13.06.2015

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalVorwärts mit Sahra

Ein Freund hat mir einen Text von Sahra Wagenknecht geschickt, in dem sie zu erklären versucht, warum die DDR untergegangen ist. Er weiß, wie sehr ich mich für die Geschichte des Kommunismus und des Stalinismus interessiere. Der Aufsatz ist 1992 geschrieben, da war sie 22 Jahre alt, er läuft darauf hinaus, dass die DDR eine gute Chance gehabt hätte, den Westen in die Knie zu zwingen. Alles ging super, solange Walter Ulbricht das Sagen hatte. Dann kam Erich Honecker und versuchte es mit Reformen. Großer Fehler. Anstatt weiter dem Imperialismus die Stirn zu bieten, schwenkte der neue Mann an der Spitze auf Entspannungspolitik um. Am Ende war die DDR perdu.
"Marxismus und Opportunismus" ist der Text überschrieben. Opportunismus ist mit Wagenknecht nicht zu haben, das ist schon mal klar. "Ist diese Bahn der Zugeständnisse erst betreten, bleiben zwangsläufig immer mehr Positionen auf der Strecke; am Ende steht die Kapitulation", heißt es in dem Aufsatz, der neben Ulbricht auch die Mauer und die Verdienste des großen Josef Wissarionowitsch Stalin würdigt.
Mir imponiert das. Ich sage das nicht leichtfertig, schließlich träfe es Leute wie mich, wenn Wagenknecht mit ihren Anhängern die Macht erobern würde. Auf Reaktionäre wartet in dieser Welt das Umerziehungslager. Weil ich immer mit dem Schlimmsten rechne, habe ich bei Gregor Gysi vor Jahren die Bitte hinterlassen, dass er ein gutes Wort für mich einlegen möge, sollten die Proskriptionslisten wieder aufgelegt werden. Er hat das mit einem Lächeln quittiert. Er wusste sofort, wovon ich redete. Jetzt hat Gysi angekündigt, er werde den Platz an der Fraktionsspitze räumen. Damit ist diese Rückversicherung leider hinfällig. Trotzdem bin ich für Wagenknecht.
Erstens gibt es genügend Sozialdemokraten im Bundestag. Beim letzten Mal als ich nachgezählt habe, waren es schon über 500; da braucht es nicht noch eine vierte Partei, die das Gleiche findet, was alle finden. Zweitens mag ich es, wenn Politiker sich nicht verbiegen. Unter Wagenknechts Vorgängern hat es die Linkspartei honeckermäßig mit Anbiederei versucht. Viermal hat sie sich umbenannt, damit die Leute denken, sie wäre anders geworden. Erst nannte sie sich SED-PDS, dann PDS, dann Die Linkspartei.PDS, dann nur noch Die Linke. Dabei ist sie immer noch die alte SED. Die meisten Mitglieder werden ganz fuchsig, wenn man sie darauf hinweist, dass ihre Partei juristisch nie den Bruch mit der Vergangenheit vollzogen hat. Einer wie Wagenknecht ist das egal.
Der Nachteil der Ulbricht-Strategie liegt darin, dass die Linkspartei nie in die Bundesregierung kommen wird, jedenfalls nicht unter demokratischen Bedingungen. Wer jede Koalition mit der Sozialdemokratie als Verrat betrachtet, dem bleibt nur die Hoffnung auf Moskau – oder der Putsch. Für Deutschland heißt das nach Lage der Dinge: noch mindestens acht Jahre Merkel. Aber wer bin ich, das zu beklagen?
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 25/2015
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