29.08.1988

SPIEGEL Gespräch„Wir werden unser Schicksal bald wenden“

PLO-Sicherheitschef Abu Ijad über die neue Lage in Nahost und eine palästinensische Exilregierung *
SPIEGEL: Abu Ijad, sprechen wir mit dem Innenminister einer künftigen palästinensischen Exilregierung?
ABU IJAD: Mein sehnlichster Wunsch ist, daß endlich ein palästinensischer Staat entsteht, ein demokratisches, friedliches Palästina. Meine künftige Funktion in diesem Staat ist im Augenblick unwichtig.
SPIEGEL: Wann wird die palästinensische Exilregierung gebildet?
ABU IJAD: Eine Kommission prüft dies zur Zeit. Ich erwarte die Ausrufung der palästinensischen Regierung noch für September dieses Jahres.
SPIEGEL: Wird der Palästinensische Nationalrat zustimmen?
ABU IJAD: Die Zeit zur Ausrufung einer palästinensischen Exilregierung war noch nie so reif wie jetzt. Wir haben viele Chancen verstreichen lassen. Jetzt müssen wir die früheren Fehler wiedergutmachen.
SPIEGEL: Sie selbst haben aber mal gesagt: "Wenn wir eine Exilregierung bilden, müßten ein Territorium und ein Volk da sein. Beides haben wir nicht, unser Territorium ist besetzt, und das Volk ist unterdrückt." Hat sich daran was geändert?
ABU IJAD: Sie zitieren mich korrekt. Bis vor sechs Monaten noch war ich entschieden dagegen, eine Exilregierung auszurufen. Inzwischen aber brach die Intifada aus, der Palästinenser-Aufstand in den besetzten Gebieten. Und inzwischen erklärte König Hussein von Jordanien die rechtlichen und administrativen Bindungen zu Westjordanien für beendet. Beide Faktoren haben mich gezwungen, meine Meinung zu ändern. Ich bin überzeugt, daß die Bildung einer Exilregierung jetzt angebracht ist.
SPIEGEL: Die Intifada war der spontane Aufstand jugendlicher Steinewerfer, nachdem der jahrelange Kampf der PLO nichts gebracht hatte. Ist das nicht deprimierend für eine Befreiungsbewegung?
ABU IJAD: Sie versuchen, mich zu provozieren; das werden Sie nicht schaffen. Die Intifada ist das Kind der PLO und der PLO-Führung. Wenn Sie dennoch daran zweifeln: Die heimtückische Ermordung des PLO-Führers Abu Dschihad durch die Israelis hier in Tunis ist der beste Beweis dafür, daß die Intifada von der PLO geführt wird.
SPIEGEL: Keinerlei Selbstkritik?
ABU IJAD: Ich gestehe Ihnen zu, daß die Generation der Intifada völlig anders ist als die Generation der PLO-Führung. Das heißt, sie ist anders als meine Generation. Sie ist sogar besser und effizienter als wir. Dennoch ist diese Intifada unser Kind. Ich bin sehr stolz auf dieses Kind, weil es besser ist als seine Eltern.
SPIEGEL: Warum hat denn die PLO gerade im Dezember vorigen Jahres entbunden?
ABU IJAD: Jede Schwangerschaft braucht ihre Zeit. Wenn Sie genau beobachtet haben, ist Ihnen sicher nicht verborgen geblieben, daß das Kind irgendwann das Licht der Welt erblicken mußte. Sogar die Geburtswehen hatten schon eingesetzt.
SPIEGEL: Als Köonig Hussein die Bindungen zum besetzten Jordan-Westufer praktisch für beendet erklärte, was hatte er da im Sinn? Wollte er den besten Teil seines Staates wirklich der PLO überantworten?
ABU IJAD: Hussein war gezwungen, die Bindungen zu beenden. Amerikaner und Israelis hatten ihn trotz aller seiner Angebote im Stich gelassen. Außerdem war ihm mit der Zeit klar geworden, daß wir nicht nach seiner Pfeife tanzen. Also sagte er den Amerikanern: Ihr wollt mir nicht helfen und uns: Ihr wollt nicht, daß ich euch vertrete. Na gut, dann seht zu, wie ihr zurechtkommt. Er wollte uns in die Ecke drängen. Aber den Gefallen werden wir ihm nicht tun.
