24.10.1988

MUSIKMacht des Schicksals

Nach erfolgreicher Leukämie-Behandlung kehrt der spanische Star-Tenor Jose Carreras in den Konzertsaal zurück - als Spekulationsobjekt für Publikum und Manager. *
Als der smarte Katalane vor zwei Jahren in deutschen Konzertsälen auftrat, blieben viele Plätze leer. Da stand er nun: Jose Carreras, der schöne Mann mit der sogenannten "Jahrhundertstimme", Karajans Lieblingstenor, Bernsteins "incredible" Tony in der "West Side Story", Magnet der Met, der Scala, der Covent Garden Opera - und in den Tonhallen von München, Hamburg und Düsseldorf waren ganze Blöcke duster.
"Er beißt sich vor Wut auf die Lippe, als er aufs Podium kommt", beobachtete seinerzeit "Die Welt": "Pavarotti bekommt die Münchner Olympiahalle voll, Domingo ein Fußballstadion, er nicht einmal einen Konzertsaal."
Manager und Plattenmacher waren ratlos: Wieso brachte dieser Goldesel von EMI, CBS, Decca, Orfeo, Philips und Deutsche Grammophon, der, ein Meter 70 südländischer Beau, alles hat, womit ein Tenor Rattenfänger spielt, nicht sämtliche Stimm-Freaks auf die Beine? Nun, die PR-Maschine lief nicht so, wie sie sollte, und Spitzenpreise bis zu 100 Mark waren wohl auch zu happig für einen Abend voll mediterranem Naschwerk.
Als Carreras, 41, letzte Woche in der Kölner Philharmonie wieder zu einem Liederabend erschien und bei diesem ersten Deutschland-Auftritt nach fast einjährigem Krankenlager wieder weitgehend auf klingende Zuckerwatte zurückgriff, kosteten die Billetts bis zu 180 Mark - und das Rund unter dem Rhein war rappelvoll.
Tosender Beifall, als der Sänger aufs Podium kommt. Die ersten effektvoll gedehnten Vokale, und der Applaus wächst. Jeder Ansatz in die tenoralen Hochlagen steigert die Klatschlust. Damen im Reinseidenen starten mit cellophanierten Blumengebinden und allerliebst verschnürten Präsenten einen Wettlauf nach vorn. Bitte ein Händedruck, bitte ein zwischenmenschliches Nicken. Dann endlich, als Zugabe, "Granada", "Granaaada", der ersehnte Kick für die Gänsehaut. Standing ovations.
Für wen? Ovationen für die Stimme, die immer noch soft strömen und ein Pianissimo bis zu den hintersten Sitzen hauchen kann, die aber, andererseits, beim Schub in kitzlige Spitzen deutlich bremsen muß und oft halbe Kraft fährt, wo sie früher aus dem Vollen tönte? Oder gilt der Jubel jenem "Wunder, wie man es", nach Meinung des sonst britisch-gekühlten "Guardian", "gemeinhin nur in Opernlibrettos findet" oder in den Schicksalssymphonien der Klatschpresse?
"Bild", 29. Januar 1988: "Startenor Carreras liegt im Sterben", er "ringt mit dem Tode". 27. Juli 1988: "Die schmale Gestalt, die den Tod besiegt hat: 'Musik, das ist das Leben'." Oder die "Bunte", 10. März 1988: "Von Krebs gezeichnet",
der Befund als Schlagzeile zu zwei Photos, vorher - nachher, strahlender Publikumsliebling vis-a-vis bestrahltem Leukämie-Opfer. 11. August 1988: Carreras "singt das Lied vom Leben" und erzählt dazu "mit seiner zweiten, neuen, auferstandenen Stimme, wie es war". So hängt sie denn an der großen Glocke: die Leidens- und Heilungsstory, Futter für voyeuristische Leser und Munition für die PR.
Am 21. Juli 1988 finden sich an die 150000 Spanier unter dem Triumphbogen von Barcelona ein, der Verkehr in der Stadt bricht zusammen. "Ya esta!", frohlockt die Zeitung "El Pais": Er ist schon da. Carreras singt Folkloristisches, die Königin Sofia umarmt den Totgesagten, Freudentaumel wie sonst nur bei Corridas oder beim FC.
Knapp drei Wochen später wieder großer Feier-Abend. Als Carreras die Arena von Verona betritt und dort, ole, "Granada" singt, drehen 13000 Zuhörer durch, schwenken Fähnchen, zünden Wunderkerzen. Viele Fernsehstationen bis hinauf nach Finnland verbreiten die Meldung, daß er wieder da ist, das Mainzer "heute-journal" füllt damit fast fünf Minuten Sommerloch.
Und dann, Gipfel der Narretei, Wien. Die Staatsoper ist schon Wochen vor dem 16. September zehnfach überbucht. Am Ende sind, dank eigens aufgestockter Sitzkapazität, wenigstens 2600 Begünstigte ausersehen, live mitzuerleben, was Tausende draußen in feuchter Kühle nur auf einem Riesenbildschirm und Millionen nur über Radio und Fernsehen verfolgen können: Carreras' Comeback ins Rampenlicht der Opernbühne.
