23.05.1988

„Ich glaube, wir haben es geschafft“

Wenn nicht ARD und ZDF mit dem Bertelsmann-Konzern ins Geschäft kommen, wird es für drei Viertel der Fernsehzuschauer ab Juli keinen Bundesliga-Fußball mehr geben. Das weltgrößte Medienunternehmen nutzte seinen Reichtum, um mit konkurrenzlosem Angebot nach den Fußball-Rechten zu greifen. Die Gelegenheit war günstig: Die ARD erkannte den Ernst der Lage zu spät, und viele Vereine brauchen dringend Geld. *
Als Frau Christiansen von der ARD am Montag dieser Woche um elf Uhr abends ihre "Tagesthemen"-Zuschauer zur Nachtruhe entließ, hielt es Mark Wössner nicht mehr im Sessel: Was er da soeben im Fernsehen gesehen hatte, war eine "Schweinerei", morgen noch würde er seine, die richtige Wahrheit unter das Volk bringen.
Tags darauf setzte der Chef der Firma Bertelsmann die Maschinerie des weltgrößten Medienkonzerns in Gang. Alle Journalisten, derer die Firmen-Abgesandten auf die schnelle habhaft werden konnten, wurden in die Mitte der Bundesrepublik, nach Frankfurt, gebeten. Drei führende Konzern-Mitarbeiter, darunter der ehemalige Bundesfinanzminister Manfred Lahnstein, den der Marschbefehl in Luxemburg erreichte, mußten alles stehen und liegen lassen und in das Hotel "Interconti" eilen.
Dort schließlich, im Saal "Nymphenburg", ließ ein Bertels-Mann mit knapp gezügeltem Zorn wissen, daß "die ARD ihre publizistische Stellung mißbraucht". Nun war es heraus, was Mark Wössner seit dem Abend zuvor in der Kehle steckte: Die Kriegserklärung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens an seinen privaten Gegner war ordnungsgemäß beantwortet. Hatte die ARD den Bertelsmann-Ableger RTL plus am Montag geschmäht, war nun die unverzügliche Gegenattacke geführt.
Angriff und Parade entstammen einem verwirrenden Spektakel, das den Bundesbürgern seit Monaten, teils auf, teils hinter der Bühne, vorgeführt wird: Es geht um den ersten großen Zusammenprall des "alten" Fernsehens, der ARD und des ZDF, mit den "neuen" Privatsendern Sat 1 und RTL plus, wobei in diesem Fall RTL plus die Fahne trägt.
Das Stück enthält alle Zutaten deftigen Theaters: Es geht um atemraubende Millionen-Beträge, es wirken mit nervöse Politiker und listenreiche Manager, geldgierige Funktionäre und karriereversessene Einzelkämpfer. Vor allem aber sind zwei dabei, die für ein durchschlagendes Volksstück garantieren: der Fußball und seine Anhänger - grob geschätzt, die Hälfte aller Deutschen.
Die Fußballfans - mehr Menschen, als der ADAC, der Deutsche Gewerkschaftsbund oder die stärkste der Parteien hinter sich bringen - werden spätestens am 23. Juli die Folgen des Theaters erfahren. Nach dem derzeitigen Sachstand wird es mit dem wohl gebräuchlichsten Wochenend-Ritual der Deutschen vorbei sein: Wenn sie zum Start der neuen Fußball-Saison samstags nachmittags um sechs aufs Erste Programm drücken - wird Nichts sein, kein Fußball, kein Moderator Heribert Faßbender, kein Tor des Tages. Statt dessen wird eine neue Klasse von Glücklichen, etwa ein Viertel der Fernseh-Zuschauer, gegen halb sieben RTL plus und seinen Sportchef Ulrich Potofski via Kabel oder eine terrestrische Frequenz empfangen können - mit all den Fußball-Herrlichkeiten, die über zweieinhalb Jahrzehnte aus dem Ersten strahlten.
Daß alles so kommen wird, daran ist seit Montag kaum noch ein Zweifel möglich. Bei Kaffee und Kuchen beschlossen die Abgesandten von 35 Vereinen der Ersten und Zweiten Bundesliga, ihren Fußball an einen Privatkonzern zu verkaufen. Die Deputierten, ausnahmslos Herren, im Steigenberger Airporthotel am Frankfurter Flughafen hatten einen triftigen Grund: Die wohlhabenden Bertelsmänner boten über ihre Tochterfirma Ufa 135 Millionen Mark plus Mehrwertsteuer für drei Jahre Bundesliga-Senderechte; die konkurrierende Kombination aus ARD und ZDF quälte sich lediglich Offerten zwischen 60 und 70 Millionen Mark ab - und erklärte zugleich zornig, auf keinen Fall bei der Ufa einkaufen zu wollen.
