23.05.1988

„Ihr müßt den Luftzug der Hörner spüren“

SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge über die wiederauflebende Stierkampfbegeisterung in Spanien Alle Proteste von Tierschützern sind umsonst - in spanischen Stierkampf-Schulen drängelt sich der Nachwuchs. Die Arenen in Madrid und Sevilla sind ausverkauft, und auch internationale Konzerne beginnen sich für den Stierkampf als Werbeträger zu interessieren. Nur: Den Stieren fehlt der Kampfgeist vergangener Zeiten. *
Juan Antonio Ruiz, den sie "Espartaco" nennen, kniet vor dem Stier. Der dampfende Fleischberg, aus dessen Rückenwunde mit jedem Herzschlag Blut herausschwappt, scheint verstört, resigniert, unfähig zum Kampf. Plötzlich jedoch zuckt sein Schädel empor, die Hörner schleudern den Matador in die Luft.
In der "Plaza de Toros de Puerto Banus", der Stierkampfarena des Society-Ortes Marbella, stoppen die Musiker, die den Pirouetten des Stierkämpfers bis dahin im Stil einer Feuerwehrkapelle mit "pasodobles" gefolgt sind, ihren beschwingten Rhythmus - der Stier steht über dem Torero, der aussieht wie eine Schaufensterpuppe, verrenkt, reglos.
Helfer reißen den bewußtlosen, in türkisfarbene Seide gekleideten Körper hoch und eilen mit dem Matador in die Notarztstation. Ein anderer Torero nimmt den Kampf mit dem Stier, das auf 15 Minuten begrenzte "tercio de la muerte" - das Drittel des Todes - eben auf, als aufgeregte Männer von der Unfallabteilung herbeieilen und gestikulieren. Der Tod des Matadors? Nein, seine Rückkehr.
Die Hörner haben seinen Leib nicht aufgeschlitzt wie schon neunmal zuvor in seiner Karriere, ihm die Gedärme nicht herausgerissen. Beim Aufprall hat er das Gehör auf einem Ohr verloren, die Arme, mit denen er in der ersten Phase des Kampfes die um sechs Kilo schwere "capa" schwenkt, schmerzen, und die Beine natürlich, die vom Stierschädel getroffen wurden - aber all das kann Espartaco nicht abhalten, seine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln.
Der vom Riechsalz des Arztes wiederbelebte Matador - Stierblut und Arenasand haben das feine Beinkleid verschmiert - humpelt zu seinem Schwertträger an die rotbraune Holzbarriere und läßt sich den Degen reichen. Eine Minute lang vielleicht narrt er das Tier mit der kleineren "muleta", dem berühmten roten Tuch, dann stößt er zwischen Schulterblatt und Rückgrat des Stieres zu. Das Tier schüttelt sich, erbebt, taumelt und sackt schließlich auf die Vorderläufe, bevor es - tödlich getroffen - zur Seite kippt.
Espartaco, sagt Jose Antonio del Moral, Autor von sechs Stierkampfbüchern und Redaktionsdirektor des seit drei Monaten erscheinenden Fachmagazins "Toros'92", kämpfe zwar "weniger genial" als die legendären Matadores Ordonez, Litri, Belmonte oder Joselito; aber er symbolisiert gleichwohl "eine neue Generation" und "die Renaissance des Stierkampfes". Wie kaum ein anderer seiner Arbeitskollegen "zieht Espartaco die Massen an".
Allein im letzten Jahr trat der 1,76 Meter große, eben 70 Kilo schwere Matador bei mehr als 100 "corridas" auf. Im August und September ist sein Kampfprogramm derart gedrängt, daß er in seinem Chevrolet "Station Wagon" schlafen muß, während zwei Fahrer ihn abwechselnd von Ort zu Ort chauffieren, 1987 annähernd 100 000 Kilometer weit.
Für jeden getöteten Stier erhält Espartaco umgerechnet 60 000 Mark als Lohn der Angst. Und dabei, freut sich sein Manager Jose Luis Lozano, "wird es nicht bleiben". Denn Stierkampf, kein Zweifel, ist eine Wachstumsbranche.