SPIEGEL: Hat Hussein seine Trennungserklärung auch abgegeben, weil er fürchtete, die Intifada könne auf den Ostteil Jordaniens übergreifen?
ABU IJAD: Jedenfalls hatte er allmählich Angst bekommen, weil der Zustrom der Palästinenser aus den von Israel besetzten Gebieten nach Jordanien immer stärker wurde; und wohl auch Angst davor, daß die Israelis immer mehr Palästinenser in sein Königreich treiben würden.
SPIEGEL: Er will ja vielleicht nur nachweisen, daß die PLO gar nicht in der Lage sei, das Vakuum auszufüllen, das Jordanien hinterläßt. Soll es nun PLO-Pässe geben, die Israel gewiß nicht anerkennen würde? Und wer soll künftig die jordanischen Gehaltszahlungen auf dem Jordan-Westufer übernehmen?
ABU IJAD: Über all das haben wir mit Jordanien verhandelt, die Ergebnisse sind besser, als wir erwartet hatten: Die jordanische Regierung wird die Pässe für unsere Bürger noch für zwei Jahre verlängern. Danach werden die Pässe eventuell in Reisedokumente umgewandelt. Kein Bürger, der bisher einen jordanischen Paß besaß, braucht also Angst zu haben, plötzlich ohne Paß dazustehen. _(Mit Redakteuren Dieter Wild und Adel ) _(Elias in seinem Haus in Tunis. )
Auch die Besoldung der Beamten ist gesichert. Jordanien hat zugestimmt, daß diese Menschen weiterhin so behandelt werden wie bisher. Selbstverständlich werden wir den Hauptteil der Kosten übernehmen.
SPIEGEL: Hofft Hussein insgeheim, eines Tages würden ihn die Palästinenser auf dem Jordan-Westufer reumütig zurückrufen?
ABU IJAD: Richtig. Seine Entscheidung ist eine Botschaft des Inhalts: "Ihr könnt das Problem nicht lösen." In dem Königskopf sitzt die alte Angst vor Plänen radikaler Israelis wie Ariel Scharon, daß man einen palästinensischen Staat ja auch im Ostteil Jordaniens gründen könne.
SPIEGEL: Ohne für Scharon Partei ergreifen zu wollen - ist nicht doch etwas Wahres dran? 1,1 Millionen Palästinenser leben im Osten des Jordan und 850 000 im Westen. Könnte man da nicht sagen, der Kern eines palästinensischen Staates liege tatsächlich östlich des Jordan?
ABU IJAD: Was wäre das für eine Logik? Dann würde man die Souveränität eines Volkes über ein Gebiet errichten, in das es vertrieben wurde oder geflüchtet ist, während seine alte Heimat von einem anderen Volk besetzt bleibt. Logisch wäre vielmehr, die Ansprüche dieses entrechteten Volkes einschließlich der Souveränität über die alte Heimat wiederherzustellen.
SPIEGEL: Wenn es einen palästinensischen Staat nur auf dem Jordan-Westufer gäbe, wie stände er zu den 1,1 Millionen Palästinensern in Husseins Reich?
ABU IJAD: Es geht uns bei unserem Staatsverständnis weniger um Geographie als um Politik. Wir wollen einen Staat haben, so daß jeder Palästinenser, egal wo er lebt - ob in Alaska oder Australien, in Afrika oder Amerika -, sagen kann: Ich besitze eine Heimat, die heißt Palästina. Ich habe eine palästinensische Identität und eine palästinensische Staatsbürgerschaft. Wir haben die Nase voll, ewig identitätslos aus einer Ecke in die andere geschubst zu werden.
SPIEGEL: Auf der Erde leben etwa fünf Millionen Palästinenser. Wenn nur ein Teil von ihnen in einen palästinensischen Staat auf dem Jordan-Westufer käme - würde dieser Staat das verkraften?
ABU IJAD: Dort ist Platz für viele, aber alle wollen bestimmt nicht kommen. Für einen Palästinenser ist nicht wichtig, ob er tatsächlich in seine Heimat zurückkehrt, aus der er vertrieben wurde, sondern daß er eine Heimat hat wie andere Menschen auch.
