12.09.1988

„Da reißen Mädels Bäume aus“

Heidi Schüller über Mütter im Leistungssport und Schwangerschafts-Doping Die Ärztin und Journalistin Dr. Heidi Schüller, Mutter von zwei Kindern, war Anfang der siebziger Jahre eine erfolgreiche Leichtathletin. *
Fairy tales", Märchen, hofft der holländische Hormonexperte Professor Hans Keizer von der Rijksuniversiteit in Maastricht. Wenn''s stimmt, sagt Professor Wildor Hollmann, Präsident des Weltverbandes für Sportmedizin aus Köln, "ist es der Gipfelpunkt in der Entartung des Leistungssports".
Was ist dran an den Gerüchten um gezielt eingesetzte Frühschwangerschaften als Dopingmittel, wie sie nach der Jahrestagung eines internationalen Gynäkologen-Kongresses in Straßburg hochkamen?
Von strategisch geplanten Schwangerschaften weiblicher Sportstars war die Rede, von gezielten Abbrüchen nach dem Leistungsschub der ersten Monate.
Die Diskussionen über Frauen und Leistungssport, Vermutungen über geschlechtsspezifische Manipulationen oder Verwunderungen über den Leistungsboom von Sportlerinnen nach der Geburt eines Kindes nehmen einen immer breiteren Raum ein. "Mütter auf der Überholspur" betitelte das US-Magazin "Sports Illustrated" unlängst einen Report zu dem Thema.
Mütter auf Medaillenrängen oder in Tennis-Finales gab es schon früher. Dorothy Chambers etwa, die Wimbledon-Siegerin von 1914, oder die als "fliegende Hausfrau" berühmt gewordene Holländerin Fanny Blankers-Koen. Sie war bereits Mutter von zwei Kindern, als sie bei den Olympischen Spielen 1948 in London vier Goldmedaillen gewann: über 100 und 200 Meter, 80 Meter Hürden und in der Staffel. Auch die Sprinterin Wilma Rudolph, bei den Spielen 1960 als "Gazelle von Rom" bestaunt, gehört in die Mütterriege. Kaum einer wußte, daß die dunkelhäutige Schönheit zu ihrer Glanzzeit bereits eine zweijährige Tochter hatte. Das waren Geschichten am Rande, damals kaum von Bedeutung.
Erst jetzt im Zeitalter des zunehmend inhumanen Leistungssports, seiner pharmakologisch induzierten Rekordexplosionen erscheint Spitzensport plus Mutterschaft wie eine Fata Morgana, ein verloren geglaubtes Stück Weiblichkeit.
Triumphierend werden die Babys den Photographen präsentiert. Ein Beweis, so scheint es, gegen die Thesen von der Virilisierung der Hochleistungsfrauen, von Unfruchtbarkeit und unklaren Chromosomen-Konstellationen. Nur: Bestätigen Ausnahmen die Regel?
Daß die frühen extremen Belastungen des Leistungssports bei Frauen ihre gravierenden _(Mit Tochter Raina Ashley. )
Spuren hinterlassen, ist eine längst bekannte Tatsache.
Intensives Training verzögert zum Beispiel die Pubertät, ein bei Turnküken durchaus erwünschter Effekt, und zwar um zirka fünf Monate pro Jahr Leistungssport. Das bedeutet eine Verschiebung um mehr als zwei Jahre nach fünfjährigem Kindertraining. So lange bleiben sie schmalhüftig und kindhaft, unbelastet von unerwünschten Pubertätserscheinungen wie Busen und sonstigen weiblichen Rundungen, Pickeln und Periode.
An die verzögerte Menarche, die erste Regelblutung, schließen sich häufig Unregelmäßigkeiten an. Die Abstände werden länger, nicht selten fällt die Menstruation ganz aus, in Extremfällen bis zu acht, neun Jahren. Das betrifft vor allem Langstreckenläuferinnen, Turnerinnen und Ballett-Tänzerinnen.
