19.09.1988

OLYMPIA„In einem Land wie hier kann man klotzen“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Wachstum und Spiele in der Olympiastadt Seoul *
Wer gerade erst aufgenommen worden ist in die "olympische Familie" von Korea, mag es vielleicht für einen individuellen Ausrutscher halten, für einen momentanen Anfall olympischen Fiebers, als am Mittwoch vergangener Woche die Anzeigetafel im Radstadion von Seoul plötzlich lautlos aufzubrüllen beginnt, als ob Rudi Völler die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Führung geschossen hätte.
Aber nicht das Wort "Tor", "Tor", "Tor" blitzt aggressiv und grell durch die schläfrige Mittagshitze ins Zuschaueroval, wo träge ein paar Betreuer dösen, sondern "Progress", "Progress", "Progress" jubelt es vom schwarzen Schirm. Und um einen gemächlich seine Runden drehenden französischen Radrenner daran zu erinnern, warum er hier ist, hetzt die elektronische Uhr Zehntelsekunden hinter ihm her.
30 Grad im Schatten? Noch drei Tage bis zur Eröffnung? Lockerung? Vorwärts, Junge, hau rein, dein Fortschritt von gestern ist Koreas Ziel für morgen. Du bist hier nicht im schläfrigen Europa, allenfalls in einer Art elektronischer Super-Version jenes ins Industriezeitalter aufbrechenden alten Kontinents von vor 100 Jahren, als Landsmann Pierre de Coubertin die romantischen olympischen Ideen zu dämmern begannen.
"Schneller, höher, stärker." Gleich 19mal beschwören knallig blaurote Transparente auf den Rängen des Velodroms den alten olympischen Wachstumsgeist. Die Spitze einer Pagode ragt herüber, aus Beton gegossen, sicher in Rekordzeit. Es wird gedrängelt, geschoben und gestoßen in den Straßen dieser dynamischen Metropole. Bis aufs Blech führen die Autofahrer in jeder Sekunde den Kampf um Zentimeter-Vorteile.
Nein, ein olympischer Fieberanfall ist der hektische Fortschritts-Appell im Radstadion nicht, eher gleicht Olympia dem extrem zugespitzten Alltag Seouls. Diese Stadt ist ja nicht gewachsen, sondern aus den Trümmern des Korea-Kriegs geradezu herausexplodiert - von knapp zwei Millionen Einwohnern um 1960 auf elf Millionen heute. Jeder vierte Südkoreaner wohnt hier, täglich kommen 574 hinzu - soweit erfaßbar.
Die wirtschaftlichen Wachstumsraten der Super-Entwicklungsmacht Südkorea sind ohnehin Weltrekord: 12 Prozent 1987. Rechtzeitig zum Beginn der Spiele hat Präsident Roh in unmittelbarer Nähe des Stadions - und noch näher am Arbeitszentrum der ausländischen Journalisten - ein protziges Welthandelszentrum eröffnet, 55 Stockwerke hoch, stahl- und marmorblitzend mit Ausstellungsflächen von 600 000 Quadratmetern. Was das mit Olympia zu tun hat? Alles. Die Spiele in Seoul sind das "teleökonomische Superspektakel" geworden, vor dem der ehemalige Goldmedaillen-Ruderer Hans lenk gewarnt hat. Über drei Milliarden Dollar sollen sie gekostet haben, gewiß wird es mehr gewesen sein am Ende.
Um den Geist dieser Mammut-Spiele zu erfassen, mußte niemand darauf warten, bis sie am letzten Samstag mit der inzwischen weltweit genormten Fernseh-Show-Mischung aus Trachtenfest und Kraft durch Freude, Disneyland und dem üblichen nationalistischen Fackel- und Flaggenzauber eröffnet wurden. Diesmal zusätzlich und reizvoll angereichert durch kultisch-farbenprächtige Rituale einer jahrtausendealten Kultur.