SPIEGEL: Viele arabische Staaten sehen einem Staat Palästina mit gemischten Gefühlen entgegen.
ABU IJAD: Alle arabischen Regime haben Angst vor der Intifada, insbesondere das syrische.
SPIEGEL: Aber Jassir Arafat und Präsident Assad haben sich doch bei der Beerdigung von Abu Dschihad in Damaskus so spektakulär versöhnt.
ABU IJAD: Ich war bei dieser Versöhnung dabei. Wir haben uns geküßt, sehr brüderlich sogar, wie es die Araber immer tun. Aber unsere Herzen waren voll Groll und Haß. Das ist sehr bedauerlich, ist hart für uns wie für alle Araber, aber es ist halt so: Wir küssen uns, doch unsere Herzen bleiben wie Stein.
SPIEGEL: Sie sind studierter Psychologe. Was für ein Mann ist Assad?
ABU IJAD: Hafis el-Assad ist ein glühender arabischer Nationalist, der nicht müde wird, Pläne für eine arabische Union auszuhecken. Er will alle Araber einen, gleichzeitig aber sein syrisches Großreich wiederherstellen. Er verkündet das nicht laut, aber er arbeitet im stillen ständig daran. Als Politiker hat er eine herausragende Intelligenz, und er ist gleichzeitig sehr raffiniert. Er will stets nach allen Seiten offen bleiben. Er bricht nie mit den Amerikanern und auch nie mit der Sowjet-Union, mit niemandem. Das ist typisch für alle Herrscher Syriens: Sie schlagen die Tür nie endgültig zu.
SPIEGEL: Was heißt das aber für einen palästinensischen Staat?
ABU IJAD: Nach der Beerdigung von Abu Dschihad sagte Assad uns ganz offen: "Ich bin ein arabischer Nationalist, ich möchte nicht, daß die arabische Nation noch weiter zerstückelt wird. Deshalb bin ich gegen die Etablierung eines palästinensischen Staates. Außerdem war Palästina immer ein Teil Syriens."
SPIEGEL: Sein Verteidigungsminister Tlas hat uns kürzlich erklärt: "Es gibt 21 arabische Staaten, das ist genug."
ABU IJAD: Ja, so sieht das bei uns aus: In Syrien gibt es einen Verteidigungsminister, der sich mehr um die Züchtung von Rosen und um eine gute Küche kümmert, als über eine Strategie zur Befreiung Palästinas nachzudenken.
SPIEGEL: Tlas redet wie die Israelis?
ABU IJAD: In der Tat. Wenn Sie hören, was der syrische und der israelische Rundfunk pber einen palästinensischen Staat sagen, werden Sie beide nicht voneinander unterscheiden können: dieselbe Sprache, dieselben Argumente. Sie sind beide gegen uns, sie wünschen keinen Staat Palästina.
SPIEGEL: Die Ausrufung eines Staates Palästina in den besetzten Gebieten wäre ja mit einer De-facto-Anerkennung Israels verbunden. Bisher hat aber Arafat wiederholt gesagt: "Die Anerkennung Israels ist unsere letzte Trumpfkarte. Wenn wir sie ausspielen und sie sticht nicht, ist alles verloren." Warum sollte diese Karte jetzt stechen?
ABU IJAD: Die Proklamation eines palästinensischen Staates ist nichts anderes als die Verwirklichung der Uno-Resolution 181, des Teilungsplans von 1947.
SPIEGEL: Diesen für sie so günstigen Teilungsplan haben die Araber 1947 abgelehnt.
ABU IJAD: Ich gestehe, daß die damaligen arabischen Führer einen verheerenden Fehler gemacht haben, als sie den Plan verwarfen. Heute korrigieren wir diesen historischen Fehler und fordern den unabhängigen palästinensischen Staat gemäß dem Teilungsplan der Uno.
SPIEGEL: Nachdem Sie sich 41 Jahre lang geweigert haben, Israel anzuerkennen!
ABU IJAD: Wenn wir uns weigern, den Staat Israel anzuerkennen, so nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern weil wir nicht wissen, welches Israel wir eigentlich anerkennen würden. Denn Israel hat bis heute nicht definiert, wo seine Grenze verlaufen soll.
