03.10.1988

„Schrei, was du kannst“

Der Weg in den Holocaust (IV): Untergrund - die Zuflucht der letzten deutschen Juden / Von Wolfgang Benz _(1988 C. H. Beck Verlag, München. Der ) _(vollständige Text erscheint diese Woche ) _(unterdem Titel „Die Juden in Deutschland ) _(1933-1945. Leben unter ) _(nationalsozialistischer Herrschaft“, ) _(herausgegeben von Wolfgang Benz, 780 ) _(Seiten, 58 Mark. ) *
Unter allen möglichen Formen der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung war die Existenz in der Illegalität wohl der gefährlichste und mühseligste Ausweg. Das Leben im Untergrund, für das sich im Deutschen Reich annähernd 10 000 jüdische Menschen entschieden, etwa die Hälfte davon in der Metropole Berlin, war auf beinahe jede denkbare Art bedroht, und entsprechend gering waren die Überlebenschancen. In Berlin erlebten nur etwa 1400 von ihnen das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.
Zu Verzweiflung und Einsamkeit kamen Hunger und Obdachlosigkeit, und in die Sorge um die Angehörigen - nuanciert danach, ob sie deportiert oder zurückgeblieben waren, im Ausland lebten oder ob man einfach keine Nachrichten mehr von ihnen hatte - mischte sich die Todesangst, als ständige Begleiterin aller Illegalen. Zu den Gefährdungen gehörte die Furcht vor Entdeckung, vor Denunziation durch nationalsozialistische Fanatiker oder durch unbarmherzig-gesetzestreue Normalbürger, die Furcht vor Gestapospitzeln (unter ihnen Juden, die auf diese Art ihre Haut retten wollten).
Bedrohlich und niederschmetternd waren ferner Gemeinheit und Habgier ehemaliger Nachbarn und Mitbürger, die sich in den Stunden der Not als Erpresser und Nutznießer des Elends erwiesen. "Judenfledderer" nannte man sie, die zu Wucherpreisen kümmerliches und gefährliches Obdach boten, Wertgegenstände und Gebrauchsgüter unterschlugen, statt sie sicherzustellen.
Das Überleben wäre aber auch nicht möglich gewesen ohne eine beträchtliche Schar nichtjüdischer Helfer, die sich solidarisch zeigten und ohne Rücksicht auf die eigene Gefährdung denen halfen, die ohne Ausweispapiere, ohne Kleiderkarte, ohne Lebensmittelkarte ihre Wohnung verlassen hatten im verzweifelten Versuch, das nackte Leben zu retten. Mit der Entfernung des Judensterns von der Kleidung mußten auch die Ausweise mit den verräterischen Zwangsvornamen Sara und Israel vernichtet oder versteckt und alle Hinweise auf die tatsächliche Identität mit höchstmöglicher Sorgfalt beseitigt werden.
Joachim Schwersenz, der als Mitglied einer zionistischen Jugendgruppe 1942 in den Untergrund ging, beschreibt seine Verwandlung: "Der mir Nächste aus meiner Gruppe, Arje Dawidowitsch, begleitete mich hinaus in den Vorort Pichelsberge, wodurch ich der für den Abend angekündigten Abholung durch die Gestapo entging. Ich verließ Berlin mit dem Judenstern und kehrte mit dem Hakenkreuz zurück. Im dichten Forst von Pichelsberge ging meine Verwandlung vor sich. Wir trennten den Judenstern von meiner Jacke ab und steckten ihr das vorsorglich beschaffte Abzeichen der 'Deutschen Arbeitsfront' an."
Charlotte Josephy, die als Witwe allein in Berlin lebte - ihr halbwüchsiger Sohn war 1937 in die Tschechoslowakei, die damals 14jährige Tochter im Juni 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen -, entging 1943 ebenfalls mit knapper Not dem Zugriff der Gestapo. Immer wieder mußte sie die Wohnung wechseln: "Einige Leute, die mich gegen hohe Bezahlung aufgenommen hatten, verlangten, daß ich die Wohnung die ganze Zeit über nicht verlasse. Andere wieder brachten mich nur die Nächte über unter, während ich den
Tag über mich auf den Straßen und auf den Bänken im Tiergarten aufhalten mußte. Dazu kam, daß ich keine Lebensmittelkarten besaß und nur die Möglichkeit hatte, mir solche Karten auf dem schwarzen Markt gegen sehr viel Geld zu beschaffen.
"Inzwischen hatten in Berlin die schweren Luftbombardements eingesetzt. Ich machte mir das zunutze, suchte mir einen Bezirk, in dem sowohl das Polizeiamt wie auch die Lebensmittelkartenstelle ausgebombt waren, ging zum Bürgermeisteramt Schöneberg und gab dort an, ich sei ausgebombt worden. Da meine Angaben nicht auf ihre Richtigkeit nachgeprüft werden konnten, erhielt ich ohne weiteres einen sogenannten Bombenschein als Ausgebombte. Die unverfänglichen Ausweise, die ich noch besaß, hatte ich auf den Namen Elsa Hohberg umgefälscht und meinen Judenausweis in das Futter meiner Kleidung eingenäht. Auf meinen Bombenschein hin erhielt ich legale Aufenthaltserlaubnis und wurde auch wieder mit Lebensmittelkarten beliefert."
Schwieriger noch als für alleinstehende Personen war naturgemäß die Flucht von Ehepaaren oder ganzen Familien in die Illegalität. Das Ehepaar Rewald ging im Janur 1943 in den Untergrund, nachdem alle Verwandten deportiert worden waren. Ein Reichsbahninspektor, der sich als Gegner der Nazis gezeigt hpatte, verhalf ihnen zu unverfänglichen Papieren.