"Die wohl bestialischste Spielveranstaltung, die sich in die Neuzeit gerettet hat" ("Die Zeit"), erlebt nach Jahren der Flaute neue Popularität. An den Kassenhäuschen der spanischen "Plazas de Toros"
hängt nicht selten das Schild "No hay billetes" - ausverkauft. Und nicht nur dort - auch im Südwesten Frankreichs, in Arles etwa, Nimes oder Beziers, ist Stierkampf zu einem Volkssport geworden; sogar im privaten "Canal Plus" werden den Franzosen spanische "corridas" angeboten.
Angesichts des neuen Nationalbewußtseins sieht Manager Lozano "eine gewaltige Zukunft". Spanien, so glaubt Redaktionsdirektor del Moral, "besinnt sich jetzt zurück auf die Kultur und Tradition", und "mögen die Tierschützer dies auch nicht verstehen", der Stierkampf ist "ein Teil davon, der steckt uns im Blut".
Junge Maler wie etwa Mikel Barcelo eifern Stierkampf-Fans, den "aficionados" wie Pablo Picasso und Francisco Goya nach und entdecken die tödliche Auseinandersetzung wieder als Motiv. Mit ihrem "corrida"-Song "Sangre Espanola" (Spanisches Blut) erreichte die Pop-Gruppe Gabinete Caligari die Hit-Parade. Der Filmemacher Pedro Almodovar wählte Ästhetik und Mythos des Stierkampfs als Thema: Sein Werk "Matador" wurde zum Kassenschlager.
Modeschöpfer, auch französische, lassen sich vom Torero-Look, von der kurzen Jacke der Stiertreiber und den Kleidern ihrer Frauen inspirieren. Es ist, empfindet Stierkampf-Journalist Francisco Aguado, dessen Vater einem Matador als Schwertträger diente, als "würden wir endlich unseren Gefühlen und Phantasien die Freiheit zurückgeben".
Noch ist Reklame in den traditionsreichen Arenen verpönt, doch in Marbella etwa warben das örtliche Kasino und eine Sparkasse in der Plaza. Noch treten Toreros nicht wie Formel-1-Rennfahrer als wandelnde Reklamesäulen auf, doch schon haben der japanische Elektronik-Konzern Akai und eine US-Jeansfirma Matadores für Werbespots angeworben. Coca-Cola hat Espartaco wegen eines Vertrages angesprochen. "Wenn die USA den Stierkampf entdeckt hätten, dann wäre der zu einem weltweiten Spektakel geworden", davon ist Star-Matador Jose Ortega Cano, 32, überzeugt: "Unser Tag wird kommen, es ist nur noch eine Frage der Zeit."
Gut möglich, wo die Freizeitgesellschaft nach immer neuem und immer ausgefallenerem Zeitvertreib verlangt. In diesen Tagen ist Madrids Stierkampfarena "Las Ventas" ausverkauft, 24 000 Zuschauer täglich.
Zum Fest des heiligen San Fermin sammeln sich die "aficionados" jedes Jahr in der zweiten Juli-Woche im nordspanischen Pamplona. Frühmorgens werden dort die Kampfstiere ausgeladen und durch die Gassen zur "Plaza de Toros" getrieben. Vor ihren Hörnern rennen, den Angstkitzel im Genick, trunkene Touristen und närrische Einheimische-wie etwa Jose Sanchez Cebollada,
37, ein Manager der französischen Marketingfirma Motivaction, der aus New York, Paris oder Hawaii termingerecht nach Pamplona zurückkehrt, "weil das meine Psychoanalyse ersetzt".
Er wäre gern Stierkämpfer geworden, wie so viele Spanier, Pamplona ist seine Chance, der Angst nachzuspüren, das Drama zu empfinden, das 1987 mehr als 40 Millionen Zuschauer zu den Stierfesten lockte. Stierkampf ist nichts anderes, so sieht es Matador Ortega Cano, "als ein Theaterstück mit festen Rollen". In dieser Tragödie soll der Mann das Tier beherrschen "mit klar umrissenen Regeln", mit Schrittkombinationen und Tuch-Pirouetten, die Ortega Cano "an das klassische Ballett" erinnern.