Das schier Unaussprechliche, das Ende der ARD-Sportschau, könnte am kommenden Mittwoch nur noch das DFB-Präsidium um den fintenreichen Oberfunktionär Hermann Neuberger verhindern. Der nämlich muß den Vertrag endgültig unterschreiben. Doch Neuberger hat bislang niemals gegen die Profivereine entschieden. Überdies wacht im Präsidium mit Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Stuttgarter Kultusminister
und zugleich Präsidenten des örtlichen VfB, der härteste Anwalt des Ufa-Deals über die richtige Unterschrift.
Während Neuberger zu den alten Freunden von ARD und ZDF tendiert, drängt Mayer-Vorfelder, der im Ligaausschuß die Profiklubs anführt, auch aus ganz persönlichen Motiven in die entgegengesetzte Richtung: Der Minister hat die Lust an der Politik verloren und möchte im nächsten Jahr Hermann Neuberger an der Spitze des größten Fußballverbandes der Welt ablösen. Da macht es sich gut, dem Wahlvolk vorher zu reichlich Geld zu verhelfen.
Geld ist der Schmierstoff des Spektakels um Fußball und Fernsehen. Die Nachfolge Fritz Walters und der Seinen, die sich einst an den Händen faßten und schworen, elf Freunde zu sein, haben die Turbo-Fahrer mit der Rolex am Handgelenk angetreten, auf dem Spielfeld wie als Manager in den Vereinen. Sie bieten mit dem Fußball Unterhaltung, die Peter Alexander noch älter aussehen läßt, als er ist, und selbst den Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik abhängt.
Von den 16 Fernsehsendungen, die in der Fernsehgeschichte das größte Zuschauerinteresse weckten, waren ein Viertel Fußballspiele. Die Einschaltquoten aber sind die magischen Zahlen, die alles entscheidende Richtlinie in der anbrechenden Ära der privaten Fernsehanstalten: Wer viele Zuschauer hat, kann viel Geld für die eingesprenkelte Werbung verlangen.
Diese schlichte Gleichung war Ende vergangenen Jahres der Ausgangspunkt des Fußballkrieges zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, zwischen Managern und Fußball-Funktionären. Beim Medienriesen Bertelsmann machte man sich Sorgen um das Gedeihen von RTL plus. Das Programm war teuer, die Werbeeinnahme schmal, das Zuschauerinteresse gering. Seit der Gründung des Senders waren Hunderte von Millionen Mark verlorengegangen. Das hätte sich entschuldigen lassen mit der zeitraubenden Verkabelung der Republik und dem zögernden Interesse der Deutschen an den neuen Fernsehprogrammen. Aber störend war, daß der acht Monate zuvor gestartete Privat-Konkurrent Sat 1 mit den gleichen Schwierigkeiten
viel besser fertig wurde (siehe Graphik Seite 223).
Sat 1, das der Münchner Filmhändler Leo Kirch beherrscht, hatte von vornherein einen gravierenden Vorteil: In Kirchs gut gekühltem Keller unweit des Münchner Flughafens lagern 15 000 Spielfilme und Serien-Renner, die notfalls bis ins Jahr 2000 als Programm reichen. Was Leo Kirch schon immer gewußt hatte, bewahrheitete sich: Die Zuschauer fanden Gefallen an seinen Konserven, auch wenn sie "Lassie", "Bonanza" und die verstaubten John-Wayne-Western schon x-mal gesehen hatten.
Bei RTL plus versuchten die Programmacher mit vermeintlich munteren Quizspielen und flott gestylten Moderatoren entgegenzuhalten. Aber vergebens, das Orakel der Einschaltquoten brachte nur ungute Kunde.
Dann, der März war gekommen, tröpfelte an die Öffentlichkeit, daß der für elektronische Medien zuständige Bertels-Mann Manfred Lahnstein - der bis dahin eher stümperhaft agiert hatte und sich heftiger hausinterner Kritik erwehren mußte - in seiner Verzweiflung zum großen Schlag ausgeholt hatte. Ganz nach Art des weltumspannenden Medienriesen, der gerade wieder für Hunderte von Millionen Mark amerikanische Firmen gekauft hatte, sollte das Problem mit dem großen Geldsack erschlagen werden: Die Zeitschrift "Sport-Bild" munkelte von "Geheim-Papieren des DFB", wonach 135 Millionen Mark für drei Jahre Bundesliga-Fußball zu erzielen seien. Das entsprechende Angebot hatte Ufa-Geschäftsführer Bernd Schiphorst per Brief am 15. Dezember 1987 abgegeben.