Frau Rewald: "Nach zwei Tagen sind wir im Besitz von zwei Ausweisen der Deutschen Reichsbahn, die mit dem amtlichen Stempel versehen sind. Wir haben unsere Photographien eingeheftet und den Ausweis meines Mannes auf den Namen: 'Erich Treptow, Hilfsrottenführer im Dienst der Deutschen Reichsbahn' ausgefüllt.
"Wir wissen, daß dieser Erich Treptow wirklich existiert, so daß sich bei einer Kontrolle und Rückfrage bei der Polizei oder Reichsbahn die Angaben des Ausweises bestätigen. Mein Mann ist sozusagen ein Double. Aber wie heißt Frau Treptow mit Vornamen, wann und wo ist sie geboren, wo ist sie beschäftigt? Wir können meinen Ausweis nicht ausfüllen, ohne diese Personalien zu wissen. Es bleibt nur ein Weg.
"Ich stecke mir ein Parteiabzeichen an, das mein Mann einmal in einem alten Sessel gefunden hat, und fahre in die Wohnung zu Frau Treptow. Dort erkläre ich ihr, daß ich vom Arbeitsamt komme, um die vorhandenen Unterlagen und Akten, die durch die Bombenangriffe nicht mehr vollständig seien, zu ergänzen. Ich habe mir einen Bogen mitgenommen, in dem schon andere Daten notiert waren, und so stelle ich meine Fragen.
"Ich erfahre schließlich von Frau Treptow alles für mich Wissenswerte und höre auch, daß sie bei der Gestapo beschäftigt ist. ich kann also meinen Ausweis ausfüllen und lerne auswendig, daß ich Maria Treptow, geb. Juretzko, geb. 3. Mai 1917 in Beuthen, von diesem Tage an bin."
Inge Deutschkron tauchte, damals 21 Jahre alt, mit ihrer Mutter im Januar 1943 unter und legalisierte sich zunächst mit dem Arbeitsbuch einer Prostituierten. Mehrere Verstecke verlor sie durch Bomben, andere mußte sie wegen mißtrauischer Nachbarn aufgeben. Schließlich hausten Mutter und Tochter in einem ehemaligen Ziegenstall außerhalb Potsdams. Inge Deutschkron:
"Als Anfang 1945 unsere Situation unhaltbar zu werden schien - wir hatten unseren Ziegenstall verlassen müssen, weil die Ehefrau eines unserer Helfer ihren Mann bei der Gestapo angezeigt hatte, weil er Juden versteckt habe -, dachten wir uns etwas Neues aus. Wir fuhren mit der Eisenbahn - wegen möglicher Personalkontrollen kein ungefährliches Unterfangen - in Richtung Front. Die Russen waren zu jenem Zeitpunkt bereits in Guben. In Lübben stiegen wir in einen Flüchtlingszug ein, der gerade dort hielt.
"Während der Rückfahrt nach Berlin lauschten wir den Erlebnissen der Menschen, die nach nazistischem Muster erst im letzten Moment aus den belagerten Ortschaften ausreisen durften. Als wir in Berlin ankamen, meldeten wir uns bei der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) als Inge Elisabeth Marie und Ella Paula Richter aus Guben, Am Markt 4, und gaben vor, in dem Gewühl und der Aufregung der Flucht alles verloren zu haben. Wir waren nicht die einzigen - indes bei den anderen entsprach es der Wahrheit. Wir waren nun legal. Man gab uns Lebensmittelkarten und Bezugsscheine für Kleidung."
Ludwig Collm, der 1933 als Studienassessor aus dem Berliner Schuldienst entlassen worden war und sich in den
folgenden Jahren mit Privatstunden und Nachhilfeunterricht ernähert hatte, ging im Oktober 1942 mit seiner Frau Steffy und der kleinen, damals sechsjährigen Tochter Susi in die Illegalität. Zu dritt war das Überleben im Untergrund besonders schwierig:
Erste Station war eine gute Freundin. Deren Tochter war beim Reichsarbeitsminister Seldte angestellt. "Von dort", so Collm, "brachte sie mir einen Originalbriefbogen mit, mit dessen Hilfe ich mir einen Ausweis anfertigte, der mich als Dozent am 'Istituto di Lingua e Studi Italiani del Fascio di Berlino' auswies. Wir lebten in der Illegalität unter unserem eigenen Namen, zeitweise wurde das 'C' durch ein 'K' ersetzt. Einige Zeit war ich einfach 'Lehrer Ludwig'.