Das "größte Ereignis der Welt", wie IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch den sportlichen Hochleistungszirkus anzupreisen pflegt, ist Wachstum pur: Um _(In der Bildmitte Staatspräsident Roh, ) _(IOC-Chef Samaranch. )
die 13 000 Wettkämpfer und Funktionäre aus 160 Ländern treten an. Für weltweit vier bis fünf Milliarden Menschen - kleinlich wollen die Veranstalter da nicht sein - wird die Show aufbereitet, ausgeschlachtet und hochgejazzt von 9862 schreibenden Journalisten und 6400 Fernsehmenschen. Alle werden auf Schritt und Tritt bewacht und kontrolliert von 140 000 Polizisten und Soldaten.
"Spitzenspiele bei einem Spitzenvolk", in jedem U-Bahn-Wagen und Tausenden von Bussen ist es den Koreanern seit Wochen eingehämmert worden. Das Maskottchen der Spiele, Hodori, der alberne Tiger, grinst von jeder Hotelbar und hockt zwischen den Puppies im Verkaufsstand der Hundeverkäufer auf dem Namdaemum-Markt. Ein alter Händler hat zu bieten: elf Zwiebeln, zwei Faxentiger, sonst nichts. Kann er davon leben?
Wo die Ringe in der Stadt monumentale Gestalt gewinnen, da sind sie aus metertiefen Stahlrohren zusammengeschweißt, wuchtig und hart stehen sie vor Hochhaus-Betonburgen neben den achtspurigen Boulevards, die auf dem Reißbrett in die Reisfelder geschnitten sind.
Alles wächst: das Bruttosozialprodukt, der Ehrgeiz der wirtschaftlichen Fünfjahrespläne, die Zahl der zugelassenen Autos - täglich werden es 360 mehr in Seoul -, die Menge der akademisch ausgebildeten jungen Leute. 85 Prozent aller Eltern wollen ihre Söhne aufs College schicken, 10 Prozent inzwischen sogar ihre Töchter. Selbst Körpergröße und Gewicht der Studenten nehmen zu.
Größer, schneller, stärker? Mehr - heißt das zusammenfassende Schlüsselwort. "Mehr Sicherheit, mehr Produktivität, mehr Zuversicht und mehr Ansehen" ist nach den Worten des Organisationschefs Park Seh Jik die Aussicht für Korea, "während wir der Welt beweisen wollen, daß die nationalen Ziele von Wachstum und Entwicklung Hand in Hand gehen mit den Zielen der olympischen Bewegung".
Einwände mögen nörgelig klingen, grün-romantisch oder gar typisch deutsch. Und tatsächlich fühlen sich die Deutschen in Korea auf eine vertrackte Weise besonders zu Hause - erfreut die einen, bedrückt die anderen. Ob sich die DDR-Fernsehmenschen von Adlershorst nun am Flugplatz darüber aufregen, wie gründlich die Zöllner sogar die Kosmetik-Beutel der hübschen Athletinnen aus Ghana filzen - "Wo sind wir denn hier?" knurrt einer - oder ob sich westdeutsche Funktionäre darüber freuen, "wie zackig die Jungs hier strammstehen, wenn man sie richtig anfaßt", die Ähnlichkeiten mit daheim sind größer, als vielen lieb sein kann. Beides seien eben "fleißige Völker, ordentlich und korrekt, hilfsbereit und warmherzig", wiegelt Han Ho San ab, der aus Seoul stammende Judo-Bundestrainer, der seit 27 Jahren in der Bundesrepublik lebt, mit deutschem Paß.
Daß alles klappt, daß alles perfekt ist und daß nur fleißig geschafft wird - diese typisch deutschen Sorgen beschäftigen auch die Koreaner in diesen Tagen auf eine penetrante Weise. "Arbeit ist das einzige deutsche Wort, das unübersetzt ins Koreanische eingegangen ist", sagt Lee Hak Ro, ein Koreaner, der in Köln studiert und während der Spiele in Seoul als Übersetzer und unentbehrlicher Wegweiser durch die Olympia-Bürokratie arbeitet.