Augenblicklich begannen die Kriegshandlungen, zunächst in Form gegenseitiger Verdächtigungen. ARD und ZDF beschuldigten die Ufa, die bislang so fügsamen Bundesliga-Präsidenten mit gezielter Indiskredition ohne Not in geldhungrige Vampire verwandelt zu haben. Da die öffentlich-rechtlichen Unterhändler, nach 25 Jahren Monopol, sich überhaupt nicht vorstellen konnten, daß der Fußball an die Privaten gehen könnte, empfanden sie allein die Nachricht als ungehörig und überflüssig.
Ufa und Bertelsmann verdächtigten im Gegenzug wahlweise ARD/ZDF oder deren Freund Hermann Neuberger, die Zahl 135 Millionen an die Öffentlichkeit lanciert zu haben. Damit solle dem berühmten "kleinen Mann" im Stadion vorgeführt werden, daß nun der schiere Mammon angetreten sei, um ihm - lächerlich zwar, aber seht mal, was es alles gibt - die samstägliche ARD-Sportschau zu sperren.
Als vier Wochen später, Mitte April, die Bundesliga-Präsidenten in ihrem Ligaausschuß das sagenhafte Angebot tatsächlich zu Gesicht bekamen und leuchtenden Auges einschlugen, schien den öffentlich-rechtlichen Traditionalisten der Ernst der Lage immer noch nicht klar. Fritz Klein, der zuständige Sportkoordinator, kommentierte die Entscheidung mit einem spöttischen "da können wir nicht mithalten". Gleichzeitig ließ er in seiner Körpersprache keinen Zweifel daran, daß dies auch nicht nötig sei, weil kein Fußball-Funktionär auf die absurde Idee kommen könnte, das Volksgut Fußball jenen drei Vierteln der Deutschen vorzuenthalten, die nicht RTL plus sehen könnten.
Klein-Vorgänger Hans-Heinrich Isenbart, ein feinsinniger Reitersmann ("Und vergessen Sie nur die Pferde nicht"), empfahl, notfalls auf proletarische Lustbarkeiten wie den Fußball mal eine Weile zu verzichten: "Es gibt eine Menge guten Sport in unserem Land", und außerdem habe etwa die britische BBC in einem ähnlichen Streit zwei Jahre ohne Fußball auskommen müssen: "Meine Freunde dort leben alle noch."
Etwas phantasievollere Naturen unter den öffentlich-rechtlichen Bediensteten hingegen ventilierten immerhin Notpläne. Da ARD und ZDF für den Fußball nicht mehr als 70 Millionen Mark aus ihren Etats wringen konnten, wurde nach hausfremden Finanziers gesucht. Zum einen wurde überlegt, einzelne Spiele im Stück an die Privaten weiterzuverkaufen. Zum anderen lugten die Planer nach England, wo erst die Photofirma Canon dann die Zeitung "Today" und inzwischen Barclays Bank ständig als Sponsoren in Fußballsendungen erscheinen und dafür pro Saison fünf Millionen Mark bezahlen.
Das Wort von der VW-Liga machte die Runde. Doch Puristen und Juristen
bremsten die kühnen Gedanken: ARD und ZDF, die schließlich ihre Gebühren fast wie staatliche Steuereintreiber kassieren, dürfen qua Staatsvertrag nur begrenzt und abends ab 20 Uhr schon gar nicht werben.
Eingeweihte fanden schon zu diesem Zeitpunkt, daß einer der Hauptbeteiligten der Auseinandersetzung ein auffälliges Verhalten zeigte: Der ZDF-Intendant Dieter Stolte beteiligte sich nicht an der allgemeinen öffentlich-rechtlichen Empörung, sondern schwieg zunächst.
Einerseits war Stolte gehalten, mit den ARD-Brüdern Solidarität zu üben. Andererseits hatte der wendige ZDF-Chef längst erkannt, daß die Ufa-Attacke des Privatsenders RTL plus für sein samstägliches Sport-Studio, das gegen 22 Uhr auf dem Bildschirm erscheint, durchaus nicht von Schaden sein mußte. Im Gegenteil: Wenn der Nation die ARD-Sportschau am späten Nachmittag gestrichen würde und nur die verkabelten Haushalte Fußball sehen könnten, müßte dann nicht das Interesse am bundesweiten Sport-Studio abends logischerweise steigen?