"Das schwerste Problem, das sich für uns ergab, war die Wohnungsfrage. Fast alle drei Wochen war sie akut. Und dann gleich Logis für drei. Ohne die vielen guten Freunde und deren Hilfe hätten wir es nie geschafft. Wir wurden immer wieder 'weitergereicht'. Unsere Quartiersliste sah ungefähr so aus: _____" Ludwig Löffke 10 Tage Blumenthal 1 Tag Grünbaum 2 " _____" Tage Bielke 20 Tage Seleu, Teltow 14 Tage Fischer, Teltow " _____" 6 Monate Sachisthal 2 Monate Meta 2 Monate Kleingarn 8 " _____" Tage Sept. 43 bis 7. Februar 1944 Oranienburg bei Nazis " _____" möbl. Zimmer Steffy Meise 10 Tage Löffke Sachisthal Kny " _____" ab 1.April 1943 Zimmer in Neukölln bis 7 .Februar 1944 " _____" Susi Meise 10 Tage Kny 3 Wochen Meta 3 Wochen Lewin 2 " _____" Wochen v. Frankenberg 4 Wochen Gräser 4 Monate Mucha 4 " _____" Monate Becker in Lindow 6 Monate ab 7. Februar 1944 alle " _____" in Horst Seebad, Ostsee, Haus Felicitas. "
Die Geschichte vom Überleben des jüdischen Jünglings Hans Rosenthal, des späteren Fernsehunterhalters, ist nicht weniger dramatisch als wunderbar. Fünfmal war der junge Hans durch glückliche Zufälle der Deportation entgangen, ehe er eine Woche vor seinem 18. Geburtstag Ende März 1943 in der Berliner Laubenkolonie "Dreieinigkeit" untertauchte. Hans stammte aus gutsituierter jüdischer Familie. Der Vater (nach der NS-Terminologie als "Mischling" geboren, der aber als "Volljude" galt, weil seine Mutter bei der Heirat zum jüdischen Glauben übergetreten war) war Bankkaufmann und bis 1937 in sehr guter Position bei der Deutschen Bank in Berlin. Man hatte ihm sogar ein Unterkommen in der Kairoer Filiale angeboten, um seine Entlassung zu umgehen.
Vater Rosenthal machte sich statt dessen als Vertreter selbständig, erlag aber bald, noch vor der "Reichskristallnacht", einem Nierenleiden. Mutter Rosenthal starb 1941 an Krebs. Der damals 16jährige Hans ging, um den neunjährigen Bruder Gert zu beschützen, mit ins jüdische Waisenhaus. Er hatte nach dem Besuch der jüdischen Mittelschule schon einige Stationen hinter sich, war als Zwangsarbeiter im städtischen Friedhof
Fürstenwalde zum Hilfstotengräber avanciert und arbeitete schließlich, um in Berlin beim kleinen Bruder zu sein, in einer Blechemballagenfabrik.
Im August 1942 bekam er seine Ausschließung aus der Wehrmacht und dem Reichsarbeitsdienst bestätigt - Grund: "Jude" -, und etwa zur gleichen Zeit mußte er, weil er zu alt dafür geworden war, das Waisenhaus verlassen und ins jüdische Jugendwohnheim umziehen. Im Oktober 1942 wurden die Insassen des Waisenhauses deportiert, darunter der zehnjährige Gert Rosenthal. Hans hört nie wieder von ihm.
Hans entgeht nicht nur der "Fabrik-Aktion" am 27. Februar 1943, sondern entkommt gleich darauf, schon auf dem Weg in die Illegalität, auch einer Polizeikontrolle und verschwindet am 27. März in Berlin-Lichtenberg in der Laube der Frau Jauch. Hans kennt sie nur flüchtig, aber er weiß niemand sonst, der ihn verbergen würde, und Frau Jauch überläßt ihm das kleine Hinterzimmer und teilt ihre Rationen mit dem jungen Juden. Eingeweiht ist auch Frau Hardt (deren Mann ist Kommunist), die in der Nähe wohnt.
Die Katastrophe kommt im August 1944, als Frau Jauch plötzlich erkrankt und stirbt. Hans muß eine neue Bleibe suchen, und er findet sie, ebenfalls in der Laubenkolonie "Dreieinigkeit", bei Frau Schönbeck, die nicht nur ihre Lebensmittelrationen mit ihm teilt, die ihn auch gegen den eigenen Sohn verteidigt, der bei einem Fronturlaub den illegalen Gast bemerkt und die Konsequenzen fürchtet. Zuletzt dehnt sich die Kenntnis von der illegalen Existenz des jungen Juden in der Kolonie aus, viele wissen von seinem Aufenthalt und helfen nach Kräften.
Rückblickend im Jahr 1980 schrieb er in seinen Memoiren "Zwei Leben in Deutschland", es seien diese drei Frauen aus der Kolonie "Dreieinigkeit" gewesen, "deren Hilfe es mir bis heute möglich gemacht hat, nach dieser für uns jüdische Menschen so furchtbaren Zeit unbefangen in Deutschland zu leben, mich als Deutscher zu fühlen, ohne haß ein Bürger dieses Landes zu sein. Denn diese Frauen hatten ihr Leben für mich gewagt".
Das Ehepaar Max und Ines Krakauer aus Berlin lebte von Januar 1943 an in der Illegalität. Nach der Befreiung stellte Max Krakauer eine Liste der Unterkünfte und der Helfer zusammen, in der viele Pfarrhäuser vorkommen, in Berlin, Pommern und Württemberg. Insgesamt umfaßt das Verzeichnis 66 Adressen, an denen die Krakauers in den 27 Monaten der Illegalität teils zusammen, teils getrennt Aufnahme fanden. Eine Weitere Liste von helfern enthält 24 Namen, auch unter ihnen sind Pfarrer häufig vertreten. Das kam nicht von ungefähr, denn in Berlin existierte unter Leitung von Propst Grüber eine "Hilfsstelle für Rasseverfolgte", die sich um untergetauchte Juden kümmerte und für deren Unterkommen außerhalb Berlins sorgte.
In den Erlebnisberichten der Geretteten tauchen deshalb auch immer wieder die gleichen Namen auf. Da gab es einen Fabrikbesitzer in Berlin, der nicht nur seine Junggesellenwohnung am Nollendorfplatz untergetauchten Juden zur Verfügung stellte (er selbst schlief in der Firma), sondern auch für Lebensmittel sorgte und die Portiersfrau bestach, daß sie still hielt. Die Zwei-Zimmer-Wohnung der Gräfin Maria von Maltzan glich zeitweise einem Massenasyl, in dem jüdische Illegale, Widerstandskämpfer und Deserteure Unterschlupf fanden.
