03.10.1988

BUCHMESSEErfüllter Traum

Die Italiener kommen: Auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren sie sich mit Cinecitta-Bombast; schon mosern Verleger. *
Schööönes Mädchen" kann er auf deutsch schon schwärmen, aber wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, sollen den anderen die Augen übergehen.
Denn der Mann aus Roms Cinecitta, der italienische Filmarchitekt ("Der Leopard") Mario Garbuglia, 61, baut in Frankfurt wie ein Renaissancefürst. In der Kongreßhalle des Messegeländes wächst, seit der letzten Septemberwoche, eine labyrinthische Vier-Türme-Stadt, ein "Kosmos Buch".
Mit 4000 Quadratmetern vorgefertigter Kulissen, mit einer 60-Mann-Armada aus Schreinern, Schnitzern, Stukkateuren, Gipsern und Elektrikern läßt Garbuglia ein "phantastisches Universum des italienischen Buches" entstehen - Schauplatz für ein pharaonisches Kulturspektakel: das "Schwerpunktthema Italien" auf der diesjährigen (40.) Frankfurter Buchmesse. Offizielle Eröffnung: am Dienstag dieser Woche.
Die wichtigsten Stationen der italienischen Buch-Historie sollen da zur Ansicht kommen, mit 1500 kostbaren Buch-Bänden, etwa geschnitzten Bibliotheken des 16. und 17. Jahrhunderts, Feste von Leonardo bis heute. Und zu Garbuglias Universum werden auch Theater, Musik, Malerei, Kunsthandwerk und Gaumenfreuden zählen, denn die Entstehung des italienischen Buches, sagt Garbuglia, falle "in die Hoch-Zeit genialischer Künste, der Renaissance".
Auch das Triester Literaten-"Cafe der Spiegel" und die geheimnisumwitterte Abtei-Bibliothek aus dem Film "Der Name der Rose" werden wiedererstehen. In den goldbemalten, mit Rubin- und Smaragdstraß besetzten Folianten des "scriptorium" können Messebesucher die Buchkunst der Benediktiner, in Miniaturen auf Pergament gemalt, bewundern.
Unter dem Dach einer riesigen Plastikkuppel baute Garbuglia die "Piazza" seiner ungewöhnlichen Bücherstadt, ein Amphitheater für 200 Besucher. Das Forum soll als Treffpunkt mit den rund 70 italienischen Autoren dienen, die sich in 50 Debatten und Dichterlesungen den Buchhändlern, Übersetzern, Verlegern, Kunstexperten und ihrem Publikum stellen. Umberto Eco, der mit dem historischen Erfolg seines Buches "Der Name der Rose" (acht Millionen Exemplare wurden in 23 Ländern verkauft) der italienischen Literatur zu neuen Ehren und weltweiter Anerkennung verhalf, wird die "Literatour" (Alitalia-Werbetext) anführen.
Zur Schau in den Messehallen kommen Auftritte in der Stadt: italienische Theatervorstellungen, Autorenlesungen in der Kunsthalle Schirn und in den Buchhandlungen. Ein Galaball in der Frankfurter Oper, eine "Nacht der italienischen Literatur" und ein Rock-Festival bieten die musikalische Untermalung für das "Capriccio Italiano". Die Schauspieler Giulietta Masina und Giorgio Albertazzi, die Sängerin Ornella Vanoni und italienische "Rock"-Größen sind zur Riesenshow geladen und haben zugesagt.
Und es bleibt nicht beim Messespektakel. 31 Ausstellungen, darunter "Die Etrusker
in der Toskana", "Mario Sironi" und "Bodoni und sein Erbe" sowie eine Schau über den Barockmaler Guido Reni werden, bis zum Februar 1989, in der Bundesrepublik zu sehen sein.
"Einfach phantastisch", lobt Buchmessenchef Peter Weidhaas "das Wahnsinnsprogramm", das die Italiener in Frankfurt auf die Beine stellen.
Italien zum Schwerpunktthema der Messe zu machen habe nahegelegen, schließlich ist die Republik laut Weidhaas "das deutsche Sehnsuchtsland". Von keinem anderen Land seien die Deutschen in den letzten 20 Jahren kulturell so nachhaltig beeinflußt worden wie gerade von Italien.
Als Weidhaas die Idee im Frühjahr 1987 mit dem damaligen italienischen Botschafter in Bonn, Luigi Ferraris, besprach, ging für den ein "Traum in Erfüllung" (ein Botschaftsangehöriger). Und Ferraris höchster Vorgesetzter zog sogleich mit.
Außenminister Giulio Andreotti empfand es als Herausforderung, "die besondere Vitalität der italienischen Kultur" einmal in voller Bandbreite und obendrein im Land mit der stärksten Italienliebe demonstrieren zu können. Made in Italy gleichsam als kulturelle Trademark.
Vier römische Ministerien, das Außen-, Außenhandels-, Tourismus- und Kulturministerium, über eine Kommission koordiniert, und fünf italienische Regionalregierungen mischten bei der Organisation der 20-Millionen-Mark-Show mit. Die Kosten teilen sich der Staat und zehn Sponsoren aus Industrie, Banken und Versicherungen.
Hintergedanke der Politiker: Der Auftritt in Frankfurt soll helfen, Italien als kunst- und kulturreiches Land noch stärker dem Bildungstourismus zu erschließen. Vier römische Minister, begleitet von einem Rudel Staatssekretären, reisen daher nach Frankfurt; die Messe eröffnen werden die beiden Außenminister, Hans-Dietrich Genscher und Giulio Andreotti.
