23.05.1988

„Die Afghanen sind kriegsmüde“

SPIEGEL-Interview mit dem afghanischen Staats- und Parteichef Nadschibullah Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz. *
SPIEGEL: Herr Präsident, wir waren heute Zeugen, wie Sie die erste Kolonne sowjetischer Truppen in Richtung Heimat verabschiedeten. Sind Sie zuversichtlich, daß Sie in neun Monaten, wenn laut Genfer Vertrag die letzten russischen Kampfeinheiten Ihr Land verlassen haben, immer noch Präsident dieser Republik Afghanistan sein werden?
NADSCHIBULLAH: Die Politik der nationalen Aussöhnung, die wir in Afghanistan betreiben, wird von allen Teilen der Bevölkerung getragen, auch von Flüchtlingen, selbst in den Reihen der bewaffneten Opposition und schließlich von der internationalen Öffentlichkeit. Das gibt uns die nötige Zuversicht und wird auch die Garantie für unseren Erfolg sein.
Diejenigen, die mit dem Brudermorden weitermachen wollen, stellen sich klar gegen den Willen des afghanischen Volkes. Die Afghanen sind kriegsmüde, sie wollen den Frieden. Und ich bin sicher, daß die Friedenspolitik gewinnen wird.
SPIEGEL: Die meisten Führer der Mudschahidin haben aber gesagt, sie wollten weiterkämpfen, bis die Regierung in Kabul verschwindet und sie selbst die Macht übernommen hätten. Kann denn Ihre Armee dieser Bedrohung widerstehen, wenn selbst die Sowjet-Union, eine der beiden stärksten Militärmächte der Welt, auf diesem Schlachtfeld keinen Sieg erringen konnte?
NADSCHIBULLAH: Ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß die afghanischen Streitkräfte in der Lage sind, allen Angriffen gegen das friedliche Zusammenleben des afghanischen Volkes wirksam zu begegnen. Voraussetzung ist allerdings, daß die bewaffneten Einmischungen von außen aufhören.
SPIEGEL: Die Opposition greift nicht nur mit Waffen an, sie geht jetzt auch politisch in die Offensive. Die Führer der Mudschahidin haben bereits eine Exilregierung gebildet. Was wollen Sie dagegen unternehmen?
NADSCHIBULLAH: Ich glaube im Gegenteil, daß die Opposition sich auf nationaler wie internationaler Ebene immer mehr isoliert und einem Selbstmord entgegentreibt. Wir hatten hier in Kabul eine Loja Dschirga, einen Rat der Ältesten, der die neue Verfassung verabschiedete. Wir haben eine breite Koalitionsregierung proklamiert. Wir hatten Parlamentswahlen, an denen sich jeder beteiligen konnte. Die Verfassung erlaubt es jedermann, von seinen politischen und gesellschaftlichen Rechten vollen Gebrauch zu machen.
Alle anderen sogenannten Regierungen sind für uns rechtlich bedeutungslos. Außerdem haben wohl auch die westlichen Länder mit einer solchen Exilregierung nicht sehr viel Freude.
SPIEGEL: Sie meinen, weil Exilregierungen erfahrungsgemäß oft Exilregierungen bleiben?
NADSCHIBULLAH: Ja, das hat die Geschichte oft genug gezeigt.
SPIEGEL: Haben Sie auch die Führer des Widerstandes zur Teilnahme an Ihrer geplanten Koalitionsregierung eingeladen?
NADSCHIBULLAH: Selbstverständlich, das haben wir stets deutlich genug klargemacht.
SPIEGEL: Die Reaktion war bisher negativ, kann sich denn der Präsident Nadschibullah als Minister etwa einen Gulbuddin Hekmatjar vorstellen, den extremsten Führer der Mudschahidin im Exil?
NADSCHIBULLAH: Wir haben, wie schon gesagt, alle bekannten politischen Persönlichkeiten, ob sie im Land oder im Ausland leben, eingeladen, sich an einer breiten Koalitionsregierung zu beteiligen und so ihren Beitrag für die Sicherheit sowie den Frieden im Lande zu leisten.
SPIEGEL: Was verspricht sich denn die Regierung von der Einladung an den Ex-König Sahir Schah, aus seinem römischen Exil zurückzukehren?
NADSCHIBULLAH: In unserer Gesellschaftsordnung mit einem Mehrparteiensystem, einer gemischten Wirtschaft und einer Koalition verschiedener Kräfte ist jeder willkommen, der einen Beitrag zur Festigung der nationalen Sicherheit leisten kann, auch Sahir Schah.
