12.09.1988

NACHRUFGERT FRÖBE †

Daß jemand, der den Ruf der Deutschen im Ausland aufs Nachhaltigste geschädigt hat, dennoch von den Deutschen geliebt, verehrt, geachtet wurde: Gert Fröbe hat dieses Wunder fertiggebracht. Als kolossaler Nestbeschmutzer ist er in zahllosen internationalen Filmen aufgetreten, ein bißchen teigig, ein bißchen lauernd im Blick und stets von lärmend falscher Gemütlichkeit.
Anders als dem Walter Ulbricht hat man ihm sogar sein Sächsisch verziehen, das er ein Leben lang nicht abgelegt hat, hartnäckig hat er an seinem harten und weichen B festgehalten, trotz Schauspielunterricht bei Erich Ponto.
Es muß schon komisch gewesen sein, als der Kaufmannssohn aus einer Randgemeinde von Zwickau, der sich zuvor als Maler und Stehgeiger versucht hatte, dem großen Ponto den Mephisto vorgesprochen hat: So viel war klar, Liebhaber und Held konnte der rothaarige, sommersprossige Riese (1,86 Meter) mit der weichen Falsett-Stimme nicht werden.
Also wurde er zum Komiker, zum Brettl-Schauspieler, zum Kabarettisten. Karl Valentin hat ihn noch gesehen und das sächsische Riesenkerlchen ermutigt und ermuntert. Doch die Karriere begann ganz anders, in einer Zeit, als ein anderes Deutschland seine Karriere gerade beendet hatte. 1948, bei Stemmle, spielte er hager, ja spindeldürr, den "Otto Normalverbraucher" in der "Berliner Ballade".
Wenn die Deutschen ihn liebten, dann vielleicht, weil er ihren Aufstieg filmgerecht gespiegelt hat: Erst war er dünn und verschüchtert und gewitzt, dann breit und selbstgefällig, die Wirtschaftswunder-Zigarre im Maul. Und schließlich die Weltkarriere: Goldfinger. Da war er der rundliche, bleiche, rotblonde Gegenspieler des drahtigen, dunklen, muskulösen James Bond (Sean Connery), dem er mit dem Laserstrahl an die Genitalien gehen wollte; die dicke Impotenz des Geldes, ein Sachse, der Fort Knox radioaktiv verseuchen wollte, eine gemütliche Fortsetzung des Nazi mit anderen Mitteln.
Gegen Heinz Rühmanns Kommissar spielte Fröbe gar noch den Kindermörder, in Dürrenmatts "Es geschah am hellichten Tag". Da hatte er, der unterdrückte Weichling, eine calvinistische Domina zur Frau und war im schweizerischen Wohlleben eingesperrt wie im Zuchthaus. Der Blick von schräg unten, das Kichern aus heiserer Kehle - Fröbe war ein Schauspieler, der sich Psychogramme aus schauspielerischen Kabinettstückchen zusammensetzte. Er wußte, daß, wer füllig ist, leise sein muß, und wer böse, sich sanft zu geben hat. So konnte er tänzelnd, fast gewichtslos gehen und verbreitete einen krötigen Charme.
Sein Rezept war das des kalkulierten Wechsels. Wenn er einen Schuft, ein fieses Schwein gespielt hatte, so recht zum Fürchten und zum Kotzen, setzte er mit einer rührend komischen Figur nach, spielte ein listiges Riesenbaby, das seine Adams-Schwächen verständnisheischend bloßlegte. Für Kinder mimte er im dunklen Bart auch noch den gemütlichen Räuber Hotzenplotz.
Merkwürdig, daß er den Dorfrichter Adam, dieses wie auf ihn zugeschriebene Kleistsche Monstrum mit dem Klumpfuß, nie gespielt hat. Statt dessen, auf dem Theater, immer wieder den Striese, jenen unvergänglichen Theaterdirektor der Vorsubventionszeit, als Theater noch Pappe und wackelnde Kulisse und falscher Dutt war und man die Sabinscherin'n raubte, damit man das reichlich wogende Damen-Ensemble beschäftigen konnte.
Kein Zweifel, Fröbe hatte Format. Er füllte Bühne und Leinwand, in jeder Hinsicht. Aber noch wichtiger ist: Er hatte die schauspielerische Intelligenz, dieses Format, diese raumgreifende Fülle in Frage stellen zu können. Er spielte nie so ganz sich selbst, sondern kommentierte mit Skepsis und Schlauheit menschliche Ungetüme. Vielleicht blieb deshalb die Sympathie auf seiner Seite.
So hat man auch von ihm nichts anderes gehört, als daß er in seinem Beruf aufging, nach dem schwer empfundenen Tod der Frau nach zwei Jahren deren Freundin heiratete, tapfer dem Krebs widerstand, sich ab und zu zurück in die Kleinkunst flüchtete, wenn ihm die Welt zu groß wurde. Ein Sachse, noch im Schrecken schrecklich gemütlich. Jetzt ist er, 75jährig, in München gestorben.

DER SPIEGEL 37/1988
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