06.06.2015

BildungDie Abi-Lotterie

Welche Gesamtnote ein Abiturient erwarten kann, hängt auch vom Bundesland ab, in dem er die Hochschulreife erwirbt. Eine Datenanalyse offenbart große Unterschiede.
Sie heißen Vera oder Desi, Iglu oder Pisa, und sie vermessen seit Jahren den deutschen Schüler. Genauer: dessen Leistungen in der dritten, vierten, achten oder neunten Klasse. So fantasievoll die Kürzel, so umfänglich die Tests.
Einen Bereich nehmen die Schulforscher allerdings aus, dummerweise einen entscheidenden. Anders als Vera oder Desi kennt diese Abkürzung jeder: Abi. Jene Prüfung, die über das weitere Leben entscheidet. Wer sie besteht, darf studieren, und wer ein sehr gutes Abitur macht, hat die Auswahl. Denn fast die Hälfte der Studiengänge ist mittlerweile mit einem Numerus clausus belegt. Da kommt es nicht nur darauf an, ob man das Abitur schafft, sondern auch, mit welcher Note.
Doch damit beginnen die Fragen. Sind die Anforderungen in den 16 Bundesländern gleich? Wo haben es Abiturienten leichter, wo schwerer? Gibt es in Bayern so viele Einserzeugnisse wie in Bremen?
Um Antworten zu finden, hat der SPIEGEL viele Zahlen ausgewertet. Sie stammen aus den Kultusministerien der Länder und vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, sie zeigen unter anderem die Entwicklung der Abiturgesamtnoten an Gymnasien, Gesamtschulen und beruflichen Schulen von 2006 bis 2013 und in allen 16 Bundesländern.
Die Analyse offenbart: Die Unterschiede zwischen manchen Bundesländern sind groß. Es scheint nicht eine Abschlussprüfung zu geben, sondern 16 verschiedene Prüfungen.
Ein Beispiel: die Einserabiture. 2013 schlossen in Thüringen 38 Prozent aller Prüflinge mit einer Eins vor dem Komma ab. Im angrenzenden Niedersachsen gelang es nicht mal halb so vielen Schülern: 16 Prozent.
Ein weiteres Beispiel: die Durchfallquoten. In Rheinland-Pfalz scheiterten nur 1,3 Prozent der Kandidaten, in Mecklenburg-Vorpommern fünfmal so viele.
Die unterschiedlichen Noten lassen sich nicht einfach damit erklären, dass in manchen Bundesländern mehr Jugendliche eines Jahrgangs Abitur machen als in anderen. So schaffen in den Stadtstaaten besonders viele die allgemeine Hochschulreife, dennoch lagen die Noten hier nicht unter dem bundesweiten Durchschnitt. Das ist überraschend, denn in Schultests für Neuntklässler schneiden diese Länder schlechter ab als der Bundesdurchschnitt. Das gilt auch, wenn man nur Gymnasiasten miteinander vergleicht.
Die Schüler in Niedersachsen dürften sich beim Blick auf die Auswertung ebenfalls wundern. In Leistungsvergleichen schneiden sie oft unterdurchschnittlich ab, wenn auch nicht als Schlusslicht. Die Abi-Zensuren aber sind schlechter als im Rest der Republik, und das mit Abstand.
Eine andere Erkenntnis der Abi-Auswertung: Fast überall in Deutschland haben sich die Noten in den vergangenen Jahren verbessert. In Berlin lag der Anteil der Einserabiture 2013 sogar fast doppelt so hoch wie sieben Jahre zuvor. In Baden-Württemberg dagegen verschlechterte sich der Notendurchschnitt leicht von 2,38 auf 2,46, und auch der Anteil der Einserabiturienten sank entgegen dem Deutschlandtrend.
Im Stuttgarter Kultusministerium verweist man darauf, dass die Ergebnisse der verschiedenen Jahre und die Notenmittel der Bundesländer nicht weit auseinanderlägen. Ähnlich erkennt die Berliner Senatsverwaltung "keine dramatische Veränderung". Thüringen freut sich über die guten Abiturergebnisse der eigenen Schüler. Aber auch das Kultusministerium in Niedersachsen, wo die Schüler im Jahr 2013 fast eine halbe Note schlechter abschnitten als in Thüringen, ist laut einer Sprecherin "durchaus zufrieden" mit den Resultaten.