Überschlanke Frauen, insbesondere die ausgemergelten, hohlwangigen "Twiggie"-Typen der Langstrecken- und Marathon-Disziplinen, zeigen diese Regelstörungen, in der Medizin "Läuferinnen-Amenorrhoe" genannt. Durch Östrogenmangel neigen sie fast doppelt so häufig zu Ermüdungs-Knochenbrüchen wie andere Frauen. Ein Zustand wie in den Wechseljahren, nur 20 Jahre zu früh.
"Das weibliche Zyklusgeschehen ist höchst störanfällig", so die Kölner Gynäkologin Gerda Enderer-Steinfort, "die Achse Hirn - Eierstöcke ist durch jede Form von Streß leicht zu irritieren, und zwar im physischen wie psychischen Bereich." Die Zunahme des Streßhormons Kortisol unter Belastung, begleitet vom Testosteron-Anstieg, lasse sich leicht nachweisen.
Streß - und nichts anderes ist Leistungssport in seiner Reinkultur - begünstigte schon immer ein Ausbleiben der Monatsblutung, gewissermaßen als zweckorientiertes Verhütungsmittel der Natur. Bekannt als "Hungerstreß", eine Überlebensstrategie der Menschen in Not und Krisenzeiten, erzeugte er eine vorübergehende Unfruchtbarkeit der amerikanischen Siedlerinnen auf ihrem Treck gen Westen, ein Regelmechanismus, der auch Nomadenfrauen vor ungelegenen Schwangerschaften schützte.
"30 Kilometer Langlauf pro Woche können reichen, um bei Jugendlichen eine Verzögerung des Periodeneintritts zu bewirken, bei ausgewachsenen Frauen ein völliges Ausbleiben der Regel", erkannte Professor Robert W. Rebar aus Chicago.
Die norwegische Marathon-Rekordlerin Ingrid Kristiansen, 32, bemerkte ihre Schwangerschaft eher zufällig. Weil ihr während eines Rennens schwindlig geworden war, suchte sie einen Arzt auf, und der eröffnete der verblüfften Athletin, sie sei bereits im fünften Monat.
Das erscheint nicht verwunderlich bei einer Frau, die an Unregelmäßigkeiten oder zeitweises Ausbleiben der Menstruation vermutlich gewöhnt war. Nach der Geburt ihres Sohnes Gaute lief Ingrid Kristiansen schneller als zuvor, was ihr Mann und Trainer Arve hauptsächlich mit dem psychologischen Effekt erklärte: "Sie dachte schon, ihr Hormonsystem funktioniere nicht richtig. Jetzt vermißt sie nichts mehr."
Mit den Auswirkungen des Spitzensports auf das Selbstverständnis als Frau befaßt sich Dorothy Harris von der University of Pennsylvania schon seit Jahren. Sie dürfte recht haben mit der Erkenntnis,
daß viele "Athletinnen glauben, sie seien keine normalen Frauen, wenn sie Top-Leistungen bringen".
Hochleistungsfrauen zahlen immer ihren Preis. Sie machen angst, vermitteln Unnahbarkeit und männliche Assoziationen von Härte, Kraft und Zähigkeit, selbst wenn sie aussehen wie Florence Griffith Joyner oder Gabriela Sabatini. Von einer Martina Navratilova oder gar einer Jarmila Kratochvilova ganz zu schweigen.
Das Gefühl der Minderwertigkeit und Diskriminierung als Frau ist oft nur vorübergehend durch Siege, Medaillen oder Rekorde zu kompensieren. Eine holländische Studie an Teilnehmerinnen von Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen, durchgeführt von 1972 bis 1982, belegt die erheblichen Schwierigkeiten ehemaliger Spitzensportlerinnen mit ihrem Alltagsleben nach Abschluß der Karriere. Da ist die Rede von psychischen Defekten und Drogenabhängigkeit, von Suizidversuchen und Suiziden.
Zurückgeworfen auf eine lange verdrängte Weiblichkeit, so der Soziologe Michael Klein in einem Gutachten für das Bundesinnenministerium über die Situation des Frauensports, stehe die Frau allein mit der "tiefen Widersprüchlichkeit zwischen allgemeiner Alltagspersönlichkeit und Sportlerinnenpersönlichkeit" - als "Chamäleon", irritiert von der "Dichotomie des Selbst", der Zweiteilung.
