17.10.1988

ZEITGESCHICHTEHalbe Wahrheit

Rechtsdenker von heute porträtieren Rechtsdenker von gestern - und unterschlagen die braunen Jahre in den Lebensläufen. *
Blut muß Geist, Geist muß Blut werden ... Weil der Geist verfallen kann, darum muß das Blut den Geist wagen. Der Geist aber wird nur gewinnen, wo er sich aus dem Blute erneuert."
Dieser Nonsens stammt aus der Feder eines Rechtsphilosophen, der bis in die Gegenwart viele Studentengenerationen geprägt hat: Karl Larenz, 85, einst Ordinarius in Kiel und München.
Die mystischen Beschwörungen hat der junge Professor Larenz 1934 unter dem Titel "Volksgeist und Recht" veröffentlicht. Mit seiner Blut-und-Geist-Ideologie stützte Larenz die mörderische Politik der Nazis. So schlug er etwa eine Neufassung des Bürgerlichen Gesetzbuches vor: "Rechtsgenosse ist nur, wer Volksgenosse ist; Volksgenosse ist, wer deutschen Blutes ist."
Larenz ließ keinen Zweifel, wie das gemeint war: "Wer außerhalb der Volksgemeinschaft steht, steht auch nicht im Recht." Hitlers KZ-Schergen hatten ihren wissenschaftlichen Kronzeugen.
Die rassistischen Lehren des jungen Larenz von der "blutsmäßigen Bedingtheit des Volkstums" werden in der Sammelbiographie verschwiegen, die der größte juristische Verlag der Republik, C. H. Beck, zum 225jährigen Bestehen herausgegeben hat _("Juristen im Porträt". C. H. Beck. ) _(München 1988; 758 Seiten; 58 Mark. ) : Rechtsdenker von heute würdigen darin die Rechtsdenker von gestern und unterschlagen zumeist die Jahre zwischen 1933 und 1945.
Porträtiert werden 71 Koryphäen der Jurisprudenz - solche, die nur den Vertretern ihres Fachs geläufig sind, und solche, die über die Rechtswissenschaft hinaus bekannt sind. Ob ihre Publikationen nur angepaßt oder stramm faschistisch waren - der Leser erfährt es nicht.
Ausgespart werden wichtige Fakten: etwa daß sich der bekannte Strafrechtskommentator Eduard Dreher als Staatsanwalt beim Sondergericht Innsbruck profilierte - mit Anträgen auf Todesstrafe für "Volksschädlinge", die Bagatelldelikte begangen hatten. Über den Völkerrechtler Friedrich Berber, einst Berater des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop und Mitglied der faschistischen "Akademie für Deutsches Recht", heißt es beschönigend: Er sei "in vielfältige Beziehungen zu den damaligen Machthabern" geraten. Der Biograph, der Berliner Staatsrechtsprofessor Albrecht Randelzhofer, fühlte sich "nicht berufen, darüber selbst ein Urteil zu fällen".
Juristen legen keine Geständnisse ab, sondern geben nur zu, was nicht mehr zu bestreiten ist. So haben sie es gelernt. Deshalb kam nach dem Krieg nur bruchstückhaft ans Licht, wie sich Rechtsgelehrte im NS-Staat verhalten hatten.
Als etwa bekannt wurde, daß sich Spitzenbeamte im Bundesjustizministerium, während der Amtszeit von Kanzler Konrad Adenauer aufgestiegen, schon im Dritten Reich ihre Meriten beim Kampf gegen die deutsche Linke erworben hatten, waren die meisten bereits pensioniert. Richter, die tödliche Unrechtsurteile gesprochen hatten, durften sich wohldotiert in den Ruhestand zurückziehen. Auch die Kollegen mit dem Dolch unter der Robe kamen glimpflich davon: Alle Mitglieder des Volksgerichtshofs gingen straffrei aus.
So ist kaum verwunderlich, daß auch die Biographie eines Altersgenossen von _(Als bayrischer CSU-Kultusminister. )
Larenz, des bekannten Grundgesetzkommentators Theodor Maunz, 87, unvollständig ist.
Maunz wie Larenz haben im Nachkriegsdeutschland wissenschaftliche Karriere gemacht. Ihnen hat nicht geschadet, daß sie den NS-Machthabern zu Diensten waren. "Solange die Polizei den Willen der Reichsführung vollzieht", so Maunz 1943, "handelt sie rechtmäßig." Und noch deutlicher: "Der Auftrag des Führers ist schlechthin das Kernstück des geltenden Rechtssystems und seinem innersten Wesen verbunden."
Schon Jahre zuvor hatte Larenz "dem Führer" einen juristischen Freibrief ausgestellt: "Niemand anders" als Hitler könne "die letzte Entscheidung darüber fällen, ob eine bestimmte Regelung gelten" solle oder nicht. Hitler gegenüber bedürfe es "keiner Garantie für die Wahrung der Gerechtigkeit". Denn er sei "kraft seines Führertums der ,Hüter der Verfassung'', das heißt der ungeschriebenen konkreten Rechtsidee seines Volkes".
