10.10.1988

„Der Regierung den Stecker rausgezogen“

Die Reagan-Jahre haben die politische Landschaft der USA verändert Er gab 2,2 Billionen Dollar fürs Militär aus und schloß den ersten nuklearen Abrüstungsvertrag der Geschichte. Er setzte beispiellose Steuersenkungen durch und hinterläßt Amerika das größte Haushaltsdefizit aller Zeiten - Ronald Reagans acht Jahre im Weißen Haus sind gekennzeichnet von Widersprüchen und Superlativen. Der Starjournalist Hedrick Smith hat die Triumphe und Niederlagen der „Reagan-Revolution“ in einem Buch beschrieben. *
Für seine Anhänger war er die Lichtgestalt des Jahrhunderts. Martin Anderson, in Ronald Reagans erster Amtszeit einer der mächtigsten innenpolitischen Berater des Präsidenten, schreibt über sein Idol sub specie aeternitatis: "Es mag die höchste Ironie des 20. Jahrhunderts sein, daß nicht Trotzki und die Kommunisten eine anhaltende weltweite politische Revolution ausgelöst haben, sondern Reagan und die Kapitalisten."
Reagans erster Haushaltsminister David Stockman kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: "Amerikas Wirtschaft und Regierung sind buchstäblich zur Geisel der unglaublichen Sturheit ihres 40. Präsidenten geworden. Die Politiker der neunziger Jahre werden das Erbe der Reaganomics verfluchen."
Gegner des Präsidenten wollen nicht einmal dessen Statur gelten lassen. Thomas O'Neill, ein furchtloser Traditionsdemokrat, verfolgt Reagan noch als Pensionär mit Verachtung: "Die meiste Zeit war er nichts als ein Schauspieler, der seinen Text ablas und nicht einmal seine eigenen Programme verstand ... Seit Harry Truman habe ich jeden Präsidenten gekannt, und Ronald Reagan war zweifellos der schlechteste."
Kein Präsident der Nachkriegszeit hat so viele Kontroversen hervorgerufen wie Reagan, keiner bei seinen Anhängern aber auch so viel kämpferische Loyalität geweckt. Und keiner war, Mißerfolgen und Skandalen zum Trotz, bis zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit so beliebt.
Seine "Revolution" hatte Reagan schon in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1981 angekündigt, ihr ist er seither treu geblieben: "Die Regierung ist nicht die Lösung unseres Problems. Sie ist das Problem."
Zweistellige Inflationsraten, schwaches Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit - die Misere der Carter-Jahre werde sich auflösen, Amerika "wieder erstarken", wenn sich nur der Staat, "Washington", aus der Wirtschaft zurückziehe und der Privatinitiative freien Raum lasse.
Reagan, der immer beteuert hat, daß es sehr wohl "einfache Problemlösungen" gebe, hat die einfachste gefunden: Er zog, so der Wirtschaftswissenschaftler Jack Meyer, "der Regierung den Einkommensstecker aus der Wand".
Fast zwangsläufig entstanden dadurch jene Widersprüche, die zum Markenzeichen der Reagan-Jahre geworden sind: einerseits radikale Steuersenkungen, andererseits eine beispiellose Hochrüstung, und als Konsequenz die enormen Haushaltsdefizite.
Für den scheidenden Präsidenten und seinen Vize George Bush, der ihn als Präsident beerben möchte, geht die Rechnung auf: Steuerreform und Defizite hindern die Demokraten auf absehbare Zeit daran, ihre ureigene Klientel, die wirtschaftlich Schwachen im Land, zu bedienen.
Für Reagans Anhänger ist der Rückzug des Staates aus Wirtschafts- und Sozialpolitik ein grandioser ideologischer Sieg. Steuersenkungen in der Bundesrepublik, in Indien, Frankreich und anderswo gelten ihnen als Beleg, daß sich rund um den Erdball die Erkenntnis durchsetze, nur die Förderung des Privateigentums sei die letzte Bremse gegen die Allmacht der Regierung.
Aber sosehr Reagan die politische Landschaft der USA verändert hat, seine Erfolge führten stets dazu, daß der ideologische Schwung allmählich erlahmte.
Nachdem die Aufrüstung - als Mittel gegen die vermeintliche Schwäche Amerikas - auf den Weg gebracht worden war, nachdem Steuersenkungen und Rüstungsausgaben die Wirtschaft angekurbelt hatten, war der eigentliche Wählerauftrag für Reagan erfüllt.
Am Ende seiner zweiten Amtszeit steht er allein da. Aus dem außenpolitischen Entscheidungsapparat seiner Regierung sind Gesinnungstäter wie William Casey, Caspar Weinberger, Richard Perle und Fred Ikle verschwunden.
Oft liefen die strahlendsten Glanzpunkte seiner Regierung den Intentionen des Präsidenten zuwider. Der Abrüstungsvertrag mit den Sowjets, für ihn das Ergebnis einer Politik der Stärke, und der erfolgreiche Moskauer Gipfel mit dem kompromißbereiten Michail Gorbatschow haben bei den Amerikanern
die Frage aufgeworfen, warum Reagan die Sowjets zuvor für alle Zeit verteufelt hat. Reagan hat so das Klima für eine neue Detente-Ära geschaffen - was er ganz bestimmt nicht vorhatte, als er 1981 ins Weiße Haus einzog.
Innenpolitisch ist Reagan seit der Niederlage seiner Republikaner bei den Kongreßwahlen 1986 auf die Kooperation mit den Demokraten angewiesen. Zähneknirschend hat er Gesetze unterschreiben müssen, die ihm eigentlich zuwider sind. Relativ selten hat er von seinem Vetorecht Gebrauch gemacht.
Die Triumphe der ersten Amtszeit und die Niederlagen in der zweiten hat jetzt der Starreporter Hedrick Smith detailgenau beschrieben. Sein Buch "The Power Game", das der SPIEGEL von dieser Woche an in Auszügen druckt, zeigt beides: den großen Schwung, mit dem Reagan zunächst den Kongreß überrollte, und das Beharrungsvermögen der etablierten Washingtoner Eliten, die sich, vor allem in der zweiten Amtsperiode, wieder behaupten konnten.
Smith hat die Reagan-Jahre als Chefkorrespondent der "New York Times" in Washington erlebt. Jahrelang hat es der Präsident verstanden, Emotionen gegen dieses "Washington" hervorzurufen. Ihm stand dabei nicht nur seine Ausstrahlung, sondern auch der Propaganda-Apparat seiner Regierung zur Verfügung. "The Power Game" ist eine notwendige Gegendarstellung.

DER SPIEGEL 41/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Der Regierung den Stecker rausgezogen“