14.11.1988

„Mit ein paar Mark bist du König in Polen“ SPIEGEL-Redakteur Bernd

Dörler über „Solidarnosc“ und die Werftarbeiter in Danzig
Samstag, zwei Uhr mittags, auf der Leninwerft: " . . . und wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen ein schönes Wochenende. Wir sehen uns wieder Montag früh um sechs", schnarrt, unterlegt von Tanzmusik, eine weibliche Stimme aus Dutzenden Lautsprechern. Hastig drängen die Werktätigen zu den beiden Haupttoren. Gegen die beißende Novemberkälte haben viele ihre Wollmützen tief über die Ohren gezogen.
Minuten später liegt das Werftgelände ruhig und verlassen da. Nur in einer Baracke am Ostende der Werft ist noch nicht Feierabend. Über eine glitschige und gefährlich schwankende Eisentreppe ist das Büro von Stanislaw Wanczuk erreichbar: ein schlechtgeheizter Raum, ein Schreibtisch, darauf ein gelbes Telephon, vier Sessel.
Es ist eine Außenstelle des Danziger Arbeitsamtes, Wanczuk ihr Leiter. Unmittelbar, nachdem Warschau die Schließung der Leninwerft zum 1. Dezember bekanntgegeben hatte, richtete er seine Filiale ein. Stolz führt Wanczuk den Besucher durch ein unmöbliertes Nebenzimmer. An den Wänden kleben Dutzende Stellenausschreibungen.
Da bietet die Werft Pariser Kommune im nahen Gdingen gleich 1000 Jobs an, zu, so das Plakat, "interessanten und attraktiven Löhnen". Die Danziger Sanitärfirma Jantex hat "ab sofort" 200 Arbeitsplätze zu vergeben, mit Löhnen "bis zu 80 000 Zloty". Insgesamt, behauptet Wanczuk, könne seine Behörde den von der Schließung bedrohten Werftarbeitern "praktisch von heute auf morgen" 5000 Stellen anbieten.
Deshalb, sollte man meinen, müsse es so kurz nach Feierabend in der Baracke nur so wimmeln von Jobsuchenden.
Doch Stanislaw Wanczuk und seine beiden Mitarbeiterinnen bekommen an diesem Samstag mittag nichts zu tun. Das sei "normal", sagt der staatliche Arbeitsplatz-Vermittler. Seit Öffnung der Außenstelle vor zwei Wochen hätten "vielleicht 20 Leute vorbeigeschaut", und von denen habe sich nicht einer vermitteln lassen. Wieso eigentlich? Schließlich stehen ja demnächst 10 000 Werft-Beschäftigte vor der Kündigung. Wanczuk zuckt mit den Achseln: "Vielleicht glauben sie nicht, daß es die neuen Stellen gibt."
Ist er denn sicher, daß die angebotenen Jobs auch tatsächlich verfügbar sind? Nochmaliges Achselzucken: "Weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß meine Behörde sie anbietet."
Die Frage ist für Janusz Neumuller, 44, längst beantwortet. Der Monteur, verheiratet, drei Kinder, seit 25 Jahren auf der Werft: "Die Behörden können mir erzählen, was sie wollen. Sie bescheißen uns ja doch nur." Beweis: Die wirtschaftliche Situation der Pariser-Kommune-Werft, die so großzügig Posten offeriert, sei "noch wesentlich schlimmer als die in der Leninwerft".
Neumuller baut mit seiner Kolonne gerade an einem Bananenkühlschiff, Auftragsnummer 364/5, 10 000 Bruttoregistertonnen schwer. Dieser Auftrag, glauben seine Kollegen und er, werde ohnehin noch Arbeit bis weit ins nächste Jahr garantieren. Auch dann, meint er, wird es "irgendwie weitergehen".
Neumuller ist wie die meisten in der Werft Mitglied der 1980 in der Lenin-Werft gegründeten und später verbotenen freien Gewerkschaft "Solidarnosc". Damals, in den turbulenten Monaten vor der Ausrufung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981, träumte er wie Millionen andere Polen von einer besseren Zukunft - "Solidarnosc" und Lech Walesa sollten sie ermöglichen.
Der Traum ist zerplatzt. Neumuller: "Mit dem Kriegsrecht haben uns die Herrschenden gezeigt, wie weit sie uns vorpreschen lassen. Und Solidarnosc hat uns gezeigt, wie wenig sie verwirklichen kann." Auf die Straße gehen wie damals würde er "nie wieder", denn "wenn wir ehrlich sind, haben wir doch keine Chance".
