10.03.1986

Aufwendig geschönt und verflacht

Tania Blixens „Out of Africa“ wurde mit Hollywood-Stars verfilmt Ihr „erstes“ Leben hat die dänische Baronin Tania Blixen (1885 bis 1962) als Plantagenherrin in Ostafrika geführt, ihr „zweites“, weltabgeschieden auf dem elterlichen Gut, als Verfasserin phantastischer Erzählungen, die ihr Weltruhm einbrachten. Aus Tania Blixens großem Afrika-Abenteuer haben der Regisseur Sydney Pollack und der Star Meryl Streep nun einen Film gemacht - mit Gefühl und viel Hollywood-Glamour. *
Im Hochland von Kenia besaß sie 6000 Morgen Land mit einer Kaffeeplantage, mit einem Farmhaus, mit Stallungen und Vieh. Auf dem Besitz lebte ein Stamm eingeborener Kikuju; hin und wieder zogen Massai vorbei, oder moslemische Somal.
Sie verfügte über Menschen wie über Tiere, fühlte aber zugleich Verantwortung für sie. Ihre Welt war festgefügt und hierarchisch unzweideutig - ihre großbürgerliche Herkunft ließ sie die kolonialen Machtstrukturen selbstverständlich annehmen.
Die Schriftstellerin, die ihr Leben in dieser Welt beschrieben hat, ist deutschen Lesern besser bekannt als Verfasserin hintergründig-romantischer Novellen ("Schicksalsanekdoten", "Sieben phantastische Geschichten"): Tania Blixen, 1885 in Dänemark geboren, 1913 nach Afrika ausgewandert, wo sie 18 Jahre lang die Farm betrieb, schließlich an den heimatlichen Öresund zurückgekehrt, wo sie ihre lange Schriftsteller-Laufbahn begann.
"Out of Africa" (1937) war Tania Blixens zweites Buch und galt trotz seiner paternalistischen Grundstimmung lang als Standardwerk für alle, die sich in den sechziger Jahren mit dem Aufbruch des Schwarzen Kontinents in die Unabhängigkeit beschäftigten. Denn obwohl die Autorin eine Welt beschrieb, die noch ganz von den britischen Kolonialherren geprägt war, gehörte sie zu den ersten Weißen, die Afrikas schwarze Bewohner nicht als zu zivilisierende Wilde betrachteten, sondern als Menschen, die im Einklang mit der Natur nach ihren eigenen Gesetzen lebten.
Seit dem Erscheinen von "Out of Africa" haben amerikanische Produzenten immer wieder versucht, aus dem poetisch-faszinierenden Stoff einen Film zu machen. Doch erst als vor vier Jahren eine ausführliche Biographie der Schriftstellerin erschien, die auch ihr privates Leben in Afrika in ein scharfes Licht rückte, ist das mehrfach gescheiterte Unternehmen gelungen: Da fand sich die "Schicksalsanekdote", die dem Plantagen- und Safaribericht seine dramatische Form gab.
Seit einem Vierteljahr läuft nun in den USA Sydney Pollacks Film "Jenseits von Afrika" mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen. Der Film ist ein großer Erfolg: Klaus Maria Brandauer erhielt für seine Darstellung des Ehemanns der abenteuerlustigen Dänin einen "Golden Globe", und für die Oscar-Verleihung Ende März wurde der Film elfmal nominiert. Auf der Berlinale hatte er seine deutsche Premiere; jetzt kommt er in der Bundesrepublik in die Kinos.
Preis des Erfolgs: Auf der Leinwand wird die Geschichte aufwendig geschönt und verflacht. "Out of Africa" ist als Film ein pompöses Mißverständnis. Pollack hat die Kaffeeplantage der Blixen naturgetreu nachbauen lassen, in ganz Kenia ließ er die Original-Möbel in einer mühsamen Antiquitätenjagd auftreiben. So kopierte er die historische Oberfläche und Politur, die afrikanische Wirklichkeit der Blixen verfehlte er für ein Spektakel aus heilen Kolonialtagen.
