29.08.1988

LUFTVERKEHRRosinen picken

Bekommt die Lufthansa im Inland wirklich Konkurrenz? Eine kleine Charter-Gesellschaft will im Herbst Linien-Jets einsetzen. *
Es ist der 31. Oktober 1988, ein Montag. In aller Frühe, um 6.50 Uhr, startet auf dem Frankfurter Flughafen eine Passagiermaschine des Typs DC-9 Richtung Hamburg, der erste Linien-Flug der Charter-Gesellschaft Aero Lloyd.
Um sieben Uhr hebt in Frankfurt eine weitere DC-9 in Richtung München ab. Gleichzeitig fliegt von Düsseldorf aus eine nach Hamburg. Auch in München und Hamburg sollen am letzten Oktobertag Aero-Lloyd-Jets zu ihrem ersten innerdeutschen Linien-Flug starten.
Wende im bundesdeutschen Flugverkehr? Im Augenblick sieht es tatsächlich so aus, als bekäme die Lufthansa im Inlandsflugverkehr einen Wettbewerber; als würde ein jahrzehntealtes Monopol, festgefügter Bestandteil des bundesdeutschen Gemeinwesens, gekippt.
Die Aero-Lloyd-Manager scheinen entschlossen, die Liberalisierung des bundesdeutschen Luftverkehrs Wirklichkeit werden zu lassen. Bescheiden zwar, denn Aero Lloyd fängt nur mit acht Flügen morgens und acht abends an. Aber schon nächstes Frühjahr, wenn neue MD-83 und MD-87 von McDonnell Douglas geliefert worden sind, sollen weitere Strecken hinzukommen - nach London, Paris und Zürich.
Der Neuling lockt mit seinen Preisen. Aero Lloyd fliegt 10 bis 15 Prozent billiger als die Lufthansa. Auf der Route Hamburg-München, der längsten, macht die Ersparnis bei Hin- und Rückflug 72 Mark aus, auf der Strecke München-Frankfurt 44 Mark.
Bequemer als bei dem bisherigen Alleinanbieter wird es nicht, im Gegenteil. Die Passagiere sitzen in den zwölf Jahre alten DC-9 von Aero Lloyd ein wenig enger als in den Boeing 737 der Lufthansa. Erste Klasse wird gar nicht erst angeboten.
Der Bord-Service soll dem Lufthansa-Standard entsprechen. Drei Flugbegleiter servieren Tee oder Kaffee und teilen belegte Brötchen mit Schinken oder Salami aus. Zwei Sorten Pils, Rot- und Weißwein, Kognak oder Sekt - alles, wie üblich, gratis.
Ob der Neuling mit diesen Offerten genügend Kunden von der altehrwürdigen Lufthansa wegziehen kann, ist keineswegs sicher - zumal die Flugzeiten ziemlich unattraktiv sind: Morgens startet Aero Lloyd ein wenig früh und abends zu spät, von München nach Frankfurt beispielsweise erst um 20.50 Uhr. Die beliebtesten Abflugzeiten blockiert die Lufthansa mit ihrem reichhaltigen Angebot.
Wer mit Aero Lloyd fliegt, kann überdies sein Ticket nicht auf einen Lufthansa-Flug umbuchen. Die Lufthansa erkennt die Flugscheine der Konkurrenz nicht an.
Der Verkauf der Tickets ist ein weiteres Problem. Der Vertrieb läuft über die Reisebüros, deren Provision aber richtet _(Mit den Geschäftsführern Miso Aksmanovic ) _(und Walter Schneider. )
sich nach dem Flugpreis. Deshalb, so fürchten die Aero-Lloyd-Manager, werden die Flugscheinverkäufer zunächst versuchen, die teureren Lufthansa-Tickets loszuschlagen. Erst wenn die Lufthansa ausgebucht ist, kommt wohl Aero Lloyd an die Reihe.
Erst einmal werden die Linien-Neulinge einiges Geld in die Werbung stecken müssen, um sich bekannt zu machen. Bislang flogen die Aero-Lloyd-Jets nur im Auftrag von Pauschal-Urlaubsfirmen wie TUI oder NUR.
Aero Lloyd ist seit 1981 im Touristik-Geschäft. Richtig in Schwung kam das Unternehmen erst, als 1984 Bogomir Gradisnik das Steuer übernahm. Der gebürtige Jugoslawe ist Chef der Frankfurter Air Charter Market Vermittlungs-GmbH, die zu 49 Prozent an Aero Lloyd beteiligt ist. Air Charter Market wiederum gehört zu einer Holding namens Ado AG im schweizerischen Zug. Deren Eigentümer bleiben im dunkeln.
