26.09.1988

„Die Atomwaffe des kleinen Mannes“

Der Westen entsetzt sich über die Giftgas-Angriffe der Iraker gegen die Kurden. Amerikaner und Sowjets können sich nicht auf ein Verbot chemischer Waffen einigen. Kampfstoffe, zumal wenn sie mit Raketen verschossen werden, könnten zur Atombombe für arme Länder werden. Die Verbreitung der C-Waffen scheint unaufhaltsam. *
Das Düsengeheul irakischer Kampfbomber, die über den Bergkämmen auftauchten, warnte die Dorfbewohner. So war es auch früher schon gewesen: Vor den Splittern und dem Trümmerhagel der berstenden Sprengbomben suchten sie Deckung in ihren Häusern, in Höhlen und Kellern.
Der ersten Angriffswelle folgten weitere Flugzeuge. Doch die Last, die sie abwarfen, schien harmlos. Zu hören war nur der gedämpfte Knall kleiner Sprengladungen, von denen Blechbehälter in Bodennähe zerrissen wurden.
Schweren Schaden richteten diese Detonationen offenbar nicht an. Die meisten trafen ohnehin nicht das Dorf, sondern explodierten über den angrenzenden Berghängen.
Aber dann spürten die Menschen in ihren Verstecken ein Brennen in den Augen, sie wurden von heftigem Hustenreiz und von Krämpfen geschüttelt. Für die meisten war es schon zu spät, um noch fliehen zu können. Giftgas, unsichtbar und geräuschlos, hatte den Kurden den Tod gebracht.
Wer noch laufen konnte, rannte in Panik - direkt in den Tod: Von den Berghängen wälzten sich, schwerer als Luft, Senfgas und Nervenkampfstoffe ins Dorf.
So erzählten es in den vergangenen Wochen immer wieder Flüchtlinge, die davongekommen waren. Was Bombenangriffe, Strafexpeditionen und Verfolgung durch die arabischen Herrscher in Bagdad in Jahrzehnten blutiger Freiheitskämpfe nicht vermocht hatten, schaffte der lautlose Tod binnen Wochen: Wehr- und schutzlos retteten sich die irakischen Kurden vor dem drohenden Völkermord zu Zehntausenden in die benachbarte Türkei.
Den Einsatz chemischer Waffen in ihrem achtjährigen Krieg gegen den Iran hatten die Iraker bereits eingeräumt. Auch gegen die von Kurden bewohnte nordirakische Stadt Halabdscha setzten sie Giftgas ein, nachdem der Ort im März vom Feind eingenommen worden war. Doch jetzt bestritt Bagdad den Gebrauch der Horror-Waffen.
US-Geheimdienste glaubten im abgehörten Funkverkehr irakischer Piloten Beweise für das furchtbare Verbrechen gefunden zu haben. Die Behauptung der Türken, sie hätten bei den unterdessen rund 100 000 kurdischen Flüchtlingen keine Giftgas-Schäden gefunden, überzeugte nicht: Vergangene Woche stellten unabhängige Ärzte gleich reihenweise die klassischen Symptome fest.
Daraufhin bekannten sich auch türkische Ärzte zur Gift-Diagnose und offenbarten, auf "Druck von oben" hätten sie bei den Opfern nur "Unterernährung" feststellen dürfen. Ankara, das es mit den Nachbarn im Süden nicht verderben mag, wies zudem seine Grenzwachen an, Verletzte in Militärkrankenhäusern vor der Öffentlichkeit zu verstecken.
Der Westen protestierte pflichtschuldig, die USA drohten dem Irak gar Wirtschaftssanktionen an. Doch die Empörung wirkte heuchlerisch: Denn zur gleichen Zeit, als die irakische Armee die Kurden abschlachtete und die terrorisierten Überlebenden umsiedelte, mußten 40 Staaten der Welt, darunter die Supermächte und alle führenden Industrienationen, ihre Ohnmacht vor der drohenden Ausbreitung der C-Waffen-Gefahr bekennen.
Noch vor Jahresfrist hatte es so ausgesehen, als könnte die Genfer UN-Konferenz
ihre jahrzehntelangen Verhandlungen binnen kurzem mit einem umfassenden Verbot der Herstellung, Lagerung und Verwendung von Giftwaffen abschließen. Die Sowjets, die sich lange weigerten, den Besitz chemischer Waffen zuzugeben, kamen den USA weit entgegen.
Als sie sogar der amerikanischen Forderung nach scharfen Kontrollen von Chemiefabriken zustimmten und Beobachter aus 44 Staaten zu einer Demonstration ihres Arsenals in die Sowjet-Union luden, schien der Durchbruch geschafft.
Aber Ende August eröffnete Ronald Reagans Chefabrüster Max Kampelman den europäischen Nato-Partnern, die USA sähen keinerlei Aussicht mehr für das Zustandekommen eines Vertrags. Grund: Die Einhaltung eines Verbots sei nicht zu kontrollieren.