Österreichs Bundespräsident Kurt Waldheim und der US-Botschafter Henry Grunwald erheben sich, obwohl auf Distanz plaziert, wie ein Mann mit der restlichen Masse von den samtenen Sitzen. "Danke, Jose, danke", rufen Herrschaften aus den Logen. Ganz Verzückte legen floristische Kompositionen in den spanischen Landesfarben Rot und Gelb an den Bühnenrand. Im Parkett wird ein Transparent entrollt: "Jose, wir lieben dich!". Und der also Geliebte küßt ein Kind, das vor ihm im Rollstuhl sitzt.
Mit Koloraturen und Parlando, mit Tonbildung und Stimmfärbung, überhaupt mit Gesangskunst und deren Facetten hat diese komische Oper kaum mehr zu tun. Daß Carreras, der leidtragende Hauptdarsteller, sich freut und, wenn seine Demutsgesten und Dankeszeichen echt sind, auch gerührt ist, kann man ihm abnehmen: Wer schon mit einem Bein im Grab gestanden hat, soll ruhig Hosianna und "Granada" singen, wenn er noch einmal davonkommt.
Aber es ist zweierlei: der glückliche Abgang von der Intensivstation und der PR-Galopp durch die Regenbogenpresse ins gelobte Land der Umsatz-Rekorde. Auch ein Carreras muß, wenn er die Macht des Schicksals gespürt hat, nicht gleich das große Theater machen für ein Heer von Glotzern mit ihren scheinbar barmherzigen Stielaugen.
Über 100000 Briefe und Kartengrüße hat der Patient letztes Jahr Weihnachten aus aller Welt erhalten - schön und gut, aber solche Rekorde der Anteilnahme lanciert nicht das Christkind, sondern ein cleveres Management in die Zeitungen. Hinter den vielspaltigen Bulletins, die spanische Blätter druckten, steckten offensichtlich kaltblütige Werbetrommler, die für die Journaille die Türen im Hospital öffneten.
Als ob es nicht Glücks genug für Carreras gewesen wäre, in Verona mit über 20 Kollegen vom Fach (die, welch netter Zufall, fast alle auch von dem Carreras-Manager Carlos Caballe gemanagt werden) gemeinsame Sache zu machen, tauchen gleich die flotten Jungs von der Hamburger FonoTeam GmbH mit digitalem Equipment auf, schneiden das mehrstündige Spektakel mit und publizieren das Arien-Sammelsurium in einer "Blitzaktion" (Firmenwerbung) von nur zwei Wochen auf drei Tonträgern der Schlagermarke "Polyphon". Anreißer: "Jose Carreras Presenta", obwohl der Präsentator selbst nur mit drei Minuten und 50 Sekunden "Granada" dabei ist.
Und weil die Kameras der TV-Produktion "Intermedia" dankenswerterweise auch die optische Konservierung besorgen, wird die große Nachtmusik, künstlerisch übrigens zum Teil nicht einmal zweite Wahl, demnächst auch via Bildschirm weltweit verhökert werden.
Im Einklang mit diesem Reklamewirbel arrangierte Philips, unter den vielen Carreras-Labels das emsigste, vor dem Kölner Comeback-Konzert rasch ein Pressetreffen mit dem Rekonvaleszenten auf dem Düsseldorfer Flughafen und verteilte dabei die "letzte Aufnahme vor Ausbruch seiner schweren, inzwischen glücklicherweise vollkommen überwundenen Krankheit": die "Misa Criolla" des Argentiniers Ariel Ramirez, an deren Ersteinspielung sich die Firma schon vor Jahren dumm und dusselig verdient hat.
Da muß es wohl mehr als himmlische Fügung sein, daß Carreras Teile dieser Messe demnächst stilvoll in "Wetten, daß ...?" und, noch angemessener, in den Räumen des Vatikans vortragen wird, urbi et orbi und den Kassierern von "Intermedia" zum Wohlgefallen.
Ach ja, viele dieser guten Taten dienen, wie so oft, auch einem guten Zweck: Carreras hat eine Stiftung zum Kampf gegen die Leukämie gegründet, sicher ein ehrenwertes Vorhaben, das jedes Scherflein verdient, aber eben auch ein feines Mäntelchen, das das Gemisch von Reibach und Caritas geschickt überdeckt.
Wer den in der Kölner Philharmonie verteilten Überweisungsvordruck an die Düsseldorfer Commerzbank, Konto Carreras, nutzt, dem vergelt's Gott.
Aber wer für einen solchen Abend - ein Sänger, ein (schlechter) Begleiter - bis zu 180 Mark zahlt, wie es das Carreras-Management verlangt hat, und sich für zehn Mark auch noch ein unverschämt nichtssagendes Programmheft voll Anzeigen andrehen läßt, der ist schlicht und einfach eiskalten Geschäftemachern auf den Leim gegangen.
Alle die, die nur einen Tenor mit dem Restrisiko einer lebensbedrohenden Krankheit besichtigen wollten, hatten allerdings auch nichts anderes verdient.
Klaus Umbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 43/1988
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