28.10.1985

Ans Bett

Seit dem 1. Oktober beschließt die ARD ihr Programm mit „Nachtgedanken“, die durchaus nicht immer zum Einschlafen sind. *
Manchmal hat er ein rosa Hemd an, meistens ein hellblaues. Und immer diese dunkelblaue Hausjacke aus Strickstoff. Jeden Abend das gleiche: Da sitzt er, vor grüner Wand, an einem schlichten Holztischchen, liest etwas vor und ist nett.
Wer? Das wird nicht verraten, weder vor noch nach der Sendung. Alle Beteiligten dürfen davon ausgehen, daß der ältere Herr, der seit fast einem Monat im Ersten Deutschen Fernsehen tagtäglich das letzte Wort hat, nicht mehr vorgestellt werden muß.
Kulenkampff heißt er, Hans-Joachim, ist Schauspieler - da gibt es bessere - und TV-Entertainer - da gibt es, zumindest bei uns und in seiner Spielklasse, kaum einen besseren. Und jetzt kommt er uns, ganz anonym, als "Sandmann", wie der Südwestfunk mitteilt.
Gemeinhin hat so ein Märchenzwerg die Aufgabe, einzulullen, die Augen zu verkleistern. Wer sie aber bis zum Sendeschluß, oft lange nach Mitternacht, noch offenhalten kann, bekommt kein "Betthupferl" (noch mal die geschwätzige TV-Pressestelle), sondern durchaus Stoff für Kopfarbeit - eben "Nachtgedanken".
Denn wer da zur Nacht denkt, ist - zum Glück? - nicht Kulenkampff, der rotweinselige Charmeur. Vielmehr gibt es häppchenweise Seneca und Knigge, Schopenhauer und Kafka, Tschuang-Tse und Wilhelm Busch, Nietzsche und Tucholsky: Meist sind es Lesebuch-Weisheiten, die SWF-Redakteur Kurt Rittig da aus 4000 Jahren Literaturgeschichte zusammengesucht hat.
Aber die müssen ja nicht immer so banal und tutig sein wie Hermann Hesses Mahnung, daß "jede Bemühung um Besitz und Macht uns Kräfte raubt und ärmer macht". Ein paar Gedanken über die Frage, wie die Welt aussähe, "Wenn die Haifische Menschen wären", lohnen auch, wenn man sich über diese "Keuner-Geschichte" von Bertolt Brecht schon einen Primaner-Aufsatz abquälen mußte.
Kulenkampff jedenfalls stört dabei nicht. Ganz selbstlos stellt er sich in den Dienst seiner Fünf-Minuten-Lektüre; bescheiden, uneitel und ohne Mätzchen liest er vor und rezitiert nicht etwa. Natürlich ist das schlecht illustrierter Hörfunk. Aber soll man einen Einstein-Brief in Szene setzen?
Nur am Schluß, kurz bevor - und dann ist wirklich Sense - die Hymne losdonnert, ist der Mime Kulenkampff gefordert. Dann nimmt er seine Hornbrille von der Nase und wünscht uns eine "gute Nacht" - mal verschmitzt, mal ernst, mal kokett, mal traurig: 99 verschiedene Arten, sich mit den immer gleichen Worten zu verabschieden.
So viele Late-night-Lesungen wurden nämlich, bei der Münchner Bavaria, bereits produziert (jeweils zehn Folgen am Stück, zehn Tage lang), bis Silvester ist der tägliche Sendeplatz vor Deutschlandlied und weißem Rauschen fest gebucht. Seit dem 1. Oktober ist Hans-Joachim Kulenkampff der Fernsehmensch mit den meisten Auftritten, öfter zu sehen als jede Ansagerin und jeder Nachrichtensprecher. Und seit ihrer Tagung am vergangenen Donnerstag sind sich die Unterhaltungschefs der ARD-Anstalten einig: Auch im kommenden Jahr soll der Reader's Digest zur Geisterstunde fortgesetzt werden.
Nur ein Gesicht, das sich in dreißig Jahren TV-Präsenz noch nicht abgenutzt hat, kann solches Marathon bestehen. Kulenkampffs Textlieferant Rittig: "Ans Bett läßt man nur sympathische Menschen."
Die beteiligten Sender (neben dem SWF der Hessische, der Süddeutsche und der Norddeutsche Rundfunk) haben sogar noch über das Kalendersoll hinaus ein paar Folgen auf Reserve produziert. Nach einer Tagesschau mit Bildern vom Massensterben bei einer Naturkatastrophe soll nicht unbedingt Ringelnatz vorgetragen werden.
Ansonsten aber will sich Rittig mit seiner Auswahl jeder vordergründig politischen Botschaft enthalten. Dabei ergibt sich, sagt er, ein aktueller Bezug fast immer von selbst, "schließlich handelt es sich um Kunst".
Daß zum Beispiel, vergangene Woche, Francois Villons "Ballade vom angenehmen Leben auf dieser Welt" als Kommentar zur Arbeitslosen-Prognose der Wirtschaftsinstitute gehört werden konnte, ist Zufall, reiner Zufall.
Es war auch keine böse Absicht, daß im Anschluß an die Meldung über die westlichen Regierungschefs, die Ronald Reagan nach New York zitiert hat, ein Text von Jacques Prevert vorgelesen wurde. Es handelte sich um das "Lied von den Schnecken, die zum Begräbnis ziehen".
Was da, nach ein paar einschmeichelnden Chopin-Takten - natürlich ein Nocturne - als hehres Klassikergut erscheint (von den Autoren des ersten Vierteljahres leben nur noch zwei, Günter Graß und der Italiener Luigi Malerba), könnte also durchaus Anstoß erregen: wenn es nur eben zur Kenntnis genommen würde.
Die Einschaltquoten liegen bei einem bis höchstens vier Prozent - nicht gerade "Kuli"-Standard. Dennoch: In absoluten Zahlen sind das immerhin zwischen 500 000 und einer Million Zuschauer, die sich noch ihre "Nachtgedanken" machen wollen.
In öffentlicher Dichterlesung ließen sich damit allabendlich dreißig Fußballstadien füllen. Und das Schönste: Diese Serie ist, mit 500 Mark pro Minute inklusive Tantiemen und Kulenkampff-Honorar, kaum teurer als ein Pausenbild.

DER SPIEGEL 44/1985
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