Ursprünglich wollte er Tänzer werden, statt dessen erstach er im Alter von zwölf Jahren seinen ersten Stier. Als "Kunst" versteht er seinen Pas-de-deux des Todes, der die Zuschauer nur überzeugen und mitreißen kann, "wenn Stier und Matador miteinander harmonieren".
Die Kenner, vor allem jene, die in Madrids Arena im Block 7 sitzen, traditionsbewußt mit einer Nelke im Knopfloch und einer überdimensionalen Zigarre im Mund, wissen, wann ein Matador den "adorno" betreibt, in schauspielerisches Gehabe verfällt.
Diese Puristen haben sich nie täuschen lassen von dem blumig-theatralischen "El Cordobes", wie sich Manuel Benitez nannte. Sie beschimpfen den "picador", der dem Stier vom Pferd aus mit seiner Lanze, der "vara", zu tief und zu oft in den Muskelhöcker am Nacken bohrt und somit übermäßig schwächt, sie fordern "trapio", einen kampfkräftigen Stier, nicht einen Koloß, dem nach der ersten Attacke im Arenasand die Knie wackeln und der Konditionsschwäche zeigt.
Der Stierkampf, fand Kurt Tucholsky, ist fürchterlich, das nächste Mal sei er freilich wieder dabei.
In der Tat, mancher Stierkampf, vor allem wenn ihn Amateure auf den "ferias" der Dorfgemeinschaften und der Torero-Lehrling praktizieren, gleicht oft eher einem erbärmlichen Schlachtfest. Ein Matador, der seinen Degen nicht zu führen weiß, verrichtet, wie George Bernard Shaw formulierte, "die Arbeit eines Schlächters, und in jedem gesitteten Land ist der öffentliche Zutritt zu den sadistischen Befriedigungen der Schlachthäuser verboten".
Etwa 60 Prozent der Spanier, ermittelten Meinungsforscher, wollen gleichwohl vom Stierkampf nicht lassen. Folglich "könnte es keine Partei Spaniens wagen, die Abschaffung unseres nationalen Festes zu fordern", meint Stierkampf-Autor Gonzalo Garcia Pino, "das wäre der sichere politische Tod". Selbst der König-vor allem in Madrid-besucht die "corridas". Seine Mutter unternimmt zuweilen größere Reisen, um einem alternden Matador zuzusehen, den sie verehrt.
Gelegentlich ketten sich spanische Tierschützer aus Protest gegen die Quälerei an den Eingangstoren der Stierkampfplätze fest. Dutzende Droh- und Schmähbriefe sortiert der Espartaco-Sekretär regelmäßig aus der Post seines Chefs.
"Die Heuchelei mancher dieser Leute" mag Paloma Eulate de Prado nicht verstehen. Verständlich, sie ist Partei - die elegante, polygotte Dame ist Kampfstierzüchterin nahe dem andalusischen Cadiz.
Frau Eulate de Prado läßt sich von einem Diener den Tee und Marmorkuchen servieren, streichelt ihren aus München importierten Rauhhaardackel namens "Frieda" und fragt: "Waren Sie schon einmal in einem Schlachthof, kennen Sie die psychische Panik, die dort die Tiere über Stunden ergreift? Wissen Sie, wie Kälber gemästet, Enten gestopft, Legehühner gehalten werden?"
Ihre "Torrealta"-Stiere hingegen lebten "mindestens vier Jahre wie Könige - frei, stolz, umsorgt, und dann sterben sie - mutig, edel kämpfend". Es tut auch ihr "in der Seele weh", wenn ein Matador
den Todesstoß verpatzt "und sich das Tier quälen muß".
Für die Jungen, die jetzt heranwachsen, wie Litri junior, Joselito, Ponce oder Camino, ist ein solcher Fehler, vor allem in Madrid, "so karriereschädigend, als würde ein Nachwuchs-Fußballer zwei Sekunden vor Schluß den spielentscheidenden Elfmeter verschießen", sagt Matador Paco Machado, 23, "eine Wiederholung, und du bist weg vom Fenster".
Die Jungen, oft waren ihre Väter schon Stierkämpfer, streiten heute mit immer riskanteren Manövern gegen die älteren Matadores. Gegen Paco Ojeda, Nino de la Capea, Miguel Ruiz oder Ortega Cano geht es um die Verträge, die für zwei, allenfalls drei Dutzend der mehr als 2000 Profi-Matadore ein feines Dasein garantieren - falls sie überleben.
