17.10.1988

FILMGläubige Masse

Auferstehung eines „Hellsehers": Istvan Szabo verfilmte das Leben des Hitler-Propheten Hanussen - sein wahres war dramatischer. *
Es war erreicht: Jahre habe er "von dem Tag geträumt"; seine "Prognosen" des "völkischen Erwachens" seien "wie Keulenschläge eingetroffen"; kurz: durch "Hitlers weltgeschichtliche Tat haben sich meine Worte erfüllt".
Zwei Wochen nach dem Jubel-Artikel - Hitler saß fest im Sattel - ist der Verfasser ein toter Mann. Am 24. März 1933 wird der "Hitler-Hellseher", auch Verleger einer Hakenkreuz-gezierten Zeitung, von einem SA-Rollkommando entführt und in einem Wald bei Berlin erschossen. Sein Künstlername: Erik Jan Hanussen.
So gruslig endete die bombastische Karriere eines Mannes, der vom windigen Tingeltangel-Taschenspieler zum "Wundermann" und "Propheten" aufgestiegen war, zum Herold und Paladin der Braunen, mit dämonischem Einfluß und fürstlichem Reichtum. Eigentlich hieß er Hermann Steinschneider und war ein Jude aus Wien.
Ein Stoff, aus dem Filme werden - nach O. W. Fischers Edel-"Hanussen" (1955) nun erneut. Auf seine Erfolgsfilme "Mephisto"(mit Klaus Maria Brandauer), "Oberst Redl" (dito Brandauer) setzte der ungarische Regisseur Istvan Szabo jetzt das Schlußstück seiner Trilogie: "Hanussen", mit Brandauer.
"Wenn wir über unsere Gegenwart sprechen wollen", erklärt Szabo seinen Historien-Drang, "müssen wir wissen, von wo wir gekommen sind." Guter Ansatz, klare These. Sein Nazi-Prophet kommt freilich aus einer Vergangenheit, die sich Szabo ein bißchen zusammengewürfelt hat. Beispiele:
Sein Hanussen ist weder Jude noch Scharlatan; ein Kopfschuß im Ersten Weltkrieg (erfunden) hat ihn fürs Übersinnliche geöffnet. Als Paladin hegt er Zweifel am braunen Glück, und sein (erfundenes) Geburtsdatum ist symbolischer Quark - der 20. April, "Führers Geburtstag". Es gehe, sagt Titelheld Brandauer, "um den Hitler in uns".
Kein "Dokumentarfilm" also, bekräftigt Szabo, sondern eine "Modellgeschichte". Die Botschaft malt er mit dicken Borsten: Unsichere Zeiten bereiten den Boden für Wundertäter und Demagogen. Dazu gehört, Klischee laß nach, daß Dekadenz ihr grausiges Haupt erhebt, Lemuren auf Vulkanen tanzen und dann und wann ein weißer Hintern blinkt; Hanussen und die Weiber.
Albernerweise läßt Szabo den Mythos weiterwabern, Hanussen habe tatsächlich hellseherische Kräfte besessen. Das wird zwar dem wachsenden Heer der Okkult-Dödeln Freude machen, geht aber hart an der Historie vorbei. Hanussens Tricks und Bluffs wurden schon zu seinen Lebzeiten bloßgelegt.
Hanussen habe "nicht ein einziges wirkliches Hellsehexperiment aufgeführt", immer nur "Trickhellsehen": Das schwor, im Jahr 1932, einer der "Sekretäre" (vulgo: Handlanger) des Meisters, und der Trick klappte "auf Grund meiner Informationen".
Das ging so: Während der "Sekretär" im Publikum Fragezettel ("Was geschah am Tag X in Y?") einsammelte, lockte er zugleich Antworten heraus. Auf der Toilette kritzelte er die Lösungen nieder
und placierte sie heimlich in des Magiers Rocktasche.
In einer strategisch gelegten Pause konnte Hanussen die Zettel memorieren, auf der Bühne sagte er dann, unter heftigem Trance-Getue, den Inhalt auf. "Für alle Fälle" hielten die beiden noch ein "Signalalphabet" im Ärmel.
Bei der "Vorlesung" der Fragezettel nämlich placierte der Sekretär "unauffällige Höflichkeitsformeln, die aber für Hanussen genaue Mitteilungen enthielten". Beispiele: "Bitte" bedeutete "Geburt", "bitte schön" eine "Hochzeit", "Ruhe" hieß "Todesfall", "bitte Ruhe" meinte "Mord".
Ohne solchen Beistand kam der Magier natürlich ins Schleudern und mußte sich aufs Kombinieren verlassen. Bei einer "Prüfung" im Berliner Institut des Parapsychologie-Professors Schröder half sich Hanussen - so eine spätere Analyse der Protokolle - mit "Gefasel" und "versagte total".
Ersten Ruhm sammelte Hanussen, damals noch Steinschneider, als "Schützengrabenhellseher"; er sagte den Frontschweinen Neuigkeiten aus der Heimat voraus, per Feldpostkarte trafen die dann ein. Trick: Ein Kumpel bei der Militär-Zensur schrieb die eingelaufenen Karten ab und hielt sie ein paar Tage zurück.
Bluff bewegt die Welt - das hatte Hanussen schon vor dem Ersten Weltkrieg erfahren. In seiner äußerst launigen Autobiographie "Meine Lebenslinie" (erschienen 1930) läßt er die wilden Jahre Revue passieren, die er mit Artistentruppen und Wanderschmieren zubrachte, auch auf Hochstapler-Reisen nach Konstantinopel, später als Cafe-Redakteur in Wien.