Amerikas Chemie-Industrie, die sich gegen rigorose Kontrollen wehrt, weil sie - wie früher die Sowjets - Werkspionage fürchtet, war erleichtert. Ein Vertrag scheint vollends außer Reichweite, seit sich auch in Moskau plötzlich wieder Skepsis breitmacht.
Zweifellos nährte Bagdads Giftkriegsführung das Unbehagen der amerikanischen C-Waffen-Unterhändler. Die Leichtigkeit, mit der sich der Irak auf dem internationalen Chemiemarkt mit Grundstoffen und Produktionsanlagen für seine Giftküchen versorgen konnte, verstärkte die Zweifel an der Kontrollierbarkeit eines C-Waffen-Verbots.
Das belgische Tochterunternehmen der amerikanischen Phillips Petroleum Company beispielsweise hatte 1983 Bagdads Staatsfirma für Pestizid-Produktion (SEPP) 500 Tonnen Thiodiglykol verkauft. Wenn dieser Stoff mit Salzsäure reagiert, entsteht das gefürchtete Senfgas - Hauptbestandteil des irakischen Giftgas-Arsenals.
Etwa zur gleichen Zeit fing der US-Zoll auf dem New Yorker Kennedy Airport in letzter Minute 74 Barrel Kaliumfluorid ab, Empfänger: SEPP. Die Chemikalie ist Grundstoff für Sarin, eines der gefährlichsten Nervengifte, von dem schon fünf Milligramm auf einen Kubikmeter Luft verteilt zum Tod führen können.
Europäische Hersteller, deutsche voran, sollen nach US-Erkenntnissen den Irakern zu Produktionsanlagen für Nervengase verholfen haben. Spezialteile einer vom deutschen Laboreinrichter Karl Kolb arglos gelieferten Anlage für Schädlingsbekämpfungsmittel dienen angeblich der Sarinherstellung.
In der Bundesrepublik untersucht die Staatsanwaltschaft derzeit fast eine Tonne Geschäftsunterlagen über Chemielieferungen von 13 bundesdeutschen Firmen in den Nahen Osten.
Die Nachfrage ist weltweit groß - und kaum zu stoppen: Chemie ist zum wichtigsten Hilfsmittel der Landwirtschaft geworden, chemische Produkte sind Hauptrohstoff für viele Industrien, umfangreiche Chemiekomplexe entstanden in vielen Ländern.
Das Stockholmer Institut für Friedensforschung Sipri zählt im C-Waffen-Klub mittlerweile 37 Nationen. Amerikanische Militärgeheimdienstler lassen keinen Zweifel daran, daß außer dem Irak und dem Iran noch viele andere Länder in Krisenregionen über C-Waffen verfügen: Israel, Ägypten, Syrien, Libyen, Nordkorea, Südkorea und Taiwan.
Die Produktionsmethoden der Chemie-Industrie sind so komplex, daß Kampfgiftherstellung in zivilen Anlagen kaum verhindert werden kann. Es gilt der Spruch eines C-Waffen-Experten: "Zwischen dem Töten von Insekten und dem Töten von Menschen besteht technisch kaum ein Unterschied."
End- oder Zwischenprodukte der modernen chemischen Industrie sind oft so giftig, daß sie als C-Waffen eingesetzt werden könnten, sollte die gezielte Waffenproduktion unterbunden werden. Das Chemo-Gift Dioxin etwa verseuchte 1976 bei Seveso einen ganzen Landstrich.
"Wie soll man Gifte kontrollieren, von denen ein paar Gramm die Wasserversorgung einer Großstadt verseuchen können?" klagte in Genf ein amerikanischer Unterhändler. Schon normale Produktionsrückstände sind vielfach so gefährlich, daß ihre Endlagerung weltweit zum Problem wird. Mit Giftmüll beladene Schiffe versuchen in manchmal jahrelangen Irrfahrten vergebens, ihre Fracht loszuwerden.
Seit am 22. April 1915 vor dem belgischen Ypern deutsche Pioniere die Ventile von 5000 Chlorgasflaschen öffneten und der vom Wind gen Westen getriebene weißblaue Todesnebel 5000 ahnungslose französische Soldaten tötete und die doppelte Anzahl verletzte, gilt der Giftgasangriff als besonders heimtückisches Mittel der Kriegführung.
Das Entsetzen über rund 90 000 Gastote des Ersten Weltkriegs war Anlaß für die 1925 in Genf vereinbarte Ächtung der "höheren Form des Tötens", wie der Gaskriegpionier Professor Fritz Haber 1918 in seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Chemie den C-Waffen-Einsatz nannte.
"Im Krieg", so steht es im Genfer Protokoll, sollte die Verwendung dieses ersten Massenvernichtungsmittels verboten sein. Mithin nicht bei Auseinandersetzungen im Innern, folgerten zynisch Regierungen in aller Welt, die zu Hause oder in ihren Kolonien gegen Aufständische kämpften.
