03.10.1988

OLYMPIA„Der liebe Gott wird sie schon strafen“

Doping - die logische Konsequenz im erbarmungslosen, kommerzialisierten Artistenzirkus von Seoul *
Kaum war Ben Johnson, 26, vergangene Woche von aller Welt gehetzt, verspottet, verdammt oder bemitleidet bei Muttern in Toronto untergekrochen, meldeten sich die wahren Freunde: Die Manager der Hamilton Tiger-Cats und der B.C. Lions, beides kanadische Football-Teams, boten dem gestrauchelten Olympia-Helden einen Arbeitsplatz in ihren Mannschaften.
Daß die muskulöse Doping-Sensation der Olympischen Spiele von Seoul so rasch eine neue Beschäftigung findet, ist nur folgerichtig: Ob Johnson nun für die Tiger oder für die Löwen Football spielt - auf jeden Fall wird das Fernsehen hohe Einschaltquoten haben.
Am Beispiel des tumben Ben wird deutlich, daß die sportlichen Helden des ausgehenden 20. Jahrhunderts als mythische Figuren unersetzbar sind: Der schnellste Mann der Welt wird immer im Fernsehen gefragt sein und damit Geld verdienen - egal, ob er gespritzt ist. Das ZDF bietet rund 16 000 Mark für den geplanten Auftritt in Thomas Gottschalks "Wetten, daß ...?" am 5. November.
Als Johnson am vergangenen Dienstag auf dem New Yorker John F. Kennedy Airport fast erdrückt wurde, legten die aufgeregten Reporter bloß, wie antiquiert die olympische Idee des Baron de Coubertin mittlerweile ist: Dabeisein ist inzwischen nichts, der Sieg ist alles, wie immer er erkämpft wurde.
Die Olympischen Spiele der Neuzeit, erstmals ausgetragen 1896, sind spätestens seit Seoul dahin zurückgekehrt, wo sportlicher Wettkampf vor dem beinahe 2000 Jahre währenden christlich-humanistischen Intermezzo schon einmal war. Im Rom des Kaisers Nero brauchte das Publikum die Löwenkämpfe zur angemessenen Unterhaltung. In Seoul brachten die Weltrekorde des Anabolika-Mannes und der verdächtig geschminkten Florence Griffith Joyner die Menschen zu atemlosen Entzücken.
Mit den Spielen von Seoul, kein Zweifel, hat eine Zeitenwende stattgefunden: Die Illusion vom Menschen, der seine Leistung endlos steigert, ist endgültig zerplatzt. Daß es für Menschen eine Grenze geben könnte, nach der sie nicht mehr schneller laufen, weiter oder höher springen könnten, war in den herrschenden wachstumgsgläubigen Ideologien nicht vorgesehen. Erst der dumme Ben mit den Kinderaugen mußte den Verfechtern der ewigen Höchstleistung klarmachen, daß irgendwann nur noch die Chemie hilft.
Die US-Zeitschrift "Sports Illustrated" spürte dem allzu banalen Weg nach, auf dem die Medikamente in den Körper des Kanadiers kamen und in Seoul der olympischen Bewegung endgültig die Unschuld raubten.
Im Mai dieses Jahres schien der Olympia-Plan des Sprint-Weltmeisters völlig aus dem Ruder zu laufen. Der Meister hatte sich bei einem Start in Tokio eine Sehne im Oberschenkel gezerrt. Einer der Johnson-Sponsoren versprach angeblich jedem eine Million Dollar, der den gebürtigen Jamaikaner wieder herrichten könnte.
In seiner Not suchte Ben Johnson seinen ehemaligen Leibarzt George Mario Astaphan auf. Der Doktor war zwei Jahre zuvor aus Toronto auf die heimatliche Karibik-Insel St. Kitts verzogen. Astaphans Klinik, sagt der kanadische Trainer Zoltan Tenke, "nennen die Sportler das Doping-Camp".
Der karibische Arzt ist bekannt dafür, daß er ausgerechnet die bulgarische Sportmedizin für wegweisend hält. So wundert es nicht, daß neben Johnson zwei bulgarische Gold-Gewichtheber des Dopings überführt wurden.
In Seoul war ein amerikanischer Trainer geschockt, als er Johnson ansah: "Seine Augen waren so gelb, weil seine Leber zu tun hatte, Anabolika abzubauen; ich dachte, er ist entweder verrückt oder er hat eine Versicherung."
Mit der "Versicherung" war eine bislang ungeklärte Spezialität in der Leichtathletik-Szene gemeint. Während der Weltmeisterschaften im vorigen Jahr in Rom, so raunt die Branche, hätten die Funktionäre beschlossen, keinen der Superstars zu disqualifizieren, um das festliche Ereignis nicht zu stören.