Ein Freundeskreis engagierter junger Nazigegner betrieb die Hilfe für illegale Juden geradezu virtuos. Begonnen Hatten die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich und der Musiker Leo Borchard mit Liebesdiensten für ihre jüdischen Bekannten, aus Scham über den Novemberpogrom und weil "arische" Helfer notwendig waren für die Ausreisevorbereitungen, für das Organisieren von Lebensmitteln, für das Aufbewahren und Sicherstellen von Wertvollem.
Im Juni 1942 notiert Ruth Andreas-Friedrich im Tagebuch, daß von den 14 "Onkel Heinrichs" und 22 "Tante Johannas" nur noch wenige übriggeblieben waren. Für die muß Gemüse und Brot beschafft werden; die Freunde sind
bei der Methode nicht zimperlich: "Um drei Uhr kommt Ursel Reuber. Sie hat sich, allen Verkehrsstörungen zum Trotz, durch Trümmer und Brände zu uns durchgeschlagen. Unter dem Arm schleppt sie ein großes Paket: Gemüse für unsere 'U-Boote', sprich: Untergetauchte. Drei Kohlrüben, einen Krautkopf, fünf dicke Kohlrabiknollen. 'Ich hab' noch was viel Schöneres', rühmt sie sich und nestelt aus ihrer Jacke die Brieftasche hervor. 'Acht Kilo Brotmarken, frisch geklaut aus dem Markenkästchen in einem Bäckerladen.'"
Der Diebstahl von Lebensmittelkarten, Stempeln, der Handel mit gefälschten Dokumenten, das Erschleichen von Bestätigungen und Bescheinigungen gehörte zum Alltag der Helfer, die damit Widerstand gegen das NS-Regime in einer besonders gefährlichen Form leisteten. Sie riskierten tagtäglich ihren Kopf, um das rettende Netz für die Illegalen immer wieder neu zu knüpfen:
"Niemand, der es nicht selbst erlebte, vermag sich vorzustellen, wie schwierig unter solchen Umständen auch die einfachste Hilfeleistung werden kann. Was tut man, wenn ein Mensch, den man in seiner Wohnung verbirgt, eines Tages unvermutet am Herzschlag stirbt? Soll man ihn im Ofen verbrennen? Was macht man mit einer Leiche, die nicht gemeldet ist?
"'Wir haben sie in unseren Waschkorb gelegt, mit Leintüchern bedeckt und nachts aus dem Hause getragen', vertrauen uns Bekannte an, die in solche Verlegenheit gerieten. 'Im Tiergarten haben wir sie rausgeholt und auf eine Bank gesetzt.' Sie lächeln verstört. Sie sind nicht froh über diese Lösung. Sie haben keine Übung darin, zwischen drei und vier Uhr morgens Leichen aus dem Haus zu schmuggeln und Tote auf einsame Parkbänke zu setzen. Vierzig Jahre lang sind sie solide Bürger gewesen.
"Vor vierzehn Tagen kommt Flamm zu uns gelaufen. 'Schöne Bescherung das!' klagt er und fingert sich nervös übers Gesicht. 'Da hat man mir einen Flüchtling zugeschickt. Jüdisches Mädchen aus Breslau. Für ein Nachtquartier auf dem Wege von Schlesien nach Frankfurt. Ich bin an der Bahn. Die Kleine kommt an. Halsschmerzen, Fieber, Schüttelfrost. Am nächsten Morgen liegt sie mit Scharlach. Mit Scharlach in meinem Ehebett!' - 'Scharlach dauert sechs Wochen', sagt Andrik. - 'Und dann muß man desinfizieren', ergänzt Heike sachkundig. - 'Schöne Bescherung - schöne Bescherung' seufzen wir alle.
"Jetzt geht die Patientin in die dritte Woche. Und Flamm, der Landgerichtsrat außer Dienst, spielt die Krankenschwester. Für ein untergetauchtes Mädchen, das er einmal im Leben gesehen hat. Wenn man nur einen Kammerjäger findet, der vertrauenswürdig ist!"
Die Begebenheit findet sich unter dem 4. Februar 1944 im Tagebuch verzeichnet. Am 7. März schreibt Ruth Andreas-Friedrich, der schlesische Flüchtling sei wieder gesund und glücklich nach Frankfurt abgereist. Die Wohnung hatte ein vertrauenswürdiger Kammerjäger desinfiziert, ein KPD-Mann.
Nicht weniger listig als mutig war Otto Weidt, der, selbst behindert, in Berlin eine Besen- und Bürstenbinderwerkstatt betrieb, in der er vorwiegend jüdische Blinde und Taubstumme beschäftigte. Keine Mühe war Weidt zu groß, um auch Untergetauchten zu helfen. Seine Beziehungen zum Arbeitsamt, zur Gestapo und zur Wehrmacht förderte er durch Bestechungen. Rohmaterial besorgte er, um die Arbeitsplätze zu sichern, auf dem schwarzen Markt, und er bot damit einer beachtlichen Anzahl von jüdischen Menschen eine Zeitlang Sicherheit. Eines Tages jedoch holte die Gestapo alle Blinden und Taubstummen aus Weidts Werkstatt ab zur Deportation.