Und das wäre dringend nötig. Die Einschaltquoten für die Torwand-Sendung sind über die Jahre kontinuierlich zurückgegangen. Zugkräftige Moderatoren wie Harry Valerien oder Dieter Kürten gehen entweder in Pension oder wollen weniger arbeiten. Von Karl Senne, dem Nachfolger der beiden, geht eine ähnliche Faszination aus wie von einer Bundestagsrede des FDP-Fraktionschefs Wolfgang Mischnick.
So kam es, daß Stolte Ende April auf einer Pressekonferenz öffentlich raunte, daß "ein Verzicht auf die bisher beanspruchte Exklusivität" der öffentlichrechtlichen Anstalten denkbar sei.
Als drei Tage später ARD und ZDF mit Fußballfunktionären zu Tisch saßen, steuerte Stolte auf einen Kompromiß zu: Die Fußballrechte sollten im Verhältnis 70:30 zwischen allen Beteiligten, ARD und ZDF mit der größeren, RTL plus und Sat 1 mit der kleineren Portion, verteilt werden.
Die Fußballer trauten dem neuen Frieden nicht und verlangten eine schriftliche Erklärung des Quartetts. Das ZDF übernahm die Ausarbeitung - doch der Brief verzögerte sich aufgrund von "Formulierungsschwierigkeiten". Als der Brief schließlich beim DFB eintraf, war das Angebot eine wolkige Absichtserklärung, die in den Funktionären den Verdacht schürte, daß RTL plus bei dem Gesamtwerk durchaus nicht mitziehen würde.
Schließlich, am Freitag vergangener Woche, erreichte das Verwirrspiel seinen Höhepunkt. "Bild" meldete auf der ersten Seite, die vier hätten sich geeinigt, und die Ufa hätte ihr 135-Millionen-Angebot zurückgezogen. Der ARD-Sportschau-Chef Heribert Faßbender verabschiedete sich ins Wochenende: "Ich bin sicher, alles läuft so, wie wir es uns vorstellen."
Doch, seltsam, mit dem gleichen Gefühl ging ARD-Gegenspieler Schiphorst ins Wochenende: "Ich glaube, wir haben es geschafft."
Des Rätsels Lösung: Im Hause Bertelsmann war das Krisen-Management außer Tritt geraten; die öffentlich-rechtlichen
Anstalten hatten sich für einen Moment taktische Vorteile erkämpft.
Die unfreundlichen Bilder in der Öffentlichkeit vom millionenschweren Bertelsmann-Konzern, der dem bedauernswerten Fußballfan sein Samstagsvergnügen kappen wolle, hatten dem Firmen-Chef Mark Wössner zu schaffen gemacht. Es stellte sich heraus, daß der verantwortliche Vorstand Manfred Lahnstein weder für die erforderliche Begleit-PR gesorgt noch die Mitspieler der Auseinandersetzung mit dem erforderlichen Feingefühl eingestimmt hatte.
Außerdem sorgte sich Wössner um die Finanzierung des 135-Millionen-Deals. Selbst wenn RTL plus wie geplant 90 Millionen Mark für die Sportsendungen bezahlen würde, war immer noch unklar, woher die restlichen 45 Millionen kommen sollten. Daß Stoltes ZDF, wie die Ufa insgeheim kalkulierte, nach einer Schamfrist von der Ufa Fußball kaufen würde, schien dem Bertelsmann-Chef völlig unmöglich. "Lahnstein", so berichtet ein Bertels-Mann, "wurde richtig in den Senkel gestellt."
Um zumindest den Eindruck des rücksichtslosen Konzern-Bulldozers zu verwischen, hatte Lahnstein daraufhin, zumindest pro forma, mit den öffentlichrechtlichen Anstalten über die Quartett-Lösung geredet. Als freilich die "Bild"-Geschichte vom großen Einvernehmen und dem Rückzug des Ufa-Angebots erzählte, geriet der Ex-Finanzminister in seiner Firma in arge Beweisnot.
Schiphorst, der die Fußball-Akquisition seit 1984 mit großer Verve betreibt, stellte Lahnstein zur Rede, wieso er jetzt, kurz vor dem guten Ende, den Rückzug antrete. Lahnstein wehrte sich, er habe lediglich geredet, aber das Angebot nicht zurückgezogen. Die Erklärung: Aus der ARD war die falsche Geschichte mit eindeutiger Absicht lanciert worden.