Eine halbe Note Unterschied mag nach einer geringen Differenz klingen. Die Zulassung zum Studium ist aber oft davon abhängig, welche Ziffer hinter dem Komma steht. Mehr als die Hälfte der Bachelorstudiengänge ist mit einem Numerus clausus belegt. In den begehrten Fächern und an den begehrten Hochschulen bestimmt die Nachkommastelle darüber, ob es mit dem Wunschstudienplatz klappt oder nicht.
"Wenn die Schulnoten das alleinige Kriterium bei der Vergabe sind, kann dies dazu führen, dass die Schüler aus einem Bundesland bessere Karten haben als die aus einem anderen", sagt der Bildungsforscher Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrats und über viele Jahre Pisa-Koordinator in Deutschland (siehe Seite 54).
Vor vier Jahren hat der Aktionsrat Bildung ein "Gemeinsames Kernabitur" in allen Bundesländern vorgeschlagen. Dem Rat gehören zehn Wissenschaftler an, damals zählte Prenzel dazu. Die Experten hielten in einem Gutachten fest: "Die fehlende nationale Vergleichbarkeit der Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe der Abiturleistungen" sei mit Blick auf den Hochschulzugang ungerecht. Sie empfahlen einen deutschlandweit identischen Prüfungsteil: An einem Tag im Frühjahr sollten in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch bundesweit dieselben schriftlichen Aufgaben gestellt und anschließend zentral korrigiert werden.
Doch die Kultusminister vereinbarten lediglich einen gemeinsamen Pool von Abituraufgaben in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch. Die Länder können den Pool nutzen, müssen es aber nicht. Außerdem ließen die Minister "Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife" für diese Fächer erarbeiten. Eine Überprüfung, ob die Schüler die neuen Anforderungen erreichen, ist bislang nicht geplant.
Selbst Lehrern und Schulleitern fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Die Bundesdirektorenkonferenz der Gymnasien, der mehr als 2000 Leiter von Gymnasien angehören, befragte im vorigen Jahr ihre Mitglieder. Sie erkannten ein "Regelchaos".
So ist nicht einheitlich festgelegt, in wie vielen Fächern Schüler eine schriftliche Prüfung ablegen müssen; mal verfassen die Lehrer die Abituraufgaben, mal Experten des Ministeriums; mal sind Mathematik und Deutsch Pflicht, mal nicht.
Dass die Abiturzeugnisse in Deutschland vergleichbar sind, glaubt nicht einmal die Kultusministerkonferenz. "Einen Bundesdurchschnitt zu den Abiturnoten bilden wir grundsätzlich nicht, da die Abiturprüfungen in den Ländern recht unterschiedlich sind", sagt ein Sprecher.
Wie wenig die Kultusminister ihren Abiturnoten trauen, offenbart auch die Vergabe der begehrten Medizinstudienplätze ( SPIEGEL 19/2015). Bei jenen Studenten, die allein aufgrund von Spitzennoten ausgewählt werden, vergleicht die Stiftung für Hochschulzulassung Bewerber aus verschiedenen Landesteilen nicht direkt miteinander, sondern bildet Ranglisten für jedes Bundesland. Begründung der von den Bundesländern beauftragten Vergabestelle: "Bei einer bundeseinheitlichen Notenrangliste würden die unterschiedlichen Schulsysteme zu einer Verzerrung der Konkurrenz führen."
Schön, dass für die Bewerber auf diese Studienplätze mehr Gerechtigkeit geschaffen wird: für rund 20 Prozent der Medizinstudienplätze, also knapp 2000 Erstsemester. Für die anderen Hunderttausenden Abiturienten aber, die sich auf einen zulassungsbeschränkten Studiengang bewerben, gilt: Sag mir, woher du kommst, und ich sag dir, wie groß deine Chancen auf einen Studienplatz sind.
Von Susmita Arp und Jan Friedmann

DER SPIEGEL 24/2015
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