15.08.1988

Geliebt und begraben

SPIEGEL-Redakteurin Ariiane Barth über Angeles Mastretta: „Mexikanischer Tango“ *
Der Macho ist tot, es lebe der Macho: für einen heißen Flirt in einer Sommernacht, hier ist er mein, hier darf er sein. Nämlich zwischen zwei lohroten Pappdeckeln, ein Mannsbild, wie es im Buche steht, gut konsumierbar im Rausche dreier Stunden, und wir tanzen einen Tango. "Arrancame la vida", schluchzt die Sängerin, und so heißt der Roman im Original (nach einem Lied von Agustin Lara), "entreiß mir das Leben, mit dem letzten Kuß voll Liebe, entreiß es mir, nimm mein Herz ..."
Eine herrliche Schnulze aus Mexiko, hierzulande schlicht und ergreifend "Mexikanischer Tango" genannt, ist diesen Sommer in Bestseller-Höhen aufgestiegen, wie in der Bundesrepublik so auch in Italien und Spanien. Wem sie gefällt, der muß sich nicht genieren: Angeles Mastretta, 38, hat für ihren Erstling den ehrenvollen Literaturpreis Mazatlan erhalten und darf somit in einer Reihe mit Octavio Paz und Juan Rulfo bis hin zu Isabel Allende genannt werden (was die beiden Damen schmückt, die Herren drückt).
Die schöne Autorin stammt aus Puebla, und in dieser Provinzhauptstadt von altertümlichem Kolonialcharakter spann sie auch ihre Geschichte an, "in dem Jahr damals", einer episch unbestimmten Zeit zu Beginn der dreißiger Jahre, als die mexikanische Revolution noch jung war und einer Konquista von politischen Emporkömmlingen anheimfiel. In diese Clique gerät ein noch nicht 15jähriges Mädchen durch eine Männer-Bekanntschaft unter den Colonnaden, wo sich, an diesem Ort wie in ganz Lateinamerika, alles abspielt, "von den Verlobungen bis zu den Morden".
Ich, Catalina (so heißt übrigens die Tochter der Schriftstellerin, die sich wiederum in ein Ich der Generation ihrer Mutter zurückversetzte) erzählt ihr Leben und ein Stück Geschichte mit der Naivität einer viel zu früh verheirateten Kindfrau, die seltsame Geschehnisse in der Erwachsenenwelt sieht und allmählich durchschaut, mit einem Blick ohne sonderliche Gewichtung durch Moral. Ihre Lebenssicht bleibt von einer unbändigen, nachgerade ansteckenden Heiterkeit, trotz aller Schrecknisse. Zwar weint und wimmert sie dann und wann bis zur Erschöpfung, aber ihr Unglück tut sie ab in einem einzigen Satz, und wenn sie mit verquollenen Augen wieder aufwacht, ist sie gerüstet für "eine weitere Periode der Gelassenheit".
Arrancame la vida, ihr geschieht, was jener Tango besingt, sie wird gelebt durch ihren Mann, er bestimmt die Äußerlichkeiten ihrer Existenz, er steht im Zentrum ihrer inneren Existenz. Andres Ascencio ist schon über 30, als er sich das halb so alte Mädchen nimmt wie einen Tribut aus dem Volk für ihn, den Revolutionsgeneral. Der Sohn eines Fahrers ist besessen von seinem Aufstieg, ascender heißt aufsteigen, die Truppen des Bundesstaates Puebla zu kommandieren reicht ihm nicht. Er will Gouverneur werden und wird es auch, er will Reichtum und rafft ihn sich, er will Präsident werden und wird es fast. Durch Drohung und Erpressung hat er den Präsidenten in der Hand, als dessen fürchterlicher Berater.
Who is who in diesem Schlüsselroman, vermögen Kenner der mexikanischen Geschichte annähernd zu identifizieren. Der Präsident jener Jahre war in Wirklichkeit ungefähr so, wie beschrieben, und sein General hat, außer mit einem tatsächlichen Vorbild, Ähnlichkeit mit dem lateinamerikanischen Prototyp desjenigen Politikers, der über Leichen geht, bestechend in seinem Charme bei all seiner Skrupellosigkeit.
Derlei flirrende Gestalten gibt es noch heute zu bestaunen da drüben in dem halben, hitzigen Kontinent der noch unerhörten Möglichkeiten, im linken wie im rechten Lager, in hohen Ämtern oder in Untergrund-Positionen: Männer, die Frauen gefallen, trotz oder gerade wegen der unterschwelligen Gewalt in ihrer Ausstrahlung; Männer, die auch Männern gefallen, zumal jenen blassen europäischen Intellektuellen mit dem bekannten Faible für den lateinamerikanischen Revolutionär; Männer, vor denen sich Frauen tunlichst hüten sollten, es sei denn für ein Abenteuer in der Phantasie. Durch diese Methode wird die Angst vor einem Vergewaltiger schließlich beherrscht.
