegungen zu erfinden"; Mastens Stil fordere dem Zuschauer "mehr Mitdenken" ab, vielleicht würden "die Einschaltquoten etwas sinken".
Die Justizfälle der 13 neuen "Liebling"-Folgen, für deren Produktion sich der finanzklamme SFB mit NDR und WDR zusammentat, hat Becker wieder mit Hilfe des Rechtsanwalts Nicolas Becker (nicht verwandt) aus der Berliner Kanzlei Schily, Becker, Geulen gefunden und erfunden. Ohne dessen fachmännischen Beistand, sagt der Drehbuchautor, "würde ich absolut im dustern tappen, nicht alle meine Einfälle sind mit dem BGB zu vereinbaren".
In der achten Folge der zweiten Staffel geht es nun doch um einen polizeilichen Übergriff, in anderen Folgen etwa um Hausbesitzer- und Arbeitgeberwillkür, um Komisches wie einen Fall von Hausfrauen-Prostitution und um den Ernstfall eines Rache-Mordes. In Folge 13 steht die so aparte wie milieunahe Streitfrage an, ob ein Kreuzberger Türke die ihm angebotene Arbeit im Schlachthof ausschlagen darf, weil er als Mohammedaner nicht Schweinedärme waschen will.
Der erste neue "Liebling"-Fall, die Taschenpfändung des Alimente-Verweigerers Giovanni, gehört, so kurios er sich ausnimmt, zur Minderheit der gefundenen, der im Kern wahren Geschichten. Von seiner Frau hat Jurek Becker zu hören bekommen, die Geschichte sei "ausländerfeindlich". Der Produzent der Serie, Otto Meissner, widerspricht: Sollte das italienische Fernsehen "Liebling - Kreuzberg" kaufen, werde es "diese Folge bestimmt nicht weglassen".
Meissners "Nova-Film" plant schon eine dritte "Liebling"-Staffel mit sieben weiteren Folgen für 1989. Kreuzberg auf Dallas-Dauer? Becker, weiß Krug, sei fest entschlossen, rechtzeitig mit der Serie aufzuhören, "bevor sich die Agonie abzeichnet".
Gegenwärtig arbeitet der Schriftsteller wieder an einem Werk der höheren Literatur, das bei Suhrkamp erscheinen wird. Derweil bringt der Droemer-Verlag "Liebling - Kreuzberg"-Taschenbücher heraus. Geschrieben hat sie nicht Jurek Becker, sondern, nach der TV-Serie, der Journalist und Ex- "Hör zu"-Redakteur Alexander Rentsch. Becker hat die Sache nur lizenziert. Aber was Droemer ihm dafür zahlt, ist, so freut er sich, "eine Summe, wie ich sie bei Suhrkamp nicht gewohnt bin".
Manfred Krug, Marina Krogull, Gerhard Olschewski in der Folge "Taschenpfändung".

DER SPIEGEL 9/1988
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