"Kurz entschlossen", heißt es im Bericht, "streifte sich Weidt seine Blindenbinde um und ging abermals zur Gestapo, um seine Leute freizubekommen. Wie er es schließlich geschafft hatte, ob durch die Angabe, daß er Wehrmachtsaufträge hätte (die er übrigens nie ganz ausführte, um seinen Betrieb aufrecht erhalten zu können), oder durch Bestechung, vermag ich nicht zu sagen, jedenfalls gab man ihm seine Belegschaft noch einmal frei. Er ging selbst zum Sammellager Große Hamburger Straße, wohin inzwischen seine Leute schon gebracht worden waren, um sie von dort abzuholen. Dann zog er, als Anführer einer Gruppe von etwa 50 jüdischen Blinden und Taubstummen mit Judensternen und Blindenbinden, selbst halbblind, mit ihnen auf dem Fahrdamm nach der Rosenthalerstraße in die Werkstatt zurück. Es war ein Bild wie aus einer antiken Tragödie."
Anfang Oktober 1941 lebten noch annähernd 73 000 Juden in Berlin. Im Frühjahr 1943 wurde die Reichshauptstadt offiziell als "judenrein" deklariert. Gleichwohl lebten, außer den Untergetauchten, noch weitere Juden in Berlin.
Rund 18 000 gehörten zu jenem Personenkreis, für den sich im NS-amtlichen Sprachgebrauch Bezeichnungen wie "Geltungsjude", "Mischling ersten Grades", "Mischling zweiten Grades" eingebürgert hatten, dazu gehörten vor allem aber die "Volljuden", die in "Mischehe" mit "deutschblütigen" Partnern lebten. Bei den "Mischehen" waren wiederum die "privilegierten" von den "einfachen" zu unterscheiden.
Die nationalsozialistische Rassengesetzgebung war durch schier unzählige Verordnungen, Erlasse und Bestimmungen, die im Laufe der Jahre zu den Nürnberger Gesetzen von 1935 ergangen waren, zu einem undurchdringlichen Dschungel geworden. Alle legislatorischen Maßnahmen dienten letztlich einem
einzigen Zweck, der Vernichtung des Judentums.
Aber bei bestimmten Personengruppen wie Teilnehmern des Ersten Weltkriegs, in "Mischehe" Verheirateten und deren Kindern taten sich die nationalsozialistischen Rassepolitiker, der Juristen und die Beamten schwer. Es blieb bis zum Ende des NS-Regimes unklar, welches Schicksal den jüdischen Partnern in "Mischehen" und den "Mischlingen ersten Grades" letztendlich zugedacht war, ob die Privilegien, die sie von den "Volljuden" unterschieden, dauernd oder nur für eine Übergangszeit gelten sollten.
Den Betroffenen konnte nicht verborgen bleiben, daß ihre Stellung auf Dauer unsicher und gefährdet war. So galt der Schutz des jüdischen Partners der "privilegierten Mischehe" nur so lange, als die Ehe bestand: Scheidung oder plötzlicher Tod des "deutschblütigen" Gatten konnten jederzeit zur Katastrophe führen.
Wie kompliziert Familienverhältnisse im juristischen Sinne wurden, demonstriert Ludwig Brunner, der in die Illegalität mußte, während seine Eltern unverfolgt blieben und ihm helfen konnten: "Meine Mutter war Nichtjüdin, trat aber bei der Eheschließung mit meinem Vater zum jüdischen Glauben über, und ich wurde jüdisch erzogen. Nach der Machtübernahme durch die Nazis trat meine Mutter aus der jüdischen Gemeinde aus und galt als 'Arierin'. Die Ehe mit meinem Vater wurde dadurch eine sogenannte privilegierte Ehe. Ich war wegen meiner jüdischen Erziehung sogenannter Geltungsjude, wurde aber strafgesetzmäßig als Mischling behandelt."
Derselbe junge Mann, der zum Tragen des Judensterns verpflichtet war und für den sämtliche Diskriminierungen galten, hätte ohne sein Bekenntnis zur jüdischen Religion aufgrund der NS-Rassegesetzgebung als "Mischling ersten Grades" zwar nicht Beamter werden können, aber doch Mitglied der NS-Volkswohlfahrt und der Deutschen Arbeitsfront, und er wäre wehrpflichtig gewesen. (Die "Mischehe" seiner Eltern war übrigens, entgegen seiner Erinnerung, nicht "privilegiert", sie wäre es gewesen, wenn er nicht im jüdischen Glauben erzogen worden wäre).
"Mischlinge" waren nach nationalsozialistischer Definition alle Halbjuden, die nicht der jüdischen Religion angehörten und die nicht mit Juden verheiratet waren. "Mischlinge ersten Grades" hatten zwei jüdische Großelternteile, "Mischlinge zweiten Grades" (Vierteljuden") hatten einen jüdischen Großelternteil. Die so Klassifizierten wurden einerseits fast wie "deutschblütige" Vollbürger behandelt, sie brauchten den Judenstern nicht zu tragen und waren in Vermögens- und Geschäftsangelegenheiten nicht behindert, andererseits gab es eine Reihe von Diskriminierungen: Öffentlicher Dienst und Rechtsberufe beispielsweise blieben ihnen verschlossen, und in der Wehrmacht blieben ihnen Unteroffiziers- und Offiziersränge verwehrt.