Nach dem Krieg beginnt sein Aufstieg als "Telepath" und Hypnotiseur, mit Tingelreisen in der böhmischen Provinz, eskortiert von einem "Sekretär", nun schon als Hanussen, der Wundermann, aber auch schon als Betrüger in Verdacht. 1929 wird er in Leitmeritz vor Gericht gestellt. Anklage: Er habe "Personen durch listige Vorstellungen und Handlungen in Irrtum geführt und ihren Schwachsinn durch abergläubische und hinterlistige Verblendungen mißbraucht".
Der Schuß geht allerdings in den Ofen; Gutachter fallen auf den Zauberkünstler herein, das Gericht attestiert ihm "bei aller Vorsicht gewisse rätselhafte Geisteskräfte", und im Triumph verläßt Hanussen den Gerichtssaal. Die Weltpresse tutet Sensationsmeldungen, Hanussen macht sich auf zur Eroberung Berlins.
Das Rüstzeug zum Massen-Messias hatte er nun im Tornister, die Strategie klang nach Hitler. "Der Telepath", schrieb Hanussen in seinem "Lehrbuch der Telepathie", müsse sein "geistiges Übergewicht den breiten Massen gegenüber erkennen". Durch Erfolg stelle sich Selbstbewußtsein ein, der "Schein des Wunderbaren wird ihn umgeben", und die Gesellschaft werde "tausendmal gefügiger auf jede Suggestion eingehen, denn sie ist gläubig geworden".
"Dichte, buschige Brauen beschatten die Augen", schildert ihn ein Zeitgenosse, "er spricht mit ordinärem Akzent, aber zugleich mit vertrauenerweckender Gemütlichkeit." Frauen fasziniert er.
Berlin nimmt ihn mit offenen Armen auf. Großveranstaltungen festigen seine Glorie, in Privataudienzen scheffelt er Geld; er gründet ein eigenes Blatt ("Hanussens Bunte Wochenschau") und läßt politische Prophezeiungen los. 1929: "Der frühere Kaiser Wilhelm II. wird 1930 wieder in Deutschland sein."
Allmählich pendelt sich Hanussen ein, die Zeichen sind schließlich unübersehbar. Er verkündet "den unausbleiblichen Sieg Hitlers und damit des völkischen Gedankens"; und wenn es gelte, "auf dem Altar deutscher Lande für Deutschland ein Opfer zu bringen", will er "der erste sein".
Hitlers SA wird ihm nun zum Freund und Helfer, der Berliner SA-Führer Graf Helldorff (später: "Pogromgraf") sein Intimus. Helldorff stellt ihm eine Leibgarde, nimmt teil am luxuriösen Treiben auf Hanussens Jacht und läßt sich finanziell kräftig unter die Arme greifen. Ein schauriges Bild: der unerkannte Jude als Gläubiger seiner künftigen Mörder.
"Ein Scharlatan erobert Berlin": So attackierte im Mai 1932 die kommunistische Zeitung "Berlin am Morgen" den "Hellsehschwindler" und hieß ihn das "Gegenstück zu Hitler". Gleichzeitig wurde Hanussens Identität bekannt, also höchste Gefahr für den offenbar blinden Propheten. Der Angriff verpuffte, die Gönner schützten den Günstling.
Am 26. Februar 1933, einen Tag vor dem Reichstagsbrand, lud Hanussen zur Eröffnung seines "Palasts des Okkultismus" in der Berliner Lietzenburgerstraße 16. Die Gemächer prangten, Abhörvorrichtungen waren reichlich installiert, und im engsten Kreise, geschart um eine magisch beleuchtete Glasbar, prophezeite Hanussen: "Sie zünden etwas an, ein großes öffentliches Gebäude."
So, wenigstens, wird spekuliert, behauptet, legendär gesponnen. Immerhin hatte Hanussen zur gleichen Zeit in seinem Blatt geunkt, die Kommunisten planten einen "allerletzten Gewalt- und Verzweiflungsstoß" und "Provokationen". Welcher machiavellistische Sekretär hatte ihm diesmal beigestanden?
Sein mörderisches Ende kam, weil er zuviel wußte und die Braunen den Juden nicht mehr brauchten. Szabo macht in seinem Film aus der Exekution ein groteskes Spektakel; Hanussen muß auf einen Baum klettern und krähen, dazwischen bibbert er das Vaterunser.
Als melodramatischer Opfergang, als schillernder, verwirrender Bilderbogen mit diffusem Gegenlicht, ist der Hanussen-Stoff verschenkt. Das wahre Leben und Sterben des jüdischen Trick-Künstlers Hermann Steinschneider, sein Mitspielen, Mitmachen, Mitlügen in der braunen Maschinerie bis zum Golgatha, ist weitaus dramatischer, tragischer und lehrreicher als Szabos Film.
Wunderbare Zeiten waren dem "größten Hellseher der Welt" verkündet worden - von Hitler im Jahre 1932: "Nach meiner endgültigen Machtübernahme werde ich den Okkultismus in Deutschland in jeder Weise fördern."

DER SPIEGEL 42/1988
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