Sieben Jahre lang habe das Volk von Südkorea "Tag und Nacht" gearbeitet für Olympia, pries Staatspräsident Roh Tae Woo die nationale Aufbauleistung zwei Tage vor der Eröffnung den Patriarchen des Internationalen Olympischen Komitees an. Aber denen mußte er das nicht erzählen. Daß Südkorea mit 54,3 Stunden pro Woche, bei vier Tagen jahresurlaub, den Arbeitszeit-Weltrekord hält, war den Herren nicht zuwider. Daß die Zahl der Arbeitsunfälle auch Weltspitze ist, ging sie nichts an. "In einem Land wie hier kann man natürlich klotzen", sagt Walther Tröger, deutscher Sportdirektor des IOC, denn auch in einer sichtbaren Mischung aus Unbehagen und Genugtuung: "Der Staat sagt an, die Wirtschaft hilft." Fast entschuldigend fügt er hinzu: "Die Delegierten des IOC kommen zu 80 Prozent aus Ländern, die volles Verständnis für das haben, was hier läuft."
Allen voran Präsident Samaranch, der sich selbstzufrieden wegen seines Einflusses auf die "außergewöhnlichen Entwicklungen in diesem Teil der Welt" lobt. Im Nationaltheater von Seoul, wo die Festversammlung der IOC-Session sich bei seinem Einzug wie vor einem Weltmonarchen von den Plätzen erhebt, tönt der kühle katalanische Großbürger: "Ich halte es nicht für überheblich zu glauben, daß mit den Spielen in Seoul langanhaltende Veränderungen der koreanischen Landschaft eingetreten sind."
Rote Teppiche werden dem Spanier in Korea ausgerollt, Polizeieskorten fahren seinem Cadillac voraus. In seinem Schatten hält das IOC im feudalen Shilla-Hotel über Seoul hof, als tage dort der Wiener Kongreß. Schwedens König Carl Gustaf, im gleichen Stil umschwänzelt wie die IOC-Granden, scheint eher geniert von diesem byzantinischen Gehabe als die Herren mit den Goldknöpfen an den Klubjacken.
Höher, schneller, stärker. Auch die offizielle Rhetorik wächst zu bombastischem Rekordschwulst: höher das Pathos, flotter die Sprüche, stärker denn je die penetrante Selbstgefälligkeit. Wozu Samaranch und seine Olympiker den sich als Demokraten gebärdenden Ex-Generälen verholfen haben, das können die jedenfalls gar nicht aufgedonnert genug in Worte kleiden: "Mit den Olympischen Spielen werden wir auf der Schwelle der entwickelten Welt angekommen sein", versichert im Fernsehen Präsident Roh seinen 42 Millionen Landsleuten. "In die einzutreten war unser langfristiges nationales Ziel."
Geschafft also, vorausgesetzt, alles geht gut bis zum 2. Oktober. Hand in Hand mit den USA und neuerdings auch den kommunistischen Giganten UdSSR und China, nach Möglichkeit noch vor dem Erzfeind Japan, auf jeden Fall aber turmhoch über den armen nordkoreanischen Nachbarn - so sehen sich die Südkoreaner am liebsten. Sie wollen umjeden Preis aufs Siegertreppchen in Seoul, nicht nur die Schützin Kang Hye Ja, 22, die erste
Aspirantin auf olympisches Gold, sondern das ganze Volk.
Nach 5000 Jahren im Schatten der Kolosse Japan und China, zeitweilig auch Rußlands und in letzter Zeit der USA, einer Geschichte, die Südkoreas Diktatoren und beinah mehr noch die oppositionellen Studenten zum patriotischen Leidenskult verklärt haben, wollen die "Polen Asiens" (Han Ho San) endlich vor aller Welt selbst als Großmacht dastehen. Ob sie dafür als Athleten Ohrfeigen einstecken müssen von ihren Trainern, als Taxifahrer und Marktfrauen Englisch lernen, sich als Studenten unter selbstmörderischem Druck durchs Examen büffeln, als Klein-Geschäftsleute riskant ihre Ersparnisse investieren oder als Obrigkeit brutal Slums abräumen und Oppositionelle niederknüppeln - das Ziel lohnt allemal den Einsatz.
Daß Samaranch die Spiele für Profis geöffnet hat, daß damit angeblich "ideeller, friedlicher Wettstreit von gestern" zu einem Geschäft "mit Medien, Marketing und Millionen" verkommen sei, wie der Generalsekretär des Deutschen Sportbundes, Karlheinz Gieseler, jammert, den Südkoreanern kann der Boom nur recht sein. Ergebnis: Das IOC ist mit den Generälen zu einer Symbiose verschmolzen, die nicht nur den Oppositionellen Shim Sang Wan vom "Christlichen Institut zum Studium von Gerechtigkeit und Entwicklung", einer Art Daten-Zentrale der Opposition in Seoul, fatal an Goebbels'' Berliner Propaganda-Spiele von 1936 erinnert.