An diesem Wochenende nämlich wollten die Fußballer ihre endgültige Entscheidung treffen. Am Freitag zunächst im Ligaausschuß, am Montag dann in der Vollversammlung aller Profiklubs. Die Ente war der letzte, verzweifelte Versuch, den Funktionären noch einmal einen Schreck einzujagen und ihnen vorzuführen, welch wankelmütiger Partner künftig ihren Bundesliga-Fußball in die Hand bekommen werde.
Schiphorst rief noch am Freitagmorgen, die Ligaausschußmitglieder studierten gerade Kopien des "Bild"-Berichts, in der DFB-Zentrale an, bekräftigte das Ufa-Angebot. Dann ging es im Ligaausschuß wie im türkischen Basar zu: Zunächst kam ein etwas obskures Angebot auf den Tisch, von dem niemand so recht wußte, wer es denn abgegeben habe. Absender jedenfalls war der stellvertretende NDR-Intendant Jobst Plog. Der Fall erledigte sich quasi von selbst.
Dann traf noch in letzter Sekunde eine 100-Millionen-Offerte des Medien-Impresarios Hans R. Beierlein aus München ein. Aber die Fußball-Funktionäre argwöhnten, daß der Neuberger-Freund, der zwischen dem DFB und den Öffentlich-Rechtlichen bisher Pokal- und Länderspiele makelt, nur eine Neufassung des ARD/ZDF-Modells nachgeschoben hatte. Außerdem fehlten immer noch "30 bis 40 Millionen" (siehe Mayer-Vorfelder-Interview Seite 226), da Beierlein auch noch Zusatzwünsche hatte.
Dann, am Montag um 12.15 Uhr, lichtete sich der Nebel. Zunächst waren noch einmal die Öffentlich-Rechtlichen bei den Fußballfunktionären vorgeladen. Bei belegten Brötchen führte Mayer-Vorfelder straff Regie.
Die ARD-Abgesandten, immer noch nicht an das neue Selbstbewußtsein der Fußballer gewöhnt, die nun zum erstenmal ihre Ware zwei Kunden anbieten konnten, waren verblüfft: "Mein Gott", entfuhr es einem, "ist das ein Typ."
Kleinlaut mußten die Öffentlich-Rechtlichen einräumen, daß RTL plus bei der großen Vierer-Lösung nicht mitmache. Es habe "Gespräche mit Annäherungscharakter" gegeben. Die Frage, ob das ihr letztes Wort sei, beantworteten die ehemals stolzen Monopolisten mit Kleingehacktem: Die Sportschau könne künftig statt zur zuerst angebotenen Zeit von 18.20 Uhr auch um 18.30 Uhr mit dem Fußball beginnen, statt 60
Millionen könnten auch 67,5 Millionen Mark drin sein.
Um Viertel vor zwei durften die Fernseh-Unterhändler gehen: "Ich bin noch nie so überflüssig nach Frankfurt gefahren", resümierte ein enttäuschter Heribert Faßbender.
Gut zwei Stunden später saßen die Funktionäre dann in großer Runde mit den Bundesliga-Gesandten wieder zusammen. Mayer-Vorfelder, "glänzend vorbereitet", wie ein Teilnehmer fand, faßte die Lage zusammen, und nach zwei Zwischenfragen war alles erledigt: Einmütig griffen 35 der 38 Bundesligaklubs nach den 135 Millionen Mark. Die fehlenden drei, aus Ulm, Remscheid und Bielefeld, die dieses Jahr aus der Zweiten Bundesliga eventuell absteigen müssen, sollen noch schriftlich befragt werden.
Die Bosse der Bundesliga sind längst am anderen Ufer. Jetzt können sie sich für die "Gutsherrenart" von ARD und ZDF rächen, die ihr Monopol "stur und brutal", wie ein Präsident sagt, ausgenutzt und "immer erst Fakten geschaffen und dann Verträge gemacht" hätten.
Sie erinnern sich daran, daß die Fernseh-Manager oft nur zögernd die vereinbarten Gelder gezahlt und mit den Abrechnungen geschlampt hätten. Als die Fußballer vor Jahren mehr Geld verlangten und mit einem Fernseh-Boykott drohten, ließen die Fernseh-Abgesandten die Bittsteller abprallen. Sie präsentierten Kopien von Bank-Abtretungserklärungen, mit denen notleidende Vereine die vereinbarten Honorare schon verpfändet hatten. Die Botschaft der Fernseh-Manager war klar: Ihr könnt gar nicht pokern, weil zumindest einige von euch sonst pleite sind.
