08.08.1988

ZOOWahrer Anarchist

In Köln war der Bär los und wurde erschossen. War es Totschlag oder Notwehr? *
Karl-Josef I., der Bär, gehörte zur Gattung der Grizzlies und hatte auch noch andere gute Eigenschaften. Die Kinder im Kölner Zoo mochten ihn, und die Erwachsenen bemühten sich, ihn so zu sehen wie die Kinder.
Am vorletzten Freitag aber hatte das friedliche Zooleben ein Ende: Karl-Josef fiel aus der Rolle. In seinem Gehege riß er einen Baumstamm aus der Verankerung, rollte das Holz, als wäre er nicht am Rhein, sondern am Yukon River in Alaska, in den begrenzenden Wassergraben. Anschließend kletterte er auf den schwimmenden Stamm und balancierte zur Freude der Zaungäste.
Was dann passierte, widerlegt den Tierforscher Alfred Brehm, der behauptet
hatte, Bären seien "geistig wenig begabt" und sogar richtig "dumm".
Karl-Josef, der in Leipzig gebürtige Bär, nahm spielerisch die Mauer seines Geheges in Angriff. Er reckte seine vier Zentner auf 2,5 Meter empor und langte zum Sims der Betonwand. Der Grizzly zog sich empor, kriegte auch das über der Mauer befindliche Gitter zu fassen und hangelte sich darüber: Der Bär war los.
Die Freiheit schien ihn zu verunsichern. Der Bär wollte erkennbar in sein fast 1700 Quadratmeter großes Freigehege zurück - doch er wußte nicht, wie. Schließlich trottete er davon, platschte durch den flamingo-Teich und machte sich auf den Weg zu den Kamelen. Nervös war er schon, aber richtige Hektik entfalteten nur die Menschen.
"Tier frei", ertönte es aus den Lautsprechern, "wir versammeln uns am Bärengehege." Gemeint waren die Pfleger, aber auch zahlreiche der 3000 Zoobesucher trabten heran. Zoodirektor Professor Gunther Nogge rannte los, um das Betäubungsgewehr zu holen. Wärter rüsteten mit scharfer Munition auf, ein Spezialeinsatzkommando der Polizei raste, 17 Mann hoch, Richtung Zoo.
Karl-Josef, immer noch bei den Kamelen, wurde unruhig und galoppierte durch die Büsche. Ein Pfleger gab Karl-Josef die Kugel.
Der finale Todesschuß hat die freiheitsliebenden Rheinländer in zwei Lager gespalten. Vor dem Eingangs-Gitter tauchten vorigen Dienstag Demonstranten auf und forderten den Rücktritt des Zoodirektors. "Waidmannsheil - Blattschuß-Nogge" stand auf den Transparenten. Die Gegenmeinung war auch vertreten. Eine Oma hielt den Enkel hoch: "Wäre es denn besser gewesen, der Bär hätte ein Kind zerfleischt?"
Trauer trug Ex-Karnevalsprinz Karl-Josef Kappes. Er hatte das Tier in der Session 1985 (Karnevalsmotto: "Ene Besök em Zoo") gestiftet. In seinem Haus hängt ein großes Photo des Bären, zu jedem Geburtstag brachte er ihm eine Kiste Möhren.
Totschlag oder Notwehr - das ist nun die Frage. Hätte man den Bären nicht mit Netzen überwerfen, mit Tränengas sedieren oder mit Wasserwerfern - wie üblicherweise die Störenfriede der öffentlichen Ordnung - zu angepaßtem Verhalten veranlassen können? Vor allem aber diskutieren Stammtischrunden und Lokalzeitungen die womöglich falsche Bewaffnung der Wärter: Wo war das Betäubungsgewehr geblieben?
Eine Wunderwaffe gegen militante Zoo-Aussteiger, da ist sich die Fachwelt einig, ist die Narkosebüchse allerdings nicht. "Raubtiere kann man nicht einfach wie bei Daktari außer Gefecht setzen", meint der Duisburger Zoodirektor Wolfgang Gewalt. Außerdem sei es "nur ein Grizzly" gewesen; bei den fast ausgestorbenen Berg-Gorillas "hätte man sorgfältiger abwägen müssen".
"Das Gewehr", sagt der Kölner Zoo-Arzt Olaf Behlert, sei "nur von Spezialisten zu handhaben". Schon ein paar Tropfen des Betäubungsmittels auf der menschlichen Haut könnten tödlich wirken. Um den richtigen Druck zu haben, müsse die Entfernung genau eingestellt werden. Wind könne das Pfeil-Projektil abtreiben. Die Dosierung der Injektion müsse genau stimmen. Bei dickfelligen Bären würde es selbst bei höchster Konzentration noch zehn Minuten dauern, bis die massigen Kreaturen außer Gefecht seien.
Unter den offenkundig zahlreichen Fans des Grizzlys war die Kritik auch nach derlei Einrede nicht verstummt: Als Karl-Josef die engen Grenzen seiner Kölner Welt verließ, war Betäubungsschütze Behlert auf Dienstreise. Er aber hat mit dem "Telinjekt"-Gewehr mehr Praxis als Zoodirektor Nogge.
Zwischen dem Chef des Zoos und den trauernden Tierfreunden herrscht ohnehin eine gespannte Atmosphäre: Seit drei Jahren hat Zoodirektor Nogge das abträgliche Image, für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur nicht das richtige Händchen zu haben.
Damals, im Oktober 1985, mußte der alte Schimpanse Petermann, 38, ein mensch-ergebener Zoo-Bewohner, dran glauben, als er gemeinsam mit Susi, 32, ausbüxte. Der verschreckte Affe biß seinerzeit seinen Herrn, den Chef Nogge, krankenhausreif und wurde gemeinsam mit Susi füsiliert.
Petermann hinterließ eine trauernde Gemeinde. Eine Kölner Fußball-Mannschaft, immerhin Deutscher Meister unter den alternativen Kickern, tritt seither unter dem Vereinsnamen "Petermann Stadtgarten" an. Der Affe sei, sagt Spielertrainer Rainer Osnowski, "auf dem Weg in die Freiheit gestorben". Als "einer der wenigen wahren Anarchisten in der politischen Larifari-Stadt Köln" habe Petermann die "linke Faust in den Abendhimmel gereckt, als er von hinten erschossen" wurde.
Die Petermann-Kicker ernannten Karl-Josef, der einen "zutiefst sympathischen Fluchtversuch" gemacht habe, zum Ehrenmitglied. Als Sechswochenamt soll für den Grizzly ein Abschiedsspiel stattfinden.

DER SPIEGEL 32/1988
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