25.07.1988

UNTERNEHMENRosinen und Zitronen

BMW-Chef von Kuenheim rundet sein Imperium ab. Der Autobauer legt sich Firmen aus anderen Branchen zu. *
Die Ernennung zum Leiter des Unternehmensbereichs "Neue Geschäftsfelder" brachte dem BMW-Manager Wolfgang Aurich nicht nur herzliche Glückwünsche ein. Anonyme Kollegen schickten ihm per Hauspost im Frühjahr reihenweise Zeitungsausschnitte, versehen mit hämischen Randbemerkungen. Die Berichte interpretierten Aurichs Aufstieg vom Chef der Konzernplanung zum Bereichsleiter als heimliche Degradierung.
Die hausinternen Neider des zielstrebigen Managers haben sich vielleicht getäuscht. Vergangene Woche konnten sie wieder etwas über den Mann lesen. Wenn es stimmt, wird Aurich seine "Neuen Geschäftsfelder" demnächst um ein Riesenstück arrondieren.
Es geht um die Bergmann-Elektricitäts-Werke AG: Am 1. Juli, so meldete das "Industriemagazin", habe der BMW-Vorstand den "Einstieg in die abschließenden Übernahmeverhandlungen" beschlossen.
Der Konzern mit Zentrale in Berlin ist ein Konglomerat aus vier Dutzend Firmen mit 12 3000 Beschäftigten und 1,6 Milliarden Mark Umsatz. Die Produkte reichen von Speicherheizungen über Warmwassergeräte, Kabel und Meßgeräte bis zu Frankierautomaten. Größtes Stück in der Sammlung ist die Telephonbau-Firma DeTeWe mit 538 Millionen Mark Umsatz.
Als Chef der Konzernplanung, direkt unter BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, hatte Aurich schon in den letzten Jahren möglichst unauffällig allerlei Beteiligungen eingekauft. Zum Sortiment der bayrischen Autobauer gehören Anteile an Computer-Softwarehäusern wie Intec, Cisigraph und Softlab, an Roboterfirmen wie Cimflex oder an kleinen Chemie- und Kunststoffspezialisten wie Belland und Nova.
Über Venture-Capital-Firmen in den USA und die Berliner Technologie-Investitions GmbH + Co. KG ist BMW noch bei fast zwei Dutzend High-Tech-Unternehmen dabei. Aurichs größter Einkauf bisher war eine Beteiligung von rund 30 Prozent an der fränkischen Fernseh- und Kommunikationstechnik-Firma Loewe Opta (320 Millionen Mark Umsatz).
"Wir wollen in unserem Sonnensystem bleiben" - unter diesem Motto hat BMW-Vorstandsvorsitzender Eberhard von Kuenheim bisher die Erweiterung seines Reichs betrieben. Die Beteiligungen sollten technologisches Know-how abwerfen für die Fertigung der Produkte, die weiterhin das tragende Geschäft für BMW bleiben: die Automobile.
Süffisant kommentierte der BMW-Chef die weit ausgreifende Erweiterungsstrategie des schwäbischen Konkurrenten Daimler: "Wir haben schließlich kein schwaches Bein zu kompensieren."
Für den Appetit des Mercedes-Chefs Edzard Reuter auf große Happen wie AEG, MTU, Dornier und MBB hatte der Münchner Kollege nur Spott übrig: "Entweder kauft man einen Kuchen, weil man Rosinen will, oder man kauft gleich Rosinen."
So ganz überzeugend klang seine Rosinen-Strategie freilich nie. In Wahrheit hätte BMW sowohl die Motoren- und Triebwerk-Firma MTU wie den Luft- und Raumfahrt-Konzern Dornier gern geschluckt.
Doch bei MTU besaß Daimler als Mitgesellschafter ein altes Vorkaufsrecht. Bei Dornier tricksten die Stuttgarter Kollegen die Bayern mit Hilfe ihres Ministerpräsidenten Lothar Späth aus.
Selbst manche Rosinen erwiesen sich für BMW eher als Zitronen. Die Dolch Logic Instruments, an der sich der Münchner Konzern zu einem Viertel beteiligt hatte, mußte Anfang dieses Jahres Konkurs anmelden. Die BMW-Manager waren auf die gekonnte Selbstdarstellung des Erfinder-Unternehmers Volker Dolch hereingefallen.
Dolchs Produkt, ein Prüfgerät für Mikro-Chips, war schon beim BMW-Einstieg längst nicht mehr letzter Stand der Technik. Ein neuer Analysator der US-Computerfirma Hewlett-Packard machte Dolch den Garaus.
Auch andere Beteiligungen der Bayern zeigen nur langsam Erfolge. "BMW hat selbst unterschätzt, wie lange es dauert, zu einem marktgängigen Produkt zu kommen", übte Firmen-Käufer Aurich Selbstkritik.
Die Schweizer Kunststoff-Firma Belland etwa verfügt über ein umweltfreundliches Mittel zum Schutz des Autolacks, mit dem das bisher übliche Einwachsen der Neuwagen entfällt. Doch es dauert, bis die 20 unabhängigen deutschen Wachs-Stationen, die auch andere Autohersteller bedienen, sich auf das neue Verfahren umstellen.
"Die Lorbeeren erntet man in zehn Jahren", hat Aurich erkannt, "die Prügel bezieht man schon heute."
In aller Stille hat sich BMW in den letzten Monaten vom Rosinen- zum Kuchen-Liebhaber entwickelt. Der Unternehmensbereich "Neue Geschäftsfelder" verfügt für die nächsten sechs Jahre über einen Ankaufsetat von einer Milliarde Mark, genug auch für größere Stücke.