In Seoul freilich hatte der IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch die Parole von der "strengsten Kontrolle" ausgegeben. Der deutsche Doping-Fahnder Professor Manfred Donike wurde fast täglich fündig.
Die Unterstellung der kanadischen Delegation, Handlanger finsterer Konkurrenten hätten erst nach dem Rennen des Jahrhunderts die goldene Muskelmaschine Johnson mit dem unerlaubten Kraftstoff aufgefüllt, konnte die ärztliche Kontrollkommission des IOC "eindeutig" mit der von Donike entwickelten Methode abschmettern. Der Chemiker aus Köln konstatierte eine langfristige "Durchseuchung" mit Stanozolol, die Einnahme, so Donike, "war nicht einmalig. Aus. Punktum".
"Das ist ein Ereignis, das nicht nur Johnson trifft, sondern tiefe Schatten wirft auf die Zukunft der Olympischen Spiele", sagte Heinz Fallak, Chef de mission der bundesdeutschen Mannschaft: "Der Sport muß aufpassen, daß er sich nicht durch seine eigenen, selbst gesetzten Herausforderungen gefährdet."
Fallaks Funktionärs-Kollege Helmut Meyer hingegen gab weiter, als wäre nichts geschehen, oberlehrerhaft Zensuren für die Bemühungen "unserer" Athleten, sich gegen Tod und Teufel aufs Siegertreppchen durchzukämpfen. Sein einziger Erfolgsmaßstab bei Olympia ist die Medaille - Gold am liebsten. Wobei dem "Koordinator" des Bundesausschusses Leistungssport in Seoul schon mal ehrlicherweise versehentlich das Wort "Geld" rausrutscht.
Am Tag, als Johnson fiel, pries der unverkennbare Oberstudiendirektor die Dressur-Reiterin Nicole Uphoff für ihren "klaren und dominierenden Erfolg trotz mancher harter Richterinstanz" mit vibrierendem Stolz. Dafür tadelte er unheivoll grollend die Versager: "Das ist etwas Neues, daß unsere Segler ohne jede Medaille geblieben sind."
Wem kein Metall am Halse hing, stufte "Leistungs"-Meyer verächtlich in die "Nur". Kategorie ein - "nur" vierter, "nur Halbfinale". Mit huldvoller Nachsicht durfte allenfalls rechnen, wer Anstrengungen erkennen ließ, wie jener ausgeschiedene Boxer, dem Meyer den Nachsatz widmete: "Dabei sei von mir in Dankbarkeit festgestellt, daß er in aufsteigender Linie war." Zu Ben Johnson aber, dem Super-Medallisten, und seinem Rekordsturz ins olympische Nichts, sagte Meyer kein einziges Wort.
Vorne sein als Tugendwächter und mit pathetischem Gejammer, dabei munter weitermachen wie bisher - die offizielle Vorstellung der bundesdeutschen Mannschaftsleitung an diesem Tag war selbst goldverdächtig. Die Deutschen zeigten sich medaillenreif in der einzigen olympischen Disziplin, in der die Offiziellen ihre Athleten noch übertreffen: Heuchelei.
Niemand unter den im "Deutschen haus" von Seoul versammelten Journalisten, Athleten und Trainern glaubte, daß der wegen seiner schwiemeligen Reden von den Athleten "Seelen-Fallak" genannte Chef de mission, der sich im offiziellen Olympia-Handbuch als "gut informierter Verbandsträger" feinern läßt, über den Drogenmißbrauch im eigenen Team nicht unterrichtet wäre. Daß er nie von Bundestrainern gehört hätte, die hoffnungsvollen jugendlichen Talenten erklären, mit der Trainingsschinderei allein sei es nicht getan. Wenn sie nach Seoul wollten, "dann müssen wir auch was machen". Wobei sie so sorgsam ihre Sprache zu maskieren versuchen, wie die Kraft-Protze ihre Anabolika.
Keiner nahm Fallak ab, daß er die Kollegen Funktionäre nicht kenne, die Spitzenathleten bei Leistungssteigerungen zu fragen pflegen: "Sag mal, was nimmst du jetzt eigentlich?" Oder daß er gar die ziemlich plötzlich schwellenden Muskelpakete der Zehnkämpfer, Radfahrer und Kraftsportler nicht so zu deuten wisse.