Der bedächtig formulierende Shim will nicht ausschließen, daß mindestens psychologisch auch das koreanische Volk vom Erfolg profitieren könnte. Aber um welchen Preis? "Die Olympischen Spiele", sagt er, "sind nicht einfach ein Mittel, um das Leben des militärisch-diktatorialen Regimes in Korea zu verlängern. Sie sind ein nützliches und großartiges Medium, um all ihre politischen Ziele zu verwirklichen."
Nun ist es ja nicht so, daß die ganze Welt und alle angereisten Journalisten den Machthabern von Seoul ihre heile olympische Welt plötzlich unbesehen abkaufen würden. Jedes Gerücht über angeblich neue Unruhen an Seouler Universitäten bringen viele der angereisten Medienvertreter in Bewegung. Schließlich sind die brutalen Polizeieinsätze gegen protestierende Studenten, die Nachrichten über Folter, politische Unterdrückung und Korruption, die meldungen über Ausbeutung der Arbeiter und Bauern und die Unterdrückung der Frauen sowenig vergessen wie die anhaltenden Horrorstorys über Doping und gesundheitlichen Raubbau im Hochleistungssport.
Und doch ist, je näher die Spiele in der vergangenen Woche heranrückten, zu spüren, wie das Flair der internationalen Begegnungen im olympischen Dorf, der Nervenkitzel sportlicher Zweikämpfe, die Faszination nationaler Auseinandersetzungen, die Stimmung auch kritischer Berichterstatter einzufärben beginnt. Das Spektakel, an dem ein jeder teil hat, der nach Seoul gereist ist - ob als Zuschauer, Journalist, Betreuer, Athlet oder Geschäftemacher -, beginnt seinen eigenen Sog zu entfalten.
Aber das heißt gewiß nicht, daß die dreisten Parolen von "Friede, Harmonie und Fortschritt", mit denen die Hochglanzfassaden der Luxushotels und Geschäftshäuser ebenso knallig behängt sind wie die Bauzäune, hinter die der Schutt des hastigen Aufbaus gekehrt ist und die Armut sich verstecken muß, von der Mehrheit der Journalisten gekauft würden. Wie spektakulär die Spiele auch werden mögen, Unbehagen und Mißtrauen gegenüber den koreanischen Machern und Mackern bleiben.
Ganz ohne positive Folgen für die Veranstalter wird die aufdringliche Werbeinszenierung für Korea indes nicht bleiben. Denn sie brauchen ja nicht nur auf den Sog der Ereignisse zu bauen und auf den Sickereffekt ihrer Parolen. Ihre wichtigste Waffe ist der Patriotismus ihrer Landsleute. Wie die Herrschenden wanken auch die Oppositionellen nicht im Glauben an den nationalen Aufbruch und Auftrag Koreas. Das gibt den Schlagwörtern der Propagandisten ein haltbares Unterfutter.
"Friede" - das sind ja nicht nur die aufdringlichen Symbole vom völkerverbindenden Ringelreihen, dargeboten in fünf ineinandergreifenden Ringen auf Aschenbechern und Kugelschreibern. Oder gar die unvermeidlichen weißen Picasso-Tauben, die in zigtausendfacher Abbildung an den Drahtzäunen und Betonwänden des Sicherheitszoos von Seoul hängen und den Eindruck erwecken, als finde derzeit in Korea eine Welttaubenausstellung statt.
Nein, der Friede in Seoul ist handfester, ist Sicherheit durch Stärke. Die tatsächliche Gefahr des Terrorismus und die bedrohliche Nähe zum feindseligen kommunistischen Nordkorea erlauben den Generälen eine waffenstarrende Schau der Abschreckung und Kontrolle, genannt "Bo An", die neben der gesamten südkoreanischen Armee von 600 000 Mann auch die 40 000 am 38. Breitengrad
stationierten US-Soldaten in Alarmbereitschaft hält.