1939 gab es im Deutschen Reich, Österreich und die Sudetengebiete eingeschlossen, 64 000 "Mischlinge" ersten und 43 000 zweiten Grades. Ihr Schicksal blieb bei allen Erörterungen über ihren endgültigen Status ungewiß. Die Tendenz ging im Lauf der Zeit - während die "Endlösung" praktiziert wurde - dahin, die "Mischlinge ersten Grades" den Juden gleichzustellen und sie zu vernichten, "Mischlinge zweiten Grades" aber definitiv wie "Deutsche" zu behandeln. Mit der Religionszugehörigkeit hatten die "Mischlinge", allerdings in der Regel nicht freiwillig, eine Art Option auf die Zugehörigkeit zu dieser oder jener "Rasse", man war "Geltungsjude" oder fast "arisch" - eine Demonstration der Unsinnigkeit der angeblich naturwissenschaftlich untermauerten Rassenideologie.
Eng verknüpft mit dem Problem der "Mischlinge" war naturgemäß die Rechtsstellung der "Mischehen". Nach einer Weisung Görings vom 28. Dezember 1938 waren sie grundsätzlich in zwei Kategorien eingeteilt. Unter der Voraussetzung, daß die Kinder nicht im jüdischen Glauben erzogen wurden, galten Ehen zwischen jüdischen und "arischen" Partnern im allgemeinen als privilegiert, wenn der Mann "deutschblütig" war. Kinderlose Ehen, bei denen der Mann Jude war, waren in der Regel nicht privilegiert.
Gehörten die Kinder der jüdischen Religionsgemeinschaft an, minderte das auf zweierlei Weise den Rechtsstatus der Familie. Das Kind wurde als "Geltungsjude" Verfolgungsopfer, und die Eltern kamen nicht in den Genuß der Privilegien. Diese bestanden zunächst darin, daß für die in "Mischehe" Lebenden das Wohnungsreglement nicht galt, ebenso blieben sie von den besonderen Restriktionen in der Lebensmittelrationierung und von den Lohnregelungen verschont. Später blieben sie vom Judenbann und von der Pflicht, den Judenstern zu tragen, ausgenommen.
Unsicher war der Status sowohl der "Mischlinge" wie der der "Mischehen" freilich allezeit, weil nie absehbar war, ob die Privilegien auf Dauer gültig blieben oder nur für die Übergangszeit, bis alle "Volljuden" deportiert sein würden. Nicht wenige Partner von "Mischehen" suchten daher die Rettung in der Illegalität. Die Verhaftung der jüdischen Männer aus "Mischehen" im Zuge der "Fabrik-Aktion" 1943 war ein deutliches Indiz dafür, was letztendlich beabsichtigt war.
Die Berliner Ereignisse vom Februar/März 1943 zeigen aber auch, was Solidarität vermochte. Als die nichtjüdischen Partner nämlich erfuhren, daß man ihre Ehegatten verhaftet und zum Sammelplatz in der Rosenstraße gebracht hatte, um sie von dort aus zu deportieren, rotteten sie sich zusammen, belagerten tagelang die Rosenstraße und protestierten lautstark.
"Sechstausend Frauen riefen nach ihren Männern. Schrien nach ihren Männern. Heulten nach ihren Männern", heißt es im Tagebuch der Ruth Andreas-Friedrich.
Auch wenn die Zahl mit Sicherheit viel zu hoch angesetzt ist, der Protest war eindrucksvoll. Die Demonstration, die einzige, die je in Deutschlang gegen die Deportationen stattfand, war erfolgreich, nach einigen Tagen waren die Verhafteten wieder frei.
Die Juristin Lotte Paepcke ist in "privilegierter Mischehe" mit einem "Arier" verheiratet. Das Ehepaar lebt zunächst in Köln (ihr Kind haben sie wegen der Luftangriffe nach Süddeutschland in Sicherheit gebracht) und übersiedelt dann nach Leipzig. Der Mann ist berufstätig, die Frau sitzt im möblierten Zimmer und bemüht sich darum, unauffällig zu sein. Das wird, zugleich mit Schuldgefühlen gegenüber dem Partner, dessen Solidarität von existentieller Bedeutung ist, der aber mit in die soziale Isolation gezogen wird und kaum weniger als der jüdische Partner verfemt wird, zur zweiten Natur.
"In der Pension", so Lotte Paepcke, "häuften sich die Klagen, daß nicht genug geheizt würde, aber ich klagte nicht; ich hatte keinen Mut. Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, nicht aufzufallen und zu sorgen, daß man mich vergaß. Darüber spürte ich nicht, daß ich fror. Frau Hagebrecks (der Pensionsinhaberin) Gedanken durften nicht auf mich gelenkt werden.
"Wie ein Schatten mußte ich sein, der nicht Luft und Raum wegnahm, ein sympathisches, immer freundliches Etwas, ohne Ansprüche, ohne Forderungen, dem man nur Gutes nachsagen konnte. Oft, wenn ich mit Frau Hagebreck sprach, stellte ich mir vor, wie sie aussehen, wie sie sprechen mochte, wenn sie es erfahren sollte, und soviel Unangenehmes sie einem auch meist mitzuteilen hatte - man war glücklich, daß es nicht jene gefürchtete Verweisung aus dem Haus war."
Es ist ein kleines Wunder, daß die Pension mit einer richtigen Wohnung vertauscht werden kann (genauer gesagt mit einer halben, die andere Hälfte bewohnt ein Bankbeamter mit seiner Frau, sie ist Anhängerin Hitlers, er ist Antinazi und Alkoholiker), da bleibt die Identität auf Dauer nicht verborgen, und um so größer wird der Zwang, nicht aufzufallen und beliebt zu sein:
"Da war er wieder über mir, der Fluch, der auf den Verfolgten lastete: um Wohlwollen betteln zu müssen. Man mußte alle Menschen, mit denen man in Berührung kam, dazu überlisten, einen zu lieben, um sie für den Ernstfall kampfunfähig zu machen. Man mußte sie ohne ihr Wissen so präparieren, daß auf jeden Fall ihr Mitleid bereit war, etwa von amtlichen Stellen befohlene Haßgelüste zu schwächen. Die Waffe des ausgestoßenen Menschen war, sympathisch zu sein um jeden Preis - auch um den Preis der Achtung vor sich selbst."