Vor jedem Gefecht läßt Espartaco einen transportablen Altar in seinem Hotelzimmer aufbauen und bittet um himmlische Hilfe. Auch der Star hat Angst, "daß ich mich lächerlich mache" oder, schlimmer, "daß ich den Bruchteil einer Sekunde meine Konzentration verliere. Der Stier nämlich ist ein unendlich eifersüchtiges Tier, es bestraft jede Mißachtung mit dem Tod".
So sind Stierkampfhelden gestorben, Joselito, Manolete oder auch Francisco Rivera ("Paquirri"), der im September 1984 in einer kleinen Arena in der andalusischen Provinz vom Horn getroffen wurde und auf der stundenlangen Fahrt nach Cordoba verblutete.
Die Trauer, die Spanien nach dem Paquirri-Tod befiel, beobachtete der US-Autor und Stierkampfphotograph Robert Vavra, "kann nur mit dem Gefühl verglichen werden, das Amerika nach dem Attentat auf John F. Kennedy erfaßte".
Die Paquirri-Fans, etwa Gastwirt Fernando Blanco Navarro aus Madrid, in dessen Restaurant "Los Clarines" einen Tag nach den Kämpfen das sattrote, fettfreie Stiersteak angeboten wird, erinnern sich sogar an den Namen des Stiers, der Paquirri zu Tode beförderte"Avispado". Der wiederum wurde von einem eben 21 Jahre alten Nachwuchs-Star getötet: Jose Cubero, "El Yiyo". Wenn Fernando vor sein Restaurant tritt, kann er Yiyo sehen - als metallenes Denkmal. Elf Monate nach Paquirri wurde er von seinem vierbeinigen Gegner direkt ins Herz getroffen.
Espartaco, der neue Held, kann nachts nicht mehr alleine schlafen - nicht Einsamkeit, sondern die Nerven sind's. Oft schläft sein Sekretär im selben Zimmer, denn zuweilen schreckt der Matador nachts auf. Er ißt Schokolade, um sich zu beruhigen. Auf der Fahrt zur Arena drückt er eine Kassette in sein Autoradio, die den Torero aufmuntert; nicht Bizets Stierkampfmelodien, sondern "Rocky" erklingt. Nach dem Kampf betet er wieder, dann studiert er im Videogerät, das in seinem Fahrzeug installiert ist, Aufnahmen seines letzten Kampfes, "immer wieder und immer wieder", er will die Fehler sehen, sie korrigieren, "es ist mein Leben, das ich erhalten will".
Zurückziehen, aufhören? Nein, "noch nicht", trotz 15 Kilo Gewichtsverlust in einer Saison und obgleich er inzwischen eine Stierzucht-Finca besitzt, ein Jagdrevier, einen Mercedes und einen Porsche 944 Turbo, den er allerdings kaum fährt, weil Luxus nicht zu seinem Image paßt. Die Kellerwohnung in Madrid, in der er aufgewachsen ist, verfolgt ihn offenkundig quälender als die Stiere.
Zehn Angestellte begleiten ihn zu jedem Kampf, "zehn Familien, die von mir abhängen" - "banderilleros", ein "picador", der Schwertträger, ein Anzugreiniger, und natürlich der Vater - Männer, die ihn verehren, die ihre unerfüllten Träume durch ihn verwirklichen.
In einem kargen Büro unweit des Messegeländes der Hauptstadt, sitzt Manuel Martinez Molinero, 62, unter Bildern, die er selbst gemalt hat, Szenen vom Stierkampf natürlich. In einer Ecke liegen Hörner, in einer anderen steht ein Degen. Martinez, Verfasser eines Handbuches über die Matadores-Ausbildung, ist bestens gelaunt. Die Renaissance des Stierkampfes wird Experten wie ihm zu neuem Ansehen verhelfen.
Er sieht die Epoche, in der den Stieren Beruhigungsmittel eingeflößt, die Hörner gestutzt oder gefeilt wurden, um den Tieren die Treffsicherheit zu nehmen, und in der die "corrida" allmählich zu einem manipulierten Zirkusspiel zu verkommen drohte, "als böse Erinnerung".