SPIEGEL: In der Uno-Resolution 181 ist die Grenze aber seitenlang sehr genau beschrieben. Danach müßte Israel Städte wie Jaffa, Akko, Nazaret und Beerscheba wieder hergeben. Ist das der neue palästinensische Realismus?
ABU IJAD: Der Teilungsplan der Uno ist für mich eine politische Legitimation, keine geographische. Über die geographische Legitimation kann man verhandeln, über die politische nicht. Deswegen sage ich: Gehen wir alle gleichberechtigt auf eine internationale Konferenz zur Lösung des Nahostproblems, und verhandeln wir darüber, wo die Grenzen der beiden Staaten gezogen werden müssen.
SPIEGEL: Wo denn?
ABU IJAD: Nach dem Teilungsplan der Uno stehen uns 49 Prozent des palästinensischen Bodens zu, Israel 51 Prozent. West-Jordanien und der Gazastreifen, die jetzt von Israel besetzt sind, stellen nur einen Teil des Territoriums dar, das uns die Resolution 181 zugesprochen hat.
SPIEGEL: Also müßte Israel doch viel von dem hergeben, was es seit über 40 Jahren besitzt. Glauben Sie, daß so etwas möglich ist?
ABU IJAD: Ich möchte mich nicht jetzt schon festlegen und geographisch definieren, wo die Grenzen meines Staates verlaufen sollen. Ich sage: Wir haben die unwiederholbare Chance zu verhandeln, lassen wir sie nicht ohne Ergebnis verstreichen, sondern verhandeln wir! Über unsere politische Forderung nach einer palästinensischen Heimat aber kann ich nicht verhandeln.
SPIEGEL: Sie sagten, Israel habe seine eigenen Grenzen nicht definiert, aber auch Sie wollen die Grenzen eines arabischen Palästina nicht definieren. Was soll denn aus dem von der PLO geforderten "Recht auf Rückkehr" der Palästinenser in alle Gebiete Palästinas werden, in denen sie mal gewohnt haben?
ABU IJAD: Das Recht auf Rückkehr ist ein unveräußerliches Recht, das uns von der Uno in mehreren Resolutionen zugesprochen und immer wieder bekräftigt wurde. Daran ist nicht zu rütteln, darüber ist auch nicht zu verhandeln.
SPIEGEL: Dann ist auch diese Chance keine Chance.
ABU IJAD: Eine internationale Friedenskonferenz wird es zeigen. Die Uno-Resolution 194 billigt den Vertriebenen und Flüchtlingen, die nicht zurückkehren wollen, volle Entschädigung zu. Was wäre daran inkorrekt? Nehmen Sie mich als Beispiel. In meiner Heimat Jaffa wurde mein Haus beschlagnahmt und einem israelischen Einwanderer gegeben. Ich wurde nie entschädigt. Ich habe keine Heimat, ich habe kein Haus, ich bin vertrieben.
SPIEGEL: Wollen Sie denn zurück in Ihr Haus?
ABU IJAD: Vielleicht will ich gar nicht mehr zurück. Vielleicht gefällt mir die Gegend nicht mehr. Doch mein Recht auf Entschädigung gebe ich nicht preis. Die Israelis weigern sich aber, unser Recht auf Rückkehr oder Entschädigung anzuerkennen. Deshalb sage ich nochmal: Wir sollten verhandeln. Wir werden bestimmt Ergebnisse erzielen.
SPIEGEL: Sind die Palästinenser für ihre Verluste nicht längst durch die Millionen oder Milliarden entschädigt worden, die ihnen die reichen arabischen Brüder gestiftet haben?
ABU IJAD: Ich weiß nicht, wie Sie auf Milliarden kommen. Erst die arabische Gipfelkonferenz in Bagdad 1978 hat überhaupt beschlossen, der PLO 150 Millionen Dollar jährliche Hilfe zu gewähren. Und dieser Beschluß blieb auf dem Papier. Nur Saudi-Arabien, Kuweit, der Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben ihre Anteile gezahlt, 110 Millionen Dollar im Jahr. Nach 1983 gab nur noch Saudi-Arabien Geld, die anderen arabischen Staaten haben ihre Zahlungen eingestellt. Rechnen Sie also von 1978 bis 1983 fünfmal 110 - macht 550 Millionen US-Dollar. Alles andere sind Lügen der israelischen Propaganda.