Trotzdem waren die Überlebenschancen in dieser Situation, von der zu viele wußten, gering. Lotte Paepcke gelang es aber mit Hilfe ihres Mannes nach Südwestdeutschland zu kommen, wo sie in einem Kloster bis zum Kriegsende Unterschlupf fand. Ihre beste Freundin, ebenfalls jüdische Partnerin in einer "Mischehe", hatte ein anderes Schicksal.
Sie war, selber Ürztin, die Frau eines Landarztes; beim Studium hatten sie sich kennengelernt, fünf Kinder bevölkerten das Haus, gute Freunde lebten in der Nachbarschaft. Theater- und Konzertbesuche in der Stadt, feinsinnige Gespräche mit den Freunden, Ferienreisen erfüllten die freie Zeit und machten die ländliche Abgeschiedenheit zur Idylle. Nach 1933 ziehen sich die Bekannten allmählich zurück, zuerst der gebildete Gutsherr, dann die Kollegen, zuletzt der freundliche Pfarrer. Eine junge Ärztin hilft in der Praxis und tröstet den Landarzt über die gesellschaftliche Isolation hinweg.
Die ehe wird geschieden, der Mann streift den Makel der "Mischehe" ab, die jüdische Frau verliert den Schutz, den diese Ehe ihr gewährte. Sie zieht mit den Kindern in die Stadt, wird bald danach verhaftet, weil sie den Zwangsvornamen "Sara" irgendwo nicht angegeben hat. Vom Gefängnis aus wird sie täglich zur Zwangsarbeit in eine Fabrik gebracht. Manchmal steckt ihr eines ihrer Kinder auf dem Weg zur Arbeit etwas zu. Schließlich wird sie nach Auschwitz deportiert. Man hört nie wieder von ihr.
Unter dem Schutz der Solidarität des "Mischehen"-Partners überstand dagegen Rosa Hoffmann die NS-Zeit in Weiden. Sie war die einzige von 168 Juden, die 1933 in der oberpfälzischen Stadt gemeldet waren, die bis zur Befreiung am 20. April 1945 im Ort lebte. Freilich nicht in der Geborgenheit des Arzthaushalts, den sie bis zum Untertauchen mit ihrem Mann geführt hatte, sondern in insgesamt 23 Verstecken in den letzten beiden Jahren seit 1943.
Sie war 1939 nach Berlin abgemeldet worden, kehrte dann heimlich zurück und verbarg sich bei Bekannten, blieb tagelang ohne Kontakt zu anderen Menschen, hauste zeitweise in einem Bahnwärterhäuschen, versteckte sich in einem Kohlenbehälter und konnte sich einmal, während ihr Mann auf der Brücke stand
und des Wegs kommende Soldaten ablenkte, nur noch durch Untertauchen im Bach unter der Brücke verbergen.
Der 10. Juni 1943 brachte das offizielle Ende jüdischen Lebens in Deutschland. An diesem Vormittag erschien die Gestapo im Büro der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße 29 mit der Nachricht, daß die "Jüdische Kultusvereinigung zu Berlin" (so lautete seit 30. April 1941 die amtliche Bezeichnung) aufgehört habe zu bestehen. Die Angestellten, soweit sie nicht in "Mischehen" mit "Ariern" lebten, wurden verhaftet, ins Sammellager Große Hamburger Straße gebracht und von dort aus am 16. Juni 1943 zum Bahnhof Putlitzstraße transportiert, letzte Station auf dem Weg nach Theresienstadt. Etwa 500 jüdische Menschen, unter ihnen 300 Kranke, verließen am Abend mit dem Deportationszug die Reichshauptstadt.
Das gleiche Schicksal traf auch die fünf letzten Mitarbeiter der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" in der Kantstraße 158. Deren Wirkungsfeld war immer mehr eingeschränkt worden. Aus der 1933 gegründeten autonomen Dachorganisation der deutschen Judenheit war seit dem November 1938 Schritt für Schritt eine Institution geworden, deren Handeln von der Kontrolle und den Befehlen der Gestapo bestimmt war.
Zwei jüdische Institutionen blieben unter Aufsicht der Gestapo tätig, das Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße und der Friedhof Weißensee. Die Iranische Straße mit der Polizeistation im Krankenhaus bildete die letzte Etappe vor dem Abtransport nach Theresienstadt oder Auschwitz. Seit April 1943 benutzte die Gestapo das Gebäude der Pathologie als Gefängnis und Sammellager für Deportationen. letztmals am 27. März 1945 verließ ein Transport von hier aus Berlin.
Unter den Insassen waren Prominente wie Theodor Wolff, der Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" von 1906 bis 1933 und Mitgründer der Deutschen Demokratischen Partei 1918. Er war als Emigrant in Nizza der Gestapo in die Hände gefallen und nach vielen Stationen in Gefängnissen ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert worden, wo er nach einer Operation starb.
Der Rechtsanwalt Bruno Blau, der ehedem in Berlin das "Büro für Statistik der Juden" geleitet hatte und später in der Prager Emigration verhaftet worden war, kam 1942 in das Krankenhaus. Er berichtete später: "Die Gestapo hatte im Jüdischen Krankenhaus ziemlich alle Reste der noch in Berlin zurückgebliebenen Juden konzentriert; ausgenommen waren lediglich die in Mischehe Lebenden, die sich nicht in Haft befanden und noch ihre Wohnungen in verschiedenen Gegenden der Stadt hatten. Es gab zum Schluß in Berlin noch etwa 160 Juden, die unverheiratet oder mit einem jüdischen Gatten verheiratet waren, während sich im Krankenhaus und dem Sammellager zusammen etwa 800 Personen befanden."
