18.07.1988

ARCHÄOLOGIEUrbs nobilis

Schätze der albanischen Antike werden erstmals auf einer Ausstellung in Hildesheim gezeigt. *
Stillschweigend hatten die albanischen Gastgeber schon etliche Taktlosigkeiten Nikita Chruschtschows hingenommen, als der damals zweitmächtigste Mann der Welt 1959 durch das eigenwillige Balkanland reiste. Doch dann, mit einer Bemerkung über den Wert archäologischer Forschung, verletzte er den Stolz des albanischen Parteiführers Enver Hodscha offenbar zutiefst: Die Albaner sollten doch, so der sowjetische große Bruder, "das Altertum den Römern und Griechen überlassen". Empört belehrte ihn Hodscha: Ausgrabungen belegten nicht nur den weit zurückreichenden Ursprung Albaniens, das schon vor drei Jahrtausenden von dem indogermanischen Volk der Illyrer besiedelt worden war. Sie offenbarten auch "unsere uralte und reiche Kultur".
Was die mit viel Aufwand betriebene, dem Nationalbewußtsein förderliche Archäologie zwischen Adria und Ohrid-See zutage brachte, blieb dem Ausland lange unzugänglich. Nun, da die Zeit der Selbstisolierung zu Ende geht und Tirana auch diplomatische Beziehungen zu Bonn aufgenommen hat, führen die Albaner der Weltöffentlichkeit erstmals ihr antikes Erbe vor: In einer Sonderausstellung zeigt das Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum "Schätze aus dem Land der Skipetaren" (18. Juli bis 20. November).
Die rund 500 Objekte - Bronzearbeiten und Mosaiken, Skulpturen, Reliefs, Waffen, Gold- und Silberschmuck - sollen eine 4000jährige Geschichte dokumentieren. Denn "keinesfalls ein weißer Fleck" sei die in der jüngsten Vergangenheit von Fremdherrschaft und Besetzung gelähmte Region im Altertum gewesen, betont der albanische Archäologe Neritan Ceka, der gemeinsam mit Museumsleiter Arne Eggebrecht die Ausstellung vorbereitete.
Prunkvolles Zeugnis illyrischer Fürstenmacht ist beispielsweise die Ausstattung von Familiengräbern am Ohrid-See, an deren Ausgrabung Ceka beteiligt war. In den Totenkammern, die hinter steinernen Türen im Fels verborgen lagen, fanden die Archäologen - unter anderem - die in Hildesheim gezeigten Beigaben wie eine goldene Gürtelschnalle mit Kampfszene, goldene Ohrringe in Filigranarbeit, getriebene Zierscheiben und Waffen. Aus Hügelgräbern des zweiten vorchristlichen Jahrtausends
förderten die Ausgräber Keramik, Handwerksgerät und Schmuck zutage, der, so Eggebrecht, vom "erstaunlichen Abstraktionsvermögen" prähistorischer Künstler zeugt.
Labeaten, Pirusten, Albanen, Parthiner, Taulantier, Byllionen, Amanten, Chaonen und Prasaiber - die miteinander verfeindeten Stämme im Gebiet des heutigen Albanien bauten sich seit der Eisenzeit festungsähnliche Siedlungen in schützender Höhe. Was Ausgräber dort während der letzten Jahrzehnte freilegten, ist, mit den wichtigsten Beispielen aus Architektur, Handel, Theater und Religion, in der Ausstellung zu sehen.
Schriftliche Zeugnisse der Illyrer, die als Seeräuber mit ihren schnellen, ungedeckten Ruderschiffen die adriatischen Küsten verunsicherten, sind hingegen nie bekannt geworden. Namen von Personen, Orten, Bergen und Flüssen haben den Wissenschaftlern jedoch bestätigt, daß die albanische Ursprache zur indoeuropäischen Familie gehört.
Vom jahrhundertelangen friedlichen Zusammenleben mit griechischen Kolonisatoren künden die ausgestellten Hinterlassenschaften der antiken Weltstadt Apollonia. Meisterwerke der Skulptur und Goldschmiedekunst spiegeln hellenistischen Luxus. Auch als Rom, im Jahre neun nach Christus, seine endgültige gewaltsame Herrschaft auf illyrischem Gebiet angetreten hatte, blieb das am Meer gelegene Apollonia eine, so Cicero, "urbs gravis et nobilis" - eine "bedeutende, berühmte Stadt"; an Apollonias berühmter Akademie studierte Octavian, der spätere Kaiser Augustus.
Eine imposante Grabstele aus Apollonia, die nach Kenntnis der Archäologen weltweit keine Parallele hat, wurde nach Hildesheim entliehen: Das Relief zeigt den Abstieg eines Verstorbenen in die Unterwelt, der Seelenführer Hermes geleitet den Toten zum Fluß Acheron.
Politisch-strategische und wirtschaftliche Interessen der Weltmacht Rom machten das Land am Ostufer der Adria zum historischen Brennpunkt: Die Via Egnatia, eine der bedeutendsten Heer- und Handelsstraßen des Altertums, führte, als Fortsetzung der Via Appia in Italien, von Apollonia aus nach Thessaloniki und in den Vorderen Orient. Aus Illyrien stammende Herrscher wie Decius, Maxentius oder Diokletian wurden römische Kaiser, die durch Leihgaben der Kapitolinischen Museen in Rom und der Dresdner Skulpturensammlung in der Ausstellung vertreten sind.
Erst in den letzten Jahrzehnten ausgegrabene Mosaiken sowie Ikonen repräsentieren das Mittelalter in der Kulturprovinz zwischen Byzanz und Rom; zeitlich schließt die Ausstellung mit Dokumenten über Georg Kastrioti, genannt Skanderbeg, der Albanien Mitte des 15. Jahrhunderts zum Bollwerk gegen die Türkeninvasion machte und zum Nationalhelden der heutigen "Republika Popullore Socialiste e Shqiperise" wurde.

DER SPIEGEL 29/1988
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