SPIEGEL: In der gesamten Weltpresse stand, daß das PLO-Vermögen sich vermutlich auf über vier Milliarden Dollar belaufe.
ABU IJAD: Wären es vier Milliarden, hätten wir die von Ihnen zitierte gesamte Weltpresse aufgekauft - mit Ausnahme des vermutlich unverkäuflichen SPIEGEL natürlich.
SPIEGEL: Nach Resolution 181 sollten in Palästina ein arabischer sowie ein jüdischer Staat entstehen und dazu ein besonderes internationales Gebiet unter Uno-Verwaltung für Jerusalem. Jetzt verlangt die PLO Jerusalem als Hauptstadt Palästinas und Israel Jerusalem als Hauptstadt Israels. Wie soll das gehen?
ABU IJAD: Jerusalem muß die Hauptstadt Palästinas sein, die heilige Aksa-Moschee unserer Souveränität unterstehen. Einen palästinensischen Staat ohne Jerusalem werden wir nicht akzeptieren. Wir akzeptieren aber den Wunsch der Juden, daß sie zu ihrer Klagemauer gehen können. Für die heiligen Stätten muß ein besonderer Status geschaffen werden, der den Juden diesen exterritorialen Zugang garantiert.
SPIEGEL: Mit den Garantien ist das so eine Sache. Während der jordanischen
Herrschaft von 1948 bis 1967 wurde kein einziger Jude und auch kein Israeli an die Klagemauer gelassen.
ABU IJAD: Und während der israelischen Herrschaft wurden drei Anschläge gegen die Aksa-Moschee verübt. Ich sage ganz offen: Wir erkennen heute das Recht der Juden auf freien Zugang zur Klagemauer an, und wir garantieren es. Auf einer internationalen Friedenskonferenz werden wir dieses Recht sogar fordern.
SPIEGEL: Ein palästinensischer Staat ohne Jerusalem ist unmöglich, sagen Sie. Ein israelischer Staat ohne Jerusalem ist unmöglich, sagen die Israelis. Wenn da überhaupt was zu machen ist, dann doch nur über ein internationales Territorium nach dem Modell des Teilungsplans von 1947.
ABU IJAD: Wenn eine Friedenskonferenz zustande kommt, werden wir dort eine Lösung finden.
SPIEGEL: Die Ausrufung eines palästinensischen Staates in den besetzten Gebieten ist Zündstoff innerhalb der PLO. Werden Sie damit fertig?
ABU IJAD: Die Israelis haben ihren Likud, und wir haben unsere "Likuds". Nein-Sager gibt es auf beiden Seiten. Man muß über sie hinweggehen. Die arabischen "Likuds" haben nichts als Unheil über die Araber gebracht. Viele Palästinenser wurden verfolgt, verhaftet, gefoltert und massakriert. Das werden wir ihnen nicht vergessen. Wenn wir unseren Staat haben, werden wir ihnen zeigen, wie recht wir hatten und wie unrecht sie taten.
SPIEGEL: Die Nein-Sager in der PLO müßten damit einverstanden sein, daß aus der PLO-Charta etwa der Absatz 15 gestrichen wird, nach dem "der Zionismus aus Palästina eliminiert werden" muß.
ABU IJAD: Das sind extremistische Forderungen, die bestehen bleiben, solange es keinen palästinensischen Staat gibt. Wenn unser Staat da ist, werden solche Probleme nicht mehr wichtig sein.
SPIEGEL: Wie viele Staaten, schätzen Sie, werden eine palästinensische Exilregierung anerkennen?
ABU IJAD: Zur Zeit prüfen wir das. Über das Ergebnis kann ich Ihnen leider noch nichts sagen.
SPIEGEL: Es wäre doch schlimm für Sie, wenn wichtige arabische Staaten wie Ägypten, Syrien und vielleicht auch Jordanien diesen Staat nicht anerkennen würden.
ABU IJAD: König Hussein hat gesagt, er werde der erste sein, der unsere Exilregierung anerkennt.
SPIEGEL: Wenn er das sagt, ist er bestimmt der letzte.