Seine Haltung ist symptomatisch für viele einst glühende "Solidarnosc"-Anhänger, die sich um ihre letzte Hoffnung auf eine bessere Zukunft betrogen fühlen.
Statt wie früher zu streiken und nächtelang in verqualmten Räumen leidenschaftlich über Polens Schicksal zu diskutieren, streifen Neumuller und seine Frau Anna nun lieber durch die nahen kaschubischen Wälder, um Beeren und Pilze zu sammeln.
Anders der Schweißer Jurek Lodinski, 21, der in Neumullers Kolonne auf dem Bananendampfer arbeitet. "Natürlich" hat er vergangenen Dienstag an dem wilden Streik zum Protest gegen die Werft-Schließung teilgenommen - da konnte er wenigstens "den Zorn herausschreien auf diesen Staat, der uns so schlecht behandelt".
Unter der Drohung, er werde zurücktreten, hatte Walesa die Kollegen ersucht, den wilden Streik abzusagen. Lodinski streikte trotzdem. Denn der weltberühmte Friedensnobelpreisträger Lech Walesa ist für viele Altersgenossen Lodinskis längst keine Autorität mehr - er und seine "Solidarnosc" gehören "zu einer anderen Generation, die dumm genug war, Hoffnung zu haben".
Walesa rede schon wie "die Parteibonzen in Warschau", vom "runden Tisch, gesellschaftlichem Pluralismus und all dem Gefasel". Ab und zu sehe er in den Fernsehnachrichten, daß Walesa auf der Werft war - "aber nicht zum Arbeiten"; ansonsten sei der große Gewerkschaftsführer "ja dauernd im Krankenstand".
Jurek Lodinski hat nicht mehr die "dämlichen Illusionen meiner Eltern, ich erhoffe von diesem Staat nichts mehr. Er läßt mich 20 Jahre auf eine Wohnung warten, vom Lohn kann ich nichts Vernünftiges kaufen, das ist kein richtiges Leben".
Das richtige Leben, das sei im Westen.
Umringt von seinen Arbeitskollegen im halbfertigen Rumpf des Bananendampfers erzählt er von seinem Kumpel Mischa, der diesen Sommer drei Monate lang in einer Gärtnerei bei Konstanz gearbeitet habe, schwarz natürlich. Zurück in Danzig habe er ihn und zwei andere Freunde ins Lokal "Goldenes Hufeisen" ausgeführt, wo sonst Parteifunktionäre, Geschäftsleute und Touristen speisen. Es gab Chateaubriand und deutsches Dosenbier. Die Rechnung belief sich dann auf 150 000 Zloty, "soviel wie ich in drei Monaten gerade verdiene", staunte Lodinski.
Freund Mischa zahlte locker mit drei Fünfzig-Mark-Scheinen. Der Wirt sei so entzückt gewesen, daß er sie, besoffen wie sie waren, eigenhändig nach Hause kutschiert habe.
Schweißer Lodinski: "So ist das im schönen Polen. Mit ein paar Mark bist du König, mit ein paar Zloty der letzte Dreck."
Trotz aller Resignation gegenüber Staat und Gesellschaft - an seinem 18. Geburtstag hat sich der junge Werftarbeiter wie fast jeder Pole bei einer Wohngenossenschaft registrieren lassen und 200 000 Zloty angezahlt. Damit erwarb er den Anspruch auf eine Wohnung zwischen 35 und 50 Quadratmetern - realisierbar irgendwann in ferner Zukunft.
Der Installateur Boguslaw Reicz, 32, wartet seit 18 Jahren auf eine eigene Wohnung. Obwohl seit 1979 verheiratet und mittlerweile Vater von zwei Söhnen, hat Reicz bislang noch immer keine Zuteilung bekommen. Einmal im Jahr fragt er bei der Genossenschaft nach. Die Antwort ist immer gleich: "Komm nächstes Jahr wieder, vielleicht klappt es dann."
Natürlich weiß Reicz von diskreten Tricks, den Amtsweg zu beschleunigen. Nur: Devisen hat er keine und mit Zloty "kannst du nicht einmal einen Vollidioten bestechen".
Seit einem Unfall in seiner Militärzeit ist Reicz arbeitsunfähig. Seine Rente - 20 000 Zloty (auf dem Schwarzmarkt der Gegenwert von 20 Mark) ist nur ein Zubrot, das Geld verdient seine Frau Monika, 34, als Kranführerin auf der Leninwerft.