Die Zeiten der anmutigen elfengleichen Wesen, wie "Bruno Bruni sie bei seinen Mädchenbronzen liebt", seien im hochgezüchteten Leistungssport passe.
Zwei Extremtypen dominieren den Frauen-Hochleistungssport der späten achtziger Jahre: *___der maskulin anmutende Ausdauertyp mit optischen ____Assimilationen ans andere Geschlecht (sehnig, dünn, ____zäh) *___und der kraftvolle, hochexplosive, weiblich hochgetunte ____Frauentyp einer Florence Griffith Joyner, ein Fixstern ____im Zeitalter der visuellen Medien. Eine ____Fabelweltrekordlerin und doch über jeden Zweifel an ____ihrem Geschlecht erhaben.
Ob sie eine Periodenverschiebung vornimmt, um am Tag des 100-Meter-Finales bei den Olympischen Spielen in Top-Form zu sein, dürfte wohl die einzige Frage sein, die ihr in diesen Tagen noch nicht gestellt wurde. Pharmakologische Periodenverschiebungen sind üblich und vom Internationalen Olympischen Komitee sogar geduldet.
"Der Bedeutung des Wettkampfes angemessen" lautet, so Hollmann, die inoffizielle Maßgabe. Nur, was ist bedeutend? Das Finale in Seoul oder die nationalen Qualifikationswettkämpfe, ohne die man in Seoul noch nicht einmal einen Vorlauf bestreiten kann? Oder die lukrativen Europa-Tourneen, wo die Sportler aus Übersee Kasse machen?
Der übervolle Terminkalender läßt eine langfristige Periodenausrichtung kaum sinnvoll zu, trotz gynäkologischem Beistand bleiben viele Frauen Autodidakten. Eine gezielte Analyse des Zyklusverhaltens, wie sie in der DDR praktiziert wird, ist hierzulande eine Rarität. Dort werden in Zusammenarbeit von
Gynäkologen und Trainern anhand von individuellen Angaben und Leistungskurven sowie Laboruntersuchungen die rekordverdächtigen Tage festgelegt. Eine intime Analyse von fragwürdigem Effekt, denn mitunter liegen die individuellen Hochs sogar in der Zeit während der Blutung.
Eine vom Gynäkologen Kurt Götz Wurster, Arzt der deutschen Leichtathletinnen, durchgeführte Befragung von Sportlerinnen ergab denn auch sehr unterschiedliche Resultate. 20 Prozent fühlten sich zwar während der Blutung subjektiv schlechter, brachten aber bessere Leistungen. Es sei die "gereizte und aggressivere Grundstimmung" während der Periode, die zur Leistung treibt, vermutet Wurster. Regelverschiebungen ohne klare medizinische Indikation lehnt er ab. Daß 44 Prozent der Athletinnen vorher langsamer sind als während der Menstruation, bestätigt seine Zurückhaltung.
Da läßt sich wohl nichts verallgemeinern. Eine auf Harmonie und Balance ausgerichtete Eiskunstläuferin zum Beispiel kann kurz vor dem Eisprung, also unter Östrogen- und damit Endorphin-Einfluß, in der Mitte des Zyklus ihr Leistungsmaximum haben. Da ist sie in Hochstimmung, während in einer aggressiven Sportart wie Tennis oder Sprint die Zeiträume unmittelbar vor der Blutung günstiger sein können.
Ob die Gerüchte über Schwangerschafts-Doping, wie sie nach dem Gynäkologen-Kongreß von Straßburg die Szene aufschreckten, die Realität treffen, darüber läßt sich nur spekulieren. Aus ethischen und moralischen Gründen verbieten sich Untersuchungen über Maximalbelastungen und Steigerungsraten an schwangeren Frauen. Lediglich trächtige Schafe und Ziegen wurden bis zur Erschöpfung über die Laufbänder gejagt. Mit nachgewiesenen Mangelversorgungen der Feten.