ABU IJAD: Wir nehmen ihn beim Wort. Mit Ägypten gibt es kein Problem. Syrien allerdings wird uns vermutlich erst vier Jahre nach der bundesdeutschen Regierung anerkennen.
SPIEGEL: Wie steht es mit dem Irak?
ABU IJAD: Er wird uns ebenfalls anerkennen.
SPIEGEL: Bagdad könnte Ihnen nach dem Ende des Golfkrieges ja Soldaten anbieten, falls Verhandlungen nicht zustande kommen. Sehen Sie ein Problem darin, daß die Militärmacht Irak versucht sein könnte, sich jetzt andernorts zu engagieren?
ABU IJAD: Acht Jahre Golfkrieg haben vieles in der irakischen Mentalität verändert. Ich bin überzeugt, daß der Irak nach diesem achtjährigen Krieg nicht mehr so extremistisch und unkonziliant sein wird wie vorher.
SPIEGEL: Aber er fühlt sich jetzt als Sieger.
ABU IJAD: Im Gegenteil. Er ist bescheiden. Bestimmt stellt er zur Zeit keine Gefahr dar. Und fünf Jahre oder länger muß er den Iran noch im Auge behalten. Deswegen sehe ich keine Möglichkeit, daß er seine Armee woanders einsetzen könnte.
SPIEGEL: Wenn es denn eine palästinensische Regierung gibt - wo soll sie sitzen? In Algier, Tunis, Kairo, Amman, Bagdad?
ABU IJAD: Ich kann den Beschlüssen des Palästinensischen Nationalrats, der im September tagen wird, nicht vorgreifen. Meiner persönlichen Meinung nach wäre Tunis der geeignete Platz, Bagdad oder Algier wären auch nicht schlecht, liegen aber zu weit weg.
SPIEGEL: Damaskus? ABU IJAD: Sie wollen uns doch nicht im Gefängnis sehen.
SPIEGEL: Amman? ABU IJAD: Ideal. SPIEGEL: Da würde sich Hussein ja freuen. Wo immer aber Ihre Regierung sitzt, ist sie gefährdet durch mögliche innenpolitische Entwicklungen in dem betreffenden Land, einen Putsch etwa.
ABU IJAD: Ein Putsch ist für uns kein Problem. Wir sind es gewohnt, unsere Koffer zu packen und unsere Zelte woanders wieder aufzuschlagen. Das war bisher unser Schicksal. Wir hoffen, daß wir es bald wenden können.
SPIEGEL: Israels Premier Schamir hat gedroht, sein Land werde eine palästinensische Exilregierung "gewaltsam, mit eiserner Faust" verhindern. Nach dem, was Ihrem Kampfgefährten Abu Dschihad hier passiert ist: Fühlen Sie sich noch sicher?
ABU IJAD: Ich bin ein gläubiger Moslem, überzeugt davon, daß kein Mensch eine Sekunde länger lebt, als Gott es ihm beschieden hat. Wenn der große Uhrmacher bestimmt, daß wir sterben müssen, dann müssen wir sterben. Kein Mensch geht gern in den Tod. Aber unseren Prinzipien bleiben wir treu, egal wer uns bedroht. Wir weichen keinen Zoll von unserem Weg ab.
SPIEGEL: Abu Ijad, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
[Grafiktext]
1947 Teilungsplan der Vereinten Nationen. Nach diesem Plan sollte Jerusalem ein internationales Gebiet unter Uno-Verwaltung sein Haifa Arabisches Gebiet Tel Aviv Jerusalem Gaza Jüdisches Gebiet Eilat ÄGYPTEN SYRIEN TRANSJORDANIEN SAUDI-ARABIEN 1949 Israel nach dem ersten Krieg gegen die Araber Haifa Tel Aviv Jerusalem ISRAEL Westjordanien Eilat ÄGYPTEN Gaza Gaza-Streifen SYRIEN JORDANIEN SAUDI-ARABIEN seit 1967 von Israel besetztes Gebiet Haifa Tel Aviv Jerusalem ISRAEL Eilat ÄGYPTEN Gaza SYRIEN JORDANIEN SAUDI-ARABIEN
[GrafiktextEnde]
Mit Redakteuren Dieter Wild und Adel Elias in seinem Haus in Tunis.
Von D. Wild und A. Elias

DER SPIEGEL 35/1988
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