Vergebens hatten die Öffentlich-Rechtlichen darauf gehofft, daß die Bandenwerber in den Stadien und die Werbepartner der Bundesliga-Vereine, die auf der breiten Brust der Kicker ihre Firmen-Signets laufen lassen, zu Bundesgenossen würden. Weniger Zuschauer bei RTL plus, so die Kalkulation, würde weniger Werbegeld bedeuten. Kein Problem, sagte Ottokar Wüst, Präsident des VfL Bochum: "Ich habe, falls Opel nicht mehr will, einen unterschriftsreifen Vertrag mit einem anderen Sponsor liegen."
Auf Geheiß von oben schleppte ein ARD-Reporter Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg als potentiellen Bündnispartner vor die Kamera. Der Städtetag-Präsident beklagte sich dann absprachegemäß darüber, daß die Vereine kassierten, die Städte die Unterhaltung der Stadien bezahlten und ihre Bürger dann auch noch keinen Fußball mehr sehen könnten. Schmalstiegs Beschwerde schlossen sich kaum andere Bürgermeister an: Selbst wenn es den Fußball gar nicht mehr gäbe und die Stadien leerstünden, müßten die Städte für die Betonschüsseln zahlen - und hätten überhaupt keine Einnahmen mehr aus der Stadionmiete. Außerdem hofft so mancher Bürgermeister, daß sein ewig klammer Bundesliga-Verein mit dem Fernseh-Geld ihm endlich als Bittsteller von der Pelle bleibt. Lediglich Hamburgs Innensenator Volker Lange überlegte laut, ob er nicht "höhere Gebühren" für das Volksparkstadion und die "Kosten für den Einsatz der Sicherheitskräfte" berechnen müsse.
Unabhängig vom Geld versprechen sich die Fußballpräsidenten auch eine freundlichere Behandlung durch die privaten Sportreporter. Dem Frankfurter Klaus Gramlich kommt es auf den "inhaltlichen Aspekt der Zusammenarbeit mit den Privaten" an. Anders ausgedrückt: Statt bissiger Bemerkungen über Fehlpässe und das zuweilen einfallslose Gekicke, die den Beobachtern von ARD und ZDF durchaus entfuhren, wollen die RTL-plus-Reporter nur das Beste über den Fußball sagen. Der frühere Kapitän des HSV, Thomas von Heesen, rechnet damit, daß die Berichterstattung "sicher noch viel ausgeglichener und damit besser" wird.
Und der Fernseh-Zuschauer, das sonst so umhegte Wesen, hilft ihm denn keiner? Von der großen Politik jedenfalls, die den Krieg in letzter Minute vielleicht noch wenden könnte, ist kein Beistand in Sicht: Bonn hält sich raus.
Am Dienstagmorgen in der Kanzlerlage berichtete der Vertraute Eduard Ackermann seinem Chef: "Das wird ein Thema." Helmut Kohl wollte zunächst
wissen: "Was ist da los?" Als ihn Regierungssprecher Friedhelm Ost aufgeklärt hatte, entschied er: "Wir mischen uns da nicht ein."
Kohl, ein engagierter Fan des 1. FC Kaiserslautern und besonderer Verehrer der Walter-Brüder Fritz und Ottmar, findet, die Verantwortung liege allein beim DFB. Der verhalte sich zwar "nicht klug", wenn er Millionen Fußballanhänger von der Übertragung abklemme. Und besonders leid täten ihm "unsere Mitbürger in der DDR".
Andererseits ärgerte sich Kohl wieder einmal über ARD und ZDF, die seinen Ministerpräsidenten-Besuchern aus Japan und Schweden, Noboru Takeshita und Ingvar Carlsson, nicht die gewünschte Aufmerksamkeit schenkten.
Kohl wie auch sein Innen- und Sportminister Friedrich Zimmermann gehören schließlich zu den Promotoren des Privatfernsehens. Klar also, daß sie in dem Streit einen mittleren Kurs halten, der einerseits Mitgefühl mit den Fußballfans signalisiert, aber andererseits die Ufa nicht bremst.
Dem Interesse der Bürger sei am besten gedient, so Zimmermann, "wenn ARD und ZDF weiterhin übertragen". Und dann fügte der Innenminister den entscheidenden Satz hinzu: "Deshalb müssen sie auch die Chance haben, die Rechte zu erwerben."
Zimmermanns Bemerkung trifft den Kern und verdeutlicht, warum die Klagen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nicht verfangen. Daß es nämlich "die langen Fußballabende, die viele unserer Zuschauer besonders schätzen, nicht mehr geben" wird, wie der Chefredakteur des Hessischen Rundfunks, Manfred Buchwald, den Zuschauern am Dienstag per ARD-Kommentar weismachen wollte, ist schlicht eine Desinformation.