Andres Ascencio ist die extreme Ausgeburt desjenigen Charakters, den die Emanzipation der westlichen Zivilisation in Grund und Boden gestampft hat, ein Super-Macho hoch Sex, ein hinreißender Schuft, keineswegs hübsch, aber voller Kraft und Gelächter, strotzend von der Erotik seines Willens zur Macht, der ein Unwille zur Unterordnung ist. Wie er ist, so ist er, unbeleckt von jenen Ambivalenzen abendländischer Grübler; was er tut, das tut er, ohne die Asche der Mea-culpa-mea-culpa-Schwachen auf dem Haupt.
Für die Befriedigung seiner Frau fühlt sich dieser Mann selbstverständlich nicht zuständig, soll sie doch sehen, wie sie auf ihre Kosten kommt, und sie lernt es, weiß Gott. Das Bett ist der Ort, wo sich aus der Ferne der Geschlechter immer wieder eine fulminante Gemengelage ergibt. Dieser Macho folgt so unbeirrbar seinen Instinkten und Impulsen, daß seiner Frau nur eine Chance, aber eben diese Chance bleibt, ihrerseits ihre Kräfte, statt sie durch Zeter und Mordio zu verschleißen, zu bündeln für ein einigermaßen angenehmes Arrangement: eine Haltung, die emanzipationsstreitgeübten Westeuropäerinnen fremd ist wie eine Botschaft von einem anderen Stern.
Kaum ist Catalina, nicht gerade begeistert, Mutter, bringt ihr Held nach und nach schließlich sechs seiner Kinder mit anderen Frauen ins Haus, und es würden noch mehr, gäben sie die Geliebten nur her. Geputzt in Trachten, dient diese Großfamilie als friedvolle Staffage für die Wahlkampf-Kampagne des Generals in den Dörfern voller Angst vor der Gewaltspur, die sich durch die Politik zieht. Daß die inbrünstigen Reden ihres Mannes voller Lügen sind, begreift Catalina schließlich, doch statt sich zu erregen, hört sie pragmatisch auf, ihm zu glauben.
Den politischen Mörder in ihm ahnt sie, verdrängt sie, erst durch Kindermund ("Andere umbringen ist harte Arbeit,
sagt Papa")konfrontiert sie sich mit seinen Greueltaten, erbricht gallig Gelbes und klemmt, als er mit klirrenden Sporen und lachend wie immer zu ihr will, die Beine zusammen, "zum erstenmal eisern zusammen". Sie erwählt als den, den sie lieben kann, einen anderen Mann, Macho wie gehabt, aber statt in der Virtuosität der Macht-Machenschaften drückt dieser sich in der Musik aus, natürlich als Dirigent.
Arrancame la vida, der Geliebte spielt mit dem Tod, als er im Hause des bewunderten Revolutionärs seiner Kindheit, dem er dereinst als kleiner Junge die Patronen nahm, um damit in einem Topf seinen Rhythmus zu rasseln (Musik statt Krieg), auch dessen Frau nimmt und dazu noch mit dessen politischen Gegnern konspirativ kungelt. "Du Dummer", flüstert die Geliebte letztendlich am Grab. Die Furcht vor ihrem mörderischen Gatten überwindet sie, indem sie ihn beobachtet, bis sie ihn kalkulieren kann, und schließlich, nach Jahren, ist sie mit ihm beinahe befreundet.
Arrancame la vida, die Seiten wechseln, das Finale bestreiten eine erstarkte Frau und ein entkräfteter Mann. Als der General von seinem Präsidenten fallen
gelassen und ein anderer als er zum Nachfolgekandidaten gekürt wird, brüllt er vor Kopfweh, und seine Frau reicht ihm dagegen einen Tee, der erst gegen den Schmerz helfen soll und dann gegen das Leben: ein mexikanischer Mythos, den er sehr wohl kennt.
Verlassen von allen Sympathien, auch der Leser, wird der waidwunde Mann süchtig nach dem Tee als schäbigem Ersatz für seine große Sucht nach Nektar und Ambrosia durch das Gefühl der Macht. Entzaubert stirbt er dahin, als einer, der leer ist und es immer war, nur daß er darüber trefflich hinwegtäuschen konnte, solange er Bestätigung von außen erfuhr, ein armer Hund. Er stirbt von unten, von den Beinen her ab. Der Macho ist tot, seine Beerdigung wird amüsant.
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 33/1988
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