Sie bewohnen seit ihrer Heirat ein Zimmer im "Hotel robotniczy", einem "Arbeiter-Hotel", wie die Geschäftsleitung der Leninwerft die Massenquartiere verlegen-verlogen bezeichnet. In heruntergekommenen Wohnblocks, auf engem Raum zusammengepfercht und mit selbst für polnische Verhältnisse miserablen sanitären Einrichtungen ausgestattet, bringt die Werft hier einen Teil jener Arbeiter unter, die auf die Wohnungszuteilung warten.
1900 Zloty Monatsmiete zahlt die Reicz-Familie für ihr Zimmer Nummer 214, gerade 15 Quadratmeter groß. Für 20 Familien gibt es eine Gemeinschaftsküche, zwei Duschen und zwei Toiletten.
Soziale Konflikte sind programmiert: Die strenge Hausordnung, von einem "Portier" überwacht, verbietet den Kindern das Spielen auf dem Gang. Und Spielplätze gibt es nur wenige hier, im schmutzig-grauen Arbeiterviertel Wrzeszcz, nahe der Leninwerft.
Aggressionen entladen sich häufig in Schlägereien, Alkohol ist dabei meist im Spiel. Häufig kommt die Miliz ins Arbeiter-Hotel an der Raclawicka-Straße. Reicz: "Oft schäme ich mich, daß ich meinen Söhnen dies alles zumuten muß."
Durch seine Dauerinvalidität ist er in der Lage, ganztägig die Kinder zu betreuen - so kann Ehefrau Monika reichlich Überstunden machen. Dennoch: Im Urlaub waren sie seit ihrer Hochzeit nicht mehr. Ihr Ziel für die nahe Zukunft: den Söhnen eine solide Ausbildung zu ermöglichen und "daß die beiden es möglichst früh schaffen, aus Polen abzuhauen". Denn: "Wir können ihnen hier nichts bieten."
Samstag, sechs Uhr abends, im Pfarrhaus der Brigitta-Kirche in Danzig: Im Backofen brutzeln vier knusprige Enten, denn Pfarrer Henryk Jankowski, 51, hat prominente Gäste: die einflußreichsten Köpfe der polnischen Opposition, angeführt von Lech Walesa, dessen Beichtvater Jankowski seit Jahren ist.
Für viele Polen, auch innerhalb des Episkopats, gilt Jankowski als eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren des organisierten Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Die Wirkung seiner beachtlichen rhetorischen Fähigkeiten, die er jeden Sonntag bei der Predigt in seiner stets vollbesetzten Kirche ausspielt, werden überschattet von einem unchristlichen Charakterzug: Geltungssucht und Eitelkeit.
Die Oppositionsführer, die sich im Salon seiner Pfarrei bei Kaffee und Süßigkeiten unterhalten, sitzen in unbequemen Eichenstühlen unter mächtigen Ölbildern, die meist den Hausherrn verewigen: mal mit Walesa, mal mit Polen-Papst Karol Wojtyla oder mit dem legendären, 1981 verstorbenen, Primas Stefan Wyszynski.
Geschäftig pendelt Vater Jankowski zwischen der Herrenrunde im Salon und seinem angrenzenden Büro, in dem eine Telexmaschine tickert. Dem SPIEGEL überreicht er - "riechen sie mal, ganz neu" - einen druckfrischen Bogen roter "Briefmarken" einer Untergrunddruckerei. Sie zeigen das Konterfei des Priesters mit der Aufschrift: "Haltestelle der Unabhängigkeit - Brigitta-Kirche." Jankowski: "Was glauben Sie, wie das die Partei ärgert."
Für den Priester ist die deutliche Abwendung vieler einstiger "Solidarnosc"-Anhänger von der Gewerkschaft, ihr Rückzug ins Privatleben und in die innere Emigration "durchaus etwas Gesundes". Denn: "Wer jetzt mit uns ist, gehört zur Elite. Wir haben eine harte Probezeit durchgemacht. Nun haben sich Spreu und Weizen getrennt. Der Schrott ist weg."
Auch die wachsende Kritik an der Entfremdung der "Solidarnosc"-Spitze von der Arbeiterschaft will der Geistliche nicht erkennen: "Das sind Unwissende und Neider. Wenn die wüßten, wie hart wir für sie arbeiten. Wir kommen kaum mehr zum Schlafen und zum Essen." #
Von Bernd Dörler

DER SPIEGEL 46/1988
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