Zum einen haben ARD und ZDF über Hans Beierlein mit dem DFB einen Exklusiv-Vertrag, der ihnen die Übertragung von Länderspielen oder deutschen Pokalbegegnungen für weitere drei Jahre sichert. Zum anderen, und wichtigeren, aber hindert niemand die ehemalige Monopol-Gemeinschaft daran, sich den neuen Zeiten anzupassen - und der Ufa Bundesliga-Fußball abzukaufen.
Darauf aber, erklärte Manfred Buchwald den Zuschauern, "wollen wir uns in Ihrem Interesse nicht einlassen, denn dann wären Sie und wir wieder erpreßbar". Gemeint sind jene Zeiten, als Bundesliga-Vereine die Fernsehkameras aussperrten, wenn ihnen die Überweisung zu gering erschien.
Wenn aber richtig ist, was der ARD/ ZDF-Geschäftspartner Beierlein einst feststellte, daß nämlich "zwischen Madonna
und Maradona kein Unterschied ist", dann führt der Begriff Erpressung in die Irre und ist nur aus dem Schmerz über die entgangenen Pfründe zu verstehen: Fußball und Unterhaltung sind Programm, für das die Fernsehanstalten zu zahlen haben.
Den Einwand, daß bei der Ufa - also einem Konkurrenten - nicht eingekauft werden könne, haben ARD und ZDF längst selbst widerlegt. Zahllose Filme aus dem Kühlkeller des Sat-1-Herrschers Leo Kirch, voran "Dallas" und "Denver", flimmern immer noch über die öffentlich-rechtlichen Bildschirme.
Daß die markigen Töne aus der ARD lediglich der letzte Versuch sind, das DFB-Präsidium am Mittwoch von der endgültigen Unterschrift abzuhalten, dafür spricht die unverhohlene Absetzbewegung, die der Kollege Stolte insgeheim aus dem öffentlich-rechtlichen Bündnis unternimmt.
Der ZDF-Intendant wartet geradezu auf den Druck der enttäuschten Fernseh-Zuschauer, um der Ufa in die Arme zu sinken. "Einige Zeit", so sagt er, könne man ohne Fußball auskommen. Aber dann, nach zwei, drei Monaten, wenn die Zuschauer immer vernehmlicher murren? Sicher sei, "daß dieser Film ohne uns beginnen wird, ob wir am Schluß nicht doch mitspielen, weiß ich nicht".
Der WDR-Intendant Friedrich Nowottny sieht Stolte inzwischen auf einem "Weg aus der Programmabsprache". Und Nowottnys Sportchef Heribert Faßbender belferte verdatterte DFB-Funktionäre an: "Wenn das ZDF bei der Ufa einsteigt, bedeutet das Krieg, dann knallt es zwischen ARD und ZDF."
Bevor es zu allgemeinen Handgreiflichkeiten kommt, läßt sich ein Ausweg denken, den vergangene Woche prominente Politiker aus ganz unterschiedlichen Lagern debattierten: Peter Glotz (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) regten eine öffentlich-rechtliche Mindestberichterstattung an, Fachleuten als Zwei-Minuten-59-Sekunden-Regel bekannt.
Bei öffentlich-rechtlichen Juristen gilt der lehrsatz, daß die im Grundgesetz festgelegte Informationsfreiheit ohne jedes Honorar eine Sendung von knapp drei Minuten erlaube. Die Rechtsgrundlage für diese Zeitspanne liegt zwar im dunklen - der schnoddrige Mayer-Vorfelder redet vom "apulischen Landrecht" -, aber, sagt Birger Hendriks von der NDR-Rechtsabteilung, "die 2:59 sind ebenso nicht existent wie das Bankgeheimnis".
Auf dieser Grundlage haben sich beide Parteien schon kräftig beharkt. RTL plus warf vor eineinhalb Jahren ein ARD-Fernseh-Team aus einem Stadion
in Luxemburg, wo der Privatsender die Übertragungsrechte erworben hatte. Die Öffentlich-Rechtlichen hatten zuvor die Privaten auf gleiche Weise mattgesetzt.
Falls die ARD künftig den Bundesliga-Alltag a la 2:59 übertragen könnte, hätte sie "die beste Sportschau aller Zeiten", wie sich ein Fernseh-Macher freut. Mit neun Spielen a knapp drei Minuten ließen sich gut 30 Minuten schnellen Fußballs präsentieren - vor allem die Tore.