Aus den Jahren, in denen die Heldin unter ungeheurer Aufbietung psychischer Kräfte mit der Einsamkeit, mit dem fremden Kontinent, mit dem fremdgebliebenen Ehemann und dem fremdwerdenden Geliebten fertig werden
mußte, macht der Film eine melodramatische Dreiecksgeschichte, die schon daran scheitert, daß die wunderbar souveräne Meryl Streep das beruhigende Gefühl um sich verbreitet, einer solchen Frau könne niemand und nichts etwas anhaben.
Mit ihrem Mann, dem Baron Bror Blixen, mit dem sie aus Dänemark flieht, verbindet sie eine burschikose Kameraderie - was den Großwildjäger nicht hindert, ihr später eine Syphilis anzuhängen, von der sie sich ein Leben lang nicht erholte.
Auf der Kaffeeplantage ließ er sie monatelang allein zurück, egal ob es Aufstände und Unruhen gab oder ob sie nur mit ihrem Gesinde der langen Regenzeit ausgeliefert blieb. Der Film verschenkt das an eine malerische Melancholie. Meryl Streep als einsame Herrin ist äußerst dekorativ und schluckt stark und tapfer alles herunter.
In dieser Einsamkeit besucht sie Denys Finch Hatton - Aristokrat, Weltenbummler, Jäger und Sportflieger, Naturliebhaber und -schützer, Safari-Unternehmer. Der Individualist und Feingeist teilt mit der vereinsamten Baronin künftig seine Liebe zur Philosophie und zu Mozart (ohne Plattenspieler geht er kaum je auf Safari).
Doch die Idylle unter einem ewig blauen afrikanischen Himmel trübt sich gewaltig, als Karen erkennen muß, daß ihr Denys wirklich der bindungsscheue Loner ist, als der er auftritt. Ihrem Wunsch nach mehr (und institutionalisierter) Nähe entzieht er sich durch immer häufigere und längere Abwesenheiten.
Parallel zur wachsenden seelischen Not der Heldin nehmen ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu, und sie muß schließlich die Farm versteigern. Zum versprochenen Abschiedsgeleit nach Nairobi kann Denys Finch Hatton nicht mehr erscheinen: Er ist auf dem Weg zu ihr mit seinem Doppeldecker abgestürzt. Tania Blixen verläßt Afrika für immer.
Das alles wäre Stoff genug, um einen David Lean zu einer opulenten Leinwandoper im Stil von "Doktor Schiwago" oder der "Reise nach Indien" zu, inspirieren. Auch Erfolgsfilmer Sydney, Pollack ("Der elektrische Reiter", "Tootsie") weiß das Material gebührend auszuschlachten. Atemraubende Landschaftsaufnahmen, fliehende Tierherden und immer wieder pathetische Sonnenuntergänge bilden die Kulisse für kolonialen Pomp, für aufwendige Picknicks mit Damast und edlem Wein vor wilden Tieren und für die Love Story.
Gegen den Vorwurf, er habe seine Kritik am kolonialen System allzu verhalten vorgebracht, setzte Pollack sich in Berlin zur Wehr. Die Entwicklung der statusbewußten und arroganten jungen Europäerin, die bei ihrer Ankunft in Afrika dem schwarzen House-Boy weiße Handschuhe überstreift und von "meinen Kikuju" spricht, zur verantwortungsbewußten Farmerin, die eine Schule einrichtet und vor ihrer Abreise dafür sorgt, daß der Stamm ein anderes Stück Land bekommt, sieht der Regisseur als Lernprozeß - Tania begreife, was Denys Finch Hatton ihr schon früh gesagt habe: "Dieses Land gehört uns nicht, wir sind nur Durchreisende."
Sehenswert ist der Film durch die schauspielerischen Leistungen von Meryl
Streep und Klaus Maria Brandauer, auch durch den lakonischen - inzwischen ein wenig zerknittert wirkenden - Sex-Appeal von Robert Redford. Ihm ist zwar die Rolle des einsamen Jägers auf den immer noch sehnigen Leib geschrieben, den englischen Adelsmann dagegen nimmt man ihm nicht so recht ab.
