31.10.1988

Liebe muß nicht sein

Lange Zeit überlagerte das „schlechte Gewissen“ sexuelle Frauenphantasien *
Die eine liebäugelt mit der Stiefelnummer, eine andere mehr mit Gruppensex. Die eine wird scharf bei Straps und Leder, die andere bevorzugt stramme Herrenschenkel in Boxershorts. Die eine möchte im Schlafgemach sanft in orgiastischen Sphären schweben, die andere treibt's gern nachmittags und am liebsten heftig, wenn im Video ein Hardcore-Star vormacht, was alles so geht.
Mit derlei Ergebnissen von Frauenbefragungen belegen Boulevard- und Lifestyle-Zeitungen stets aufs neue die Erkenntnisse der Sexualpsychologie: Frauen sind in dem, was sie sexuell antörnt, den Männern ähnlicher, als diese bisweilen wahrhaben wollen.
Schon 1970 widerlegten die Hamburger Sexualforscher Volkmar Sigusch und Gunter Schmidt die damals 17 Jahre alte Beobachtung des amerikanischen Sex-Papstes Alfred C. Kinsey, daß "86 Prozent der Frauen, die obszöne Geschichten gehört hatten, dadurch niemals in erotische Erregung versetzt wurden". Sigusch und Schmidt fanden dagegen bei Experimenten mit knapp 600 Männern und Frauen heraus, daß sich alle nach Pornos übereinstimmend "erregter, innerlich unruhiger, aggressiver, weniger interessiert, emotionaler, wilder, getriebener, aufgekratzter, schockierter, kribbeliger, abgestoßener, benommener und enthemmter" fühlten als vorher.
Auch körperliche Reaktionen gaben beide Geschlechter zu Protokoll: Männer verspürten Erektionen, Frauen registrierten eine feuchte Vagina oder "Sensationen im Genitalbereich". "Masturbatorische Aktivitäten" gaben 18 Prozent der weiblichen und 17 bis 21 Prozent der männlichen Probanden an.
Daß die meisten sich zugleich animiert und abgestoßen fühlten, erklärten die Forscher mit "Schuldgefühlen und Sexualängsten, die Abwehrreaktionen auslösen". Je strenger jemand sich einem gesellschaftlichen Moralkodex verpflichtet fühlt, desto ablehnender reagieren er oder sie auf Pornographie.
Jüngere Untersuchungen bestätigen tendenziell die Ergebnisse von Sigusch und Schmidt. An der Universität im US-Staat Georgia wurden Studentinnen 1977 erst mit zwei Texten von sogenannter realistischer Erotik konfrontiert und dann mit "härterer" Pornographie. Nach vaginalen Messungen und nach persönlichen Schilderungen riefen beide Geschichten sexuelle Erregung hervor, die Hardcore-Stories aber eine "signifikant heftigere" Stimulation.
Von welcher Art pornographischer Darstellung hingegen Männer und Frauen im einzelnen sexuell erregt werden, ist nach wie vor sehr unterschiedlich. Bei Gewaltszenen scheiden sich die Geschlechter. Amerikanische Sexualforscher fanden heraus, daß Männer durch Vergewaltigungsdarstellungen besonders angetörnt werden, wenn das weibliche Opfer beim Orgasmus auch Schmerz erfährt. Frauen fühlten sich bei solchen Szenen, wenn überhaupt, nur dann animiert, wenn ihre Geschlechtsgenossin im Film zum Höhepunkt kam, ohne zu leiden.
Weibliche Zuschauer erkennen in Vergewaltigungsbildern zwar oft eigene Phantasien wieder - eine Tatsache, die bei Männern immer wieder zu dem Mißverständnis führt, Frauen wollten auch in Wirklichkeit mit Gewalt bezwungen werden.
Doch die erotische Faszination hält nur so lange an, wie die Frau die Kontrolle über den Ablauf des Geschehens behält. Die Berliner Psychologinnen Constanze Lawrenz und Patricia Orzegowski schreiben in einer kürzlich erschienenen Dokumentation: "Sie phantasiert. Sie hat die Möglichkeit, über sich in dieser Situation zu entscheiden. Wirklicher Zwang oder Erpressung könnten niemals Lust auslösen."
Weder wünscht die phantasierende Frau sich den brutalen Willensbrecher also ins Haus, noch mag sie ihre Identifikationsfigur im Film an eigener Stelle leiden sehen. Er darf sie überwältigen, soll es zuweilen sogar, aber eben nur, wenn sie es will. Beide, Männer wie Frauen, so ein Forschungsbericht der Rutgers University in New Jersey, fanden Sexgeschichten weitaus erregender, wenn ihr jeweiliger Geschlechtsvertreter darin die dominante Rolle spielte.
Unverändert hält sich vielerorts die Vorstellung, Frauen erwarteten eine blumig-romantische Rahmenhandlung, wenn zwei miteinander ins Bett gehen. Sexualpsychologen vom Florida Institute of Technology testeten die Wirkung von rein erotischer Lektüre wie von romantisch verschnörkelten Stories: Es war viel eher der pure Sex als die Kuschelszenerie, der Frauen "zu erotischer Erregung verlocken" konnte. Und Liebe muß auch nicht unbedingt sein - selbst darin, so die Forscher, seien Männer und Frauen "eher ähnlich als unterschiedlich".

DER SPIEGEL 44/1988
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DER SPIEGEL 44/1988
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