Edmund Stoiber verwies vergangene Woche auf das Hamburgische Mediengesetz, das für diesen Ausweg den passenden Paragraphen 7, Absatz 4 hergibt: _____" Anbieter, die über exklusive Senderechte verfügen, " _____" haben Dritten im Rahmen von Informationssendungen kurze " _____" Berichte zu ermöglichen. Anderenfalls darf die jeweilige " _____" Sendung des Anbieters nicht verbreitet werden. "
Stoiber möchte diesen Passus in die Mediengesetze der anderen Bundesländer übertragen wissen oder ihn bei nächstbester Gelegenheit in den Rundfunkstaatsvertrag schreiben. Der Kollege Glotz, juristisch etwas weniger durchgebildet, will die Mindestberichterstattung "zur Not gerichtlich durchsetzen".
Unterhalb der hohen Juristerei ist die 2:59-Variante bereits sehr viel weiter gediehen. Der Sportschau-Chef Heribert Faßbender hat einen Plan entworfen, wie er die RTL-plus-Gegner öffentlich vorführen will. Zwei Sportschau-Kamera-Teams sollen sich in die Stadien schleichen. Wird das erste von grobschlächtigen Ordnern des Feldes verwiesen, soll das zweite das Handgemenge filmen, um den Beweis für die Verluderung der Sitten auf den Bildschirm zu bringen.
Doch die Ufa hat vorgesorgt. Der Vertrag mit dem DFB sieht vor, daß die Vereine es übernehmen sollen, Kameraleute ohne Lizenz gar nicht ins Stadion zu lassen. Das Ganze, so Schiphorst, werde wohl "eher undramatisch" vonstatten gehen.
Derartige Räuber-und-Gendarm-Spiele zwischen den bundesdeutschen Sendern wirken geradezu sympathisch familiär angesichts der schneidenden Auseinandersetzungen, die jenseits der Grenzen, in den großen Fußballnationen, um die Übertragungsrechte toben: Juristische Kunststücke sind längst passe, es geht ausschließlich um das Geld. Gemessen an den italienischen Verhältnissen ist die Bertelsmann-Offerte noch moderat: Im Kampf gegen den Medien-Multi Silvio Berlusconi und dessen privaten "Canale 5" ersteigerte die staatliche RAI für 110 Millionen Mark pro Jahr - fast doppelt soviel wie 1987 - sämtliche Senderechte. Die privaten Sender dürfen nichts übertragen.
Spaniens Staatsfernsehen TVE zahlt jährlich 45 Millionen Mark, ebensoviel wie Bertelsmann. In Frankreich hat sich der Pay-TV-Sender Canal Plus die Rechte gesichert. Lediglich 2,4 Millionen Haushalte können die Spiele sehen. Den großen Sendern sind dennoch nur knappe Auszüge gestattet.
Solange die Gesetze des Marktes von den Deutschen akzeptiert werden, und solange Fußball vieler Leute Leben ist, werden, das ist absehbar, auch in der Bundesrepublik die Preise für die geschätzte Unterhaltungsware steigen. "Leute, die den Turnvater Jahn noch persönlich gekannt haben, werden größte Probleme haben", spottet der abgebrühte Medien-Figaro Hans Beierlein.
In welchen Quantensprüngen die Preisspirale sich dreht, belegt das Beispiel England. Bislang bezahlten die beiden großen Sender BBC und ITV für das Recht, zwei Jahre Fußball zu übertragen, knapp 19 Millionen Mark. vorletzte Woche offerierte eine neugegründete Satelliten-Fernsehgesellschaft 630 Millionen Mark für zehn Jahre.
[Grafiktext]
DIE DFB-SPONSOREN Besitzverhältnisse bei der Ufa und bei RTL plus in Prozent Bertelsmann Radio Hamburg Radio in Berlin Fratel CLT Compagnie luxembourgeoise de telediffusion Burda Frankfurter Allgem. Zeitung Deutsche Bank verwaltet treuhänderisch Westdeutsche Allgem. Zeitung Radio Bayern sendet ab 5.9.1988 RUFA Rundfunknachrichtenagentur GmbH Gruner + Jahr Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG Ufa-Angebot: 135 plus Mehrwertsteuer in drei Jahren TEURE TORE Preise für die Übertragungsrechte am Bundesliga-Fußball in Millionen Mark Angebot des öffentlichrechtlichen Fernsehens: 67,5 in drei Jahren Bundesligasaison Seit der Saison 79/80 für 1. und 2. Bundesliga KAUM PLUS BEI RTL PLUS Entwicklung der Einschaltquoten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der großen Privatsender bei Haushalten, die Kabel- und Satellitenprogramme empfangen können; Angaben in Prozent jeweils 1.Quartal Dritte Programme
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 21/1988
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