Freilich: Wo Tania Blixens Afrika-Buch durch seine reiche Sprache differenzierte Bilder heraufbeschwört, bietet der Film nur optische Opulenz. Traditionell erzählt und untadelig photographiert, verführt er zum Konsum wie ein zu reichlich gedeckter Tisch (und wie dort merkt man zu spät, daß man sich überfressen hat).
Ob er aber der Schriftstellerin Tania Blixen neue Leser zuführen kann?
Der äußeren Welt, die sie schmerzhaft enttäuscht hatte, hat Tania Blixen in der zweiten Hälfte ihres Lebens eine ganz eigene innere Welt entgegengesetzt: die ihrer Erzählungen. Sie war 49, als 1934 ihr erstes Buch "Sieben phantastische Geschichten" erschien, nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf englisch und unter dem männlichen Pseudonym "Isaak Dinesen".
Ihre Erzählungen sind entschlossen altmodisch, kunstvoll kompliziert, mit oft ineinander verschachtelten Handlungssträngen. Ihre Schauplätze sind mit Vorliebe exotisch: die Vergangenheit, in der sie spielen, erscheint theatralisch: ihr Personal sind Pilger und Kardinäle. Gaukler und Primadonnen, Matrosen und Abenteurer, Dienstboten und exzentrische Aristokraten - eine Welt der Kulissen und Maskeraden, in der oft ein abenteuerlicher Zufall als sinnfälliges Schicksal waltet. Tania Blixens Werk ist eine späte Blüte der Romantik, E.T.A. Hoffmann gehört zu ihren Vorfahren und auch Edgar Alan Poe. Sie selber hat die Autoren Henry James, Aldous Huxley und Somerset Maugham als ihre Vorbilder genannt.
Immer wieder geht es in diesen Geschichten um Menschen, die ihrem Schicksal nicht entgehen können und einen einmal eingeschlagenen Weg zu Ende gehen müssen. Die "Schicksalsanekdoten", die 1960 auf deutsch herauskamen, machten das Grundmotiv zum Titel. Bis zum Erscheinen jenes Bandes war sie in der Bundesrepublik wenig gelesen worden - als einzige der skandinavischen Autoren von internationalem Rang war sie auf ihrem Weg in die Weltliteratur nicht auf deutsche Vermittlung angewiesen -, und eine Sache für Liebhaber des Köstlich-Exzentrischen ist sie hierzulande bis heute geblieben. Daran konnte auch Hemingways oft zitierter Ausspruch nichts ändern, daß Tania Blixen den Literatur-Nobelpreis eher verdient hätte als er selbst. Für die Frauenbewegung ist die kühl-konservative Aristokratin keine taugliche Heroine, für die Kultgemeinde des "Fantasy"-Genres ist ihre Erzählkunst zu unsentimental und streng.
Sie zog es vor, auf englisch zu schreiben, und ihre Geschichten dann ins Dänische zu übersetzen. Zum einen erwartete sie sich auf diese Weise ein zahlenmäßig größeres Publikum, zum anderen konnte sie annehmen, in angelsächsischen Ländern - in denen die Tradition der "Gothic tales" bis heute fortlebteinen geneigten Liebhaberkreis zu finden.
Eine einzige Szene in der Verfilmung ihres Afrika-Buches - mitreißend, obwohl im herkömmlichen Sinne unfilmisch - läßt ahnen, was Pollacks Film hätte werden können, nämlich ein kongenialer Tribut an ein großes Erzähltalent.
Auf einen beliebigen ersten Satz, der ihr von Redford zugeworfen wird, beginnt Meryl Streep vor dem Kamin eine Geschichte auszuspinnen, die Erzählerin, Zuhörer (und Zuschauer) weit fortträgt, ins innere Reich der Phantasie, wo sie nicht Opfer, sondern Herrin des Schicksals ist.
Immer hat Tania Blixen ihre Erzählungen lieber mündlich vorgetragen als aufgeschrieben.

DER SPIEGEL 11/1986
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