Läuferinnen wie Evelyn Ashford, Valerie Briscoe Hooks, Mary Slaney Decker oder Tatjana Kasankina waren nach der Niederkunft schneller als vorher oder schafften zumindest wieder den Anschluß an die Weltspitze. Die Ursache dafür dürfte hauptsächlich im Bereich der Psyche zu suchen sein. Befreit von Versagensängsten als Frau, erlöst aus der Einseitigkeit und Monotonie des Trainingsalltags reift die Erkenntnis, "daß es auch noch etwas anderes gibt als Erfolg durch Leistungssport", so Ingrid Kristiansen. "Witzigerweise" sei sie durch diese Erkenntnis im Wettkampf stärker geworden.
"Schon eine normale Schwangerschaft ist eine Spitzenleistung der Frau", betont Frauenärztin Enderer-Steinfort. Eine sporttreibende Schwangere unterzieht sich im Verlauf der neun Monate einem deutlichen Trainingseffekt. Einige Herz- und Kreislaufgrößen weisen dann erhebliche Anstiege auf. Das Schlagvolumen etwa, die Menge Blut, die mit jedem Herzschlag in die Peripherie ausgeworfen wird, die Atemgrößen erhöhen sich. Das Gesamtblutvolumen steigt um bis zu 40 Prozent, ebenso die Herzgröße und die Menge an roten Blutkörperchen.
Gegen mäßige sportliche Betätigung während der Schwangerschaft gibt es aus gynäkologischer Sicht keine Einwände, vor Hochleistungssport allerdings sei gewarnt. Das gilt insbesondere für den Langstreckenlauf. Bei Marathonläuferinnen wurden zum Beispiel Körperkerntemperaturen von 40 bis 42 Grad Celsius gemessen, da droht die Gefahr der Mißbildung der menschlichen Anlage in der Gebärmutter, zumal der Fetus eine noch um ein halbes Grad höhere Temperatur aufweist als die Schwangere.
Die psychische Stimulanz, die meist ab drittem Monat unter Östrogeneinfluß einsetzt - im übrigen ein von Top-Models in aller Welt bevorzugter Photo-Termin -, erklärt das Phänomen des "da reißen die Mädels Bäume aus" (Enderer-Steinfort). Dem geht allerdings oft eine Phase der Müdigkeit und Depression voraus.
Die Frühschwangerschaft als Doping-Effekt hält Professor Keizer für aberwitzig. "Wenn eine solche Manipulation allerdings doch stattfindet und Ärzte daran beteiligt sind", so der Hormonexperte aus Maastricht, "dann spätestens sollte sich die Medizin vom Hochleistungssport verabschieden."
Allerdings, denn das Ansinnen ist entwürdigend und der Schwangerschaftsabbruch strafbar. Daß die Wissenschaft vorerst nur auf Vermutungen über das Schwangerschafts-Doping angewiesen ist, ergibt sich daraus von selbst. Wer sollte denn darüber reden wollen.
Für möglich halten muß man in der Szene, einer Brutstätte für kriminelle Seilschaften und dubiose Praktiken, mittlerweile vieles. Ob Gebrauch von Kokain, Anabolika oder Aufputschmitteln, das Aufpumpen des Darms zur Verbesserung der Schwimmlage oder Blutaustausch - die vom Ehrgeiz und den Verlockungen immer höherer Gagen getriebenen Protagonisten des Hochleistungssports schrecken kaum noch vor etwas zurück.
37,3 Prozent der deutschen Leichtathletinnen, so ergab eine Umfrage des Fachblattes "Sports", sind ohnehin der Meinung, sie könnten mit ihrem Körper machen, was sie wollten.
Skrupellose Karrieristinnen, die selbst vor gezielt zur Leistungssteigerung eingesetzten Schwangerschaft samt Abbruch nicht zurückschrecken, gehen jedoch ein beträchtliches Risiko ein. Denn bei 20 Prozent der Schwangeren ist mit einer "Hyperemesis gravidarum" zu rechnen, dem unstillbaren Schwangerschaftserbrechen während der ersten drei Monate. Und dann sind am Tag X im wahrsten Sinn des Wortes alle Medaillenträume im Eimer.
Mit Tochter Raina Ashley.
Von Heidi Schüller

DER SPIEGEL 37/1988
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