Nicht nur dem Speerwerfer Klaus Tafelmeier kam "das Aufstöhnen" über Johnson geheuchelt vor: "Soviel Fabelweltrekorde, da war klar, was vorher passiert ist. "Fallak funktionierte als verläßlicher Teil jener Verschwörung des augenzwinkernden Schweigens über die Top-Leute, die der Hochspringer Carlo Thränhardt so beschreibt: "Jeder weiß es, und solange es gut geht, ist er ein Held. Fliegt er aber auf, wird er verdammt." Fallaks Appell an die Athleten lautete am Dienstag auch nicht, sie sollten keine Anabolika enhmen, sondern: "Wir müssen sehen, daß wir mit diesem gräßlichen Zeug besser zurechtkommen."
Vor allem aber wußte jeder, was es bedeutet, daß für Helmut Meyer der Olympia-Athlet
erst bei einer "Endkampf-Chance" anfängt: Die Leistungsnormen für Seoul wurden an jenen Zeiten und Weiten ausgerichtet, die ohne chemische Hilfe - so der Sportmediziner Armin Klümper - oft gar nicht zu erreichen sind. Meyer lapidar: "Dann muß man eben sehen, wie man dahinkommt."
Doch aus den Reihen der Athleten, Trainer und Betreuer kam kein Protest gegen die Heuchelshow, die ihnen die Offiziellen im olympischen Geist nach Johnsons Entlarvung vorturnten. Sie blieben in Deckung, nachdem "die Bombe hochgegangen" war (Tafelmeier). Früher hatten sie Amateure gemimt, jetzt spielen sie saubere Profis. In Wahrheit aber fanden sie nichts weniger erstaunlich als die Tatsache, daß Johnson sich vollpumpte bis zum Schwellhals. Daß er so dämlich war, sich erwischen zu lassen, war die Überraschung. Schnell verschwanden sie im "Deutschen Haus" in Richtung ihrer Geldgeber: Die einen gingen zum Fernsehen, die anderen trafen sich mit den Ghostwritern jener Blätter, für die sie Kolumnen schreiben. Sie speisten bei Mercedes oder BMW, plauderten bei adidas, hockten sich an die Bars der mit Millionenaufwand um die Spiele von 2004 buhlenden Städte Frankfurt, Berlin, Stuttgart, Hamburg oder an den Stand des Kommunalverbandes Ruhrgebiet.
Aus dem zerstörerischen Sog des Hochleistungsrummels von Olympia wollte und konnte sich keiner lösen. Vor allem die Medaillengewinner hielten sich startbereit für den nacholympischen Wettbewerb im Geldverdienen: Der Erfolg bringt Werbe-Image. Das garantiert Profit. Und der spornt an zu neuer Leistung. Daß diese Spirale in Richtung Ruhm und Rendite leicht mit der Invaliden-Rente abbrechen kann, daß sie - wie alle spätestens seit dem Ende ihrer Kollegin Birgit Dressel wissen - zur Todesspirale werden kann - auch selbstkritische Berufsathleten wie Thränhardt nehmen es in Kauf: "Hochleistungssport ist das Geilste, was es gibt. Jeden zweiten Tag sage ich mir: Du machst dich selbst kaputt. Aber das ist so''n Masochismus, der fast schon wieder aufputschend ist." Und einträglich.
Der Hochspringer, der sich in Seoul nach Verletzung durch den Wettkampf quälte und "nur" siebter wurde, nimmt keine Anabolika, wie er sagt. Seine Distanzierung von Johnson klang cool: "Er tut mir nicht leid. Er hat gewußt, was er macht. Und er hat trotzdem noch Millionen Dollar verdient." Naiv pochen andere auf ihre Redlichkeit. Gudrun Abt, mit persönlicher Bestzeit Sechste über 400 Meter Hürden: "Mich stört das wenig. Das Thema steht für mich nicht zu Debatte. Ich lebe auf der Schwäbischen Alb, da ist die Luft noch sauber." Später verließ sie weinend das "Deutsche Haus", weil keiner ihren persönlichen Erfolg feiern wollte, sondern alle nur über Doping redeten.
Es begann sich zu zeigen, was Thomas Bach, Mitglied der IOC-Athleten-Kommission, vorausgesagt hatte: "Johnson hat bewußt oder unbewußt Tausende von Athleten in den Sumpf der Doping-Diskussion hineingezogen." Nur ist das Doping der Sumpf, nicht die Diskussion darüber.