Der Irak ist keineswegs der erste Staat, der das Tabu brach. Die Spanier warfen schon 1925 Restbestände aus dem Weltkrieg über rebellierenden Marokkanern ab. Japaner griffen während der dreißiger Jahre in der Mandschurei mehr als 800mal zu Giftgas. Und die Italiener unter Mussolini bekämpften die Äthiopier _(Im Oktober 1987 in Schikani. )
des Negus Haile Selassie später ebenfalls mit C-Waffen.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf Giftstoffe nicht verzichtet. Ob in Vietnam, Jemen, Angola, Äthiopien, Afghanistan oder Kambodscha - wo immer Aufständische bekämpft wurden, kam bald der Verdacht auf, daß C-Waffen eingesetzt wurden. Oft genug wurde es bewiesen.
Unzählige Varianten immer giftigerer, immer schneller wirkender Kampfstoffe wurden entwickelt. Die neueste Technik, seit vorigen Dezember von den USA bei der Produktion ihrer Giftgranaten verwendet: Zwei für sich relativ harmlose Substanzen mischen sich erst bei der Explosion über dem Feind zum sekundenschnell wirkenden Todesgift.
In Kriegen zwischen gleichrangigen Gegnern kamen C-Waffen nicht mehr zum Einsatz. Das Gleichgewicht des Schreckens schien selbst im Zweiten Weltkrieg ihre Anwendung zu verbieten. Hitler hatte es nicht gewagt, die eingelagerten 12 000 Tonnen seines neuentwickelten, hochgiftigen Nervenkampfstoffes Tabun einzusetzen - aus der (irrigen) Angst, die Alliierten hielten ähnliche Vorräte zur Vergeltung bereit. Auf die abschreckende Wirkung eigener Kampfstoffe bauen deshalb viele Gegner eines C-Waffen-Verbots.
Als der Irak im Golfkrieg aus Furcht, von den iranischen Massen überrannt zu werden, immer häufiger zur Giftwaffe griff, hielt sich die internationale Besorgnis in Grenzen. Kampfstoffe, so dachte man, würden vom Irak ja nur als letztes Mittel gegen einen Feind eingesetzt, den im Westen niemand siegen sehen wollte. Das schien dem Weltgewissen halbwegs legitim.
Doch in der Endphase des acht Jahre langen Schlachtens, so urteilt die Fachzeitschrift "Europäische Wehrkunde" in ihrem September-Heft, nutzte der Irak seine C-Waffen erstmals offensiv: "In den letzten größeren Offensiven dieses Jahres wurde wohl fast regelmäßig der Durchbruch nach Vorbereitung mit Gas erzielt. Dies kann einer der Hauptgründe für die dramatisch reduzierte Kampfmoral der Iraner im Frühjahr gewesen sein."
Iraks Erfolge mit chemischer Hilfe könnten, so fürchten die Wehrkundler, "als neue Art der Auseinandersetzung in der Dritten Welt etabliert" werden, "denn nichts ist überzeugender als der Erfolg".
Zwar hat der Irak C-Waffen noch nicht auf jene Raketen montiert, mit denen er iranische Städte beschoß. Aber die Ausbreitung der Raketentechnologie in Schwellenländern hat in den USA die Befürchtung ausgelöst, daß C-Waffen, die "Atomwaffe des kleinen Mannes", bald auch gegen die Industrienationen gerichtet werden könnten. Amerikas Weltpolizisten, die Marines, werden schon verstärkt gegen Gasangriffe gedrillt.
Zur Risikobegrenzung treffen sich seit 1985 Experten aus 19 westlichen Ländern, um den Export von Grundstoffen und Anlagen für die C-Waffen-Produktion zu verhindern. Und am 8. und 9. September berieten in Rom Vertreter der sieben großen Industrienationen über Möglichkeiten, die Ausbreitung von Raketen-Know-how zu verhindern. Neben den wenig treffsicheren Uralt-Raketen, die Moskau an viele Länder des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas verkauft hat, gelangen immer leistungsstärkere und zielgenauere Umbauten und Neuentwicklungen auf den Markt.
China belieferte kürzlich Saudi-Arabien mit Mittelstreckenraketen. Brasilien drängt mit seiner Raketenfamilie "Sonda" auf den Markt. Indien erprobte kürzlich die "Prithvi"-Rakete. Israel schickte vergangene Woche den ersten nahöstlichen Satelliten auf seine Umlaufbahn - mit einer Rakete, die mühelos auch einen chemischen oder gar atomaren Sprengkopf über 1000 Kilometer weit tragen könnte (siehe Seite 165).
Diese "besorgniserregende Entwicklung" (US-Außenminister George Shultz) veranlaßte die Amerikaner schon dazu, ein Horrorszenario zu entwerfen: Gaddafis Libyen, das - angeblich mit japanischer Hilfe - bereits C-Waffen produziert und auch schon im Tschad eingesetzt hat, erhält von Argentinien die mit irakischer und ägyptischer Hilfe gebaute Condor 2. Die Zwei-Stufen-Rakete könnte C-Waffen weit in die nahöstliche Krisenregion transportieren - und auch gegen die amerikanische Mittelmeerflotte abfeuern.
Im Oktober 1987 in Schikani.

DER SPIEGEL 39/1988
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