SPIEGEL: Ist für den Ex-König eine besondere Funktion vorgesehen?
NADSCHIBULLAH: Wenn der ehemalige König daran interessiert ist, dem Volk zu dienen, kann er eine bedeutende politische und gesellschaftliche Position einnehmen, auch eine wichtige moralische Rolle spielen.
SPIEGEL: War das Echo auf die Einladung zu einer Koalitionsregierung bei den inländischen Führern der Opposition freundlicher als beim Widerstand im Exil?
NADSCHIBULLAH: Wir unterscheiden sehr wohl zwischen Oppositionellen und Oppositionellen, ob sie nun im Land oder im Ausland wirken. Es gibt unter ihnen Extremisten und Gemäßigte. Der gemäßigte Teil der Opposition im Ausland und ein bedeutender Teil der bewaffneten Opposition im Land sind durchaus bereit, sich an dem Prozeß der Aussöhnung zu beteiligen.
SPIEGEL: In ihrem Bemühen um eine solche Aussöhnung ist die Regierung den Kräften des Islam am weitesten entgegengekommen. Hat dies denn im Lande eine breite Resonanz gefunden?
NADSCHIBULLAH: Alles, was wir tun, liegt im Sinn des moslemischen Volkes Afghanistans. Wir akzeptieren und respektieren die religiösen Überzeugungen des Volkes. Die Anerkennung der Rolle der geistlichen Würdenträger wurde in der Bevölkerung mit Genugtuung aufgenommen.
SPIEGEL: Aber verunsichert eine solche Haltung nicht viele Mitglieder Ihrer Partei, die mit dem Islam nicht so viel im Sinn haben?
NADSCHIBULLAH: So gesehen war und ist die Demokratische Volkspartei Afghanistans nie eine marxistisch-leninistische Partei, sondern immer eine Partei, die den Glauben des Volkes respektiert.
SPIEGEL: Was empfindet denn der Präsident Nadschibullah, wenn er vor aller Öffentlichkeit in der Moschee betet?
NADSCHIBULLAH: Das, was ein Moslem empfindet.
SPIEGEL: Drei Millionen Afghanen leben als Flüchtlinge in Pakistan, angeblich noch einmal zwei Millionen im Iran. Was wird konkret getan, sie zurückzubringen, mit wie vielen Rückkehrern rechnen Sie in den kommenden Monaten?
NADSCHIBULLAH: Erst einmal möchte ich die von Ihnen genannten Zahlen anzweifeln. Es sind viel weniger. pakistan hat sich im Genfer Vertrag verpflichtet, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine Rückführung der Flüchtlinge zu ermöglichen. Und wir haben alle nötigen Vorbereitungen für eine Heimkehr der Flüchtlinge getroffen. Wir hoffen, noch im laufenden Jahr eine Million Heimkehrer aufnehmen zu können.
SPIEGEL: Sie selbst haben erst vor wenigen Tagen gesagt, die Aufnahme von einer Million Rückwanderer würde 30 Milliarden Afghani (über 1 Milliarde Mark) kosten. Wer soll das bezahlen? Haben Sie schon konkrete Hilfszusagen aus dem Ausland?
NADSCHIBULLAH: Diese Gelder werden für eine Überbrückungshilfe gebraucht, bis die Heimkehrer wieder angesiedelt sind und ihrer normalen Arbeit nachgehen können. Die befreundeten sozialistischen Staaten haben uns für diese Aufgabe bereits umfassende Hilfe zugesagt. Helfen werden auch das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen. Auch Indien, wo ich vor kurzem zu Besuch war, hat Beistand zugesagt. Insbesondere sind aber, wie
ich meine, alle jene Länder, die sich stets eifrig für die Menschenrechte einsetzen, jetzt gefordert, hier ein Beispiel für Humanität zu geben.
SPIEGEL: Der Westen hat bisher hauptsächlich den Flüchtlingen in pakistanischen Lagern geholfen. Stehen diese Gelder in Ihren Augen Afghanistan zu, wenn es die Flüchtlinge wieder aufnimmt?
NADSCHIBULLAH: Wenn man die Menschenrechte ernst nähme, hätten diese Flüchtliche, die in der Emigration so viele Leiden erdulden mußten, in der Tat Anspruch auf die Hilfe dieser Länder und aller einschlägigen Organisationen.