An den Stierkampfschulen Spaniens, in Jerez etwa oder Sevilla, erzählt Martinez, melden sich "unendlich viele" Jungen, die "nur einen Traum" haben: Matador zu werden. 124 Stierkampf-Schüler sind in Madrid eingeschrieben, der jüngste ist etwa zehn Jahre alt.
"Es ist einfach unglaublich", staunt Joselito de la Cal, 75, "wie viele Väter hier fröhlich und begeistert ankommen und fordern: Machen Sie meinen Sohn zum Torero." De la Cal ahnt, warum: "Früher zu meiner Zeit trieb der Hunger uns auf die 'plaza', heute träumen sie vom Reichtum."
Der kinderlose Stierkampf-Lehrer würde seinem Sohn "dringend abraten", denn der Stier "reißt große Löcher". Wenn der rüstige Alte das Hosenbein aufkrempelt und das Hemd öffnet, deutet er auf seine Narben wie ein Kriegsveteran, der zu jeder Naht in der Haut eine Gefechts-Geschichte zu erzählen weiß. In mehr als 1000 Stiere versenkte er seinen
Degen, als "banderillero" hat er "wohl einige tausend mehr" mit in den Tod getrieben. 45 Jahre lang hat er in der Arena gestanden, oft genug auch gelegen, mit aufgerissenem Hemd oder zerfetztem Oberschenkel.
Wie so mancher Arbeitskollege überlebte de la Cal, der "nicht mehr viel Geld", aber drei Torero-Kostüme im Schrank hat, dank des Sir Alexander Fleming. Das Denkmal für den Erfinder des Penicillins steht vor der "Plaza de Toros" zu Madrid. Hochachtungsvoll verneigt sich ein Metall-Matador davor und hebt die Kappe.
Der Lehrer freilich hat sich durch seine Verletzungen nicht schrecken lassen: "Auch eine Frau muß bei der Geburt eines Kindes unheimlich leiden, und sie will trotzdem weitere Kinder." Seine Schüler werden es nicht anders erleben: "Ihr müßt dicht am Stier arbeiten", lehrt er, so nahe, "daß ihr den Luftzug der Hörner fühlt."
In der Schularena stehen die älteren Torero-Praktikanten im Trainingsanzug aufgereiht wie Fußballer. Der Mann, der das Tuch schwingt und ihnen erläutert, was eine "veronica" oder eine "revolera gitana" ist, wie Meister-Matadore mit dem Tuch ihren "pase de pecho" oder den "derechazo" ansetzen, hat im Alter von 13 Jahren seinen ersten Stier getötet. Fünf Jahre später traf ihn der Degen - sein eigener. Er stürzte unglücklich in die Waffe, nachdem der Stier ihn in die Luft geschleudert hatte. Der Stahl durchtrennte sein Bein so sauber, daß es amputiert werden mußte.
"Tinin", wie ihn seine Freunde nennen, Faustino Inchausti mit bürgerlichem Namen, läßt ein schubkarrenähnliches Gerät durch die Arena schieben, an dem Stierhörner montiert sind. Wenn die Karre angreift, üben die Klassenkameraden die "estocada", den Einstich mit dem Degen, statt eines Stiers treffen sie einen Gummischlauch.
Der Geldmangel verführt Hunderte von Jung-Toreros oft wie lebensmüde zu kämpfen, um durch ihren gewagten Stil Aufsehen zu erregen. Manche arbeiten an kampffreien Tagen als Lkw-Fahrer oder Landarbeiter, oder sie ziehen im Sommer von Dorf zu Dorf und suchen - für eine Handvoll Peseten - den Kampf gegen Stiere, die eigentlich durch einen Bolzenzug im Schlachthof enden müßten, weil sie sich zum Kampf nicht eignen.
"Wir könnten jetzt vielleicht schon die großen Stierkampftage längst vergessener Zeiten wiedererleben", meint Jose Antonio del Moral, wenn sich nicht ausgerechnet jetzt die Stiere "in dieser Zeit des Aufschwungs als Spielverderber" entpuppen würden.
Bei dem Versuch nämlich, den perfekten Kampfstier zu züchten, ist den Züchtern "wohl irgend etwas aus der Hand gelaufen", sagt Paloma Eulate de Prado, die "Torrealta"-Züchterin. "Wir wissen nur noch nicht genau, was."