Die anderen 51 Prozent an Aero Lloyd gehören zwei Frankfurter Kaufleuten.
Die Eigentümer können mit Gradisniks Arbeit hoch zufrieden sein. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um mehr als 27 Prozent. Dieses Jahr läuft das Charter-Geschäft noch besser. Die Aero-Lloyd-Manager rechnen mit 320 Millionen Mark Umsatz.
Gradisnik fürchtet, daß das "irgendwann einmal aufhört". Die Konkurrenz ist hellwach. Allein in Spanien sind in den vergangenen Monaten mehrere neue Charter-Fluggesellschaften gegründet worden. Lufthansa und die spanische Iberia haben eine gemeinsame Tochter namens Viva ins Rennen geschickt.
Die Lufthansa selbst müht sich zusehends um die Touristen. Ihre Jets fliegen regelmäßig Ferien-Flugplätze wie das türkische Antalya, das kretische Heraklion oder das spanische Malaga an - alles Ziele, die früher nur die Charter-Gesellschaften in ihrem Flugplan hatten.
Auf lange Sicht, da sind sich die Branchenkenner einig, werden sich die jetzt noch bestehenden Unterschiede zwischen Linien-Gesellschaften und Charter-Unternehmen immer mehr verwischen. Am weitesten hat es da die LTU gebracht. Die Ferien-Jets der Düsseldorfer fliegen schon seit Jahren nach einem festen Flugplan wie bei einer Linien-Gesellschaft.
Gesellschaften wie Aero Lloyd werden auf Dauer bestrebt sein, ihre Flüge betriebswirtschaftlich optimal aufzuteilen: Linie vornehmlich im Winter, in der Jahreszeit, in der die Ferien-Flotte nur schwach ausgelastet ist. Charter vornehmlich im Sommer.
Aero-Lloyd-Chef Gradisnik wird einen Teil seiner Maschinen in diesem Winter für beide Zwecke nutzen. Vier aus seiner Flotte von elf McDonnell-Douglas-Jets setzt der Jugoslawe kombiniert für Linie und Charter ein. Morgens und abends, wenn die Geschäftsreisenden unterwegs sind, fliegen sie innerdeutsch; tagsüber, wenn der Andrang auf den bundesdeutschen Routen nachläßt, befördern sie Urlauber nach Kreta oder auf die Balearen.
Der Lufthansa paßt die ganze Richtung natürlich nicht. Ausgerechnet auf ihren Stammstrecken muß die Bundes-Airline sich nun mit einem lästigen Preisunterbieter herumschlagen. Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau schickte deshalb dem Bonner Verkehrsminister eine 20 Seiten starke kritische Stellungnahme zu Gradisniks Vorhaben.
Es sind die altbekannten Lufthansa-Argumente: Die Aero-Lloyd-Manager hätten sich nur die "Rosinenstrecken" herausgepickt, heißt es in dem Papier. Die Lufthansa hingegen bediene aus gemeinwirtschaftlicher Verantwortung auch so unrentable Strecken wie die nach Hannover, Bremen oder Nürnberg.
Wenn Bonn auf den innerdeutschen Strecken mehr Wettbewerb haben wolle, müsse die Regierung in Kauf nehmen, daß die Lufthansa unwirtschaftliche Flugverbindungen aufgebe. Allein "zum allgemeinen Wohl" könne seine Gesellschaft den Betrieb nicht aufrechterhalten, droht Ruhnau.
Die Bonner Beamten ließen sich diesmal nicht bluffen. Sie erlaubten Aero Lloyd die gewünschten Flüge.
Die Gefahr, daß Ruhnau Flüge streicht, ist denkbar gering. Wo die Lufthansa sich zurückzieht, steht die Konkurrenz schon parat. "Die angeblich unrentablen Strecken", versichert Aero-Lloyd-Manager Gradisnik, "würde ich liebend gerne umgehend in eigene Regie übernehmen."
Mit den Geschäftsführern Miso Aksmanovic und Walter Schneider.

DER SPIEGEL 35/1988
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