SPIEGEL: Der Iran war bei den Friedensverhandlungen in Genf nicht dabei, mit diesem Nachbarn im Westen gibt es noch gar keine Vereinbarung über das Schicksal der Flüchtlinge. Haben Sie darüber zweiseitige Gespräche vor - Sie selbst waren ja einmal Botschafter in Teheran?
NADSCHIBULLAH: Wir haben schon mehrmals versucht, die bilateralen Beziehungen und auch diese Problematik mit den offiziellen Stellen des Iran zu erörtern. Leider haben wir auf unsere Bemühungen nie eine positive Antwort erhalten. Wir bedauern dies, aber unsere Vorschläge gelten weiter.
SPIEGEL: Beide Supermächte, die Sowjet-Union wie die Vereinigten Staaten, haben das Genfer Abkommen als Garantiemächte unterschrieben. Moskau hat jetzt konkret begonnen, seine Verpflichtungen zu erfüllen, es zieht seine Truppen ab. Was erwarten Sie von Washington als Garantiemacht des Vertrages überhaupt?
NADSCHIBULLAH: Die USA haben in Genf unterschrieben, sich nicht mehr in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einzumischen. Wir erwarten, daß die USA als Großmacht wie auch als Mitglied des Uno-Sicherheitsrates diese Verpflichtung tatsächlich einhalten.
Es wäre sehr bedauerlich, wenn die Amerikaner mit einer Hand in Genf diese Verpflichtung unterschrieben, mit der anderen Hand aber weiterhin die Extremisten mit Waffen und anderen Hilfsleistungen unterstützten und sich damit auch künftig in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischten.
Hier stellt sich die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert die Unterschrift unter einen solchen Vertrag haben soll. Wie soll sonst garantiert werden, daß wichtige internationale Verträge von den Unterzeichnern auch tatsächlich eingehalten werden?
SPIEGEL: Gibt es denn Anzeichen dafür, daß Washington sich nicht an den Genfer Vertrag halten könnte?
NADSCHIBULLAH: Wir verfügen über Informationen, daß die USA den Konterrevolutionären modernste Waffen, darunter Panzerabwehrraketen vom Typ "Milan", neue "Stinger"-Flugabwehrraketen, Mörser und Raketen mit großer Reichweite, geliefert haben.
SPIEGEL: Sie haben wiederholt Ihr Interesse an besseren Beziehungen zu den westlichen Ländern betont. Gab es darauf schon irgendein Echo?
NADSCHIBULLAH: Wir wünschen gute Beziehungen auf der Basis der Gleichberechtigung und der Anerkennung gegenseitiger Interessen mit allen Ländern. Es gab schon Fortschritte, aber besonders sind wir an einer Verbesserung unserer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten interessiert.
SPIEGEL: Die Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland waren viele Jahrzehnte traditionell gut, aber jetzt scheint das Verhältnis zwischen Kabul und Bonn gestört. Sehen Sie eine Möglichkeit, es zu verbessern? NADSCHIBUL-LAH: Es wäre gut, wenn wir die Tradition der letzten Jahrzehnte wiederaufnehmen könnten. Übermitteln Sie dem Volk der Bundesrepublik meine besten Wünsche. Es besteht die Hoffnung - und wir sind auch daran interessiert -, daß die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und den beiden Völkern weiterentwickelt und vertieft werden.
SPIEGEL: Es gibt immer wieder Gerüchte, daß die Nordprovinz Afghanistans sozusagen als letzte Bastion Ihres Regimes gehalten werden soll, falls die Lage im Lande sich verschlimmert. Was ist daran? NADSCHIBUL-LAH: Solche Gerüchte, an denen absolut nichts Wahres ist, entstanden, weil wir in den Nordprovinzen, aus denen etwa die Hälfte unseres Sozialprodukts kommt, einen eigenen Bevollmächtigten des Ministerrats eingesetzt haben.
SPIEGEL: Als Sie heute die sowjetische Kolonne verabschiedeten, welche Gedanken hatten Sie da? Sind Sie glücklich über den Abzug der Verbände, oder bedauern Sie ihn?
NADSCHIBULLAH: Wir haben gemeinsam mit der Sowjet-Union sehr große Anstrengungen unternommen, um die Probleme in und um Afghanistan zu lösen. Wie Sie sehen, hat unsere flexible und rationale Politik diesen Abzug ermöglicht. Wenn das zum Frieden führt, sind wir darüber glücklich.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 21/1988
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