06.06.2015

OrtsterminAm Ball bleiben

Beim großen Bismarck-Denkmal in Hamburg übt Michael Stenger fürs Leben.
Jeden Morgen um neun Uhr, wenn die Obdachlosen unter den Büschen sich noch einmal umdrehen und den Schlafsack über ihren Kater ziehen, wenn die Arbeitsmenschen auf ihren Rennrädern vorbeirollen und die Anwohner mit ihren Hunden vor die Tür gehen, dann hören sie alle dasselbe Geräusch im Park unter dem großen Bismarck-Denkmal, keine 900 Meter vom Hamburger Millerntor entfernt: ein metallisches Scheppern, etwas, das gegen einen Zaun schlägt, regelmäßig wie das Ticken einer Uhr.
Es ist ein Ball, den sie da hören, der Ball, der Michael Stenger das Leben rettet, die Pille, die ihn wieder zum Menschen macht. Sie knallt gegen den Käfig eines Fußballplatzes, rundes blassrosa Leder. Seit zehn Jahren steht Stenger hier und tritt einen Ball. Bei Sonne, bei Regen, bei Sturm. Wäre das Google-Earth-Bild von dem Platz zwischen neun und zehn Uhr am Morgen entstanden, Stenger wäre drauf, am Ball, auf jeden Fall.
Michael Stenger ist 50 Jahre alt, er war obdach- und arbeitslos, fast sein ganzes Leben lang, dabei ein stabiler Mann; dichte dunkle Haare, Pottschnitt, blauer Stutzen links, roter Stutzen rechts. Über seinen runden Schultern klebt ein Muskelshirt, das wohl mal neongrün war, an den Beinen sitzen Shorts, die wohl mal leuchtend blau waren, aber für den Fotografen, der zwei Tage später kommt, zieht er sein schönstes Trikot an, sauber und gelb. "Alles vom Flohmarkt", sagt Stenger, und seine schmalen braunen Augen werden noch schmaler, wenn er lacht, freundliche Schlitze.
Er tut das gern und viel, lachen, was erstaunlich ist, denn das Leben hatte eigentlich nicht viel übrig für Michael Stenger. Bis er den Fußball fand oder der Fußball ihn. Er sitzt nun neben seinem tütenbehangenen Fahrrad auf dem körnigen Platz. Er will erzählen, wie er, Stenger, der Obdachlose, Alkoholabhängige, Drogenabhängige, Stenger der Sportler wurde; vielleicht der disziplinierteste Fußballspieler im Land.
Er kommt aus Düsseldorf, seine Eltern stritten viel, und als sie sich trennten, war er noch klein. Die Mutter, eine Sekretärin, arbeitete den ganzen Tag lang, und an den Wochenenden hatte sie "Männerfreunde" da, erzählt Stenger. "McDonald's und Mikrowelle", so fasst er seine Kindheit zusammen. "Meistens war ich allein", sagt er.
Die glücklicheren Tage waren die, an denen er mit seinem Vater ins Rheinstadion konnte. Der Vater jobbte als Ordner, kontrollierte Karten, wies Plätze zu, und der kleine Michael durfte manchmal mit, große Spiele gucken. Beim ersten Mal war er sieben Jahre alt. Als er größer wurde, arbeitete er selbst mal im Stadion, für 20 Mark am Tag, und dazu gab es gratis Fortuna. "Hab sie alle noch gesehen, die großen Bundesligahelden", sagt Stenger. Ewald Lienen, fast hätte er ihn berühren können.
Es ist zehn Uhr, um zehn Uhr muss Stenger los, sich umziehen und dann zur Essensstelle, bevor die Plätze weg sind. Er steckt seinen Ball ein. An diesem Montag isst er im Haus Bethlehem auf St. Pauli, die Tische sind voll besetzt mit Männern in dunklen Jacken und mit verwitterten Gesichtern. "Michael, zweimal Salami?", fragt eine Nonne. Stenger steckt sich die Brötchen in eine Plastiktüte. "Für später. Abendbrot", sagt er.
Es gibt Eintopf und Kuchen. Stenger zieht eine Tupperdose mit blauem Deckel aus einer anderen Tüte, darin rollen ein paar Tomaten, eine Knoblauchzehe und zwei Chilis. "Vitamine", sagt er, "wichtig als Sportler." Er kaut zum Eintopf den Knoblauch wie Stücke von Brot.
Nach der Hauptschule machte er eine Ausbildung bei Daimler-Benz als Teilezurichter. Er schlief damals schon bei Kumpels, in leer stehenden Häusern und versemmelte die Prüfung. Dann jobbte er bei McDonald's, doch nach drei Monaten flog er raus. Er versuchte es als Küchenhilfe im Rheinturm-Restaurant, doch am dritten Arbeitstag ging er lieber zum Karneval. Er wurde eingezogen zum Bund und kam in eine Kaserne in Hannover. Dort lernte er, wie man Menschen dekontaminiert, wie man mit Gasmaske und Schutzanzug durch den Wald zieht. Er lernte auch, sich anständig zu besaufen.
Als die Bundeswehrzeit vorbei war, eierte er durch das Leben, von Job zu Job, von Schlafplatz zu Schlafplatz. Er war viel betrunken, er nahm Pilze, LSD, "alles, außer Pulver", sagt er. Irgendwann fuhr er mit dem Fahrrad vor eine Straßenbahn, Bremse gerissen, er fiel für einen Monat ins Koma. Als er entlassen wurde, beschloss er, ein gesünderer Mensch zu werden. "Ich war fertig", sagt er.
Er besorgte sich einen Ball. Er spielte jetzt jeden Tag, mindestens eine Stunde lang, keine Ausnahmen. Das Spiel gab ihm Struktur. Das Spiel war das Einzige, was feststand in seinem Leben. Er wechselte seine Jobs wie seine Schlafplätze. Er versuchte es in Hannover, in Valencia, auf Mallorca und auf Sylt, und immer wieder saß er auf der Straße. Seine Endstation war Hamburg. Er fand weder Job noch Wohnung. Ihm fiel nichts mehr ein. Es war der Punkt, an dem er sich mit einer Flasche hätte hinsetzen und trinken können, bis zum Ende. Stattdessen suchte er sich einen neuen Platz zum Kicken. Und die Bahnhofsmission vermittelte ihm ein Zimmer im Seemannsheim.
Sein Fußballspiel ist keine Kunst, er schießt einfach gegen den Zaun, immer und immer wieder, er könnte keine Halbzeit in einer Mannschaft überstehen, sein linkes Bein ist steif seit dem Unfall. Stengers Kunst ist es, durch den Fußball zu überleben. Er hat eine Aufgabe gefunden. "Wenn ich das nicht machen würde, würd ja alles zusammenbrechen", sagt er.
Anfang des Jahres hat Stenger zum ersten Mal nach fast 20 Jahren eine eigene Wohnung gefunden, über Beziehungen. "Weil ich immer in Bewegung geblieben bin", sagt Stenger. Ein Zimmer, Küche, Bad, mitten auf dem Kiez. Er hat jetzt auch eine Freundin. Immer sonntags um sieben Uhr früh gehen sie auf den Hamburger Fischmarkt, zum Tanzen.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 24/2015
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