"Bis jetzt", sagte Fallak am Dienstag, sei der schwarze Kanadier "Die Symbolfigur der Olympischen Spiele 1988" gewesen. So hätten sie es gern gehabt, nicht nur die Deutschen, sondern die Mehrheit der verlogenen "Olympischen Familie" von Seoul. In Wahrheit wurde er es nach seiner Entlarvung mehr noch als zuvor. Nicht allein, weil er "doch nur die Spitze eines Eisbergs ist", wie Hartmut Oeleker glaubt, der Trainer des Olympia-Siegers Michael Groß. Sondern mehr noch, weil er sichtbar machte, mit welchen Mitteln und um welchen Preis die olympische Fortschrittsparole des "Schneller, höher, stärker", die in Seoul an jeder Straßenecke und in jeder Arena hängt, zu verwirklichen ist: mit rücksichtsloser Selbstausbeutung und bedenkenlosem, betrügerischem Kampf gegen Konkurrenten.
Doping aber ist nicht nur, wie der Präsident des Deutschen Sportbundes, Hans Hansen, meint, "ein Verbrechen am Sport und an den Athleten". Doping ist die logische Konsequenz jenes vom Geld- und Geltungsrausch angetriebenen Mammut-Betriebs Olympia, an dem Nationen und Konzerne, Fernsehgesellschaften und Werbeagenturen, Drogen-Dealer und sportmedizinische Scharlatane Millionen verdienen.
Immer schon war die moderne olympische Idee vom friedlichen Wettkampf der "Jugend der Welt" eine Schimäre - wenngleich nicht ohne Flair und utopischen Reiz. Der erbarmungslose, kommerzialisierte Artistenzirkus von Seoul 1988, gefällig dekoriert mit einer fröhlichen Gemeinde von Amateuren aus einigen Randsportarten, ist nur noch der sportliche Abklatsch einer sich selbst zerstörenden Wettbewerbsgesellschaft. "Man kann sehr wohl sagen", schrieb die "Korea Times", "daß Johnsons Problem jedermanns Problem ist."
Der Sturz des "Königs der Spiele" (Fallak) kam jäh, die Fallhöhe war gewaltig. Nur 68 Stunden lagen zwischen den Bildern, auf denen der kahle Kugelkopf triumphierend über die Schar seiner Bewunderer und Rivalen hinwegleuchtet, und jenen, die ihn zeigen, wie er geschrumpft und gehetzt hinter den Schultern von Polizisten Schutz sucht vor dem Hohn und der Wut seiner enttäuschten Fans. Nur 9,79 Sekunden hatte er Samstag vorletzter Woche gebraucht, um die 100-Meter-Bahn im Stadion von Seoul herunterzustürmen - die rechte Hand in den Himmel gestreckt, brennende Augen nach links auf den Erz-Rivalen Carl Lewis gerichtet, federte er über die Ziellinie: ein Blick, eine Zeit,
ein Triumph, der um die Welt ging. Noch im Stadion empfing der aus Jamaika zugewanderte Johnson über Fernsehen die nationale Weihe: Kanadas Premierminister Brian Mulroney persönlich dankte für "den großen Auftritt" und "die Goldmedaille".
Doch er lief zu schön, um wahr zu sein. Um 1.45 Uhr in der Nacht zum Montag erhielt die kanadische Mannschaftsleitung per Boten schriftlichen Voralarm: Johnson soll mit dem anabolen Steroid Stanozolol gedopt gewesen sein. Im ersten der beiden Urin-Gefäße, die der Champion nach zehn Dosen Bier und zweieinhalb Stunden Wartezeit am Samstag unter Aufsicht gefüllt hatte, waren die Doping-Fahnder fündig geworden.
Um 10 Uhr am Montag früh wurde - in Anwesenheit der Kanadier - das versiegelte Fläschchen "B" zur Gegenprobe geöffnet: Befund positiv. Am Abend bestätigte die Medizinische Kommission des IOC das erste Ergebnis, die Kanadier erhoben Einwände, umsonst. Erst gegen drei Uhr in der Nacht zum Dienstag klopften Kanadas Offizielle dann an Johnsons Hotelzimmertür im Hilton von Seoul. Sie informierten ihn vom Endergebnis, ersuchten um Rückgabe der Goldmedaille und hinterließen ihn, wie sie später berichteten, "in einem totalen Schockzustand" - offenbar unfähig, die Situation zu realisieren. Mutter, Schwester und Manager Larry Heidebrecht beteuerten seine Unschuld. Wie ein Gehetzter floh er ohne Gepäck aus dem Hotel zum Flugplatz - wieder im Blitzlicht der Photographen und den Scheinwerfern der TV-Aufnahmeteams.
Am Dienstag vormittag um 10.50 Uhr, fast zeitgleich bestätigte das IOC auf einer Pressekonferenz die kursierenden Gerüchte, hob der Flug KAL 026 vom Flughafen Seoul ab. Johnson Superstar verließ die Stadt seines größten Triumphes als gedemütigter Mann.
