19.12.1988

GROSSBRITANNIENWie Vieh Unglücke, Überfüllung, Kriminalität - das

öffentliche Verkehrswesen von London droht zusammenzubrechen.
Einige hundert Meter vor dem Verkehrsknotenpunkt "Clapham Junction" im Südwesten Londons merkte Lokführer Alex McClymont, daß etwas nicht stimmte: Die Signale an der Strecke flackerten wie Leuchtreklame: Rot-Gelb-Grün, Rot-Gelb-Grün, Rot-Gelb-Grün.
McClymont zog die Bremse und stoppte seinen 7.18-Uhr-Zug aus Basingstoke. Weil der Zug - wie in England üblich - nicht mit Sprechfunk ausgerüstet war, wollte der Lokführer die Signalstörung von einem Diensttelephon am Bahnkörper der Zentrale melden. In dem Augenblick raste der um 6.30 Uhr im Seebad Bournemouth gestartete Expreß ins Heck des stehenden Zuges und schleuderte die letzten Wagen aus den Schienen. In das Gewirr von Stahl und Blech krachte Sekunden später ein auf dem Parallelgleis verkehrender Gegenzug aus London.
Die Kastastophe vom vergangenen Montag forderte 33 Menschenleben - und verschärfte die "Vertrauenskrise" (so Labour-Sprecher John Prescott) der Londoner gegenüber ihrem aus Untergrundbahnen der London Regional Transport und den Eisenbahnzügen der British Rail bestehenden Verkehrssystem.
Das Zugunglück von Clapham ereignete sich nur ein Jahr nach dem U-Bahn-Brand von King's Cross, bei dem 31 Menschen umgekommen waren. "King's Cross, ein schäbiger, schmutziger, mit Abfällen übersäter Bahnhof, wurde ein Symbol für heraufziehendes Desaster", schrieb der liberale "Guardian", "Clapham Junction könnte eine ähnliche Bedeutung gewinnen."
In King's Cross brannte eine 50 Jahre alte Rolltreppe aus Holz. Vor Clapham, dem Bahnknotenpunkt mit der größten Verkehrsdichte Europas, wurden gerade die 50 Jahre alten Signale gegen computergesteuerte neue ausgetauscht, als die Züge ineinanderrasten. Nach Jahrzehnten, in denen die Briten kaum etwas in ihr Signalsystem investierten, gibt die Bahnverwaltung jetzt endlich 20 Millionen Pfund für die Modernisierung aus.
Die veraltete U-Bahn geriet indes erneut in die Schlagzeilen. Auf Londoner Untergrundstationen ereigneten sich in der Woche vor dem Clapham-Unglück an drei Tagen zwei Morde und ein Mordversuch, Höhepunkt einer ungewöhnlichen Verbrechenswelle.
Bis Ende September hatten Fahrgäste 18 383 Vergehen - vom Taschendiebstahl bis zum Totschlag - gemeldet, ein Rekord. 1986 waren es noch knapp 16 000 Fälle gewesen. Zeitungen rufen nach Bürgerschutz-Gruppen wie den New Yorker "Guardian Angels".
Bei der Eisenbahn demonstrierten als Sardinen verkleidete Betriebsangehörige gegen überfüllte und verspätete Züge unter dem Motto "Mehr Züge und mehr Personal", sie sammelten Unterschriften von Reisenden, die in überfüllten Abteilen in London ankamen: Ein Pendelzug mit 360 Sitzplätzen aus West Croydon brachte 400 stehende Fahrgäste zur Endstation London Bridge - im British-Rail-Jargon ein "Belastungsfaktor von 211 Prozent".
Ken Cameron, Generalsekretär der Gewerkschaft der Feuerwehrleute, stellte fest, daß "Menschen wie Vieh verfrachtet" werden.
Aber was tun? 1983 strömten in Spitzenzeiten 385 000 Pendler in die Londoner Vorortzüge. Vergangenes Jahr waren es schon 445 000, und die Zahl steigt weiter. Die U-Bahn erwartet in den kommenden fünf Jahren zehn Prozent mehr Fahrgäste. Doch die zur Verfügung stehenden Gelder werden bestenfalls ausreichen, um sieben Prozent mehr Kapazität zu schaffen.
Dabei sind Untergrundfahrten in Stoßzeiten heute schon ein Alptraum. In den oft über 100 Jahre alten, schmalen Gängen drängen sich Zigtausende. Oft keuchen sie atemlos ans Tageslicht, weil zahlreiche Rolltreppen ausfallen. Seit dem King's-Cross-Desaster darf nicht mehr geraucht werden, das bedeutet zwar weniger Kippen - der Unrat stapelt sich dennoch.
Die Menschen in den Untergrund- und Vorortzügen haben keine Alternative. Denn der Straßenverkehr in London bewegt sich immer langsamer und kommt zum Stillstand, wenn etwa Studenten demonstrieren oder ein Staatsbesucher durch die City eskortiert wird.
"Das Verkehrswesen der ganzen Region kann zusammenbrechen", warnt der Interessenverband der London-Pendler. Im Parlament kritisierte der Tory-Abgeordnete Robert Adley die Verkehrspolitik seiner Regierung: "Wir sollten aufhören, ein 150 Jahre altes Bahnsystem immer wieder notdürftig zusammenzuflicken." Statt krampfhaft zu versuchen, Gewinne zu erwirtschaften, sollten Untergrund- und Eisenbahn mit Staatshilfe großzügig für die Zukunft investieren.
Die Zukunft läßt noch Schlimmeres befürchten: Londons U-Bahn mußte im Finanzjahr 1987/88 mit 70 Prozent weniger Subventionen auskommen als 1984. Und British Rail wird im englischen Südosten im nächsten Jahr nur 155 Millionen Pfund zur Verfügung haben - nicht einmal halb soviel Geld wie vor fünf Jahren.

DER SPIEGEL 51/1988
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