Nicht selten knicken die Tiere, die in die Arena stürzen, als wollten sie die "barrera", die Holzbarrieren, aus den Verankerungen heben, nach wenigen Gewalt-Spurts im Sand um. Widerwillig, so scheint es, reagieren sie auf den lanzenbewehrten "picador", der auf seinem mit Beruhigungsmittel gedopten Pferd der Attacke harrt.
Oft lassen die Stiere nach der ersten Verwundung von dem, mit matratzenähnlichen Polstern geschützten Pferd ab und kehren nicht zurück. "Schande", rufen dann die erregten Fans und fordern Ersatz, einen echten Kämpfer, wie Ernest Hemingway sie noch erlebte und als "etwas Überirdisches und Unglaubliches" beschrieb.
Tierärzte untersuchen die Stiere vor dem Kampf, etwa auf Augenentzündungen oder darauf, ob die Hörner manipuliert sind. Nur: "Wir können nicht feststellen", verteidigt Jose Manuel Duran Jimenez, Veterinär an der "Plaza de Toros" von Madrid, seine Zunft, "wie mutig oder wie feige die Stiere tatsächlich sind."
Womöglich, spekulieren nun die Veterinäre, leiden die Tiere unter Wohlstandserscheinungen. Sie müssen nicht mehr auf der Suche nach Wasser und Nahrung über die Weiden ziehen. Sie werden, vor allem sechs Monate vor dem letzten Gang, mit künstlicher Kraftnahrung aufgepäppelt, um, wie etwa in Madrid, das Mindestkampfgewicht von 460 Kilo auf die Waage zu bringen.
Die großen Züchter Miura, Nunez, Domecq oder Victorino Martin sind über die Konditionsschwächen der Stiere "beunruhigt wie wir alle", bestätigt Borja Prado, 32, der gemeinsam mit seiner Mutter die "Torrealta"-Zucht führt. Denn wenn die Stiere eines Züchters vom Publikum verschmäht und verspottet werden, bleiben in der folgenden Saison die "corrida"-Veranstalter fern, die pro Kampfstier zwischen 11 000 und 16 000 Mark zahlen, zuweilen sogar 25 000 Mark.
Mit ihrem grünen Notizblock sitzt Paloma Eulate de Prado an der Stierkampf-Arena ihrer Finca. Sie beobachtet Francisco Ruiz Miguel, 39, einen der prominentesten Matadore Spaniens, der in rund 2500 Stiere seinen Degen setzte und nun hier die Jungstiere der Seiora auf ihre Tauglichkeit untersucht.
Der Stier kämpft um seine Zukunft, Bolzenschuß oder Degen ist die Frage: Scheut er die Attacke, weicht er dem Torero aus oder bricht er aus Schwäche gar in die Knie, dann gibt es ein Minuszeichen im Notizbuch der Züchterin. Ihr Sohn nennt das "einen Knicks für den Schlachter".
Weil die Spanier - von einer neuen Faszination ergriffen - klassische, ehrliche Stierkampfkunst fordern, attackieren die Zeitungs-Kritiker die Qualität der Stiere überaus heftig. Die Züchter sollten stärker in ihren Herden sortieren und zurückkehren zur Naturnahrung.
Für Spanien, nicht allein für die "aficionados", ist der Kampfstier ein Symbol, er ist, sagt Espartaco, der Matador, "ein Stück unserer Geschichte". Der Torero hat die Köpfe jener Kolosse ausstopfen lassen, die ihm in der Karriere zu seinen größten Triumphen verholfen haben.
Sie hängen in seiner Finca, auf der er jetzt selbst Stiere aufzieht, an einem Ehrenplatz. Ein Widerspruch, Töter und Züchter in einer Person zu sein? Für ihn nicht, denn er "liebt diese Geschöpfe", ohne ihre Existenz "wäre ich nicht das geworden, was ich bin".
Sie allein entscheiden darüber, sinnierte der Torero nach seinem unfreiwilligen Hochsprung in der Stierkampfarena von Marbella, "ob man Ruhm erlangt oder ein Nichts bleibt" - oder stirbt.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 21/1988
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