Aus war es mit dem von Branchenkennern erwarteten zehn Millionen Dollar-Gewinn nach dem Sieg. Die Werbepartner des schwarzen Ausnahmeathleten stornierten ihre Verträge - keine Johnson-Milch in Finnland, keine Sportkleidung in Italien, in Japan verschwand sein Bild von 6500 Tankstellen der Kyodo Oil Company. Eine Art Berufsverbot folgte hinterher: Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF sperrte Johnson, wie in solchen Fällen üblich, für zwei Jahre. Kanadas erbittertem Sportminister Jean Charest war das nicht genug. Lebenslang soll der Dopingsünder nicht mehr an den Start gehen dürfen.
Plötzlich prügelten alle auf Johnson ein, als sei er der einzige Sündenbock. Gewiß, "es ist schließlich Ben, der seinen nackten Arsch hinhält, wenn da eine Spritze rein soll", wie Englands Zehnkampf-Idol Daley Thompson höhnte. Aber hielt er selbst die Spritze?
Der Sündenfall, glaubt - sehr viel fairer und realistischer - der kanadische Coach Doug Clement, sei schlicht das Ergebnis einer "Eskalation des Sports, die die Abhängigkeit von Geld, Fernsehen und Werbung immer größer werden läßt". Nur Sekunden nach Johnsons Sturmlauf, die Zuschauer im Stadion hatten die Dimension noch gar nicht richtig begriffen, wertete Heidebrecht die 9,79 Sekunden lakonisch so: "Jetzt hat Ben sein Einkommen verdoppelt." Schließlich hatten Milliarden Menschen in aller Welt via Fernsehen den schnellsten Werbeboten der Welt rennen sehen.
Nach dem Sturz aber geriet das ganze System ins Wackeln. Finanzieller Verlierer war sogar der nachträgliche Gewinner Carl Lewis. Ihm fehlt künftig der Partner für die spektakulären Duelle der schnellsten Männer der Welt, wofür beide noch im August bis zu je einer Million Mark eingestrichen haben dürften. Überdies - wer glaubt jetzt selbst Lewis noch Fabelzeiten? Wer traut noch den lächelnd und spielend heruntergewirbelten Rekordläufen der faszinierenden Sprinterin Florence Griffith Joyner? In Seoul geriet auch die schnellste Frau der Welt zwangsläufig in Dopingverdacht. Nach dem Gold über 100 Meter rügte süffisant die Deutsche Presse-Agentur die Dame ob ihres "deutlich sichtbaren, wenn auch frisch rasierten Schnurrbarts". Angesichts des "männlichen Habitus" mochte auch der deutsche Mannschaftsarzt, Professor Joseph keul, nicht ausschließen, daß Anabolika der Amerikanerin Beine machen.
Die unterlegene Konkurrentin Evelyn Ashford stellte anzügliche Verbindungen her: Sie wollte den Fall Johnson erst kommentieren, "wenn auch das Ergebnis der Dopingkontrolle bei unserem Rennen vorliegt". Mit zwei Weltrekorden innerhalb von zwei Stunden in Halbfinale und Finale über 200 Meter rannte Florence Griffith Joyner dann aber alle Bedenkenträger in Grund und Boden, das Gesetz des Marktes hatte wieder einmal funktioniert.
Doch Manfred Donike glaubt, schon in einem Jahr sein Kontroll-Verfahren derart entwickelt zu haben, daß er die Tarnungen möglicher Anabolika-Sünder noch besser durchbrechen kann. Nach der vorläufigen und oberflächlichen Auswertung von insgesamt 1600 Doping-Proben von Athleten in Seoul schätzte er, daß bis zu 30 Prozent verbotene Stoffe nehmen - unterschiedlich _(Beim Fehlstart im 100-Meter-Lauf. )
in den einzelnen Sportarten, durchgehend öfter in den Medaillen-Rängen.
Für die Image-Industrie war Seoul mithin eine Enttäuschung. Welche Werbefirma konnte schon, trotz der sechs Goldmedaillen, etwas mit der langweiligen Schwimmerin Kristin Otto anfangen - verwöhnt mit Glanz und Glitter aus der DDR durch die Eisdiva Katarina Witt? Wen - außer das Kleinstadt-Amerika - könnte der US-Schwimmer Matt Biondi faszinieren, ein Riesenbaby, von dem sogar schon sein Teamkollege Matt Cetlinski meint, er sei "bestimmt kein neuer Mark Spitz"?
