23.05.1988

USASchlimmes Ende

Schwere Vorwürfe gegen den Sicherheitsberater des Vizepräsidenten George Bush: Wurden Waffenlieferungen an die Contras mit Drogengeldern finanziert? *
Im Ballsaal des Washingtoner Hilton-Hotels hatten sich am 21. April die beim Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten zum jährlichen Festessen versammelt. Da ging Donald Gregg, Sicherheitsberater im Stab des Vizepräsidenten George Bush, auf einen Gast zu, umarmte ihn und sagte zu den einigermaßen fassungslosen Journalisten: "Dieser Mann ist meine Erfolgsgeschichte."
Die Vorstellung war überflüssig, der Geehrte bekannt: Es war der Gregg-Freund und Ex-CIA-Agent Felix Rodriguez alias Max Gomez, der von seinem Posten in El Salvador aus Waffennachschubflüge für die nicaraguanischen Contras koordiniert hatte, eine der Zentralfiguren des Iran-Contra-Skandals.
Daß ebendieser Rodriguez nach dem Abschuß eines Waffentransporters am 5. Oktober 1986 die Verlustmeldung als erstes an den Stab des Vizepräsidenten - und nicht etwa an den Nachschuborganisator Oliver North im Nationalen Sicherheitsrat - durchgegeben hatte, führte seither immer wieder zu Vermutungen, Bush wisse über illegale Formen der Contra-Hilfe mehr, als er zugibt.
Der Vizepräsident, der sich mindestens dreimal mit Rodriguez getroffen hat, bestritt bisher jede Kenntnis. Weder die von Präsident Ronald Reagan eingesetzte Untersuchungskommission noch die Ermittlungsausschüsse des Kongresses konnten Bush irgendeine Flunkerei nachweisen.
Kein Wunder, daß der Vizepräsident und sein Stab sich sicher glaubten: "Wir denken, die Presse sollte sich langsam damit abfinden, daß dieses Thema abgehakt ist."
Doch jetzt geht's erst richtig los. Vergangene Woche wurden in Washington die Umrisse eines Unternehmens sichtbar, das Waffen an die Contras lieferte - lange bevor der Sicherheitsrat die Sache in die Hand nahm. Die Operation mit dem Decknamen "Arms Supermarket" könnte peinlicher werden als alles, was der angebliche Nationalheld North im Dienste der Contras vollbracht hat.
Denn abgesehen von der Tatsache, daß auch "Supermarket" in eine Zeit fiel, in der Militärhilfe für die Contras verboten war, stammte die Finanzierung, zumindest teilweise, aus Drogengeldern. Sollte sich herausstellen, daß ausgerechnet George Bush, Reagans oberster Drogenbekämpfer, von diesem Unternehmen gewußt hat, kann er seinen Wahlkampf vorzeitig abbrechen. Meinungsumfragen zeigten ihn vorige Woche in der Beliebtheit hinter dem Demokraten Michael Dukakis.
Der unverdächtigste Zeuge für die Existenz der Operation "Supermarket" ist der berüchtigte Oliver North selbst. In seinem vom Weißen Haus zensierten Tagebuch findet sich am 12. Juli 1985 die Eintragung: "... wenn Supermarket sein schlimmes Ende erreicht. Finanzierung in Höhe von 14 Millionen Dollar kam aus Drogen".
Das Unternehmen ist erst in Umrissen bekannt. Die Fernsehgesellschaft ABC und das Nachrichtenmagazin "Newsweek" berichten, daß auf Washingtoner Wunsch und gegen spätere Washingtoner Vergütung der israelische Geheimdienst in Polen und der Tschechoslowakei Waffen kaufte, die er über Bolivien nach Panama verfrachtete.
Der israelische Verbindungsmann Michael Harari war bis vor kurzem ein enger Gehilfe des panamaischen Diktators Manuel Antonio Noriega. Von Panama aus wurden die Waffen an Nachschubsammelstellen der Contras in Costa Rica und El Salvador geliefert.
Was dann passierte, ist heftig umstritten. In mehreren Aussagen bestätigte etwa Noriegas ehemaliger Polit-Berater Jose Blandon, daß Rodriguez den Weitertransport an die Contras organisiert habe. Als Washingtoner Kontaktmann benannte Blandon angeblich den Sicherheitsberater Gregg. Anschließend seien die gleichen Transportflugzeuge zum Drogenschmuggel in die USA benutzt worden.
Das bestätigt einer der beteiligten Waffenhändler, Richard Brenneke. Er will Gregg auf die Schmuggelflüge hingewiesen haben. Greggs Antwort laut Brenneke: "Das geht Sie gar nichts an, stellen Sie nicht die Entscheidungen Ihrer Vorgesetzten in Frage."
Blandon, Brenneke und ein weiterer Zeuge, der wegen Geldwäscherei verurteilte Buchhalter des kolumbianischen Rauschgiftkartells von Medellin, Ramon Milian Rodriguez, sagen übereinstimmend aus, die südamerikanischen Drogenkönige hätten sich finanziell an der Operation beteiligt, um sich so ein Anrecht zu sichern, ihren Geschäften unbehelligt nachgehen zu können.
Felix Rodriguez und Gregg streiten alle Vorwürfe, soweit sie "Supermarket" betreffen, ab. Doch die Glaubwürdigkeit ihrer Dementis läßt nach. Greggs Angaben über Dauer und Intensität seiner Bekanntschaft mit Rodriguez wurden schon mehrmals korrigiert.
Telephonunterlagen belegen fast tägliche Gespräche der beiden. Trotzdem wollen sie erstmalig im August 1986, als "Supermarket" beendet war und Oliver North die Contra-Hilfe übernommen hatte, über Waffenlieferungen an die Rebellen gesprochen haben.
Allerdings, schon im Mai, kurz vor einem Treffen von Rodriguez und Gregg mit Bush, führen zwei Memos unter anderem "Nachschub für die Contras" als Gesprächspunkt auf.
Gregg zeigte sich "verwundert, wie dieser Tagesordnungspunkt auftauchen kann". Seine Sekretärin hat eine einfache Erklärung dafür: Das sei, sagte sie unter Eid aus, ihr so diktiert worden.
Wahlkämpfer Bush möchte von der ganzen Geschichte nichts mehr hören. Bei einem Auftritt in Seattle zog er sich am vergangenen Dienstag auf bekannte Positionen zurück: "Das hat noch nicht einmal mehr Nachrichtenwert. Ich habe es allmählich satt, immer sagen zu müssen: 'Ich habe die Wahrheit gesagt."

DER SPIEGEL 21/1988
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