26.12.1988

ASTROLOGIEDüsterer Fluch Der Burda-Verlag fand aus der

verbreiteten Themen-Not für neue Zeitschriften einen himmlischen Ausweg: die Sterndeuterei.
Daß die einheimischen Zeitschriftenverleger mit ihren Aktivitäten nicht an Deutschlands Grenzen haltmachen sollten, ist dem süddeutschen Konzernherrn Hubert Burda, 48, seit langem klar.
Im Frühherbst importierte die Münchner Filiale des Burda-Verlags aus dem 700 Kilometer entfernten Paris eine germanisierte Ausgabe des Schickeria-Journals "Elle". Zum Jahreswechsel aber orientierte sich der Offenburger Verleger gleich 600 Millionen Kilometer weiter weg - bis zum Jupiter, dem Riesenplaneten und uralten Glückssymbol der Astrologen.
"Jupiter" ist der Titel einer neuen Burda-Zeitschrift, die sich im Untertitel "Das deutsche Astrologie Magazin" nennt. Doch so überirdisch die Thematik von der "Weisheit der Jahrtausende" bis zum Monats- und Jahreshoroskop ("Hier spricht die Zukunft") daherkommt, so bodennah blieben die Verlagsmanager an der Verkaufsfront.
Vorsichtshalber bieten sie für die Nr. 1, das Januarheft, einen "Einführungspreis zum Kennenlernen": drei Mark. Danach geht es mit monatlich 4,80 Mark weiter. Gedruckt werden 300 000 Exemplare.
Während sich andere Blätter mit dem Wochenhoroskop begnügen oder, wie Springers "Bild"-Zeitung, auch mal eine Astrologie-Serie drucken, spinnt das neue Burda-Magazin den milden Wahn des Sternenglaubens über 80 bunte Seiten aus. Endlich traut sich im deutschen Blätterwald mal jemand zu, "diese verwirrende und oft unbegreifliche Welt begreiflich machen" zu können, wie es Astrologe und "Jupiter"-Herausgeber Winfried S. Noe, 33, seinen Lesern verspricht.
Gar so ernst legt der "Jupiter"-Mann seinen schicksalsschweren Lesestoff jedoch nicht aus. Mahnen astrologische Handbücher zum fleißigen Streben, "die Astrologie mit all ihren Aspekten und Möglichkeiten von Grund auf zu studieren", so purzeln in Burdas Sternenanzeiger die Aszendenten, Dominanten und Konjunktionen kunterbunt durcheinander.
Fürs Menschelnde im Reich der Gestirne, den publikumsnahen Human touch, genügt schon das Geburtsdatum prominenter Showstars und Politiker, um die Schicksalsgeheimnisse etwa des Skorpions Gunter Sachs, der Jungfrau Sophia Loren oder des Steinbocks Helmut Schmidt ("ein ewiger Kampf um die Vorherrschaft") zu lüften.
Die unheilschwangere Titelstory über einen "düsteren Fluch", der nach dem "Gesetz einer unheimlichen Serie" den Wassermann Ronald Reagan bedroht (Prognose: "Dieser Präsident stirbt im Amt!"), leidet allerdings unter akuter Zeitnot. Denn es bleiben nur noch ein paar "bange Tage" bis zum Ende der Amtszeit übrig, um den sternengläubigen US-Präsidenten, ansonsten einen "Glückskerl" im Zeichen des Jupiter, von der Todesgefahr des "gewalttätigen Pluto", des "bösartigen Saturn und des kriegerischen Mars" zu erlösen. Die astrologieversierte Reagan-Gattin Nancy tröstet sich derweil, Glück im Unglück, mit der abermaligen Reagan-Bestrahlung durch den guten, alten Jupiter - so "Jupiter".
Das Unwirkliche als publizistischer Daseinszweck der Zeitschrift ist ein Signal dafür, daß die Marktnischen für alle Sorten realer Informationen restlos gefüllt sind. Längst werden die einst mächtigen Illustrierten vom Schlage des "Stern" (Auflage: 1,4 Millionen) und der "Quick" (770 000) durch das geballte Auflagenpotential der Frauen-, Programm- und Spezialzeitschriften übertroffen. Von neuen Millionenblättern, wie "Bild der Frau" und "Auf einen Blick" bis zu Springers "Tennis Magazin" oder Jahrs "Fliegenfischen", sind bereits alle Sparten unter den rund 1200 deutschen Zeitschriftentiteln vertreten.
Die vielleicht letzte thematische Lücke bot die Sterndeuterei, mit der sich bisher nur biedere Randobjekte ("Astrogramm"), Prophetieblätter ("Das Neue Zeitalter") und verwandter Feinsinn ("Esotera") befassen. Ein einschlägiges Projekt des Axel Springer Verlags, Arbeitstitel "Astro-Bild", gedieh bisher nicht zur Marktreife.
Da packte der große Zögerer Hubert Burda zu. Er hatte, schon in frühen Jahren verunsichert durch ein schnell gescheitertes Männermagazin namens "M", bei der Gründungswelle deutscher Presseverlage in Frankreich, Spanien und England den Anschluß verpaßt und auch sonst lange Zeit wenig Neues riskiert.
Bei einem Fest zum Start der deutschen "Elle" erfuhr er von seinem Hausastrologen Noe, der seit sechs Jahren das Horoskop der "Bunten" liefert, von dessen Magazinplänen, auf die auch Springers "Astro"-Projekt zurückging. Schnell entschlossen vergab Burda den "Jupiter"-Auftrag an den Widder der ersten Dekade, zu dessen vielen Klienten Prominente wie Marlene Dietrich, 87, gehören. Noe, einst Rechtsreferendar am Landgericht München I und "durch eine schwere Krankheit mit der Astrologie in Berührung gekommen", wie er sagt, plante schnell - die Sterne standen günstig.
Auch Hubert Burda, Wassermann der zweiten Dekade, bekam in "Jupiter" zur Jahreswende eine schöne Prognose für sein Sternzeichen zu lesen: "Steigen Sie zu, sonst fallen Ihre Aktien."

DER SPIEGEL 52/1988
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