31.10.1988

DDRSchnaps und Schminke

Mit Orden und Wiedergutmachung sucht Honecker das Wohlwollen des Jüdischen Weltkongresses. *
Der oberste Einheitssozialist hofierte den Juden aus Amerika wie einen regierenden Politiker: DDR-Außenminister Oskar Fischer begleitete Edgar Bronfman, den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, im Privatjet von New York nach Berlin-Schönefeld. Erich Honecker plauderte mit ihm ausführlich über Gott und die Welt und überreichte ihm persönlich den "Großen Stern der Völkerfreundschaft", einen Orden, den das SED-Regime höchst selten vergibt.
"Es ist mir eine Freude", so der SED-Chef in seiner Eloge, "Sie in Anerkennung Ihres bedeutenden Wirkens für Frieden, Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Völkern ... auszuzeichnen."
Zwischen Juden und den regierenden deutschen Kommunisten, suggerierten die DDR-Medien in überschwenglichen Beiträgen vorletzte Woche, herrscht eitel Sonnenschein - so als hätten die Juden in der DDR nicht gerade 40 Jahre ein Schattendasein in der sozialistischen Gesellschaft verbracht. Und vergessen schien, daß Israel für die SED lange Zeit bloß ein verlängerter Arm des US-Imperialismus war.
Honecker beließ es nicht bei schönen Worten: Bronfman, im Privatberuf Chef des kanadischen Spirituosen-Giganten Seagram, nahm als politische Morgengabe der SED die definitive Zusage mit, die DDR werde zu Israel diplomatische Beziehungen aufnehmen. Das soll geschehen, sobald eine Uno-Friedenskonferenz zu Nahost einberufen ist.
Der Ostdeutsche gab das - von den DDR-Medien und Bronfman bislang verschwiegene - Versprechen nicht spontan: Er hatte sich zuvor in Moskau und bei den Verbündeten im Warschauer Pakt abgesichert.
Zudem bestätigte Honecker seinem Gast verbindlich, was er schon im Juni dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, in Aussicht gestellt hatte: Die DDR werde als symbolische Wiedergutmachungsgeste der jüdischen Claims Conference rund 100 Millionen Dollar für humanitäre Härtefälle zur Verfügung stellen.
Daß die DDR-Oberen ihren Besuchern mit dick aufgetragener Gastfreundschaft begegnen, war Gläubigen wie Genossen gleichermaßen suspekt. Die Juden in der DDR befinden sich seit längerem in einer schwierigen Diskussionsphase um den eigenen Standort in der ostdeutschen Gesellschaft. Viele der etwa 400 Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die Bronfman allesamt zu einem Festessen ins Ost-Berliner Palasthotel geladen hatte, steckten ihrem Gastgeber beim Defilee und Diner Briefe zu, in denen sie um Fürsprache für Reisewünsche nach Israel baten oder sich über wachsende neofaschistische Tendenzen unter ostdeutschen Jugendlichen beklagten.
Auch Bronfman war die Fürsorge zunächst nicht ganz geheuer. Er weigerte sich lange, aber vergeblich, den Orden zu akzeptieren, weil er fürchtete, das könne ihm daheim als Anbiederung ausgelegt werden.
Den Unmut der Genossen hatte vor Bronfmans Ankunft der für die Außenbeziehungen zuständige ZK-Sekretär Hermann Axen, selbst Jude und Überlebender von Buchenwald und Auschwitz, im Politbüro vorgetragen: Die Freundschaft zwischen SED und Jüdischem Weltkongreß sei den eigenen Leuten schwerlich zu erklären, sie komme zu plötzlich.
Doch Honecker setzte sich durch, unterstützt von dem im Politbüro für Wirtschaft zuständigen Günter Mittag. Axen trat dann beim Besuch Bronfmans nicht in Erscheinung, statt seiner tauchte an Honeckers Seite ZK-Sekretär Werner Jarowinsky auf, der zwar für Kirchenfragen, nicht aber für Außenbeziehungen zuständig ist.
Der SED-Chef hat für seine neue Judenfreundlichkeit, so verbreiten Parteifunktionäre ganz offen, fast ausschließlich außenpolitische Gründe: Die DDR, deren Wirtschaft auf einen neuen Engpaß zusteuert, ist dringend daran interessiert, von den Amerikanern die Meistbegünstigung im Handelsverkehr zu bekommen. Außerdem möchte der Staatsratsvorsitzende - als Krönung seiner Außenpolitik - unbedingt noch zur Staatsvisite nach Washington, bevor er aufs Altenteil geht. Als Termin schwebt Honecker ein Datum um die Jahreswende 1989/90 vor.
Für beide Vorhaben aber, so Honeckers Argument gegen die innerparteilichen Bedenkenträger, brauche er das Wohlwollen der amerikanischen Juden, ohne die laufe nichts.
Beim Bronfman-Besuch ging das Kalkül des SED-Chefs auf. Der Präsident des Weltkongresses versprach seinem Gastgeber, er werde sich für eine Einladung ins Weiße Haus einsetzen. Außerdem sagte Bronfman devisenträchtige Unterstützung beim Wiederaufbau der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Ost-Berlin zu, für deren Ausgestaltung Erich Honecker eigens eine Stiftung "Centrum Judaicum" gründen ließ.
Näher kamen sich der Amerikaner und die DDR während der Visite auch auf einem anderen geistigen Terrain. Bronfman erörterte abseits der Öffentlichkeit mit Außenhandelsminister Gerhard Beil und einer Gruppe ostdeutscher Generaldirektoren Möglichkeiten für bessere Geschäftsbeziehungen zwischen dem Whisky-Konglomerat Seagram und der DDR. Beil hat bei solchen Geschäftsanbahnungen Erfahrungen: Wenige Tage vorher hatte er einen anderen einflußreichen jüdischen Amerikaner zum Sondierungsgespräch empfangen, Ronald Lauder, Chef des US-Kosmetikkonzerns Estee Lauder, der als US-Botschafter in Wien während der Waldheim-Affäre gegen den österreichischen Bundespräsidenten scharf Stellung bezogen hatte.
DDR-Bürger hoffen jetzt darauf, daß sich ihre triste Versorgungslage durch Schnaps und Schminke aus US-Produktion bessert.

DER SPIEGEL 44/1988
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