Der bombastische "Überfall auf Frankfurt", so die Illustrierte "Epoca", mißfällt aber den eigentlichen Protagonisten: Italiens Verlegern und Autoren. Sie fühlen sich politisch mißbraucht. Die Selbstherrlichkeit, mit der die Politiker das Thema Buchmesse an sich gerissen haben, hat die Verleger brüskiert. Ohne Rücksprache mit ihnen, aber auf ihre Kosten wurden Autoren von der italienischen Botschaft in Bonn nach Frankfurt eingeladen. Erst nachträglich bat die Botschaft die Verleger, "in Anbetracht des bedeutenden Anlasses" die Spesen der Autoren zu tragen.
Der größte italienische Verlag Mondadori reist daher mit "30 Personen anstatt mit zehn nach Frankfurt", bedauert Pressechef Paolo Sartori. Damit seine empfindlichen Schriftsteller nicht ganz im Meer der vielen Veranstaltungen untergehen,
versuchte Sartori bis zum Schluß noch ein Autorenessen mit deutschen Verlegern und Italianisten zu arrangieren. Ganz anders klotzt er für Federico Fellini, der im Privatflugzeug herbeigeschafft wird, um das große Mondadori-Bilderbuch "Cinecitta" und seine sechs TV-Werbespots zum Thema Lesen in Frankfurt persönlich vorzustellen.
Auch der zweitgrößte italienische Medienkonzern Rizzoli kommt mit mehr Autoren nach Frankfurt, "als wir eigentlich mitnehmen wollten", so ein Sprecher. Nicht einmal Eco-Verleger Bompiani, der das Copyright von Ecos gerade erschienenem zweiten Roman bereits vor der Messe in zwölf Länder für "jeweils einige Millionen Dollar", so Bompiani-Chef Mario Andreose, verkaufen konnte, ist von dem Riesenspektakel begeistert: "Durch den Rummel verkaufen wir kein einziges Buch mehr."
Für Inge Feltrinelli, die deutschstämmige Chefin des gleichnamigen renommierten Mailänder Verlages, ist die römische Regie des italienischen Massenaufgebots "schlichter Wahnsinn, weil die Frankfurter Messe weniger Verkaufs- als Ausstellungsmesse" sei. Mit der Gala-Show, "für die kein Verleger Zeit hat", werde Geld aus dem Fenster geworfen. Ginge es wirklich darum, etwas für die italienische Literatur zu tun, dann, meint Inge Feltrinelli, wären die Millionen besser in der Aufmöbelung der "verstaubten und verkümmerten Bibliotheken und Museen Italiens angelegt".
Oder man hätte italienische Top-Designer für Frankfurt eine "Buchhandlung 2000 - mit allem Video-Schnickschnack" entwerfen lassen und nach der Messe den "schlecht ausgerüsteten italienischen Kulturinstituten im Ausland" schenken sollen, meint die Verlagschefin. Rom, stellt sie wütend fest, wolle sich "die Nelke der langen mühevollen Arbeit ins Knopfloch" stecken, die "wir Verleger in den letzten 30 Jahren allein geleistet haben".
Die italienischen Buchverleger kämpfen jährlich mit über 20 000 neuen Titeln gegen die Lesefaulheit von etwa 30 Millionen "intellektuell armen Italienern" an ("Corriere della Sera"). Viel leichte Kost, vom aufblasbaren Sexbuch bis zur Beichte der Lebedame Marina, soll das Geschäft beleben. Verlassen können sie sich nur auf die Lese-Passion von 2,5 Millionen Stammlesern. Die allein aber sorgen lediglich für ein "Elendsgeschäft". Die italienische Buchindustrie erwirtschaftet rund 350 Millionen Mark pro Jahr, "gerade den zehnten Teil von dem, was Fiat allein jährlich umsetzt" ("Corriere").
Erstmals aber sprang in diesem Sommer der Trendpegel überraschend auf das anspruchsvolle Buch um. Auf der Buchmesse in Turin Ende Mai wurden in fünf Tagen mehr als 200 000 Bücher verkauft. Den neuen Trend erklären Italiens Verleger damit, daß Bücherlesen
nicht länger das "bizarre Hobby einiger Gebildeter in Italien ist", so der Generaldirektor des Rizzoli-Verlags, Giovanni Ungarelli. Die Paperback-Generation, in Italien seit der Studentenbewegung 1968 mit 150 Programmreihen gepäppelt, rührt sich endlich.
Aber noch immer geht Italiens zeitgenössische Literatur im Ausland fast besser als in Italien selbst. Vor allem deutsche Verleger setzen auf italienische Autoren, mit denen sie zum Teil beträchtliche Umsätze machen.
Kritische Literaturkenner glauben indessen, die zeitgenössische Literatur sei besonders in Deutschland überschätzt. Die Schweizerin Alice Vollenweider zum Beispiel, Scout und Übersetzerin, hält die Monstershow in Frankfurt für "ein total künstliches Feuerwerk". Von den 70 Autoren, die zur Buchmesse kommen, "lohnen allemal 20 eine deutsche Übersetzung". Ecos "Der Name der Rose" habe die anderen Autoren mit an die Oberfläche gespült. So sei, verstärkt durch das Schwerpunktthema Italien, der Eindruck entstanden, daß der Stiefel derzeit "die beste europäische Literatur zu bieten" habe.
"Viel Lärm um nichts", urteilt die Schweizerin. Das deutsche literarische Leben sei "von sehr viel intensiverer Qualität".

DER SPIEGEL 40/1988
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