Aber sie machen weiter. Die neuen Sieger ohne Pepp, von den alten blättert der Lack. Nur wenige haben den Mut des vierfachen Diskus-Olympia-Siegers Al Oerter aus den USA, der, obwohl schon 52, bis zum letzten Jahr noch für Seoul trainierte, um dann aufzugeben: "Die reden nur noch über Dollars" und: "Drogen. Das Spiel mache ich nicht mit. Wenn du auch nur halbwegs Erfolg haben willst, dann mußt du das Spiel aber mitmachen."
Ob nun drogengetrieben oder nicht - die alten Stars der Leichtathletik quälten sich in Seoul mit sinkendem Erfolg. Carl Lewis verlor auch über 200 Meter, Patrick Sjöberg im Hochsprung. Sogar Edwin Moses, der solideste Star des Gewerbes, unterlag über 400 Meter Hürden. Unverdrossen stellte er gleichwohl seinen Auftritt für Barcelona 1992 in Aussicht.
Allzu herb ist der Verlust an Dollars und Ruhm, um rechtzeitig auszusteigen. Marode, wie der deutsche Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, klammern sie sich bis zur Lächerlichkeit an längst überlebten Star-Ansprüchen. Zum Wettbewerb kam er nicht einmal richtig aus den Startblöcken für die erste Übung - drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf, disqualifiziert. Der frühere Weltrekordler war am Ende und wurde prompt getreten. Sein Trainer Heinz Hüsselmann nannte ihn den "allergrößten Depp", NOK-Generalsekretär Walther Tröger wollte ihn "eingentlich prügeln", Leistungssportdirektor Horst Blattgerste machte gar einen "Defekt im Kopf" aus.
Am zynischten aber stempelte der frühere Zehnkämpfer Werner von Moltke mit der Urteilskraft des adidas-Vertreters den "Versager" zum jüngsten Opfer der athletischen Wegwerfgesellschaft: "Er hat jetzt absolut keinen Marktwert mehr."
Niederlagen fördern schmerzhaft die Erkenntnis, daß Erfolge den sozialen Status eines Athleten allenfalls schönen, kaum jemals grundlegend verändern: Sie mögen als die Größten gefeiert werden, sie sind und bleiben am Gängelband ihrer Geldgeber, ob das Big Business ist oder der Staat.
Besonders freigebig honoriert Südkorea Erfolge für das "Land der Morgenstille", das in der vergangenen Woche widerhallte vom nationalen Jubelschrei bei jedem Handball-Tor der siegreichen Damenmannschaft. Seither sind die Frauen auf Rente - die wird aber, Frau ist schließlich nicht Mann, geringer ausfallen als jene, die der Ringer Kim Young Nam zugesprochen bekam, der das erste Gold für die Gastgeber holte: auf Lebenszeit monatlich 1235 Dollar, dazu noch 138 000 Dollar an Prämien.
Bezahlen die Staaten die Athleten fürs nationale Prestige, so kaufen die TV-Gesellschaften sie als Unterhaltungs-Künstler ein. Allen voran der amerikanische Sender NBC. 19 Millionen der rund 90 Millionen amerikanischen haushalte, so haben die NBC-Akquisiteure ihren rund 70 Werbekunden garantiert, würden während des Spektakels den Olympiakanal einschalten - eine Quote, die nur zu erreichen ist, wenn die Stars auch wirklich mitspielen.
Doch wer wagt sich zu entziehen, wenn die Strafe eine Art gehobene üble Nachrede vor der gesamten Nation ist, der Gewinn aber womöglich ein fetter Werbevertrag mit der Industrie - mit jenen Geldgebern also, denen sich die Sportprofis mit Vorliebe andienen? Ein leichter Arbeitgeber ist Big Business freilich auch für die Athleten nicht - die Leistung muß immer stimmen. Schließlich mag kein Daimler-Manager einsehen, "warum der deutsche Sport nicht die gleiche Position in der Welt haben kann wie die deutsche Wirtschaft".
Weil es um Ruhm und Geld geht, hat sich um die Sportler eine Subkultur von Nutznießern etabliert, die zunehmend undurchsichtiger geworden ist: Agenturen, die große Verträge versprechen und ihre eigenen Prozente nicht vergessen. Masseure, Wunderheiler und auch Sportärzte, die "ihre" Athleten wie Versuchstiere in den Grenzbereichen der Leistungsfähigkeit testen. Und natürlich der sich wundersam auf Kosten der schwitzenden und sich quälenden Athleten weltweit verselbständigende und vermehrende Klüngel der Funktionäre, Betreuer und Berater.
Wer im Leben und für die Leistung eines Athleten etwas bewirkt - aus den Tagesordnungspunkten und Protokollen der Komitee- und Ausschußsitzungen von Funktionären wird man es nicht erschließen. Über den wahren Abläufen hängt ein Grauschleier, der sich allenfalls dann ein wenig hebt, wenn etwas schiefläuft - wie bei Ben Johnson.