Die Biographen von Larenz und Maunz sind bekannte Professoren der Nachkriegsgeneration: Über Larenz schrieb Uwe Diederichsen, 55, Kommentator des Familienrechts und Ordinarius in Göttingen; den Beitrag über Maunz verfaßte Peter Lerche, 60, Staatsrechtslehrer in München, bekannt geworden als Vertreter von 193 Unionsabgeordneten beim Abtreibungsprozeß vor dem Karlsruher Bundesverfassungsgericht 1974.
Beide haben die braunen Jahre offenkundig aus Verehrung für die akademischen Lehrer ausgespart. Zu den Lücken erklärt Lerche, er halte eine "gerechte und sinnvolle Würdigung in diesem Rahmen" für unmöglich. Und Diederichsen hatte "vor allem die Leistungen von Larenz als Autor des Beck-Verlages" würdigen wollen.
Wer über Larenz und Maunz vollständige Daten erfahren will, muß auf andere Quellen ausweichen. So hat Bernd Rüthers, 58, Rechtsprofessor aus Konstanz, akribisch die Quellen für die Perversion des Rechts unter Hitler aufgespürt _("Entartetes Recht - Rechtslehren und ) _(Kronjuristen im Dritten Reich". C. H. ) _(Beck, München 1988; 226 Seiten; 29,80 ) _(Mark. ) - kurioserweise ebenfalls im Verlag C. H. Beck. Bei seinen Kollegen hat er damit nicht nur Freunde gewonnen.
Die Nachwelt müsse sich "erinnern", fordert Rüthers, "schon um der Opfer willen". Rüthers sieht zwar die Gefahr, "im nachhinein fremde Moral einzufordern", die Chronistenpflicht aber verlange, "ehrlich und vollständig" zu sein. Er ist bei seinen Recherchen über deutsche Juristen auf "vorsätzliche und grob fahrlässige Erinnerungslücken" gestoßen. Sein Fazit: "Die halbe Wahrheit ist in der Regel eine grobe Unwahrheit."
Das Verdikt, wenige Monate vor Erscheinen des Jubiläumsbandes geschrieben, paßt auch auf die Porträts von Larenz und Maunz. Beide waren Teilnehmer am "Kitzeberger Lager junger Rechtslehrer", in dem unter Führung der juristischen "Stoßtrupp-Fakultät" (NS-Jargon) in Kiel die "nationalsozialistische Rechtserneuerung" betrieben wurde.
Bei seinen Quellenforschungen stieß Rüthers auf Protokolle einer Professorentagung im Oktober 1936 unter dem Titel "Die deutsche Rechtswissenschaft im Kampf gegen den jüdischen Geist", einer der Referenten war "Prof. Dr. Maunz, Freiburg". Die Tagung "kulminierte",so Rüthers, in einem "Gelöbnis": Die Rechtslehrer versprachen sich gegenseitig, "bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten jüdische Schriftsteller nur, soweit dies zur Vermeidung eines Plagiats notwendig ist, und nur mit der ausdrücklichen Erwähnung, daß es sich um Juden handelt, zu zitieren und dasselbe auch von ihren Studenten zu verlangen".
Lerche dagegen nimmt Maunz, der 1957 für die CSU bayrischer Kultusminister geworden war und sieben Jahre später zurücktreten mußte, in Schutz. Er habe "keinen der Umstände, die ihm, aus dem zeithistorischen Zusammenhang herausgerissen, zur Last gelegt wurden, vor seiner Ernennung verschwiegen". Und Diederichsen verbrämt die schuldhafte Verstrickung der NS-Juristen mit der altbekannten Behauptung, die Nazis hätten "eine ganze Nation in ihrem Glauben und in ihrer Einsatzbereitschaft" getäuscht, diese "bitteren Erfahrungen" habe auch Larenz machen müssen.
Nach Diederichsen und Lerche waren Larenz und Maunz überragende Wissenschaftler, der eine als Rechtstheoretiker, der andere als Verfassungsrechtler. Zu den Porträtierten hatten und haben die Biographen enge Kontakte. Außer ihnen dürfte kaum noch jemand in der Lage sein, die Widersprüche im Leben von Larenz und Maunz zu erhellen. Die Frage, wie es möglich war, daß beide zunächst ein Unrechtssystem mit wissenschaftlichen Thesen legitimiert und später die Jurisprudenz in der Bundesrepublik mit beachtlichen Werken beeinflußt haben, wird nicht beantwortet.
Ein anderer Autor des Juristenbandes vermied zumindest, mit der halben Wahrheit zu operieren. Der Heidelberger Karl Doehring, 69, porträtierte eine ebenfalls belastete Größe seines Fachs: den Verwaltungsrechtler Ernst Forsthoff, der die Juden als "Fremdlinge" im eigenen Staat klassifiziert hatte. Forsthoff habe, so Doehring, "einem unseligen Zeitgeist" nachgegeben. Er sei sich später "dieses juristischen, politischen und auch menschlichen Fehlers bewußt" gewesen.
Für die unterschiedliche Distanz zu den Porträtierten hatten Teilnehmer des Juristentages in Mainz Ende September eine einleuchtende Erklärung: Forsthoff ist tot, Larenz und Maunz leben.
"Juristen im Porträt". C. H. Beck. München 1988; 758 Seiten; 58 Mark. Als bayrischer CSU-Kultusminister. "Entartetes Recht - Rechtslehren und Kronjuristen im Dritten Reich". C. H. Beck, München 1988; 226 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 42/1988
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