Dagegen wird sich nicht nur aus Angst kein Protest regen. Die Studenten Ji, Li und Hyun etwa, die sich auch in Militäruniformen nicht scheuen, ihre Regierung wegen der Kosten für Olympia vor Fremden massiv zu kritisieren, finden solche militärischen Gesten für ihr Land völlig in Ordnung. "Wenn Krieg ausbricht, dann sind wir gern dabei."
Es ist diese Haltung, gemischt aus Patriotismus, Disziplin und Unterordnung, die auch den zweiten koreanischen Jubelbegriff untermauert - Harmonie. Das meint ja nicht die heimelige Geborgenheit in der "olympischen Familie", nicht die bis zur Peinlichkeit freundlichen Verbeugungen, selbst wenn man in der Cafeteria das Tablett mit dem dreckigen Geschirr abgibt.
Dahinter steckt das seit Jahrhunderten verinnerlichte System konfuzianischer Kultur - mit strengen Hierarchien von oben nach unten: "Wir haben einen Kapitalismus, der tief in feudalen Strukturen verwurzelt ist" - zitiert das deutsche "Korea Forum" einen Soziologen aus Seoul. Und die Leute, die anordnen, sind zumeist ehemalige Offiziere. Sie sitzen an den Schaltstellen der Armee, der Regierung, der Bürokratie und der Wirtschaft. Natürlich haben sie auch bei den Spielen in Seoul das Sagen bis in die Treppenhäuser des olympischen Dorfes hinein.
Wen also kann es wundern, daß in einem Land, das von einer solchen Elite beherrscht wird und das in einem derartigen Eiltempo die industrielle Entwicklung durchläuft, der Fortschritt - mit europäischen Augen betrachtet - ziemlich alt aussieht? Wen kann es wundern, daß die Spiele in Seoul nicht menschlicher, fröhlicher und sanfter ausfallen, sondern bis ins Mark geprägt sind von jenen harten Wachstumswerten, die nach unseren - sich langsam genug herumsprechenden - Vorstellungen genau jene sind, mit denen die Menschheit dabei ist, die Welt zu ruinieren?
Umweltschutz etwa ist auch in Korea schon gesetzlich geregelt. Daß aber den Fahrern das Hupen verboten ist, daß die 750 000 Privatautos nur jeden zweiten Tag fahren dürfen, daß sogar die mit Kohle beheizten öffentlichen Badehäuser drei Tage vor dem Marathonlauf schließen müssen - das alles sind kosmetische Gesten, keine Einsichten. Sie werden nach den Spielen zurückgenommen werden wie die Millionen Blumenkübel, die den Beton verschönern.
"Am hohen Himmel stehen so viele Sterne, in unserem Land gibt es soviel Kummer", heißt es in dem koreanischen Lied "Mil-Yang arirang", das auch den Bossen des Internationalen Olympischen Komitees im Nationaltheater vorgetragen wurde - freilich ohne Text. Und die Musiker haben es ziemlich lustig heruntergefiedelt.
Trauer und Leid mögen tief verwurzelt sein im Wesen der Koreaner, wie Landeskenner
sagen. Bei Olympia haben sie keinen Platz. Wozu hat man schließlich Seoul gescheuert, gefegt und angemalt und das Elend an die Ränder verbannt?
So ist es denn offen, ob es ein listiger Kritiker des Systems war, ein besonders gedankenloser Bürokrat oder gar ein Zyniker, der unmittelbar vor dem Presseeingang der Radrennfahrer die Statue des Pakistaners Sajjad Shahid aufgestellt hat. "Frau in Verzweiflung" heißt die Figur, die auch von Käthe Kollwitz sein könnte. Noch geschockt vom hektischen "Fortschritts"-Fieber auf der Leuchttafel, ist der olympische Neuankömmling vor dieser Figur stehengeblieben wie vor einer alten Bekannten. Er hat ihr Gesicht oft gesehen - auf Photos aus Hiroschima, vom Vietnamkrieg, aus Indien nach der Bhopal-Katastrophe. Es taucht immer dann auf, wenn der in Korea olympisch verherrlichte Fortschritt uns seine tödliche Kehrseite gezeigt hat.
In der Bildmitte Staatspräsident Roh, IOC-Chef Samaranch.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 38/1988
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