Schnell waren die Offiziellen des IOC, auch die deutschen Weißwäscher, bei der Hand mit mysteriösen Andeutungen über "Hintermänner" und "Handlanger" im Gefolge des Stars, die den gestürtzen Heroen von der Tartanbahn auf die schiefe Ebene gelotst haben sollten.
Tatsächlich wird Johnson offenbar von einer Crew gemanagt und beraten, die Erinnerungen an die dunkelsten Tage des US
Profibox-Geschäfts heraufbeschwören: Da ist sein gewiefter Manager Heidebrecht, ein US-Amerikaner, der trickreich Verträge aushandelte und ein starkes Interesse daran hatte, den Marktwert seines Produkts weiterzusteigern. Da ist der polnische Physiotherapeut Waldemar Matuszewski, ein "großartiger Masseur" nach Auskunft Carlo Thränhardts, aber auch eine undurchsichtige Figur. Da ist Ross Earl, ein langjähriger Freund der Familie Johnson und geschäftstüchtiger Präsident seines Vereins in Toronto, der eine Menge Geld mit einer Spiel-Halle (Bingo) verdient. Und da ist endlich jener Doktor Astaphan von der Karibik-Insel, der schlicht behauptet: "Wir haben Ben Stück um Stück aufgebaut, Muskel um Muskel, Faser um Faser ... Ben ist der erste bionische Mensch."
Das bedeutet - selbst wenn man die selbstgefälligen Übertreibungen abzieht
- nichts anderes, als daß die legendäre Siegeszeit in Seoul von einem menschlichen Roboter produziert worden ist, der mit Hilfe von Biochemie und Biomechanik exakt auf dieses Ziel hingezüchtet wurde - so wie die Hormon-Kälber in bundesdeutschen Ställen für den Zweck des gewinnträchtigen Verkaufs. Schon vor vier Jahren lief es dem deutschen NOK-Präsidenten Willi Daume "eiskalt den Rücken herunter" bei dem Gedanken, Sportler bekämen womöglich gespritzt, "was für Mastvieh verboten ist".
Viel ist seit den Spielen 1984 in Los Angeles geredet worden. Aber wenig ist geschehen, diese Form der Selbstzerstörung der Athleten zu bremsen, im Gegenteil: Für viele gehört sie inzwischen zum sportlichen Alltag. Der Sportler, der zur chemischen Manipulation seines Körpers bereit ist, der den Preis des körperlichen Ruins für den schnellen Erfolg in Kauf nimmt, findet immer den Mann mit der Pille oder Spritze. Ehe man sich künftig über Siege freuen könne, erklärte in Seoul lakonisch der deutsche Teamarzt Richard Huber, müssten eben "erst die Ergebnisse der Dopingproben abgewartet werden".
Aber wer braucht noch bedenkenlose ärztliche Helfer, um den Weg nach Anabolika zu finden? Der illegale Handel sorgt dafür, daß jedes gewünschte Mittel praktisch gleich um die Ecke zu haben ist. So entdeckten schwedische Zöllner auf dem Göteborger Flughafen in den Koffern von zehn Sportlern 200 Kilo Anabolika, einer der Festgenommenen packte aus: "Das Zeug war für Sportler bestimmt, die zu den Spielen fahren."
Die Kraft-Protzer aus den besser organisierten Doping-Ländern in Ost und West waren auf diesen Nachschub nicht angewiesen. Ihre Profiberater achten aufs Timing. Kurz vor den Wettkämpfen nämlich wurden die Dopinglabors weltweit zweckentfremdet - nun filterten sie Athleten heraus, die nicht rechtzeitig den Stoff abgesetzt haben. Die mußten dann zu Hause bleiben, wie etwa der US-Radfahrer Steve Hegg, die US-Schwimmerin Angel Myers, vier kanadische Gewichtheber, zwei belgische und ein österreichischer Radfahrer. Und ein deutsches Pferd.
Daß dennoch bei Olympia neben Johnson die Gewichtheber Angel Guenchew und Mitko Grablew (Bulgarien), Kalman Csengeri und Andor Szanyi (Ungarn) und Fernando Mariaca (Spanien), sowie die Fünfkämpfer Jorge Quesada (Spanien) und Alexander Watson (Australien) des Dopings überführt wurden, ist, wie IOC-Sportdirektor Tröger voller Zynismus feststellt, nur "ein problem der Dummen" - sie haben sich halt verrechnet.