Es geht jetzt ums Ganze, nicht mehr nur um Minderheitsbeteiligungen zum Hineinriechen. "Wir wollen jetzt den entscheidenden Einfluß, das heißt immer mehr als 50 Prozent", verkündete Finanzchef Volker Doppelfeld, der Aufseher von Bereichsleiter Aurich, im Vorstand.
Die Idee zur Übernahme der Bergmann-Gruppe kam zuerst in zwanglosem Manager-Small-talk zwischen BMW und Siemens auf. Der Münchner Elektrokonzern bemüht sich seit einiger Zeit, sein Geschäft mit der Autoelektronik auszubauen. Vorvergangene Woche machte Siemens die Verträge zur Übernahme der amerikanischen Bendix-Gruppe perfekt.
Auf einen Schlag sind die Münchner damit die Nummer drei der Autoelektronik auf dem Weltmarkt, nach Bosch und der japanischen Nippon Denso. BMW unterstützt den Aufstieg von Siemens in dieser Branche lebhaft, um
von der marktbeherrschenden Bosch-Technik unabhängiger zu werden.
Bei den Gesprächen über die Zukunft der Einspritzpumpen deuteten die Siemens-Manager ihren Münchner Partnern nebenher an, daß sie vielleicht auch für BMW einen passenden Großeinkauf einfädeln könnten. Siemens ist zu 37 Prozent an der Bergmann-Holding beteiligt.
Auf den ersten Blick fanden die BMW-Manager Gefallen an der Bergmann-Tochter DeTeWe: "Das Kommunikationssystem paßt zu Loewe Opta." Auf den Rest des Bergmann-Kuchens scheint der Appetit nicht so stark zu sein. Da müsse man erst mal gucken, sagt ein BMW-Manager, "was machen die eigentlich?"
Die Manager der Telephon-Firma wären über eine Trennung von der "Großmutter Siemens", wie einer sich ausdrückt, kaum traurig. Bergmann-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Everling würde "BMW als Aktionär sehr begrüßen".
Siemens hielt die Enkel-Firma meistens kurz. Sie sollte dem Konzern im eigenen Hauptgeschäft keine Konkurrenz machen. So mußte sich DeTeWe bei seinem digitalen Telephon-Vermittlungssystem "content" auf kleinere Anlagen beschränken, um Siemens bei den großen Systemen ("Hicom") nicht zu stören.
Der Münchner Elektrokonzern würde DeTeWe nicht nachtrauern. Diese Firma, so ein Siemens-Mann, sei für den Konzern weder "existentiell" wichtig noch "kriegsentscheidend".
BMW dagegen verspricht sich von der Telephonbau-Firma Know-how für das Auto der Zukunft, das, eingebunden in ein Kommunikationssystem, elektronisch gesteuert über die Straßen gleiten soll. Bis dahin ist freilich noch ein weiter Weg. Vorerst muß die Telephonbau-Firma noch zeigen, daß sie im gewöhnlichen Telekommunikationsgeschäft gegen weltweit operierende Giganten bestehen kann.
Schon jetzt tut sich DeTeWe schwer mit dem traditionellen Telephonbau für die Post, der bisher 60 Prozent des Geschäfts brachte. So ging 1987 der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 20 Millionen Mark zurück.
Bis zur endgültigen Übernahme können die Partner sich das noch in Ruhe überlegen. "Auf heißer Flamme", so ein Siemens-Manager, "wird das nicht gekocht."
Es kochen nämlich noch andere mit. Neben Siemens sind an der Bergmann AG noch die Deutsche Bank mit fast 37 Prozent und die Bayerische Vereinsbank mit über 25 Prozent beteiligt. Die drei Beteiligten müssen nach ihrem Konsortialvertrag einem Verkauf von Aktienpaketen zustimmen.
Die Deutsche Bank als verbleibender Bergmann-Aktionär wäre für BMW kaum attraktiv. Vorstandssprecher Alfred Herrhausen regiert als Aufsichtsratschef auch beim Konkurrenten Daimler.
[Grafiktext]
VOR DEM GROSSEN SCHLUCK Größere Beteiligungen: American Cimflex Corp., Pittsburgh; Industrieroboter, Umsatz: 62 Mill. Mark Belland AG, Solothurn; Kunststoffechnologie, Umsatz: 1,6 Mill. Mark Cisigraph S.A., Paris; Software, Umsatz: 38 Mill. Mark Softlab GmbH, München; Software, Umsatz: 64 Mill. Mark Loewe Opta GmbH, Kronach; Unterhaltungselektronik, BTX-Systeme, Umsatz: 320 Mill. Mark Technologie-Investitions GmbH + Co KG (TIG), Berlin; Mitec GmbH, Ottobrunn; Sensortechnologien, Laser-, Meß- und Videosysteme, Umsatz: 12 Mill. Mark Venture-Capital-Beteiligungen in den USA Bayerische Motoren Werke Umsatz: 19,5 Mrd. Mark Beteiligung geplant: Kommunikationstechnik u.a. mit: DeTeWe Deutsche Telephonwerke und Kabelindustrie AG Büro-Kommunikations-Systeme GmbH EKB Entwicklungsgesellschaft für Kommunikationstechnik mbH Frankotyp-Postalia GmbH Bergmann-Elektricitäts-Werke, Berlin; Umsatz: 1,63 Mrd. Mark mit den Bereichen Meß-, Regel- und Steuerungstechnik u. a. mit: Bertram Meßgeräte GmbH Gossen GmbH Heliowatt Werke Elektrizitäts-Gesellschaft mbH Energietechnik, Prozeßautomation u. a. mit: BEA Elektrotechnik und Automation AG Bergmann Elektro GmbH Bergmann Kabelwerke AG Garbe, Lahmeyer & Co AG Thermo Technik G. Bauknecht GmbH Volkswagen Bordnetze GmbH Schorch GmbH
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 30/1988
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