25.07.1988

FILMGroße Katze

Ein Kultfilm der vierziger kommt wieder in die Kinos: Rita Hayworth tanzt und verführt als Gilda. *
Was Männer träumen: Als die Amerikaner ihre erste "friedliche" Atombombe auf das Bikini-Atoll warfen, trug die den Namen Gilda und war mit einem Bild der Rita Hayworth geschmückt.
Das war, als der Krieg zu Ende war und man Frauen, weil sie Männer scharf machten, Sexbomben nannte. Eine solche explodierte unter melodramatischer Rauchentwicklung in dem Film des gebürtigen Ungarn Charles Vidor: "Gilda" war die steinerweichende Geschichte einer Haßliebe zwischen der Gangster-Gattin (Rita Hayworth) und ihrem treu ergebenen Johnny, Beruf: rechte Hand, Besetzung: der mißgelaunte Glenn Ford.
Das Schauerstück (1946) unter Zockern, Nazis und Gangstern spielt in Buenos Aires und schielt nach Casablanca. Während die Kugel hinter geschlossenen Türen rollt, entsteht in der klaustrophobisch abgeriegelten Glitzerwelt der verbotenen Spiele der Überdruck eines erotischen Dampfkessels.
Johnny soll auf Gilda aufpassen, weil deren alternder Gatte sie mit impotentem Haß in die schwülen Tropennächte entschwinden sieht. Dort macht sie nichts, aber das so, daß Johnny vor Eifersucht rast. "Ich hasse dich, ich hasse dich so sehr", stammelt das Paar sich an. Erst als Johnny die Frau, die er nach dem vermeintlichen Tod des Gatten unter Hausarrest setzt, buchstäblich auf den Knien hat, werden die Sado-Maso-Foltern dritten Grades gegen ein Happy-End eingetauscht:
"Gilda" ist ein Film von so pervertierter Unschuld, daß eine Tanzszene, bei der die Hayworth lediglich ihre langen schwarzen Handschuhe auszieht, wozu Männer mit glibbrigen Augen grölen, zum obszönen Striptease wird.
Obwohl der Film von der Kritik damals höhnisch verrissen wurde, war die Hayworth als Gilda mit einem Schlag die Sexgöttin ihres Jahrzehnts: die hinhaltende Verweigerung, mit der sie die laszive Unschuld ausstattete, die stets feucht geöffneten Lippen und der sengende Blick verkündeten eine Botschaft: Eine Frau will nur eines, nämlich genommen werden - und zwar vom richtigen.
Daß die Hayworth überhaupt zur Sexgöttin avancierte, verdankt sie einem kühnen Verwandlungsakt. Sie war in Brooklyn als schwarzhaarige Margarita Cansino auf die Welt gekommen und tingelte, zum leiblichen Wohl ihres Vaters, als 13jährige in Spelunken an der mexikanisch-kalifornischen Grenze. Tanzen konnte sie und sah aus wie die Sünde, die ja bekanntlich mit Vorliebe minderjährig ist und dunkle Haare hat.
Im Jockey-Club von Agua Caliente wurde sie für Hollywood entdeckt, weil sie "wie eine herrliche große Katze" tanzen konnte. In den Fox-Filmstudios durchtanzte sie mit mexikanischer Verve etliche B-Filme, bis sie der neue Boß, der junge Darryl Zanuck, feuerte. Er wollte keine Folklore.
Jetzt luchste sie ein mittelalterlicher Glatzkopf namens Judson ihren Eltern ab, heiratete sie und investierte sein ganzes Geld in Ritas Haarprobleme. Denn ihre Haare mußten nicht nur hell gefärbt werden, sondern sie sprossen auch reichlich aus einer niedrigen Stirn, was sie einmal zu mexikanisch und zum anderen zu dümmlich aussehen ließ.
In einer elektrolytischen zweijährigen Operation wurden ihr an die zehntausend Haare Stück für Stück aus der Stirn gebrannt, bis aus Margarita Cansino Rita Hayworth geworden war: rotblond, weißes Lächeln, Bewegungen aus der Hüfte.
Während Judson als ihr Impresario durch Hollywood wuselte, blieb das errötete Mädchen in der leeren Wohnung, in der es nicht einmal Möbel gab: Die waren neben den kostspieligen Schönheitskorrekturen im Haushaltsgeld nicht mehr drin. Daddy Judson hatte ihr eine Spielzeug-Eisenbahn auf den blanken Boden gestellt; damit durfte das Kind spielen.
Aber dann kam endlich "Gilda", und sie stieg als neue Venus aus den Spielzimmerniederungen ihrer Ehe. Da tat es dem Ruhm auch keinen Abbruch, daß sie, die wie eine Göttin tanzte, nicht singen konnte: Ihr berühmtes "Put the Blame on Mame, Boys!", anrüchige Hymne eines prüde-lüsternen Jahrzehnts, sang eine andere für sie.
Nach "Gilda" wurde sie die Frau des Wunderknaben Orson Welles, der sie vollends erblonden ließ. Und dann, Herz, was willst du noch mehr?, wurde sie die Gattin des Ali Khan - der Volltreffer einer Sexbombe, die sich einen Märchenprinzen und Nabob ertanzte -
ehe sie später in Alzheimersches Vergessen versank.
Gilda, die jetzt wieder in die Kinos kommt, zeigt die Geburt von Hollywoods traumgeborener Venus. Sie erscheint als Vamp, möchte aber in Wahrheit nur ein Haustier sein: Margarita als lovely Rita, Rot statt Schwarz.

DER SPIEGEL 30/1988
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