Der schmale Grat, den Sportler derzeit gehen, zwischen augenzwinkernder Duldung, ja insgeheim Ermutigung und der gnadenlosen öffentlichen Verdammung, sobald sie erwischt werden, hat das Klima in den Stadien verändert. Schon 1948 hatte George Orwell eine wenig olympisch klingende Einschätzung des Wettkampfes zwischen Spitzensportlern: "Ernsthafter Sport hat nichts mit Fair play zu tun. Er ist verknüpft mit Haß, Neid, Angebertum und der Mißachtung aller Regeln." Die Realität ist inzwischen schlimmer.
Das permanente Mißtrauen, die notwendigen Heimlichkeiten beim Hantieren mit dem "Stoff" auf der einen Seite, die strahlenden Erfolge, der Dollar-Segen als Lohn andererseits, und nicht zuletzt die Drogen selbst haben die Spitzensportler längst zu aggressiven Einzelgängern gemacht. Sie logierten auch in Seoul in den Luxus-Hotels, die große olympische Familie sah sie meist nur bei ihren Sekunden-Auftritten.
Was in der selbstverursachten Isolation hinter den Hoteltüren geschieht, beschreibt Robert Voy, der mannschaftsarzt des US-Teams, so: "Sie werden gemein und aggressiv, ihre Frauen und Freundinnen könnten einiges darüber berichten." Auch untereinander ist der Ton rüde und haßerfüllt - die verkniffene Erklärung des einstigen deutschen 400-Meter-Hürden-Stars Harald Schmid, der Vorletzter wurde im Endlauf, sprach Bände: Sein olympischer Traum habe sich schon deshalb erfüllt, weil sein jahrelanger Bezwinger Moses endlich nur Dritter geworden sei.
Ähnlich herzlich ging es zu zwischen Florence Griffith Joyner und Evelyn Ashford, zwischen den Hochspringern, den Tennisspielern, vor allem aber zwischen Carl Lewis und Ben Johnson.
Das Gros der über 9000 olympischen Athleten, fröhliche Mitläufer und ernsthafte Hobby-Sportler aus Randsportarten und Drittländern, wehrte sich in Seoul nach Kräften gegen den drohenden Zerfall der Spiele in einem Hochleistungszirkus von wenigen Spitzenstars aus publikumsattraktiven Disziplinen mit angeschlossener olympischer Großfamilie. Sie beschworen das Flair der internationalen Begegnung und den völkerverbindenden Geist der Spiele.
Begeistert jubelte Reiner Klimke, Deutschlands erfolgreichster Gold-Einreiter aller Zeiten, nach der Eröffnung: "Wem bei dieser Stimmung nicht ein Schauer über den Rücken läuft, dem ist nicht zu helfen." Und der Überraschungs-Goldmedaillen-Gewinner aus Surinam, der Schwimmer Anthony Nesty, stand nahezu unbeachtet an der Bar im Pressedorf und war es zufrieden, daß er nicht umlagert wurde; "Ich bin jetzt berühmt genug, mehr will ich nicht." Die Wasserballer der Bundesrepublik, die zu neunt in einem Appartement im Dorf zusammenhockten, fanden sogar das "Spitze": "Wir haben schon viel schlechter gewohnt", dabeisein ist alles, wie Pierre de Coubertin es erträumte.
Ironischerweise haben die Beschwörer der klassischen olympischen Idylle die Geschäfte-Macher aus Fernsehen, Industrie und Regierungen auf ihrer Seite. Ihre größte Show der Welt, der Nervenkitzel beim aufgedonnerten Kampf der Giganten, ist nicht mal mehr die Hälfte wert ohne den sogenannten olympischen Geist. Schon bald blieben in den USA, dem Hauptfernsehmarkt, die Einschaltquoten um 20 Prozent unter der angestrebten Marke.
Die Zwickmühle ist mit dem "Fall Johnson" offenkundig geworden: Olympia braucht Super-Athleten wie ihn, um genügend Geld anzulocken, damit die ausufernden Spiele zur atmosphärischen Aufladung der Star-Wettkämpfe überhaupt finanziert werden können. Superstar aber wird und bleibt niemand mehr ohne Doping - was die Athleten kaputtmacht, den Sport und Olympia auch.
Die Hoffnung aber, die zerstörerische chemische Kraftzufuhr - egal ob durch Kontrolle oder durch Freigabe - drosseln zu können, scheint nicht von dieser Welt: "Der liebe Gott wird sie schon strafen", seufzt müde ein altgewordener Willi Daume, Deutschlands oberster Olympier: "Das ist unsere einzige Hoffnung."
Beim Fehlstart im 100-Meter-Lauf.

DER SPIEGEL 40/1988
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