In der Iranischen Straße gab es auch letzte Reste jüdischer Religiosität. Unter konspirativen Umständen fanden im Krankenhaus in der Wohnung des Direktors Neumann von Zeit zu Zeit an Feiertagen, an besonderen Sabbaten und nach schweren Fliegerangriffen in aller Heimlichkeit Gottesdienste statt. Sonst gab es jüdisches Leben nur noch auf dem Friedhof Weißensee: bei Bestattungen. 1880 im Nordosten Berlins errichtet, war er der größte und dank seiner vielen Grabmäler, Mausoleen und Tempiettos im spätklassizistischen Stil des Wilhelminismus der prächtigste jüdische Friedhof in Berlin.
Berühmte Namen schmückten die Grabmale: Der Verleger Samuel Fischer und der Philosoph Hermann Cohen, Rabbi Abraham Mordechai Grynberg, der religiöse Führer der Berliner Ostjuden, und viele andere Prominente sind hier bestattet, die Familie Tietz und Mosse hatten ihre Erbbegräbnisse in Weißensee errichtet: "Auf keinem deutschen Friedhof des 20. Jahrhunderts findet man so viele berühmte Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Erfinder, Schriftsteller und Journalisten wie in Weißensee", heißt es in einer zeitgenössischen Darstellung.
In den Jahren der Verfolgung wurde der Friedhof den Juden eine Stätte des Trostes und zuletzt für viele Illegale die letzte Zuflucht. Sie fanden etwa im Mausoleum des Kammersängers Joseph Schwarz Obdach für die Nacht. "In der Mitte des Dachs dieses Erbbegräbnisses", berichtet einer, der dabei war, "befand sich eine Glasplatte. Man hob diese immerhin schmale Platte und suchte sich links oder rechts von ihr ein Ruhelager für die Nacht. Unten ruhte der begnadete Sänger ... oben lagen seine Glaubensbrüder im unruhigen Schlaf, durch den sich die bange Frage zog: Wie lange noch?"
In den Jahren 1941 und 1942 stieg vor allem durch
die vielen Suicide jüdischer Menschen die Zahl der Bestattungen enorm. Arthur Brass, bis 1933 Gerichtsassessor und seit 1938 Verwalter des Friedhofs Weißensee, hat statistisches Material aus dieser Zeit überliefert: "Im Jahre 1941 fanden 2556 Bestattungen statt (davon 254 Freitode), im Jahre 1942 waren es 3230 (davon 811 Freitode), im Jahre 1943 waren es 931 (davon 214 Freitode) und im Jahre 1944 immerhin noch 244 (davon 39 Freitode)."
Die Bestattungen wurden bis zuletzt ordnungsgemäß nach jüdischem Ritus vollzogen; mit dem Schwinden der Gemeinde wurde aber allmählich die Unterscheidung zwischen Freidhofspersonal und Trauergästen gegenstandslos, alle mußten Hand anlegen, wie Lilo Clemens, eine jugendliche Helferin der Friedhofsverwaltung in den Jahren 1942 bis 1944, berichtet: "Der Rabbiner Riesenburger legte seinen schwarzen Talar an und setzte die dreieckige Mütze auf den Kopf; erst spielte er hinten das Harmonium, dann ist er nach vorne gelaufen und hat die Gebete gesprochen, dann wieder nach hinten zum Harmonium und dann raus zum Grab. Wenn wir dann von der Grabstelle zurückkamen, dann legte er schnell den Talar ab, wir haben unseren Gärtnerwagen geholt und sind dann zusammen mit Riesenburger auf den Friedhof marschiert."
Im Frühjahr 1943 wurde der Friedhof Weißensee Schauplatz einer besonderen Rettungsaktion. Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde hatten erfahren, daß Thorarollen und andere Kultgegenstände, die im früheren Krankenheim der Gemeinde Adass Jisroel in der Elsässer Straße in Gewahrsam des Oberfinanzpräsidiums lagerten, in einer Propagandaausstellung profaniert werden sollten. In aller Eile wurden die 583 Thorarollen mit Hilfe eines christlichen Spediteurs (der sich dafür nicht bezahlen ließ) zum Friedhof Weißensee gebracht und dort versteckt.
Rabbiner Riesenburger, der von Juni 1943 an auf dem Friedhof Weißensee amtierte (er blieb bis zur Befreiung dort, wirkte dann am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde mit und war zuletzt, ab 1961, Landesrabbiner der DDR), hielt über die Beerdigungen hinaus ein bißchen religiöses Leben aufrecht.
"In jenen Tagen der bittersten Tyrannei kamen zu mir zwei jüdische Menschen mit der Bitte, ihre jüdische Trauung zu vollziehen. Am 24. Juni des Jahres 1943 fanden wir uns in einem Raum des ehemals jüdischen Krankenhauses in der früheren Elsässer Straße zusammen, und dort schloß ich ihren Ehebund. Der Bräutigam war 40, die Braut 37 Jahre alt. Es war die letzte jüdische Trauung, die unter dem Naziregime in Berlin stattfand. Nur wenige Tage später wurden beide deportiert. Sie kehrten nie zurück."
Von Wolfgang Benz

DER SPIEGEL 40/1988
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